Johnny und die Fraktale der Zeit
Johnny und die Fraktale der Zeit
Leseprobe
** Im Laden **
Das Türglöckchen hatte einen leichten Schlag. Es klang nie gleich. Mal wie Silber, mal wie etwas, das man nicht anfassen sollte.
Jonny saß auf dem Hocker hinter dem kleinen Tisch, auf dem ein Kranz aus Lavendel und Kupferdraht lag. Daneben: ein Stein mit einer Rose darauf, die schon zu vertrocknet war, um noch zu duften – aber noch nicht tot genug, um loszulassen.
Der Laden roch nach Salbei, kaltem Kaffee und Steinmehl. Der Esel stand draußen. Angebunden, aber frei im Blick. Jonny hatte ihn „Gerrit“ genannt. Niemand wusste, warum.
Am Fenster: das Schild. „Offen, wenn offen.“ Einmal hatte es jemand druntergekritzelt: „Und geschlossen, wenn wach.“
Es war früher Nachmittag, aber das Licht war müde. Die Glocke klingelte. Ein Kunde. Ein Mann mit einem blauen Mantel, der irgendwie zu neu aussah. Er betrat den Laden wie jemand, der eigentlich nicht hier sein wollte. Schaute. Schwieg. Zog einmal die Augenbraue hoch.
„Was ist das?“ Er zeigte auf einen Drahtstein, in dem eine halbe Uhr steckte.
„Das ist Zeit, die sich verhakt hat“, sagte Jonny. Er meinte es nicht als Witz. Der Mann nickte langsam, stellte das Ding zurück. „Haben Sie was für... Kopfschmerzen?“ Jonny überlegte. „Vielleicht ein stiller Raum. Hinten links.“
Der Mann ging. Ohne zu kaufen. Aber mit weniger Stirnfalte.
Draußen rief jemand durchs offene Fenster: „Ey Jonny Fantastico – wie läuft der Umsatz im Traumland?“ Ein paar Lacher. Jonny winkte. Ob sie’s verstanden, wusste er nicht. Aber es machte auch nichts.
Er beugte sich nach vorn und flüsterte der Rose auf dem Stein etwas zu: „Bald wieder nach Aachen.“
** Die Tasse von Tante Gundula**
Die Tasse stand immer noch da.
Auf dem Fensterbrett.
Mit einem Sprung am Henkel, einem kaum sichtbaren Riss.
Jonny nahm sie in die Hand, drehte sie, betrachtete sie gegen das Licht.
Im Sprung lag ein Muster, das er früher nie bemerkt hatte.
Ein *Fraktal*.
Er setzte sich, holte tief Luft, und fragte sich:
Hatte Gundula sie absichtlich dort stehen lassen?
Oder war es das Leben selbst, das solche Dinge arrangierte, wenn man es ließ?
Er goss heißes Wasser hinein, zerdrückte ein paar Blätter, die noch auf dem Tisch lagen.
Zitronenmelisse. Lavendel. Ein bisschen Thymian.
Und während der Dampf in Spiralen aufstieg, erinnerte er sich an ihre Worte:
„Wenn du irgendwann spürst, dass der Riss schöner ist als die glatte Fläche – dann bist du bereit, Jonny.
** Das Mädchen kennt den Stein **
Tilke lehnte sich zurück, zog einen Krümel aus seinem Bart und betrachtete ihn eine Weile, als könne er daraus die Zukunft lesen. Dann pustete er ihn auf den Boden.
„Du solltest was verkaufen, das man wirklich braucht“, sagte er.
Jonny hob die Augenbraue. „Was denn? Spaten? Nägel?“
„Zum Beispiel Brot.“
„Dann geh zum Bäcker.“
„Da steht meine Schwester.“
„Und?“
„Die redet nicht mit mir.“
„Warum nicht?“
„Weil ich nie was kaufe.“
Jonny schwieg einen Moment.
Dann: „Willst du ein Brötchen?“
„Hast du eins?“
„Nein.“
Tilke grinste.
„Weißt du, was ich mal machen würde, wenn ich du wär?“
„Nein, aber ich ahne, dass ich’s gleich höre.“
„Ich würd diesen Laden umbenennen.“
„In was?“
„In 'Vielleicht'.“
„Vielleicht?“
„Ja, so nennst du ihn. Weil die Leute nicht wissen, was sie wollen, wenn sie herkommen. Aber sie gehen meistens mit etwas, was sie vielleicht gebraucht haben.“
Jonny legte den Kopf schräg.
„Nicht schlecht.“
„Sag ich ja.“
Ein kleines Mädchen trat in den Laden. Ihre Haare waren voller Blüten, als hätte sie im Lavendel geschlafen.
Sie sagte nichts. Ging nur zu einem Regal und starrte eine Weile auf einen Stein, der wie ein Tropfen geformt war.
„Den will sie“, sagte Tilke leise.
„Der ist nicht zu verkaufen“, flüsterte Jonny zurück.
„Warum nicht?“
„Er tropft.“
Tilke blinzelte. „Wie bitte?“
„Er tropft. Immer wenn’s jemand mitnehmen will. Dann ist er nass. Als ob er weint.“
„Und du meinst das… wörtlich?“
Jonny zuckte mit den Schultern.
„Ich sag ja nur, was passiert.“
Das Mädchen drehte sich um, sah Jonny an, dann Tilke, dann wieder den Stein.
„Er will mit“, sagte sie.
Jonny runzelte die Stirn.
„Wer?“
„Der Tropfen.“
„Aber… er wird nass.“
„Ich bin’s gewöhnt“, sagte sie.
Dann nahm sie den Stein, steckte ihn in ein kleines Leinentuch und verließ wortlos den Laden.
Tilke starrte ihr hinterher.
„Ich dachte, du verkaufst den nicht.“
„Hab ich nicht.“
„Was war das gerade?“
„Ich glaub, das war vielleicht.“
** Der Brief **
„ Lieber Johnny,
du wirst an Gabelungen stehen. Manche Wege wirst du gehen, andere wirst du zurücklassen.
Es wird Momente geben, in denen du zweifelst, ob deine Wahl die richtige war. Vielleicht wirst du dir vorwerfen, zu spät erkannt zu haben, was dein Herz schon wusste.
Doch vertraue: Jede Entscheidung trägt dich weiter. Nicht der erste Schritt entscheidet alles, sondern der Augenblick, in dem du dich selbst erkennst. Im richtigen Moment wird dein Herz klar sein – und du wirst wissen, wohin es dich ruft.
Halte Ausschau, wenn sich die Wege teilen. Verliere dich nicht im Bedauern. Es gibt keinen falschen Pfad, solange du ihn mit offenem Herzen gehst. “