„Das Ende (Sei Shōnagon)


Es ist so dunkel geworden, dass ich nicht weiterschreiben kann. Auch die Schreibpinsel sind aufgebraucht, und ich glaube, es ist Zeit, diese Aufzeichnungen abzuschließen.

In diesen Heften habe ich während der Mußestunden, die mir der Dienst als Hofdame vergönnte, niedergeschrieben, was meine Augen gesehen und mein Herz gedacht hat. Da manche Stellen darin enthalten sind, an denen ich mich über Menschen lieblos und absprechend geäußert habe, gedachte ich, diese Aufzeichnungen zu verbergen. Trotzdem sind sie nun, sehr zu meiner Betrübnis, auch anderen bekannt geworden.


Als die Herrin einst von Naidaijin dieses hübsche Papier erhielt, fragte sie mich, was man darauf schreiben solle. Der Kaiser schlug vor, es zu einer Abschrift der „Historischen Denkwürdigkeiten“ zu benutzen. Als ich aber äußerte, es wäre schön, ein Skizzenbuch unterm Kopfkissen zu besitzen, schenkte mir die Herrin den ganzen Stoß.

Ich begann nun, in diese Kopfkissenhefte alles einzutragen, was mir in den Sinn kam und mein Herz bewegte. Hätte ich es darauf angelegt, sie mit Neuigkeiten aus aller Welt, mit Aufzeichnungen über seltsame Erlebnisse, seltsame Menschen und Dinge zu füllen oder gar mit ausgesucht schönen Gedichten und Betrachtungen über Kräuter und Bäume, Vögel und Insekten, so hätte ich sicher nur Tadel geerntet. Meine Gegnerinnen hätten mit Spott nicht gespart und gesagt:“Es ist noch schlechter, als wir es erwartet hatten! Wie deutlich zeigt sich nun ihr geringes Talent!“

Da ich aber nur zu meiner Belustigung aufschrieb, was mir einfiel, kunterbunt durcheinander, dachte ich, man würde erst recht ungünstig urteilen, nun, da fremde Augen meine Aufzeichnungen gelesen haben. Aber ich habe so viel Lob geerntet, dass ich beschämt bin.

Wie sollte ich dieses Lob auch verdient haben! Was die Welt verabscheut, nenne ich gut, und was sie preist, nennne ich schlecht. Oh, wie lassen diese Blätter jeden in mein Herz schauen! Wir bedauere ich, dass sie so allgemein bekannt geworden sind!“


Aus: Das Kopfkissenbuch der Dame Sei Shōnagon, S. 22 – 24,

marixverlag Wiesbaden, 2015