Tiefe Wunden
Gewalt gegen Frauen ausschließlich als Folge von Unwissenheit, Armut und Rückständigkeit in sogenannten Entwicklungsgesellschaften darzustellen und zugleich die entwickelte Welt als makelloses Vorbild von Zivilisation und Anstand zu betrachten, ist eine gefährliche Selbsttäuschung. Die Wahrheit ist: Die Hand, die sich gegen eine Frau erhebt, gehört nicht nur zu einem bestimmten Land, einer bestimmten ethnischen Gruppe, Religion, Kultur oder sozialen Schicht. Diese Gewalt existiert in den dunklen Gassen armer Siedlungen ebenso wie hinter den verschlossenen Türen jener hell erleuchteten Städte, in denen Menschenrechtscharta an den Wänden hängen und Gleichberechtigung bei offiziellen Veranstaltungen feierlich beschworen wird.
Der Unterschied liegt nicht darin, ob Gewalt existiert, sondern darin, wie sie ausgeübt, sichtbar gemacht und geahndet wird. An manchen Orten hinterlässt sie offen sichtbare Blutergüsse auf dem Körper einer Frau. An anderen trägt sie ein gepflegtes Gewand und verletzt ihre Seele. Manchmal ist der Schrei deutlich zu hören, doch keine Tür öffnet sich. Anderswo stehen die Türen offen, aber die Stimme der Frau wurde so tief unterdrückt, dass sie selbst Angst davor hat, ihr Leiden in Worte zu fassen.
Gewalt gegen Frauen besteht nicht nur aus Schlägen, Tritten, Ohrfeigen oder körperlichen Verletzungen. Eine Frau fortwährend zu erniedrigen, ihre Intelligenz und Fähigkeiten infrage zu stellen, ihren Charakter anzugreifen, sie finanziell abhängig zu halten, ihre sozialen Kontakte zu kontrollieren, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken, die Kinder gegen sie einzusetzen, sie in Angst und Isolation zu halten und ihr bei jeder Meinungsverschiedenheit Schweigen aufzuzwingen – all das ist ebenfalls Gewalt.
Es handelt sich um eine Form der Gewalt, deren Wunden auf keinem Foto sichtbar werden, sich jedoch wie ein Geschwür im Inneren des Menschen ausbreiten. Eine Frau wird dabei nicht an einem einzigen Tag zerstört. Sie wird Tag für Tag ein wenig mehr gebrochen. Zunächst erklärt man ihre Meinung für bedeutungslos. Danach werden ihre Entscheidungen als falsch dargestellt. Schließlich wird ihr Selbstvertrauen zerschlagen, bis der Moment kommt, in dem sie an ihrem eigenen Verstand, ihrer Erinnerung und ihren Gefühlen zu zweifeln beginnt.
Der Täter bringt sie dazu zu glauben, dass das Problem in ihr selbst liege: Sie sei zu empfindlich, verstehe die Dinge nicht richtig, ihr Verstand funktioniere nicht oder sie sei weder Achtung noch Liebe wert. Das ist nicht bloß eine harte Auseinandersetzung. Es ist ein systematischer Angriff auf das psychische Fundament eines Menschen. Sein Ziel besteht darin, die Frau an einen Punkt zu bringen, an dem sie das Unrecht nicht mehr als Unrecht erkennt, sondern als ihr Schicksal, ihre Schwäche oder ihr eigenes Versagen akzeptiert.
Wird einer Frau ihre Stimme genommen, bleibt sie äußerlich am Leben, doch in ihrem Inneren beginnt das Licht des Lebens zu erlöschen. Sie fürchtet sich davor, Entscheidungen zu treffen, schämt sich für ihre Freude, verbirgt ihr Leid und berechnet vor jedem Wort die mögliche Reaktion des Täters. Ihr Zuhause, das ein Ort der Sicherheit sein sollte, wird zu einem Gericht, in dem sie selbst angeklagt wird, sich selbst verteidigen muss und am Ende auch selbst bestraft wird.
Anhaltende körperliche, sexuelle und psychische Gewalt kann mit Depressionen, Angststörungen, Schlafproblemen, posttraumatischen Belastungsreaktionen, Suizidgedanken und weiteren schweren körperlichen und seelischen Folgen verbunden sein. Auch die Weltgesundheitsorganisation bezeichnet Gewalt gegen Frauen nicht nur als Menschenrechtsverletzung, sondern als bedeutendes Problem der öffentlichen Gesundheit.
Wenn eine Frau beginnt, den eigenen Tod als möglichen Ausweg aus ihrer Qual zu betrachten, ist dies nicht lediglich die Niederlage eines einzelnen Menschen. Es ist das kollektive Versagen der Familie, der Institutionen, des Rechtssystems und der gesamten Gesellschaft. Eine Frau, die an diesen Punkt gelangt, ist nicht schwach. Schwach ist vielmehr das System, das eine hilfesuchende Stimme nicht anhört, sondern sie zum Schweigen, zum Erhalt der Familie und zur Angst vor dem Gerede der Menschen erzieht.
In unseren Gesellschaften wird einer Frau gesagt, sie solle Geduld haben, an die Kinder denken, die Ehre der Familie bewahren und familiäre Angelegenheiten innerhalb der eigenen vier Wände belassen. Doch kaum jemand fragt den Täter, weshalb er dieses Zuhause überhaupt zerstört hat. Weshalb wird die gesamte Verantwortung für die Ehre auf die Schultern des Opfers gelegt? Weshalb werden statt des Täters plötzlich der Charakter, die Kleidung, die Sprache, die Bildung, die Berufstätigkeit und die Vergangenheit der misshandelten Frau untersucht?
In einer Gesellschaft, in der das Leben einer Frau weniger zählt als das falsche Ansehen einer Familie, ist Schweigen keine Tugend, sondern ein Helfer des Unrechts. Eine Frau unter dem Vorwand, eine Beziehung retten zu wollen, der Gewalt auszuliefern, ist keine Weisheit, sondern Feigheit. Eine Ehe, eine Partnerschaft oder eine andere Form der Verbindung verleiht keinem Menschen ein Eigentumsrecht über den Körper, den Geist oder den Willen eines anderen. Eine partnerschaftliche Beziehung beruht auf Einvernehmen, Achtung und Vertrauen. Eine Beziehung, die auf Zwang beruht, ist keine Gemeinschaft, sondern Herrschaft.
Nach den aktuellsten umfassenden internationalen Schätzungen erlebt ungefähr jede dritte Frau im Laufe ihres Lebens körperliche oder sexuelle Gewalt durch einen Partner oder sexuelle Gewalt durch eine Person, die nicht ihr Partner ist. Die Weltgesundheitsorganisation bezifferte diese Zahl im Jahr 2025 auf ungefähr 840 Millionen Frauen.
Auch Europa ist vor dieser Tragödie nicht geschützt. Laut der jüngsten gemeinsamen Erhebung der Europäischen Union haben ungefähr 31 Prozent der Frauen zwischen 18 und 74 Jahren in ihrem Erwachsenenleben körperliche Gewalt, die Androhung körperlicher Gewalt oder sexuelle Gewalt erlebt. Das entspricht ungefähr 50 Millionen Frauen. Für die Untersuchung wurden mehr als 114.000 Frauen in allen 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union befragt.
Diese Zahlen sind eine harte Anklage gegen selbstgefällige Vorstellungen von Zivilisation. Hohe Gebäude, starke Volkswirtschaften, moderne Universitäten und Menschenrechtsgesetze machen eine Gesellschaft nicht automatisch zu einem sicheren Ort für Frauen. Das Vorhandensein von Gesetzen ist notwendig, doch Paragraphen in Gesetzbüchern allein reichen nicht aus. Die eigentliche Prüfung besteht darin, ob eine betroffene Frau die Polizei erreichen kann, ob ihrer Aussage geglaubt wird, ob sie eine sichere Unterkunft erhält, ob das Gerichtsverfahren sie nicht zusätzlich erniedrigt und ob der Täter tatsächlich zur Verantwortung gezogen wird.
Bereits im Jahr 2014 wurden für eine Untersuchung der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte 42.000 Frauen befragt. Damals erklärten 33 Prozent, seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche oder sexuelle Gewalt erfahren zu haben. Fünf Prozent berichteten von einer Vergewaltigung.
Hinter diesen Prozentangaben stehen keine abstrakten Zahlen, sondern lebendige Menschen mit zerstörten Lebenswegen. Hinter jeder Zahl steht eine Frau, die möglicherweise jahrelang Verletzungen unter langen Ärmeln verborgen, vor ihren Kindern Tränen zurückgehalten, am Arbeitsplatz ein normales Lächeln vorgetäuscht und nachts aus Angst vor genau dem Menschen wach gelegen hat, den sie einst für ihren Beschützer hielt.
Viele Frauen ertragen Gewalt nicht deshalb, weil sie die Misshandlung wünschen oder ihre Lebenssituation nicht verändern wollen. Sie können mit finanzieller Abhängigkeit, der Sicherheit ihrer Kinder, Wohnungsproblemen, familiärem Druck, komplizierten Gerichtsverfahren, gesellschaftlicher Stigmatisierung, Sprachbarrieren, einem unsicheren Aufenthaltsstatus und der Angst vor Mord oder noch schwererer Gewalt konfrontiert sein. Der Ausweg, der auf dem Papier einfach erscheint, kann in der wirklichen Welt äußerst gefährlich und kompliziert sein.
Auch muss verstanden werden, dass die Anwesenheit von Kindern nicht nur ein Grund sein kann zu gehen. Manchmal ist sie gerade der Grund, weshalb eine Frau gezwungen ist zu bleiben. Ein Täter kann Kinder als Mittel der Drohung, Überwachung und emotionalen Erpressung einsetzen. Die Frau kann befürchten, dass ihr die Kinder nach einer Trennung weggenommen werden, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht sichern kann oder dass die Gewalt weiter eskaliert.
Eine der abscheulichsten Formen sexueller Gewalt ist jene, die unter dem Vorwand eines ehelichen Rechts gerechtfertigt werden soll. Das Schweigen einer Frau bedeutet keine Zustimmung. Angst ist keine Zustimmung. Wirtschaftliche Abhängigkeit ist keine Zustimmung. Und ein Ehevertrag ist keine dauerhafte Einwilligung. Jede sexuelle Handlung setzt eine freiwillige Zustimmung voraus. Das Nein einer Frau zu ignorieren, sie zu bedrohen, zu zwingen oder körperliche Gewalt anzuwenden, ist keine eheliche Nähe, sondern sexuelle Gewalt.
Manche Frauen werden gezwungen, pornografische Inhalte anzusehen, gegen ihren Willen sexuelle Handlungen vorzunehmen oder erniedrigende Situationen zu ertragen. Solche Straftaten als private Angelegenheit zwischen Ehepartnern abzutun, bedeutet, den Täter zu schützen. Die vier Wände eines Hauses verwandeln ein Verbrechen nicht in etwas Ehrenhaftes. Ob ein Verbrechen im Haus oder außerhalb geschieht, es bleibt ein Verbrechen.
Ebenso ist es falsch, Gewalt grundsätzlich mit einer psychischen Erkrankung des Mannes zu erklären. Nicht jeder psychisch erkrankte Mensch ist gewalttätig. Im Gegenteil: Viele psychisch erkrankte Menschen sind selbst einem erhöhten Risiko ausgesetzt, Opfer von Gewalt zu werden. Bei Gewalt können Macht, Kontrolle, geschlechtsspezifische Ungleichheit, erlernte Verhaltensmuster, Besitzdenken und die Überzeugung, ohne Konsequenzen davonzukommen, eine wichtige Rolle spielen. Die Weltgesundheitsorganisation ordnet Gewalt gegen Frauen ausdrücklich in den Zusammenhang geschlechtsspezifischer Ungleichheit ein.
Ebenso wenig ist die Aussage richtig, dass Gewalt gar nicht erst entstehe, wenn Mann und Frau sich zu Beginn einer Beziehung nur gut genug kennenlernen. Geistige und emotionale Übereinstimmung ist für eine gesunde Beziehung wichtig, doch Meinungsverschiedenheiten rechtfertigen niemals Gewalt. Zwei Menschen können unterschiedliche Persönlichkeiten haben, ihre Vorstellungen können miteinander kollidieren, Liebe kann enden und eine Beziehung kann scheitern. Nichts davon berechtigt einen Menschen dazu, einen anderen zu schlagen, zu bedrohen, einzusperren, zu demütigen oder sexuell zu zwingen.
Gewalt ist nicht das unvermeidliche Ergebnis eines Streits, sondern die bewusste Überschreitung einer Grenze. Ein zivilisierter Mensch spricht bei Meinungsverschiedenheiten, sucht Unterstützung, schafft Abstand oder beendet die Beziehung. Er zerstört keinen anderen Menschen, um seine eigene Überlegenheit zu beweisen. Wer eine Meinungsverschiedenheit in Gewalt verwandelt, muss die volle Verantwortung für seine Tat übernehmen.
Auch der Verzicht auf eine Ehe oder das Leben in einer unverbindlicheren Partnerschaft ist kein automatischer Schutz vor Gewalt. Gewalt kann sowohl in ehelichen als auch in nichtehelichen Beziehungen vorkommen. Entscheidend ist nicht die Bezeichnung der Beziehung, sondern der Umgang mit Macht, Zustimmung, Achtung, Freiheit und Verantwortlichkeit innerhalb dieser Beziehung. Eine Verbindung, in der ein Mensch die vollständige Kontrolle über das Telefon, die Kleidung, die Freundschaften, das Geld, den Körper und das Leben des anderen beansprucht, ist keine gesunde Beziehung – unabhängig davon, ob sie Ehe oder Freundschaft genannt wird.
Die Lösung dieses Problems liegt auch nicht ausschließlich in härteren Strafen, obwohl wirksame Gesetze und eine konsequente Strafverfolgung unverzichtbar sind. Prävention muss bei der Erziehung von Kindern, bei der Achtung der Geschlechter, bei emotionaler Bildung und bei der Überwindung der Vorstellung beginnen, Männlichkeit bedeute Wut, Befehl und Dominanz. Jungen müssen lernen, dass eine Ablehnung keine Beleidigung ist, dass eine Frau kein Eigentum ist, dass Liebe nicht Überwachung bedeutet und dass Macht keine Erlaubnis zur Gewalt darstellt.
Polizei, Gerichte, Krankenhäuser, Bildungseinrichtungen, religiöse und gesellschaftliche Verantwortliche sowie die Medien müssen ihre Pflichten übernehmen. Eine betroffene Frau darf nicht mit Misstrauen betrachtet werden. Sie braucht Schutz, Vertraulichkeit, rechtliche Unterstützung, psychologische Hilfe und eine sichere Unterkunft. Auch die Medien dürfen ihre Identität und ihr Privatleben nicht zum öffentlichen Schauspiel machen, sondern müssen den Täter, das Versagen der Institutionen und die gesellschaftlichen Strukturen kritisch hinterfragen.
Eine Frau darf nicht gezwungen werden zu beweisen, wie stark sie sich gewehrt hat, wie oft sie Hilfe gesucht hat oder weshalb sie nicht früher gegangen ist. Die eigentlichen Fragen müssen lauten: Weshalb hat der Täter Gewalt ausgeübt? Weshalb haben die Institutionen so spät eingegriffen? Und weshalb hat die Gesellschaft eine Mauer des Schweigens um ihn errichtet?
Gewalt gegen Frauen ist kein privates Problem von Frauen, sondern eine moralische, rechtliche und zivilisatorische Prüfung für die gesamte Menschheit. Eine Gesellschaft, die ihre Frauen zwingt, in Angst zu leben, bleibt innerlich hohl, gleichgültig wie laut sie ihren Fortschritt verkündet. Der Maßstab einer Zivilisation sind nicht der Glanz ihrer Straßen, die Höhe ihrer Gebäude oder die Größe ihrer Wirtschaft. Ihr wahrer Maßstab ist, wie sicher, frei und geachtet sich eine Frau in ihrem Zuhause, an ihrem Arbeitsplatz, auf der Straße und in ihren Beziehungen fühlen kann.
Die Zeit, in der Frauen zum Schweigen aufgefordert werden, muss enden. Nicht das Opfer ist zum Schweigen verpflichtet, sondern der Täter muss Rechenschaft ablegen. Wunden dürfen nicht länger verborgen werden. Statt die Ehre des Täters zu schützen, muss das Leben der betroffenen Frau geschützt werden. Nicht der künstliche Ruf einer Familie, sondern die Würde des Menschen muss an erster Stelle stehen.
Denn eine Wunde am Körper kann mit der Zeit vielleicht heilen. Doch eine Wunde, die durch fortwährende Erniedrigung, Angst, Zwang und Hilflosigkeit in die Seele geschlagen wird, kann ihr Gift über Generationen weitertragen. Die Behandlung dieser tiefen Wunden besteht nicht darin, Frauen noch mehr Geduld zu predigen. Sie besteht darin, die Hand des Täters aufzuhalten, das Schweigen zu brechen und die Gerechtigkeit bis vor die Tür der betroffenen Frau zu bringen.
Shahid Shakil
2026-07-17