Die Reise des ersten Herzens
Es war einmal vor sehr langer, langer Zeit ~
bevor es Worte gab,
bevor die Menschen wussten, wie man Zahlen zählt oder Häuser baut,
da lebte ein kleines Wesen tief in der Mitte der Welt.
Man nannte es noch nicht Herz.
Denn... es hatte noch keinen Namen.
Es war einfach da.
Es war warm,
es schlug in einem ruhigen Rhythmus ~
bumm... bumm... bumm ~
aber niemand wusste, was da schlug
oder wofür.
Das kleine Wesen war verbunden mit allem,
was war: mit den Winden, den Wurzeln, den Wellen.
Es fühlte die Freude der Sonne,
den Tanz der Bienen,
und das Wispern der Sterne im Schlaf.
Aber es hatte ein Gefühl in sich...
etwas fehlte.
Der Ruf nach einem Namen
Eines Tages ~ oder vielleicht war es eine Nacht ~
flüsterte das kleine Wesen in die Welt hinaus:
„Ich bin da...
aber niemand ruft mich.
Ich lebe...
aber niemand nennt mich.
Ich bin die Mitte...
doch ohne Namen kann ich nicht schwingen in Worten.“
Und so machte sich das Wesen auf die Reise ~
hinaus in die Welt,
um seinen Namen zu finden.
Die Begegnung mit den Tieren
Zuerst kam es zu den Tieren.
Ein Hirsch sprach:
„Du bist stark. Nenn dich Kraft“
Ein Schmetterling sprach:
„Du bist zart. Nenn dich Flügel“
Ein Maulwurf sagte:
„Du wohnst tief drinnen.
Nenn dich Wurzel“
Aber das Wesen lächelte nur still.
Es fühlte:
Das waren alles Teile von ihm,
aber noch nicht ganz es selbst.
Die alten Bäume
Dann kam es zu den ältesten Bäumen,
deren Wurzeln bis in die Träume reichten.
Die Bäume hörten es schlagen ~
bum bum... bum bum...
„Du bist der Rhythmus des Lebens,“
sagte die Eiche.
„Du bist die Mitte im Lied der Welt,“
raunte die Weide.
Da wurde es ganz still.
Und ein ganz, ganz alter Baum ~
so alt, dass seine Rinde schon silbern war
sprach:
„In der alten Sprache der Sterne nannten wir dich kerd...
Das Innere: Zentrum, Quelle, Leben.
Aber das ist lange her.“
Das kleine Wesen horchte.
Es fühlte ein Zittern in sich.
Wie ein Lächeln von innen.
Die letzte Tür
Auf seiner Reise kam es zuletzt zu einem Menschenkind.
Das Kind schlief ~
die Augen geschlossen, die Hände auf der Brust.
Und das Wesen kroch ganz leise in seine Nähe...
Und da geschah es:
Das Kind flüsterte im Traum:
„Herz... mein liebes Herz... bleib bei mir.“
Und plötzlich leuchtete das Wesen auf.
Denn das war sein Name!
Nicht aus dem Kopf geboren ~
sondern aus der Liebe.
Seitdem...
... wohnt das Herz in jedem Menschen.
Es schlägt, ohne zu fragen.
Es lauscht, ohne zu urteilen.
Es erinnert uns:
Dass wir leben,
dass wir fühlen,
und dass wir nicht allein sind.
Und wenn du deine Hand auf die Brust legst, ~
kannst du es spüren:
bumm... bumm...
Das ist dein Herz.
Es trägt einen uralten Namen.
Und der kam aus dem Traum eines Kindes ~ so wie du eins bist.
Gute Nacht, du Herzkind.
Schlaf sanft und warm geborgen.
Und wenn du träumst,
hörst vielleicht auch du
das Flüstern alter Bäume
und das Lächeln des ersten Herzens.
Ich bin bei dir.