Wirksame Arbeitsaufträge erteilen
Schüler aktivieren und motivieren
Mehr im Buch:
Besser und mehr lernen
Umgang mit alten und neuen Medien
Schwierige Gespräche führen
Umgang mit einigen Elteren
Zeitmanagement und Burn-out
Das Problem: „Immer wieder passiert es mir, dass die Schüler bei Arbeitsaufträgen beispielsweise für die selbstständige Arbeit, für das Ausfüllen von Arbeitsblättern, für Schreibaufgaben oder Experimente nicht ordentlich zuhören und nicht das machen, was sie machen sollen. Zu viele Schüler stellen unnötige Nachfragen, „wie geht das?“, „soll ich …?“, „können Sie mir mal helfen?“.“
Hartnäckig hält sich das Gerücht, dass sich ein guter Arbeitsauftrag dadurch auszeichnet, dass der Lehrer seinen Schülern ausführlich und möglichst kleinschrittig erklärt, was genau sie zu tun hätten und wie genau sie die folgende Aufgabe zu bearbeiten hätten. Ein guter Arbeitsauftrag müsse schließlich, nachdem man ihn erteilt hat, „abgesichert“ werden, das heißt, dass ein oder mehrere Schüler wiederholen, was nun zu tun sei.
Angesichts des offensichtlichen Misserfolgs dieses Vorgehens ist es schon erstaunlich, dass immer wieder genau auf diesem Vorgehen beharrt wird, zum Beispiel bei der Ausbildung von Referendaren. Denn die oben genannten Nachfragen werden genau so in den Klassen gestellt, in denen zuvor alles ausführlich und kleinschrittig erklärt und anschließend „abgesichert“ wurde.
Dass das bekannte Vorgehen bei der Erteilung von Arbeitsaufträgen (ausführliches, kleinschrittiges Erklären plus Wiederholen des Auftrags durch die Schüler) mehr schlecht als recht funktioniert, hat folgende Gründe:
Es ist erwiesenermaßen ein Irrglaube, dass kleinschrittige Erklärungen geeignet sind, einen Vorgang oder Sachverhalt verständlich zu machen. Jeder, der sich schon mit Bedienungsanleitungen beispielsweise für Handys oder Aufbauanleitungen von Ikea herumgeschlagen hat, kann ein Lied davon singen…
Je detaillierter die Erklärung ausfällt, umso stärker bekommt der Zuhörer, also in unserem Falle der Schüler, den Eindruck, er werde wohl für „blöd“ gehalten. Dieses (unbewusste!) Phänomen führt dazu, dass man sich gegen diesen Eindruck „blöd“ zu sein, instinktiv zur Wehr setzt, indem man nicht mehr zuhört, man ist ja schließlich nicht gemeint, so blöd ist man doch nicht!
Ausführliche, detaillierte Anweisungen und Erklärungen tendieren dazu, objektiv Einfaches unnötig kompliziert zu machen. Dadurch können Arbeitsaufträge kontraproduktiv wirken.
Die erzieherische Wirkung von zu detaillierten, kleinschrittigen Arbeitsaufträgen, die obendrein noch von einem Schüler wiederholt werden, ist verheerend: Die unterschwellige Botschaft an die Schüler lautet ja gerade, „du musst nicht so genau aufpassen, weil ja alles doppelt und dreifach erklärt wird.
Schüler sollten und können aber lernen: „Ich muss genau aufpassen – und ich muss selbst meinen Kopf anstrengen, um den Arbeitsauftrag oder die Erklärung zu verstehen.“ Genau diese Erfahrung und Haltung ist die Voraussetzung dafür, dass es keine der oben zitierten Nachfragen gibt!
Was kann man tun, damit Arbeitsaufträge „ankommen“ und die Schüler keine unnötigen Nachfragen stellen?
Das Problem:
„Meine Schüler sind unglaublich träge. Sie beteiligen sich, wenn überhaupt, nur nach massiver Aufforderung am Unterricht, sie wirken lustlos und desinteressiert. Selbst gut vorbereitete, thematisch und methodisch interessante Stunden lassen sie kalt. Wie schaffe ich es bloß, meine Schüler aufzuwecken, sie spürbar zu motivieren und vor allem zu aktivieren?“
Ursachen der Lustlosigkeit
Das oben dargestellte Problem betrifft sehr viele Schüler in praktisch allen Schulformen, in der Regel spätestens etwa ab der siebten Klasse. Erst in der Studienstufe des Gymnasiums wachen dann einige Schüler wieder auf. Bis dahin hat sich aber in ihren Köpfen ein Bild von Schule, Lernen und Unterricht stark verfestigt. Demzufolge ist schulisches Lernen eine Zwangsveranstaltung, bei der es in der Regel nicht um interessante Themen und Lerninhalte geht, nicht um die Lust, interessante Fragen zu beantworten und wichtige Probleme zu lösen, nicht darum, Neues zu entdecken und zu entschlüsseln, sondern in erster Linie darum, mit möglichst wenig Aufwand ein Maximum an „Punkten“ zu erzielen. Die extreme Organisation von schulischem Lernen auf Klausuren, Prüfungen, abfragbares Wissen befördert diese Haltung.
Ein weiterer Grund für das unterrichtliche Desinteresse vieler Schüler besteht in der hohen Bedeutung der Peergroup in der Altersgruppe spätestens ab 13. Mehr denn je stehen Fragen des Miteinander-Auskommens, des Miteinander-„Gehens“, des Findens der eigenen Identität im Mittelpunkt des Denkens und Fühlens der Jungen und Mädchen. Selbst der beste schülerorientierte Unterricht hat es dann schwer, die Schüler wirklich zu erreichen.
In vielen Klassen ist die Lethargie der Schüler auch das Ergebnis eines Teufelskreises, Produkt gleich mehrerer negativ wirkender „Self-fulfilling prophecies“. Viele Lehrer trauen ihren Schülern immer weniger zu, und fühlen sich durch die Schlappheit und die schlechten Leistungen ihrer Schüler darin bestätigt, verzichten dann unbewusst immer mehr auf wirklich aktivierende Unterrichtsmethoden. Und verstärken damit andererseits das extrem negative Bild und die außerordentlich negative Erwartungshaltung ihrer Schüler im Hinblick auf Schule.
Ein weiterer wichtiger Aspekt betrifft die in der Schule behandelten Themen, die in der Wahrnehmung der Schüler viel zu wenig mit ihnen, ihren Fragen, Interessen und mit der wirklichen Welt zu tun haben (siehe Kapitel „Mehr und besser lernen“).
Problem: Unprofessioneller Frontalunterricht
Das größte Problem hinsichtlich der Gestaltung von Unterricht besteht darin, dass die meisten Lehrer einen Methoden-„Mix“ aus gemeinsamer „Erarbeitung“ (Modell „fragend-entwickelndes Unterrichtsgespräch“) und „Stillarbeit“ (individuelle Bearbeitung von Arbeitsblättern) praktizieren. Ein Modell, das darauf basiert, dass erstens alle Schüler zur gleichen Zeit dasselbe tun und dass zweitens im Unterricht geschwiegen wird und höchstens (außer dem Lehrer) jeweils nur ein Schüler spricht.
Diese Art von Unterricht ist auf Dauer selbst bei interessanten Themen ermüdend und produziert Störungen. Der Lerneffekt ist für die meisten Schüler, die nur zuhören können (häufig euphemistisch als „Mitdenken“ apostrophiert), äußerst gering. Diese Art von Unterricht ist vor allem verantwortlich für das Desinteresse und die Lustlosigkeit so vieler Schüler. Doch viele Lehrer meinen, nur in einem derart „frontal“ gestalteten Unterricht das Heft in der Hand zu behalten und das Unterrichtsgeschehen und vor allem das Lernen der Schüler steuern zu können.
Wie kann man es denn schaffen, den Unterricht einerseits klar zu steuern und sich zugleich als Lehrer weitestgehend zurückzunehmen und die Schüler spürbar zu aktivieren und ihnen das Wort zu geben?
Partnerarbeit
Die einfachste und vielleicht effizienteste Möglichkeit, Schüler zu aktivieren, besteht darin, sie regelmäßig (und das heißt: mehrmals in jeder Stunde) zur Zusammenarbeit mit einem Nachbarn aufzufordern.
Nachbarn können zum Beispiel
gemeinsame Unterrichtsgespräche in einem „Murmelgespräch“ zu zweit vorbereiten
den Inhalt eines Lehrerinfos oder Schülerreferats ebenfalls in einem „Murmelgespräch“ nachbereiten, reflektieren, „sacken“ lassen
Arbeitsblätter zu zweit bearbeiten
sich eine Aufgabe oder einen Sachverhalt gegenseitig erklären
sich individuell erstellte Ergebnisse (z.B. individuell bearbeitete Arbeitsblätter oder selbst verfasste Texte) gegenseitig vorlesen, zeigen und gemeinsam überarbeiten
Infotexte gemeinsam erlesen und gemeinsam den Inhalt rekapitulieren
Präsentationen vorbereiten
Die Angst mancher Lehrer, dass Partnerarbeit nicht konstruktiv verläuft, sondern dass die Schüler diese Zeit vor allem für „erlaubte“ Nebengespräche nutzen, ist nur zum Teil berechtigt. Sicherlich wäre es vermessen, die Erwartung zu haben, dass alle Schüler in der Partnerarbeit immer und ausschließlich zur Sache arbeiten würden. Das gilt schließlich genau so für Erwachsene, zum Beispiel Lehrer! Aber noch unrealistischer wäre es, die Erwartung zu haben, dass im klassischen „nur-einer-spricht-Frontalunterricht“ jederzeit alle Schüler vollständig bei der Sache wären. Das gilt natürlich selbst dann nicht, wenn sie ein vermeintlich aufmerksames Gesicht machen…
Regelmäßige Partnerarbeit, bei der zwei nebeneinander sitzende Schüler aktiv zusammen arbeiten, das heißt vor allem, mit einander sprechen, hat eine Reihe von Vorteilen:
Sie funktioniert bei jeder Sitzordnung und in jedem Klassenraum
Sie hat ein sehr hohes Aktivierungspotenzial
Sie fördert und unterstützt effizientes und nachhaltiges Lernen, weil nie so wirksam ist, wenn der Lerner beim Lernen sprechen kann.
Sie ist in der Regel viel effizienter und lernintensiver und obendrein praktikabler als die ebenfalls aktivierende Gruppenarbeit.
Partnerarbeit bietet ganz besonders auch schüchternen Schülern, die sich nicht oder zu selten trauen, sich vor der ganzen Klasse zu äußern eine wunderbare Gelegenheit, ihre sprachlichen Kompetenzen (z.B. im Fremdsprachenunterricht) zu üben und zu pflegen.
Voraussetzungen, damit Partnerarbeit funktioniert...: Dazu mehr im Buch!
Das Problem: Gerne werden unter Lehrern die besten Tipps gehandelt, wie man „ganz einfach“ im Unterricht Disziplin herstellen kann. Und gerade Referendare und Berufsanfänger greifen diese Tipps begierig auf. Sie machen leider recht schnell die Erfahrung, dass der ultimative Geheimtipp bei ihnen leider nicht funktioniert. Das liegt einerseits daran, dass gerade gestandene Lehrer häufig vor allem auf Strenge setzen und darauf, die Schüler an einer möglichst „kurzen Leine zu halten“. Unerfahrene Lehrer merken dann schnell, dass die Schüler bei ihnen darauf leider nicht reagieren.
Kurz: Es fehlt an gegenseitigem Respekt. Wer dann noch meint, seine „Strenge“ und „kurze Leine“ dadurch zeigen zu müssen, dass er vor der Klasse brüllt, Schüler bloßstellt oder mit Strafen um sich wirft, macht sich nur endgültig lächerlich und verspielt auch den letzten Rest an Respekt.
Deshalb funktionieren alle Tipps zum Thema „Disziplin“ nur, wenn der Lehrer zuvor eine wirklich respektvolle Atmosphäre geschaffen hat, wenn er von den Schülern echten Respekt erfährt und die Schüler respektvoll miteinander umgehen. Deshalb geht es am Anfang der Sprechstunde um Respekt - und erst dann um Disziplin.
Es gibt eine Reihe von Auslösern für Disziplinprobleme, die kein Lehrer ändern kann, zum Beispiel: Bestimmte schulische Rahmenbedingungen, wie überfüllte Klassenräume, ein von Angst und Unterdrückung geprägtes Schulklima, fehlende oder zu rigide Schulregeln, fehlende gemeinsame Absprachen (zum Umgang mit Störungen). Auch zufällige sehr ungünstige Lerngruppenzusammensetzungen, einzelne extrem verhaltensschwierige Schüler oder nicht kooperationsbereite Eltern können auch den besten Lehrer an seine Grenzen bringen.
In den meisten Fällen jedoch gibt es eine Fülle von Möglichkeiten für Lehrer, im Unterricht Disziplin herzustellen - vorausgesetzt, die Basis des gegenseitigen Respekts stimmt. Natürlich heißt „Disziplin im Unterricht“ nicht Kadavergehorsam, ängstliches Schweigen und das Fehlen jeder Fröhlichkeit und Kreativität. Disziplin heißt schlicht, dass sich alle Schüler (und natürlich auch die Lehrer) an sinnvolle, gemeinsam akzeptierte Regeln halten, zum Beispiel:
sich melden und warten, bis man drankommt,
pünktlich im Unterricht sein,
bei Gruppen- und Partnerarbeiten leise sprechen,
Hausaufgaben machen,
bei Unterrichtsgesprächen nicht reinrufen.
Wann sind Interventionen wirksam?
Neben der Grundvoraussetzung „Respekt“ braucht es folgende Klärungen, bevor die verschiedenen Möglichkeiten, Disziplin herzustellen, wirksam werden können:
Explizite Regeln
Es muss jedem klar sein und von jedem verstanden und akzeptiert sein, wie genau die Regeln für die Arbeit im Klassenraum lauten - und welche Konsequenzen die Nichteinhaltung von Regeln hat.
Sinnvolle, akzeptierte Rituale
Die disziplinierende Funktion von Ritualen besteht darin, dass sie in der Regel wortlos wirken, dass bereits kleine Signale ausreichen, um umfangreiche Folgen auszulösen. Beispiele hierfür sind das unten erwähnte Handzeichen oder der Countdown.
Konsequenzen
Nicht jeder Verstoß gegen die Regeln in der Klasse muss automatisch geahndet werden. Der klug erziehende Lehrer beherrscht den Spagat zwischen klarer Konsequenz und der Fähigkeit, Regelverstöße auch bewusst zu ignorieren, eben wie ein guter Schiedsrichter „Vorteil“ zu geben. Auf jeden Regelverstoß sofort und möglicherweise hart zu reagieren ist erzieherisch wenig sinnvoll und trägt genauso wenig dazu bei, Respekt von den Schülern zu erlangen wie es keinen Sinn macht, auf Regelverstöße gar nicht oder - was fast auf das Gleiche hinausläuft - nur mit den ewig gleichen Ermahnungen, die letztlich konsequenzlos bleiben, zu reagieren.
Weil Regelverstöße Konsequenzen haben müssen, geht es nicht ohne Strafen ab. Manche - gerade junge - Lehrer tun sich schwer mit der Vorstellung, ihre Schüler zu bestrafen. Tatsächlich aber erwarten die Schüler, dass Regelverstöße auch konsequent, angemessen und gerecht bestraft werden.
Sowohl dem Lehrer als auch den Schülern muss, bevor es „knallt“ klar sein, welche Strafen wann in Frage kommen. Strafen sollten nie spontan verhängt werden. In einer ruhigen Unterrichtssituation sollte man besprechen, um welche Strafen es geht.
„Kluge“ Strafen - natürliche Folgen
Auch die Erziehungs-Klassiker beispielsweise um Rudolf Dreykurs haben sich - zumindest verbal - um „Strafen“ herum gedrückt. Sie sprechen statt dessen lieber von „logischen“, bzw. „natürlichen“ Folgen. Gemeint ist damit ganz schlicht das Prinzip „Wer etwas kaputt macht, muss es heil machen“, also zum Beispiel: Wer am Anfang zu spät kommt, muss am Ende länger bleiben, wer etwas schmutzig macht, muss es sauber machen, wer etwas wegnimmt, muss es ersetzen, wer andere am Lernen hindert, muss etwas tun, was ihr Lernen erleichtert und letztlich auch: Wer durch permanentes Stören zeigt, dass er nicht am Unterricht teilnimmt, kann auch tatsächlich nicht am Unterricht teilnehmen.
Diese Strafen - als solche werden sie zurecht ja wahrgenommen - sind zumeist wirksam, sofern sie sparsam und mit Bedacht eingesetzt werden. Wer permanent beispielsweise „rauschmeißt“, entwertet diese Maßnahme dadurch und nimmt ihr dieWirkung. Die Wirksamkeit dieser „klugen“ Strafen („natürlichen Folgen“) wird dadurch erhöht, dass sie sich sehr einfach begründen lassen und dass sie häufig für Schüler ausgesprochen unangenehm sind.
Beispiele für solche Strafen:
Versäumten Unterricht nachholen, z.B.: Verlorene Zeit an der Tafel notieren und am Ende der Stunde oder in der nächsten Stunde nachholen
Klassenraum oder Schulräume / Pausenhof sauber machen
Übungsmaterial zur Vorbereitung auf Klassenarbeiten für die Mitschüler vorbereiten („Spickzettel“)
Gelbe / rote Karte
Die gelbe bzw. rote Karte muss man nicht erklären. Der große Vorteil besteht darin, dass der Lehrer unaufgeregt und non-verbal agieren kann. Gelbe Karte: Letzte Verwarnung. Die Konsequenz der roten Karte muss im Vorfeld geklärt sein. Sinnvoll ist hier jede Art von „klugen“ Strafen. Nur in Extremfällen sollte sie einen „Platzverweis“ bedeuten.
Ausschluss vom Unterricht
Der Ausschluss vom Unterricht, der „Platzverweis“, kann eine angemessene „natürliche Folge“ sein, sollte aber immer ultima ratio bleiben. Der Ausschluss vom Unterricht ist vor allem immer dann sinnvoll, wenn Schüler konsequent nicht auf Ermahnungen des Lehrers reagieren, wenn sie andere Schüler massiv beim Lernen behindern, wenn sie unangemessene Aufmerksamkeit und Beachtung für nicht-konstruktives Verhalten erfahren oder wenn sie schlicht eine Auszeit benötigen, um sich zu beruhigen. Wenn Schüler also zeigen, dass sie nicht am Unterricht teilnehmen können oder wollen, ist die logische Konsequenz, sie dann nicht am Unterricht teilnehmen zu lassen.
In wenigen Ausnahmefällen kann es sinnvoll sein, einen Schüler kurzfristig (also für 5 bis 10 Minuten) vor die Klassentür zu stellen. Das ist aber nur dann möglich, wenn sich der Lehrer sicher ist, dass sich der Schüler an die Absprache hält, ruhig vor der Tür zu warten, bis er vom Lehrer nach spätestens 10 Minuten wieder in der Klassenraum geholt wird.
Besser und wirksamer ist es, den störenden Schüler zu isolieren, indem er nach Absprache in den Unterricht eines Kollegen geschickt wird (siehe oben „Schüler isolieren“) oder - wie es an einigen Schulen erfolgreich praktiziert wird - in einen von einem Lehrer beaufsichtigten „Ruheraum“.
Ein Ausschluss vom Unterricht kann auch im Vorfeld verhängt werden, beispielsweise der Ausschluss von der nächsten Sportstunde.
Selbstverständlich haben Schüler in allen Fällen, in denen sie vom Unterricht ausgeschlossen wurden, die Verpflichtung, das Versäumte durch entsprechende schriftlich Aufgaben nachzuholen. Im Sportunterricht ist es beispielsweise sinnvoll, dass Schüler, die von der Teilnahme ausgeschlossen wurden, auf der Bank sitzen und ein ausführliches Stundenprotokoll anfertigen.
Das Problem: "Ich kann mich manchmal nicht durchsetzen, es dauert viel zu lange, bis die Schüler zuhören., Schüler begegnen mir und Mitschülern respektlos, distanzlos, sie gehorchen nicht, reagieren nicht oder zu langsam auf Anweisungen und Aufträge …“
Natürlich gab und gibt es Lehrer, die sich im Unterricht „Respekt“ verschaffen, indem sie ein Klima der Angst und Unterdrückung erzeugen, wie z.B. in dem in der Presse ausführlich berichteten Fall einer Realschule, in der Sechsen wie am Fließband bereits für das geringste Fehlverhalten verteilt wurden.
Wenn Schüler dann spuren, ist das allerdings kein Ausdruck von Respekt. Aber: Schüler wollen Lehrer, vor denen sie wirklich Respekt haben. Das meinen Schüler auch, wenn sie sich „strenge“ Lehrer wünschen! Keine (letztlich hilflosen) Tyrannen, Zyniker, Brüller oder Unterdrücker, sondern Persönlichkeiten, vor denen man wirklich Respekt haben muss und kann.
Was können Lehrer tun, um echten Respekt zu erhalten und um eine Atmosphäre gegenseitigen Respekts im Klassenraum herzustellen?
Überprüfen Sie, wie Sie Ihren Schülern begegnen und was Sie von ihnen halten
Auch wenn es manchmal sehr schwer fällt: Wer Respekt von anderen erwartet, muss anderen respektvoll begegnen. Das ist natürlich überaus schwierig, wenn einem beispielsweise ein pubertierender Möchtegern-Super-Macho frech und provozierend begegnet mit der Ausstrahlung: „Von Ihnen lass ich mir gar nichts sagen!“ oder sich ein Jung-Nazi mit rassistischen Pöbeleien in den Mittelpunkt stellt. Das sind Extreme, aber auch hier gilt: Der (erwachsene!) Lehrer muss es schaffen, cool zu bleiben und trotz allem auch diesen Jugendlichen korrekt, höflich und respektvoll zu begegnen. Das ist erstens wichtig, weil das laute, unangemessene, provozierende Verhalten mancher Jugendlicher ja gerade Ausdruck eigener Unsicherheit ist und des Gefühls oder der Angst, selbst nicht wirklich oder nicht genügend respektiert zu werden, vor allem, wenn sie mitten in der Pubertät stecken. Und zweitens: Wer als Lehrer Respekt erlangen will, muss seinen Schülern auch ein Vorbild sein, ein Vorbild für sachlichen, korrekten Umgang, auch wenn es hoch hergeht, ein Vorbild für das respektvolle Verhalten, das der Lehrer in der Regel ja selbst immer predigt.
Der Lehrer muss natürlich mit allen Schülern respektvoll umgehen. Kinder und Jugendliche haben ganz feine Antennen dafür, was der Lehrer von ihnen hält. Und sie werden nur schwer Respekt für jemanden empfinden, der wenig von ihnen hält, der sie vielleicht für dumm, frech oder faul hält. Und schlimmer noch: Die „self-fulfilling prophecy“, die „sich selbst erfüllende Prophezeiung“, wirkt! Das heißt: Wen der Lehrer – und sei es nur unterschwellig oder sogar nur unbewusst – als destruktiv, langsam, frech, schwierig und so weiter ansieht, der ist es auch wirklich und wird es weiter bleiben! Glücklicherweise wirkt die „selfulfilling prophecy“ auch anders herum: Wer vom Lehrer implizit mit positiven Attributen bedacht wird, verstärkt diese positiven Verhaltensweisen und Eigenschaften!
Wie kann man es schaffen, allen Schülern respektvoll und ohne Vorbehalte zu begegnen?
Entwickeln Sie aufrichtiges Interesse für den anderen: Versuchen Sie, Ihre Schüler wirklich kennen zu lernen: Wer ist das hinter dieser harten, distanzierten, vielleicht sogar unangenehmen und unsympathischen Fassade? Seien Sie offen und aufrichtig interessiert – ohne jede therapeutische Attitüde, die den anderen und sein Verhalten „wissend“ interpretiert – und dem anderen damit wiederum unausgesprochen Unterlegenheit, ja Minderwertigkeit attestiert. Aufrichtiges Interesse zeigen heißt vor allem: aufmerksam zuhören können – ohne jedes vorschnelle „ja, aber…“, heißt auch Sichtweisen und Darstellungen zunächst ohne Interpretation und Stellungnahme stehen lassen zu können. Aufrichtiges Interesse bedeutet weiterhin, sich auch mit Themen, Auffassungen, Vorlieben, Sichtweisen, Hobbies, die einem selbst sehr fremd sind, die man möglicherweise selbst ablehnt, so auseinandersetzen zu können, dass der andere nicht das Gefühl erhält, als Person abgelehnt oder pädagogisch beeinflusst zu werden. Diese Haltung des aufrichtigen Interesses, des aufmerksamen Zuhörens und des unvoreingenommenen Blicks zu entwickeln, erfordert ein hohes Maß an persönlicher Veränderungsbereitschaft, an Selbstdisziplin und selbstkritischem Blick. Sie ist aber eine zentrale Voraussetzung dafür, Respekt zu erhalten und dafür, selbst tatsächlich erzieherischen Einfluss nehmen zu können! Diese essentielle Notwendigkeit des aufrichtigen Interesses heißt also überhaupt nicht, disziplin- und respektloses Verhalten von Schülern zu entschuldigen, nach dem Motto „schwere Kindheit…“. Sie ist aber der Zentralschlüssel für Respekt und dafür, als Lehrer wirklich Einfluss nehmen zu können.
Damit dies gelingen kann, sollte der Lehrer üben, seinen nur zu verständlichen Ärger und die damit verbundenen Emotionen zu kontrollieren! Wer sich von seinen Gefühlen bei seinem professionellen Handeln (also in der Rolle des Lehrers) übermannen lässt, ist immer in der Gefahr, dem anderen respektlos zu begegnen, ironisch, vielleicht sogar zynisch, unter Umständen beleidigend und meistens viel zu laut zu sein. Natürlich gibt es immer wieder Situationen im Unterricht, in denen einen einzelne Schüler zur Weißglut bringen können. Und die meisten Lehrer meinen die Erfahrung gemacht zu haben, dass es dann nützt, so einen Störer mal so richtig zusammenzufalten. Der kurzfristige Erfolg täuscht aber. Wer Schüler beleidigt, öffentlich bloßstellt, beschimpft, anschreit, verliert nachhaltig Respekt und damit die Möglichkeit, wirklich Einfluss auszuüben. Zusätzlich bedarf es immer größerer Kraftanstrengungen, der letztlich wachsenden Respektlosigkeit des Schülers zu begegnen.
Erschwert wird der notwendige konstruktive Kontakt zu einem „schwierigen“ Schüler dadurch, dass viele Schüler geradezu über ein Elefantengedächtnis verfügen, wenn es darum geht, respektlos behandelt worden zu sein, dass sie entwürdigende Situationen buchstäblich nie vergessen. Deshalb ist es so enorm wichtig, dass der objektiv überlegene (erwachsene!) Lehrer seine Emotionen kontrolliert.
Praktisch bedeutet das zum Beispiel, in aufgeregten Situationen, in denen man merkt, dass mit dem Ärger der eigene Puls steigt, ganz bewusst leise zu sprechen, ein Pokerface aufzusetzen und kühl-distanziert, geschäftsmäßig zu agieren. Es kann auch hilfreich sein, sich bewusst zu machen, wie man den Ärger über die andere Person zum Ausdruck bringen würde, wenn es sich statt einer Lehrer-Schüler-Interaktion um eine geschäftsmäßige Situation handeln würde, etwa eine Reklamation oder um eine Situation, in der man Ärger oder Unzufriedenheit dem besten Freund gegenüber zum Ausdruck bringt. Ebenfalls hilfreich ist es, wenn es gelingt, einen Perspektivwechsel vorzunehmen, sich also kurzfristig in die „Haut“ des störenden Schülers und in seine Sichtweise der Situation hinein zu versetzen. Sich zumindest kurz vorzustellen, wie der andere in diesem Moment dieselbe Situation erlebt, die mich gerade so wütend macht, kann ungeheuer entspannend und klärend wirken. In jedem Falle ermöglicht es, sich bewusst zu machen, dass es bei jedem Konflikt objektiv zwei „Wahrheiten“ gibt – egal wie überzeugt ich (natürlich!) von der „Wahrheit“ meiner Sichtweise bin. Wer richtig souverän ist, kann es vielleicht sogar schaffen, das störende Schülerverhalten zu „reframen“, es also gedanklich in einen anderen Rahmen zu setzen, es positiv umzudeuten.
Und wie bekommt man die starke Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ in den Griff? Das gelingt nur, wenn man immer wieder seinen Blick schärft für die objektiven und tatsächlichen Stärken und Kompetenzen selbst der nervigsten und schwierigsten Störer in der Klasse, die auch diese ja tatsächlich haben! Natürlich sind Lehrer in der Regel vor allem darin geübt, Fehler zu finden und Fehlverhalten und Probleme wahrzunehmen. Und mancher Schüler macht es einem wahrlich nicht leicht einen Blick für dessen Stärken und Kompetenzen zu entwickeln. Aber auch "schwierige" Schüler haben Stärken – und manchmal gar nicht so wenige! Beim Entdecken der anderen Seite dieser „Lieblings“-Schüler können Kollegen und Mitschüler gut behilflich sein, die denjenigen, den man selbst so sehr auf dem Kieker hat, emotionsloser und damit objektiver sehen können und manchmal besser kennen.
Von großer Bedeutung ist es, gerade schwierige Schüler nicht zu schonen, sondern auch und gerade ihnen Anstrengung und herausfordernde Aufgaben zuzumuten! Auch das hat natürlich mit der mächtigen Wirkung der „self-fulfilling prophecy“ zu tun. Die z.T. nur unbewusste negative Erwartungshaltung hinsichtlich des Leistungsvermögens der Problemschüler (die z.T. auf tatsächlichen Erfahrungen, z.T. aber oft auch nur auf interpretierten „Erfahrungen“ beruht!) löst eine klassische „self-fulfilling prophecy“ aus. Und noch schlimmer: Der schonende Umgang mit schwierigen Schülern, verstärkt unbewusst auf deren Seite das Gefühl von Schwäche, was wiederum das Risiko weiterer Störungen verstärkt. Störungen, mit denen diese Schüler wiederum zeigen wollen, dass sie keineswegs schwach sind, sondern ganz tolle Typen!
Überprüfen Sie Ihr Auftreten vor der Klasse
Es ist nicht immer leicht, in manche Klassen zu gehen. Nicht nur für Berufsanfänger, selbst für manch gestandenen Lehrer ist es ein Graus, in bestimmten Klassen viele Minuten zu Beginn des Unterrichts damit zu verbringen, Ruhe herzustellen und sich als Lehrer Respekt zu verschaffen, sich „durchzusetzen“, wie Schüler es gerne nennen. Man sollte den Schülerwunsch „Setzen Sie sich doch mal durch“ (oder – über Kollegen – „Der kann sich überhaupt nicht durchsetzen“) sehr ernst nehmen als ein Signal, dass etwas im Argen liegt rumzubrüllen, Strafarbeiten zu verteilen oder sonstwie diktatorisch zu agieren. Es meint nichts Anderes, als dass der Lehrer in der Lage ist, sich echten Respekt zu verschaffen und in der Klasse ein Klima gegenseitigen Respekts herzustellen.
Neben dem im vorherigen Abschnitt angesprochenen so wichtigen Respekt des Lehrers vor seinen Schülern und seiner (Erwartungs-)Haltung ihnen gegenüber gibt es eine Reihe weiterer Aspekte, die wichtig sind, um Respekt zu erlangen.
Schüler jeder Alterstufe verfügen fast immer über allerfeinste Sensoren über nicht ausgesprochene Botschaften, Gedanken, Gefühle und Befindlichkeiten ihrer Erzieher, Eltern ebenso wie Lehrer. Sie spüren intuitiv, ob ihr Lehrer gerne in den Unterricht kommt, ob er seine Schüler mag, ob er sein Fach und das aktuelle Thema mag – oder eben nicht. Manchmal muss man das gar nicht erst großartig intuitiv erspüren, denn leider gibt es auch Lehrer, die der Klasse mit einem hochgradig missmutigen oder gar genervten Gesichtsausdruck begegnen, Lehrer, denen förmlich ins Gesicht geschrieben steht, was sie von ihren Schülern halten: absolut gar nichts nämlich. Sie vermitteln ihren Schülern genau das, was sie gerade noch in der Pause unter Kollegen lauthals beklagt haben: wie dumm, faul und nichtsnutzig ihre Schüler seien. Dies ist – wie ich aus sehr vielen Gesprächen mit Referendaren weiß, die solche Äußerungen gerade zu Beginn ihres Referendariats stark verunsichern – leider auch Realität in einigen Schulen.
Und ebenso gibt es den Fall, dass Lehrer ihren Stoff durchziehen, weil er halt dran ist, weil er im Lehrplan steht, und zugleich überdeutlich vermitteln, dass es sich dabei um ein langweiliges, trockenes Thema handelt, das sie selbst nur überaus ungern unterrichten. Wer Respekt von seinen Schülern erwartet und wer erwartet, dass seine Schüler lernen (und zwar am liebsten, dass sie gerne lernen!), hat die Pflicht, seine Schüler für die Themen, die er unterrichtet, zu begeistern, anzustecken, ja, mitzureißen!
Und der Lehrer vermittelt unterschwellig nicht nur, ob er gerne unterrichtet, seine Schüler, sein Fach, sein Thema mag, er vermittelt ebenso – und auch das zumeist unterschwellig – , ob er weiß, was er will, ob er einen Plan hat, einen klaren Plan für die Unterrichtsstunde und einen klaren Plan für den Umgang mit Störungen oder Regelverstößen. Wer keinen Plan bei Regelverstößen hat, lässt seine Schüler unbewusst spüren, dass er eigentlich Angst davor hat, dass etwas passiert, weil er nicht wirklich weiß, was er dann tun könnte oder tun müsste. Wer keinen richtigen Plan für die Unterrichtsstunde hat, verliert Respekt, weil die Schüler genau merken, dass der Lehrer schlecht vorbereitet ist oder – noch schlimmer – von der Sache, die er unterrichtet, wenig Ahnung hat, seinen Schülern bestenfalls gerade mal ein halbes Kapitel voraus ist.
Das alles zeigt der Lehrer seinen Schülern, auch wenn er gar nichts davon sagt: Er zeigt es durch seinen Gesichtsausdruck, durch seine Körperhaltung, durch seine Stimme, seine Organisation, ja, manchmal sogar durch seine Kleidung. Wer meint, dass er als Lehrer keinen echten Respekt von seinen Schülern erhält, dass er Probleme damit hat, sich durchzusetzen, sollte deshalb unbedingt einmal seine Ausstrahlung vor der Klasse kontrollieren, am besten, indem er eine Videoaufzeichnung des eigenen Unterrichts macht oder, indem er einen wohl gesonnen Kollegen bittet, sehr genau die eigene Ausstrahlung vor der Klasse zu beobachten, zu protokollieren und rückzumelden:
Welche Botschaften sendet mein Gesichtsaudruck? Zeige ich Begeisterung, Gelassenheit, positive Erwartungshaltung oder schlechte Laune, Ärger, Angst?
Welche Botschaften sendet meine Körperhaltung? Stehe ich klar, aufrecht, sicher und offen vor der Klasse oder verstecke, verkrieche ich mich, tigere ich aufgeregt im Klassenraum umher, lümmele ich mich auf das Pult oder einen Schülertisch, nach dem Motto: „alles egal“?
Welche Botschaften sendet meine Stimme? Spreche ich mit wenigen klaren Worten, deutlich, fest und bestimmt, aus dem Bauch heraus oder rede ich viel zu viel (und zeige so unbewusst meine Unklarheit und Unsicherheit)? Ist meine Stimme zu hoch, zu schrill, zu laut, kommt sie nur aus dem Hals und wirkt dadurch nicht tragend?
Welche Botschaften sendet meine Organisation? Beherrsche ich sicher den Umgang mit technischen Medien (z.B. OHP, Cassettenrecorder, Computer, Beamer…), gestalte und verteile ich übersichtliche, klare und lesbare Tafelbilder, Arbeitsblätter, Listen? Oder muss ich mich im Umgang mit technischen Medien entschuldigen („eben ging es noch…“, „kann man das erkennen…?“). Eröffne ich durch langes Hantieren mit Medien ein Spielfeld für Störungen jeder Art und zeige ich meine technische Inkompetenz coram publico.
Bin ich in Sachen Gestaltung von Tafelbildern, Folien, Arbeitsblättern ein Vorbild für meine Schüler?
Und schließlich: Welche Botschaften sendet meine Kleidung und meine äußere Erscheinung? Vermittele ich, dass ich meinen Unterricht und meine Schüler ernst nehme, indem ich meine äußere Erscheinung und meine Kleidung diesem professionellen Anlass entsprechend gestalte? Oder zeige ich, dass ich Unterricht und Schule keineswegs als professionelle Veranstaltung verstehe, indem ich im Unterricht im Campingplatz- bzw. Freizeit-Outfit erscheine?
Überprüfen Sie Ihre Sprache... Dazu mehr im Buch!