Auf dem Zauberberg
Philipp Priska
Philipp Priska
Ein Mann Ende dreißig, Schriftsteller von Rang und mit dem würdevollen Gebaren durchaus älterer Herren, reiste im Hochsommer von München, seiner Wahlheimat, nach Davos im Kanton Graubünden. Er fuhr auf Besuch für drei Wochen.
Von München bis dort hinauf, das ist aber eine weite Reise. Sie führt allen Ernstes ins Hochgebirge, mit einer Schmalspurbahn über Schlüfte und Klüfte hinweg zu fichtenbewachsenen Hängen, über denen auf hohen Gipfeln ewiger Schnee im Sonnenlicht glitzert. Thomas Mann – um diesen Namen gleich zu nennen – befand sich allein im Abteil, ein in Leder gebundenes Notizbuch auf dem Schoß und einen Bleistift in der Hand, sah sich aber nicht länger imstande seinen Gedanken geordnete Form zu geben. Schon eine Weile drehten sie sich nicht ohne Sorge um jene Frau, die er im Sanatorium zu besuchen gedachte, die Mutter seiner Kinder, seine Ehefrau. Und um ihren Lungenspitzenkatarrh, den sie in luftiger Höhe auszukurieren bestrebt war.
Katja erwartete ihn am Bahnhof von Davos-Dorf, klein und knabenhaft, und ihre dunklen Augen blitzten ihm lustig entgegen. Er breitete die Arme aus, sie warf sich hinein.
„Du hast ja nicht unwesentlich Farbe bekommen!“, rief er, als er ihre Wange geküsst und sie, auf Armeslänge haltend, eingehend betrachtet hatte. „Du willst mir doch nicht weismachen, dass du noch krank bist?“
Katja winkte ab. „Hier braucht alles seine Zeit“, sagte sie leichthin, was ihm jedoch ominös in den Ohren klang. „Aber wie schön, dass du hier bist! Komm nur, du, die Droschken stehen dort drüben!“ Und sie lief voraus, vor Freude hüpfend, wie eine junge Frau ohne Pflichten, indes er den Hut aufsetzte und ihr gemessenen Schrittes folgte. Einem Bediensteten hatte er das Gepäck in Auftrag gegeben.
Sie nahmen den Wagen zum Sanatorium, eine Decke über den Knien, und während Katja sich unablässig über die grünen Fichten und die weißen Gipfel unter dem blauen Himmel erging, empfand Thomas die klare Luft als überraschend kühl, geradezu stechend beim Einatmen, was ihn bisweilen räuspern machte. So war er erleichtert, als die bereits von Gaslampen erleuchtete Front des Internationalen Sanatoriums ‚Berghof‘ vor ihnen aus dem dämmrigen Abendlicht auftauchte, und konnte die Droschke nicht eilig genug verlassen. Eher steif als elegant half er seiner Frau beim Absteigen. Der Concierge des Berghofs, ein hinkender Mensch in Livree, grüßte unverständlich und kümmerte sich um das Gepäck.
Erst in der Vorhalle fragte sie nach den Kindern. Sie drehte sich einmal halb um sich selbst, lächelte ihn an und erkundigte sich nach dem Befinden der Kleinen. Er, den Hut vor der Brust, nickte beruhigend und wollte zu einem Bericht ansetzen, da vollendete sie ihre Drehung und huschte weiter, die breite Treppe zur ersten Etage hinauf.
Er nahm die Stufen ohne Eile.
Katjas Umzug hatte bereits am Vormittag stattgefunden, aus ihrem Einzelzimmer in eine Wohnung für Ehepaare, mit einem Balkon nach vorne hinaus. Thomas schaltete das elektrische Licht ein und sah sich nicht unzufrieden um. „Gefällt’s dir?“, fragte sie glockenhell und ging ihm voraus auf den Balkon. „Ein herrlicher Blick, nicht wahr?“
Er folgte ihr. „Du bist ja so…“ Er suchte nach Worten. „Du bist ja so aufgeräumt. So fidel.“
„Ja, denk dir nur“, lachte sie, und wieder musste er an klingende Glocken denken. „Man ist so frei hier oben, so unbeschwert. Alle sind natürlich krank, viele weitaus kränker als ich, aber glaubst du, man sieht deshalb verdrießliche Gesichter? Keine Spur! Man freut sich des Lebens hier oben, das kann ich dir sagen!“ Und sie stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste ihn auf den Mund.
Er genoss den Kuss, lächelte und sog die frische Luft ein. Und musste sich räuspern.
„Du bist bestimmt halb verhungert“, sagte Katja und kehrte ins Zimmer zurück. „Nun leg mal ab, du, und mach dich frisch, dann gehen wir hinunter in den Speisesaal. Über das Abendessen wirst du staunen!“
Er staunte tatsächlich, sowohl über die üppige Auswahl an Gerichten als auch die Patienten aus aller Herren Länder, die sich im Speisesaal kaum anders als in einem lärmenden Bahnhof verhielten. Danach, als die Eheleute zur Liegekur ins Zimmer zurückkehrten, war sein Magen schwer und sein Kopf heiß.
„Liest du mir etwas vor?“, fragte Katja, als sie sich auf dem Balkon in ihre Kamelhaardecke wickelte. „Du hast doch geschrieben?“
Thomas bejahte und nahm im Mantel neben ihr Platz, während sie ihr Thermometer schüttelte und es gekonnt unter die Zunge legte.
„Ich habe“, begann er umständlich, „noch etwas hinzugefügt, den ‚Tod in Venedig‘ ergänzt, um Aschenbachs Sehnsucht deutlicher … nun ja …“
„Aber die Vorzugsexemplare sind doch schon raus!“, wunderte sich Katja mit behinderter Stimme, das Thermometer im Mund. „Willst du vor der allgemeinen Veröffentlichung wirklich noch etwas ändern?“
Er krümmte sich etwas, rutschte auf dem Balkonstuhl hin und her und sagte dann: „Ich hielt es für geraten. Aber deine Meinung interessiert mich. Wirst du zuhören?“
Und als sie sich zurücklehnte und nickte, öffnete er sein ledernes Notizbuch und las.
* * * *
Das war das letzte Mal, dass er sein Notizbuch sah. Er hatte es vor dem Abendspaziergang um das Sanatoriumsgebäude auf sein Nachttischchen gelegt, doch als sie zurückkehrten, war es weg.
Katja legte ihre Hände an die Wangen. „Oh nein, was für eine Enttäuschung für dich“, sagte sie mitleidig. „Eines der Dienstmädchen muss es genommen haben. Nun leg dich mal hin, du, wir gehen morgen in aller Frühe zur Verwaltung. In Ordnung?“
Aber Thomas konnte sich kaum beruhigen. Er musste noch mehrere Minuten im Zimmer auf- und abgehen, bevor er sich zu Bett legen konnte, und auch dann floh ihn der Schlaf bis weit nach Mitternacht.
Am nächsten Morgen begab man sich noch vor dem Frühstück zur Rezeption. Das Fräulein verständigte den Sanatoriumsleiter, einen eisgrauen Doktor Müller, der sich untröstlich zeigte. Das Personal wurde befragt, doch offenbar war am Vorabend niemand im Zimmer der Manns gewesen. Doktor Müllers Gesichtsfarbe wurde so grau wie sein Haar. Er kündigte weitere Nachforschungen an, doch wurde das Notizbuch nicht gefunden, nicht an diesem Vormittag und auch später nicht.
Auch ohnedies war Thomas bedrückt, da seine Gesundheit zu wünschen übrig ließ. Er litt fortwährend unter einer unerklärlichen Gesichtshitze und zudem an ausgedörrter Kehle, die ihn beständig räuspern machte.
Anlässlich einer Untersuchung seiner Frau durch Doktor Müller, an der er besuchsweise teilnahm, kam auch sein persönliches Befinden zur Sprache, und der Arzt sagte ihm auf den Kopf zu, dass er nichts Besseres tun könne als die Kur seiner Frau mitzumachen. „Ihre Lunge wird es Ihnen danken“, sagte Doktor Müller. „Glauben Sie es mir, Sie gehören zu uns hier oben. Injektionen, Liegekur und was dazu gehört, mindestens drei Monate lang.“
Thomas Mann hörte aufmerksam zu. Und reiste am nächsten Tage mit dem Frühzug ab.
Katja stand mit ihm vor der kleinen Schmalspurbahn, während das Gepäck eingeladen wurde, und schien befangen. Sie sah zu Boden und sagte: „Es tut mir leid, du, dass dein Besuch hier oben nicht die reine Freude war.“
Er drückte sie an sich. „Komm bald nach“, sagte er und küsste ihre Wange.
Da schob sie ihn rasch zum Waggon. „Nun steig schon ein, du verpasst noch die Abfahrt!“, rief sie, und diesmal erschien ihm ihre heitere Leichtigkeit gespielt. Er stieg in den Waggon, blieb aber unter der Tür noch einmal stehen und blickte sich unschlüssig nach ihr um. Sie stand klein und verloren auf dem Bahnsteig, griff in ihre Manteltasche und zog das Notizbuch hervor.
„Katja!“ Es sollte fragend klingen, wurde aber im Moment des Ausrufs zu einer Anklage.
Sie erwiderte seinen Blick, und diesmal lächelte sie nicht. „Du und deine Knaben“, sagte sie leise. „Das will doch niemand wissen.“ Und sie reichte ihm das Buch.
Als er es nahm, zog der Zug an und Thomas verlor fast den Boden unter den Füßen. Dann fuhr er über all die Schlüfte und Klüfte, über die er gekommen war, zurück ins Flachland.
Dichtungsring
Zeitschrift für Literatur
Ausschreibung "Auf den Zauberberg!" anlässlich des 150. Geburtstags von Thomas Mann
Ausgewählter Text: "Auf dem Zauberberg" von Philipp Priska
Präsentation im Kurfürstlichen Gärtnerhaus, Bonn (18.10.2025)
Veröffentlichung in Heft 68
Dichtungsring e. V.
Petersbergstraße 52
53177 Bonn