Das Gebot
Philipp Priska
Philipp Priska
Siehe, es war ein rückständiges Volk, ewig murrend, wehleidig und gierig. Dabei auch oft engstirnig, mitunter sogar gewalttätig, und ungerecht. Und immer häufiger misstrauisch gegenüber seiner Führerschaft.
Er hatte sich abgesondert, wie er es in letzter Zeit häufig tat, und blickte von seinem staubigen Hügel auf die wimmelnden Scharen hinunter. Viele tausend Männer, Frauen und Kinder lagerten in der Ebene unter ihm, vom verfallenen Sportstadion bis zu den Skeletttürmen der alten Stahlfabrik am Horizont. Er liebte sie und fürchtete sie zugleich und war der Geplagteste aller Menschen.
Josh hatte sich um ihn gesorgt und kam herbeigestapft, sein Sturmgewehr auf dem Rücken. Er nahm den Infanteriehelm ab, wischte sich die Stirn und fragte: „Hey, Moe, alles klar?“
Moe antwortete nicht. Er blickte beiseite und schnaubte.
Er hatte sein Volk nach dem großen Krieg aus der Knechtschaft geführt, hinfort aus dem Reich des Diktators, wo sie unter strenger Hand Fronarbeit geleistet hatten, und wie dankten sie es ihm?
„Fürwahr, es ist ein halsstarriges Volk!“, platzte es aus Moe heraus. „Die Menschen benehmen sich, als gäbe es die Gebote des CEO nicht, als sei ihnen alles erlaubt!“
„Also, ehrlich gesagt…“ Josh verzog das Gesicht. „So ganz kapiere ich es auch nicht. Sind wir nun frei und es ist alles erlaubt oder sind wir’s nicht und es gibt immer noch Verbote?“
„Es gibt Gesetze!“ Moe schrie es fast. „Die Gebote des CEO! Seit Jahr und Tag rede ich von nichts anderem!“
„Ja, du redest davon, Moe“, sagte Josh. „Aber sonst niemand. Viele da unten haben gar keine Vorstellung vom CEO und auch keine Ahnung, was er von ihnen will.“
Da sank Moe in sich zusammen. Einmal schnaubte er noch, dann schwieg er. Er war der Geplagteste aller Menschen.
Josh blickte über ihn hinweg auf die andere Seite des Hügels. Er ließ seine Augen über die Wüstenlandschaft wandern und über die Ruinen, die er erst jetzt wahrnahm und die sich bis zum ausgetrockneten Flussbett in der Ferne hinzogen. Es waren alte Fabrikgebäude, mit zerbrochenen Fenstern und eingefallenen Dächern.
„Sind das dort Öltanks?“, fragte er und zeigte mit dem Finger.
Moe blickte über die Schulter, kniff die Augen zusammen und nickte. „Ich glaub‘ schon. Warum?“
Josh zog seinen Patronengurt zurecht und grinste: „Ich glaube, es wird Zeit, dass der gute CEO dem Volk endlich einmal zeigt, wo‘s langgeht!“
* * * *
Kurz nach Sonnenuntergang erschütterte die Explosion alles in der Umgebung. Wie abgesprochen war Moe zu seinem Volk zurückgekehrt und hatte sich am Rand der lagernden Menschenmassen aufgestellt. Nun warf er die Arme in die Luft, während ein vielstimmiges Geschrei ertönte und Männer, Frauen und Kinder voll Schreck zum Hügel blickten, hinter dem eine Stichflamme in die Höhe schoss. Man hörte lautes Knallen gefolgt von dumpfem Rumoren, und schließlich stieg eine riesige schwarze Rauchwolke zum Abendhimmel empor.
„Oh seht, ihr Kinder, seht!“ rief Moe und bemühte sich den Lärm zu übertönen. „Der CEO ist vom Himmel herabgestiegen und nimmt Wohnung in unserer Nähe, wie es irgendwo geschrieben steht! Seht hin und erkennt seine Macht!“
Wieder ertönten Schreie aus vielen Kehlen, dann wurde es bis auf das Rumoren der fernen Flammen fast völlig still. Moe blickte über die Schulter nach hinten und sah, dass sich fast alle vor Entsetzen zu Boden geworfen hatten, die Stirnen im Sand, die Hände flehentlich erhoben. Er konnte sich eines Lächelns unter seinem struppigen Bart nicht erwehren.
„Fürchtet den CEO!“, rief er noch einmal mit Donnerstimme.
Dann setzte er seinen langen Besenstiel vor sich auf den Boden und machte einen theatralischen Schritt vorwärts. Und er ging los, auf den Hügel zu, den er entschlossen hinaufstieg, dem lodernden Feuer und der Rauchsäule hinter dem Hügelkamm entgegen.
Als er ganz oben war, sah er sich noch einmal nach seinem Volk um und wies mit ausgestrecktem Arm in Richtung Feuer und Rauch. Er rief etwas, was in der Ebene aber niemand verstehen konnte, und verschwand dann über den Hügelkamm.
Das Volk sah seinem Propheten nach und brach in Jubel aus.
Leider hörte Moe das nicht mehr, denn die brennenden Öltanks verursachten einen Höllenlärm. Als er den Abhang zur Fabrikruine hinunterstieg, kam ihm Josh entgegen, ein breites Grinsen in seinem rußgeschwärzten Gesicht. „Nicht schlecht, was?“, fragte er. „Das hätte der CEO auch nicht besser hingekriegt. Da sind sogar unterirdische Rohre und Gasfelder. Ich schätze, das brennt eine Weile.“
„Sei gesegnet“, sagte Moe, blieb aber nicht stehen, sondern ging an Josh vorbei auf eines der verfallenen Gebäude zu, die etwas abseits vom Brandherd lagen.
„Was hast du denn vor?“, fragte Josh und eilte ihm nach. „Kommst du nicht mit und erzählst ihnen was von Zorn und Schwefel und ewiger Strafe?“
„Das hat Zeit“, antwortete Moe ohne stehenzubleiben. „Nicht ich werde sprechen, sondern der CEO. Er wird dem Volk seine Gebote darlegen, dafür werde ich sorgen!“
Josh blickte zu der Fabrikruine und wieder zu Moe. „Was denn für Gebote?“
„Die er mir nun geben wird.“ Moe blieb nun doch stehen, wandte sich um und legte Josh die Hand auf die Schulter. „Kehre zurück, mein Getreuer, und wache über die Wankelmütigen, bis ich zurückkomme. Das kann ein paar Tage dauern. Sie sollen sich zusammenreißen und keinem anderen Vorsitzenden huldigen, versprich mir das.“
Josh zögerte einen Augenblick. „Ja, gut, ich…“ Er runzelte die Stirn. „Kommst du denn auch wirklich allein zurecht?“
„Du kannst mir ja zwischendurch etwas zu essen bringen“, schlug Moe vor. „Sag einfach, dass ich mit dem CEO um das Heil des Volkes ringe und der Stärkung bedarf.“
„In Ordnung.“ Josh nickte. „Das macht deine Rückkehr vielleicht sogar noch dramatischer.“
„Amen.“
Damit ließ Moe seinen bewaffneten Freund stehen und betrat die Ruine.
* * * *
Viele Tage wartete das Volk auf Moes Rückkehr, und wann immer man zum Hügel blickte, sah man dahinter loderndes Feuer und schwarze Rauchschwaden. Ein paar Neugierige wollten auf den Hügel steigen, aber Josh hatte seine Miliz strategisch postiert und niemand kam durch.
Zunächst herrschte noch Ruhe im Lager, doch schon bald machte sich Ungeduld breit. Hier und dort wandten sich anfangs besorgte, dann auch zornige Älteste an ihre Gefolgsleute und stellten Moes Mission, ja bald auch die Macht des CEO in Frage. Wenn Moe nun tot war? Wenn dort im Feuer nicht der CEO, sondern ganz andere Vorsitzende wohnten? Wer würde sie alle vor ihnen schützen, wenn Moe ihnen nichts als Märchen erzählt hatte?
Die Stimmung drohte zu kippen, und als Josh eines Nachts über den Hügel rannte, um Moe über die Launen der Widerspenstigen zu unterrichten, kam ihm dieser bereits aus dem verfallenen Fabrikgebäude entgegen. Er trug eine Metallplatte unter dem Arm, die in ein Tuch eingeschlagen war.
„Es ist vollbracht!“, dröhnte Moe, bevor Josh noch etwas sagen konnte. „Siehe, der CEO…“
„Später, Moe!“, keuchte Josh und zog ihn am Arm. „Du musst schnell kommen! Im Volk geht irgendetwas vor!“
Sie kehrten beide schnellen Schrittes zum Lager zurück und sahen es tatsächlich schon von Weitem – auf ein Podest aus alten Traktorreifen hatten sich vier Abtrünnige geschwungen, ein aufgeregter Mann und drei wütende Frauen, und reckten gemeinsam ein mannsgroßes Bild in die Höhe, dem die Menge zujubelte. Das Volk drängte sich in unüberschaubaren Massen herbei und schrie und schwang die Fäuste, obwohl jene, die weiter hinten standen, das Bild kaum sehen konnten.
Moe blieb stehen, um zu verschnaufen. „Wo haben sie denn das Bild her?“, fragte er.
„Ein paar Jungs haben die Ruine im Sportstadion geplündert“, antwortete Josh. „Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie dort Werbeposter und so Zeug finden.“
Moe schloss die Augen. Seine Hände ballten sich zu Fäusten, dass die Knöchel knackten, und er schüttelte sie vor Zorn. Er war der Geplagteste aller Menschen.
Dann öffnete er die Augen wieder und stürmte vorwärts.
Als man ihm nicht sofort Platz machte, begann er zu brüllen, und da teilte sich die Menge vor ihm und ließ ihn durch. Er hielt geradewegs auf das Podest aus Traktorreifen zu, hob seinen alten Besenstiel in die Höhe und ließ ihn auf das Werbeplakat niedersausen, das die vier Abtrünnigen in die Höhe hielten. Das große Bild eines blonden Mannes mit orangefarbener Haut und rotem Schlips wurde zerfetzt.
Die Menge schrie auf. Moe aber kletterte mühsam auf die Traktorreifen, die Metallplatte unter dem Arm, stieß den Mann und die Frauen herunter und rief mit Donnerstimme: „Oh, ihr Wankelmütigen! Verflucht sei eure Leichtgläubigkeit! Der CEO schenkt euch ein Leben in Freiheit, und ihr missachtet ihn und seine Gebote!“
Da schrie die Menge noch lauter. Einige wollten wissen, wo er denn sei, der CEO, und andere wussten gar nicht, von welchen Geboten überhaupt die Rede war. Moe hörte es und eine Zornesader schwoll an auf seiner Stirn.
„Welche Gebote? Wovon rede ich denn Tag für Tag? Ihr sollt Gewalt ablehnen in jeder Form! Ihr sollt niemanden versklaven! Ihr sollt jene nicht ablehnen, die anders sind als ihr! Ihr sollt die Kinder nicht misshandeln! Ihr sollt alle Geschöpfe dieser Welt als Teil eurer Familie sehen! Ihr sollt immer versuchen so zu denken, wie der andere denkt! Ihr sollt…“
Moes Stimme versagte. Aber sein Brüllen war gar nicht mehr nötig, denn längst herrschte Stille ringsum und alles Volk hing an seinen Lippen. Nur eine Frau, ziemlich weit hinten, rief plötzlich schrill: „Das alles können wir uns unmöglich merken!“
Da nickte Moe, der alte, weise Moe, und zog das Tuch von der Metallplatte, die er unter dem Arm hielt und die er nun in die Höhe reckte. Einen einzigen Satz hatte er in den Tagen seiner Abgeschiedenheit mühevoll in das Metall geritzt, und die Blicke aller richteten sich wie gebannt auf diesen kurzen Satz, den Moe nun für alle laut vorlas: „Seid nett zueinander!“ Und mit brechender Stimme ergänzte er: „Sagt Amen dazu!“
Da fielen sie auf die Knie und streckten Moe ihre Arme entgegen. Und alles Volk sagte Amen.