Aschenbachs Sehnsucht
Ein verlorenes Kapitel aus Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig"
Philipp Priska
Aschenbachs Sehnsucht
Ein verlorenes Kapitel aus Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig"
Philipp Priska
Er vermochte nicht zu sagen, wie er vom Park jenseits des Hotels in sein Zimmer gelangt war. Traumwandlerisch hatten seine Schritte ihren Weg gefunden, wie beflügelt durch Empfindungen, die er nie gekannt, die selbst dem Jüngling einst fremd gewesen waren. Jede Handbewegung des Entkleidens hatte sich ohne sein Zutun ergeben, und erst jetzt, da er den heißen Kopf ins kühle Kissen gebettet, gewahrte er die Umstände seiner Entrückung und jener Ausweitung seines Inneren, die ihm fast den Atem nahm.
Der Knabe hatte gelächelt.
Er hatte gelächelt, wie man niemandem lächeln durfte, und ganz besonders nicht ihm, dem so lange schon Dürstenden, dessen dürre Seele immer aufs Neue zu sprießen und zu blühen gehalten und dabei längst schon der Wüste verfallen war. Denn wer, so hatte er durchaus nicht nötig sich zu fragen, bedarf der Labung, des erquickenden Schluckes mehr als jener, der den Weg aus dem weiten Ödland nicht nur nicht mehr zu finden vermag, sondern sich in heimlichem Bewusstsein in ganz gegensätzlicher Richtung zur rettenden Oase bewegt? Der das verheißungsvolle Ziel längst und ohne allen Widerstand gegen die völlige Selbstaufgabe eingetauscht und sich gesenkten Hauptes Charons Versprechen hingegeben hat?
Und wie süß schmeckte nun dieser Schluck. Wie herrlich, und wie belebend.
Klar und rein war das Gift, und er trank es in gierigen Zügen. Immer wieder erstand das schöne Antlitz vor seinen geschlossenen Augen, die der Schlaf noch floh, die im Wachen noch blind sehen mussten, damit die Herrlichkeit der Empfindung bis zu ihrem Grunde ausgekostet werden konnte. Was waren ihm Zucht und Ordnung, was die Regeln seiner Gesittung, wenn das Lächeln so hold war und die Labung wie Nektar?
Und dabei hatte er Venedig zu verlassen gehofft! Er schalt sich einen Narren, einen unreifen Träumer, der die ewige Wahrheit des Gefühls nicht gelten lassen wollte, der sich in seiner Vermessenheit zu erheben glaubte über alles, was sein Herz als unleugbare Wirklichkeit schon viel zu lange ersehnt und erkannt hatte. Wie ein Tölpel hatte er die Wasserstraßen auf schaukelndem Gefährt durchmessen, einer vorgegaukelten Bestimmung gewiss, die es niemals gab, die es für ihn nicht geben konnte!
Bis das ordnende Schicksal ihn am Bahnhof mit fester Hand an der Schulter gefasst und in jene Richtung gewendet hatte, die allein Belebung seiner trostlosen Sinne versprach. Die allein jenen Weg aus der Öde hinaus zum Oasenteich wies, wo Erfrischung und grünendes Leben seiner warteten.
Zurück zum Hotel.
Sanfte Kühle im Schatten der Palmen. Saftige Frucht. Und Unkraut. Dahinter Pflanzengewirr. Und überall ineinander verflochtene Lianen, die kein Durchkommen erlaubten, die den Wanderer aufhielten und umfingen und jene gelben Tigeraugen in ihrem Dickicht verbargen, bis der Sprung auf die bereitwillige Beute unzweifelhaft und unausweichlich, ja nur noch eine Frage des Zeitpunkts war…
Und doch. Und doch. Hatte der Knabe nicht gelächelt, und lächelte nun nicht auch er dem Dickicht und der Bestie? Und so gewahrte er nicht, wie er, mit geschlossenen Augen grimassierend, dem Idol den Liebesgruß erwiderte - mit der verzerrten Fratze eines alten Mannes, der, einsam im Hotelbett hingestreckt, mit verwelkten Lippen einen stummen Kuss auf das Kissen hauchte.
Die Grimasse erstarrte auf seinem Gesicht, als der Schlaf ihn mit sich nahm.
Dieser Text war ursprünglich Teil der Kurzgeschichte "Auf dem Zauberberg", die für die Ausschreibung des Literaturvereins "Dichtungsring" gekürzt werden musste.