Traummaschine
Heimat der Träume
Manche sagen, Träume kommen aus dem Kopf.
Andere sagen, sie entstehen im Schlaf.
Aber die Traummaschine weiß:
Träume wohnen in uns.
Tief in einer Schublade,
zwischen einer Frage und einem Lächeln,
liegt ein Raum, den nur Kinder noch kennen.
Die Traummaschine ist kein Gerät.
Sie ist ein Erinnern.
Ein Lauschen.
Eine Einladung.
Und wenn du ganz still wirst,
hörst du sie vielleicht schnurren:
„Willkommen zuhause.“
Lieber Villa Kunterbunt
Es war einer dieser Tage, an denen der Himmel keine Entscheidung traf.
Nicht grau. Nicht blau.
Sondern irgendwas dazwischen ~
so wie manchmal das Herz.
Der Mann ging langsam.
Nicht, weil seine Beine müde waren.
Sondern weil die Luft zwischen den Bäumen eine Art Widerstand hatte ~
als müsste er sich erst entschuldigen, bevor er weitergehen durfte.
In seiner linken Hand hielt er eine Aktentasche.
In der rechten ~ nichts.
Er hatte einmal geglaubt, dass das Ordnung sei:
Rechts frei für den Gruß, links das Gewicht der Pflicht.
Heute spürte er nur:
Die Tasche war leer.
Aber sein Arm war schwer.
Er bog ab, ohne zu wissen wohin.
Und da stand sie.
Die Tür.
Eine ganz normale Holztür.
Nicht alt, nicht neu.
Mit einem Briefschlitz,
der irgendwie zu flüstern schien.
Er zog die Augenbraue hoch,
was seine Art war zu fragen,
ob er träumte.
Er war sich nicht sicher.
Aber das war er selten in letzter Zeit.
Er klopfte nicht.
Die Tür öffnete sich von selbst.
Sie hatte gewartet.
Drinnen roch es nach frisch gemalten Bildern.
Nicht nach Farbe –
sondern nach dem Moment,
in dem ein Pinsel das erste Mal das Blatt berührt.
An der Wand stand mit bunter Kreide:
„Willkommen in der Villa Kunterbunt. Schuhe bitte anlassen. Gedanken gern ausziehen.“
Er lächelte,
und spürte sofort, dass das verboten war.
Nicht hier – sondern in seinem alten Leben.
Auf einem kleinen Teppich aus fliegenden Elefanten
saß ein Mädchen mit zerzausten Locken
und einem viel zu großen T-Shirt, auf dem stand:
„Ich bin kein Kind – ich bin ein Wunder im Wachstum.“
Sie sah ihn nicht an.
Sie malte.
Mit einer Farbe, die es nur in Träumen gibt:
Wassermond.
Er wollte etwas sagen,
doch sie hob die Hand wie eine Dirigentin kurz vor dem Klang:
„Pssst“, sagte sie. „Die Maschine schnurrt.“
Er lauschte.
Zuerst hörte er nichts.
Dann:
Ein ganz leises
Klicken.
Ein Puls.
Ein Flattern.
Nicht von außen.
Von innen.
Sie sah ihn jetzt an.
„Du hast sie lange nicht mehr gehört, oder?“
Er nickte.
Und da war es – das erste Mal seit Jahren:
Ein Tropfen.
Ein feiner, warmer Tropfen unter dem Auge.
Nicht Trauer.
Nicht Freude.
Nur…
Erinnerung.
„Du hast gedacht, du hättest sie verloren“, sagte das Mädchen.
„Aber sie war die ganze Zeit da.
Nur… du warst woanders.“
Sie griff nach einem Stein aus blauem Glas
und legte ihn ihm in die Hand.
„Daran kannst du dich halten, wenn du wieder rausgehst.
Aber du musst ihn nicht behalten.
Nur erinnern, wie er sich anfühlt.“
Er wollte fragen, wie sie heißt.
Aber in dem Moment
sprach jemand durch ihn hindurch:
„Die Maschine schnurrt leise.“
Und der Wind, der durch die offene Tür wehte,
roch für einen Moment
nach Zimt.
Nach Sommer.
Nach dem Lachen seines Vaters
im Jahr 1985.
Fortsetzung – Lieber Villa Kunterbunt
„Du hast nicht gefragt, wie ich heiße“, sagte das Mädchen,
während sie einen Regenbogen um die Ecke malte,
als hätte die Wand nie etwas anderes gebraucht.
„Stimmt“, sagte der Mann.
„Ist das schlimm?“
Sie zuckte mit den Schultern.
„Nicht schlimm.
Nur ungewöhnlich.
Die meisten Erwachsenen wollen immer wissen,
was man ist.
Name, Alter, Funktion, Problem.“
Sie grinste.
„Aber du hast dich gesetzt,
und das ist mehr wert als eine Frage.“
Er nickte.
Nicht weil er es verstanden hatte,
sondern weil er etwas spürte,
das vielleicht später einmal ein Verstehen werden würde.
Sie legte die Kreide beiseite
und zog unter dem fliegenden Elefantenteppich ein Buch hervor.
Es hatte keinen Titel.
Aber es vibrierte leicht.
Wie eine Katze kurz vor dem Einschlafen.
„Was ist das?“, fragte er.
„Ein Traum“, sagte sie.
„Noch unentschieden.“
Sie schlug es auf.
Leere Seiten.
Nur in der Mitte –
ein Fingerabdruck.
Winzig.
Wie von einem Baby.
Aber glitzernd.
„Manchmal“, sagte sie,
„ist ein ganzer Traum schon da,
bevor er jemandem einfällt.“
„Und was macht die Maschine dann?“, fragte er leise.
Sie sah ihn an, ganz still.
Dann flüsterte sie:
„Dann schnurrt sie.
Weil sie weiß, dass jemand gleich zuhört.“
In diesem Moment hörten beide ein Geräusch.
Es kam von der Küche.
Oder vom Dachboden.
Oder von ganz woanders.
Etwas kicherte.
Etwas anderes stapfte.
Und draußen wechselte das Licht von Zwielicht zu Immerlicht.
„Willst du mitkommen?“, fragte das Mädchen.
„Wohin?“, fragte der Mann.
„Na dahin, wo es passiert.
Du hast doch gesagt, du willst wieder träumen.“
Er hatte das nicht gesagt.
Aber vielleicht hatte er es gedacht.
Oder sein Schatten hatte es ausgesprochen.
Er stand auf.
Die Tasche ließ er liegen.
Sie war ja sowieso leer.
Und während er ihr folgte,
sah er, wie sich hinter ihm die Tür zur Villa Kunterbunt
ganz leise wieder schloss –
nicht aus Misstrauen,
sondern aus Vertrauen.
Denn sie wusste:
Er kommt zurück.
Wenn nicht heute,
dann in einem anderen Traum.
Und irgendwo hinter der Wand:
~ Die Maschine schnurrt leise ~
Der Zaun
Die Straße war ordentlich.
Dreireihig gepflastert, rechts die Mülltonnen mit Namensschild,
links frisch geschnittene Hecken.
Die Post war sortiert,
die Kinder sauber.
Auch die Fahrräder hatten Nummern.
Die Familie B. hatte neue Gartenmöbel.
Aus echtem Teak.
Wetterfest.
Stapelbar.
Herr B. war zufrieden,
weil alles war, wie es sein sollte.
Bis auf den Zaun.
Denn auf der anderen Straßenseite
war kein Zaun.
Da war nur ein Stück wilder Wiese,
ein paar Tücher im Wind
und ein klappriger Wohnwagen,
der aussah, als hätte er mehr Länder gesehen
als Herr B. je vorhatte.
Davor:
Menschen.
Barfuß.
Lachend.
Ein Mädchen, das mit einem Holzlöffel ein Lied schlug.
Ein Junge, der auf einem Ast balancierte,
als hätte er nie was anderes getan.
Und dazwischen:
eine Frau,
deren Haar sich weigerte, eine Form zu halten
– aber ihr Lächeln war geordnet.
Nach Gefühl.
Herr B. sagte nichts.
Er sah.
Und das war ungewohnt.
Am nächsten Tag nahm er seinen Sohn mit auf den Spielplatz.
Er war früh dran.
Natürlich.
Der Junge aber blieb stehen.
Vor der Schaukel.
Da war ein anderes Kind.
Ein Mädchen.
Mit Dreck unter den Fingernägeln
und einem Kleid, das vermutlich mal weiß war.
Sie schaukelte.
Hoch.
Zu hoch.
Herr B. wollte etwas sagen.
„Das ist gefährlich.“
Doch dann sah er:
Ein Mann stand neben der Schaukel –
nicht fest, nicht streng –
nur da.
Er hielt nicht fest.
Er trug mit Blicken.
Und das Mädchen lachte.
Nicht wild.
Nicht trotzig.
Sondern…
echt.
Der Sohn von Herrn B. blieb stehen
und sagte leise:
„So will ich auch mal schaukeln.“
Und Herr B.,
der nie schaukeln gelernt hatte,
nickte.
Weil er zum ersten Mal
etwas verstand,
ohne zu wissen, was.
Auf dem Heimweg fragte sein Sohn:
„Warum haben die da keine Schuhe an?“
Herr B. antwortete:
„Weil sie wissen, wohin sie treten.“
Und als sie am Zaun vorbeikamen,
war da ein Geruch in der Luft –
nach Apfelkompott, Erde und Heiterkeit.
Und jemand summte ein Lied,
das niemand kannte
und trotzdem war es eine vertraute Melodie aus Gefühl.
Herr B. lächelte.
Nicht sichtbar.
Aber spürbar.
Ganz kurz.
Nur für sich.
Und da war er –
der Moment.
~ Die Maschine schnurrt leise ~
Fortsetzung folgt... www.naimelarin.de