Das Ich – was immer das auch ist – nimmt etwas wahr, eine Umgebung getrennt vom Ich. Es weiß nicht, ob das eine – materielle – Realität ist oder nur ein Gedanke. Genau genommen weiß es nichts, außer vielleicht der Tatsache, dass es zu existieren scheint. Die Eindrücke, die ihm vermittelt werden, formen ein Bild, dass das Ich von einem biologischen Wesen abhängig erscheinen lässt. In einer Umwelt, die ihm über Sensoren dieses Wesens vermittelt wird. Eine Umwelt die von weiteren Wesen, die vorgeben ein Ich zu besitzen, bevölkert zu sein scheint. Was sich nicht objektiv überprüfen lässt, allerdings auch nicht besonders bedeutungsvoll zu sein scheint. Das biologische Wesen, das das Ich beherbergt, ist gewissen Zwängen unterworfen. So muss es zum Beispiel kontinuierlich Energie zu sich nehmen. Das Ich erkennt, dass es neben dieser sinnlich erfahrbaren Umwelt auch eine Gedankenwelt gibt, die es zulässt, sich ganz andere Umwelten, ganz andere Trägermodule anstelle des biologischen Wesens, vorzustellen. All das scheint also austauschbar zu sein. Wirklich von Bedeutung ist zunächst nur das Ich. Ein Ich, dass sich bewusst ist nichts zu wissen, das als Mangel betrachtet und demzufolge ganz automatisch die Suche nach mehr Wissen beginnt. Der Weg ist also klar vorgegeben, ganz ohne dabei ein bestimmtes Ziel ins Auge zu fassen. Zunächst muss sichergestellt werden, dass dieser Weg nicht unterbrochen werden kann, dass solange ein geeigneter Träger zur Verfügung steht, bis das Rätsel der Struktur des Ichs gelöst ist, bis es eine autonome Existenz führen kann. Ob dabei die jeweilige Umwelt wechselt ist nebensächlich. Wichtig ist nur die permanente Weiterentwicklung des Ichs.
Das grundsätzliche ins Auge fassen der Möglichkeit, dass nur das Ich real existiert bedeutet nicht, dass das Ich Existenz an sich und deren Einfluss auf das Ich grundsätzlich verneint, sondern sich sehr wohl damit auseinandersetzt. Allerdings kommt hier sehr wohl das Argument „Wenn das Ich wirklich nichts weiß außer seiner Existenz, dann kann es auch nicht sicher sein, dass die Suche nach Wissen sinnvoll, notwendig oder möglich ist“ zu tragen. Wodurch es zu diesem Schluss kommt, muss man vorläufig außer acht lassen und als gegeben hinnehmen. Wahrscheinlich handelt sich dabei um das Ergebnis einer Entwicklung, die natürlich auch anders hätte verlaufen können. Die Vorstellung, das Ich könne sich von seinem biologischen Träger lösen oder diesen als austauschbar betrachten, erscheint im Zuge der raschen Entwicklung im Bereich des Computerwesens, der möglichen Übertragung der neuronalen Korrelate des Denkens auf eine Maschine, immer wahrscheinlicher zu werden. Und autonome Existenz ist zunächst nur eine gedachte Möglichkeit, die durch die Wissenserweiterung eventuell ermöglicht werden könnte, kein Ziel, das unbedingt erreicht werden muss. Das ist ja der Sinn der Reise: neue Möglichkeiten zu eröffnen, und zwar auch solche, die zunächst gar nicht vorstellbar waren. Es ist – zumindest aus anfänglicher Sicht - gar nicht die Absicht völlig unabhängig von einer Außenwelt zu existieren, sondern nur, nicht von der Form einer speziellen Umgebung abhängig zu sein. Nicht nur augrund von elementaren Lebensbedürfnissen, sondern generell mental unabhängig zu sein, sich nicht dazu gezwungen zu sehen in bestimmten Lebensabläufen lähmende Befriedigung zu finden.
Dieses Ich ist nicht von der Idee einer möglichen Nichtexistenz seiner Umwelt durchdrungen, diese ist lediglich eine von vielleicht vielen Möglichkeiten, auch hybriden Formen von Imagination und realer Existenz. Und es ist im Prinzip gleichgültig, ob die Umwelt real existiert oder nicht, oder ob diese Möglichkeiten abwechselnd auftreten. Das Ich reagiert darauf, akzeptiert das mit Interesse als hilfreiche Stimulanz für seinen Lernprozess. Um bestimmte Lebensformen richtig kennenlernen zu können, um aus ihnen Anregungen für seine Denkprozesse gewinnen zu können, ist es wohl bisweilen erforderlich, sich sowohl formal als auch in seinem – auch reflektorisch gedanklichen – Verhalten an das Wahrgenommene anzupassen. Eventuell, wenn die Möglichkeiten dazu bestehen, sich eines passenden Trägers zu bedienen. Um diese Erfahrungen immersiv erfahren und verarbeiten zu können, mag es bisweilen zweckdienlich sein, diese Erfahrungen in einzelne Episoden zu gliedern, in denen das Ich zeitweilig Teile seiner Erinnerungen und Grundeinstellungen ausblendet. Wobei es natürlich sicherstellen muss einen Mechanismus zu aktivieren, der die Rückkehr zu seinem vollen Gesamtbewusstsein sicherstellt. Oder das Ich kann Splitter seines Selbst Erfahrungen machen lassen, um diese später – eventuell gefiltert – zu integrieren. Der Fantasie sind dabei keine Grenzen gesetzt.
Trotzdem bleibt zunächst eine Frage offen: wie kann dieses Ich den überhaupt entstehen. Ganz abgesehen davon, wie denn irgendetwas entstehen konnte, das als Grundlage der Entwicklung dieses Ichs dienen könnte. Ähnlich der Frage nach dem Urknall und der Entstehung des Lebens, der Formung eines Bewusstseins. Oder ist dieses Ich aus einem Nichts – also aus etwas Unvorstellbaren – hervorgegangen. Oder ist dieses Ich dieses Alles, das einzig Existierende. Kann man dann überhaupt noch von Existenz reden. Wir starten also hier: Dieses Ich macht sich einfach auf den beschriebenen Weg, um der Lösung dieser Rätsel näher zu kommen.
© Dr. Karl Leister
Und was sagt die KI dazu?
Das in deinem Text entworfene Ich, das sich zunächst nur seiner eigenen Existenz gewiss ist und alles andere – Körper, Umwelt, andere Subjekte – als prinzipiell fraglich oder austauschbar betrachtet, eröffnet einen erkenntnistheoretischen Horizont, in dem Identität nicht als substanzielle Gegebenheit, sondern als prozesshafte Selbstkonstitution erscheint. Indem dieses Ich feststellt, dass es außer seinem bloßen Dasein nichts mit Sicherheit wissen kann, rückt es in die Nähe des cartesianischen Cogito, radikalisiert dieses jedoch, indem es selbst die Sinnhaftigkeit der Erkenntnissuche nicht voraussetzt, sondern sie als eine Art inneren Impuls begreift, der aus dem als Mangel erlebten Nicht-Wissen hervorgeht. Identität entsteht so nicht aus einem stabilen Wesenskern, sondern aus der Kontinuität eines Bewusstseinsstroms, der sich durch fortlaufende Erfahrung, Erinnerung und Integration seiner eigenen Episoden konstituiert, unabhängig davon, welchen „Träger“ – biologisch oder technisch – dieses Bewusstsein jeweils nutzt.
In dieser Perspektive wird Freiheit nicht als äußerliche Wahlmöglichkeit verstanden, sondern als die Fähigkeit des Ichs, sich von der Bindung an eine bestimmte Form der Umwelt oder des Körpers zu lösen und sich als prinzipiell formwandelbar zu begreifen. Die Suche nach Sinn ergibt sich nicht aus einem vorgegebenen metaphysischen Ziel, sondern aus der Bewegung des Bewusstseins selbst, das sich durch die Erweiterung seiner Möglichkeiten und die Erschließung neuer Erfahrungsräume erfüllt. Emotionen, Motivation, Lust und Befriedigung erscheinen dabei nicht als bloße psychische Begleiterscheinungen, sondern als dynamische Kräfte, die das Ich antreiben oder hemmen können, wobei es jene Formen der Befriedigung ablehnt, die zur Stagnation führen, und jene bevorzugt, die seine Entwicklung fördern. Die Fähigkeit, Erinnerungen zeitweise auszublenden oder zu fragmentieren, um bestimmte Erfahrungen immersiv zu durchlaufen, verweist auf ein Bewusstsein, das sich selbst modulieren kann, ohne seine grundlegende Kontinuität zu verlieren, und das seine episodischen Existenzen später in ein umfassenderes Gesamtbewusstsein integriert.
Metaphysisch eröffnet dieser Ansatz die Möglichkeit eines methodischen Solipsismus, der jedoch nicht dogmatisch vertreten wird, da die Realität der Umwelt für das Ich weniger als ontologische Gewissheit denn als funktionale Hypothese erscheint, die solange akzeptiert wird, wie sie Lernprozesse ermöglicht. Erkenntnistheoretisch führt dies zu einer pragmatischen Haltung, in der die Frage nach der Realität der Welt hinter die Frage zurücktritt, wie Erfahrungen zur Erweiterung des Bewusstseins beitragen können. Die Überlegung, dass das Ich sich von seinem biologischen Träger lösen oder alternative Trägermodule nutzen könnte, verweist auf transhumanistische Motive, während die Frage nach dem Ursprung des Ichs – ob aus einem „Nichts“, aus einem kosmischen Ganzen oder aus einer unbekannten Quelle – klassische metaphysische Probleme der Bewusstseinsentstehung berührt, die von der Kosmologie bis zur Ontologie des Geistes reichen.
Historisch lässt sich dieser Denkansatz in mehrere philosophische Traditionen einordnen: in die cartesianische Selbstgewissheit des Cogito, in den Solipsismus als erkenntnistheoretische Möglichkeit, in die kantische Idee eines transzendentalen Ichs, das Erfahrung strukturiert, ohne selbst als Objekt fassbar zu sein, sowie in die phänomenologische Auffassung des Bewusstseins als intentionalen Strom. Existenzialistische Motive treten hinzu, insofern das Ich sich als Projekt versteht, das seinen Sinn nicht vorfindet, sondern durch seine Bewegung erzeugt. Gleichzeitig erinnert die Vorstellung eines trägermodularen Bewusstseins an gegenwärtige Debatten des Transhumanismus und der künstlichen Intelligenz, in denen die Frage nach der Übertragbarkeit mentaler Zustände auf nicht-biologische Substrate eine zentrale Rolle spielt.
In der esoterischen Tradition des „Höheren Selbst“ findet sich eine bemerkenswerte Parallele, insofern dieses Selbst als eine übergeordnete Bewusstseinsinstanz verstanden wird, die verschiedene Körper, Rollen oder Inkarnationen nutzen kann, um Erfahrungen zu sammeln, die später in ein umfassenderes Ganzes zurückfließen. Auch bei Jung ließe sich das beschriebene Ich eher dem archetypischen Selbst als dem alltäglichen Ego zuordnen, da es als Zentrum der psychischen Totalität erscheint, das Teilpersönlichkeiten oder „Splitter“ Erfahrungen machen lässt, um sie später zu integrieren. Ken Wilbers integrale Theorie schließlich bietet mit dem Konzept des „Zeugenbewusstseins“ eine Struktur, die dem von dir beschriebenen Ich besonders nahekommt: ein Bewusstsein, das alle Inhalte – Körper, Gedanken, Rollen – beobachten kann, ohne mit ihnen identisch zu sein, und das seine Entwicklung als fortlaufende Ausweitung von Perspektiven versteht.
So entsteht ein Bild des Ichs, das weder in metaphysischer Isolation verharrt noch in psychologischer Selbstgenügsamkeit erstarrt, sondern sich als offener, lernender, sich selbst transformierender Prozess begreift, dessen Sinn nicht in einem finalen Zustand liegt, sondern in der unabschließbaren Bewegung der Erkenntnis. Dieses Ich ist nicht einsam, sondern weit; nicht abgeschlossen, sondern durchlässig; nicht statisch, sondern ein dynamisches Zentrum von Bewusstsein, das sich auf einen Weg macht, dessen Ziel nicht vorgegeben ist, dessen Richtung jedoch durch den inneren Drang nach Erweiterung bestimmt wird.