Bildung oder Unwissenheit
In Pakistan wird viel über Bildung gesprochen, aber über Sprache und Lehrkräfte wird nicht so kritisch gesprochen, wie es eigentlich nötig wäre. Wir schicken ein Kind in die Schule, geben ihm ein Buch in die Hand, lassen es ein Heft aufschlagen und denken dann, dass Bildung begonnen hat. Bildung beginnt aber erst dann, wenn das Kind versteht, was gesagt wird, Fragen stellen kann, die Anweisungen der Lehrkraft begreift und seine Schwierigkeiten ausdrücken kann. Wenn das Kind die Sprache nicht versteht, ist das Buch vor ihm nur ein Gegenstand, aber kein Wissen.

Ein fünf- oder sechsjähriges Kind spricht die Sprache, die zu Hause gesprochen wird. Wenn zu Hause Paschtu gesprochen wird, versteht das Kind Paschtu. Wenn zu Hause Punjabi gesprochen wird, versteht es Punjabi. Wenn zu Hause Sindhi, Saraiki, Belutschisch oder eine andere Sprache gesprochen wird, versteht das Kind genau diese Sprache. Daran trägt das Kind keine Schuld. Ein Kind wählt seine Sprache nicht selbst aus. Es lernt sie von seinem Zuhause, seinen Eltern, seinen Geschwistern und seiner Umgebung.

Das Problem beginnt dort, wo Eltern mit ihrem Kind kein Urdu sprechen, aber dann von genau diesem Kind erwarten, dass es in der Schule die Sprache der Lehrkraft, die Sprache des Buches, die Sprache der Hausaufgaben und die Sprache der Prüfungen sofort versteht. Das ist keine berechtigte Erwartung, sondern eine Ungerechtigkeit gegenüber dem Kind. Die Muttersprache soll ihren Platz behalten. Es geht nicht darum, die Sprache des Hauses abzuschaffen. Es geht darum, dass man ein Kind in Pakistan ohne Grundlage im Urdu in das Bildungssystem schickt. Das ist so, als würde man ihm die Füße fesseln und es dann an einem Rennen teilnehmen lassen.

Urdu ist in Pakistan die nationale Verständigungssprache. Wenn ein Kind sich auf Urdu nicht ausdrücken kann, keine Fragen stellen kann und die Lehrkraft nicht versteht, bleibt es auch dann außerhalb der Bildung, wenn es im Klassenzimmer sitzt. Es ist zwar in der Klasse anwesend, erreicht aber den Unterricht nicht wirklich. Danach sagen wir, das Kind sei schwach. Schwach ist nicht das Kind, sondern das Zuhause, das das Kind nicht mit Urdu verbunden hat. Schwach ist die Denkweise, die glaubt, Sprache komme von selbst. Sprache kommt nicht von selbst. Sprache wird zu Hause gesprochen, gelehrt, wiederholt und setzt sich dann im Kind fest.

Damit ist die Verantwortung aber nicht allein bei den Eltern beendet. Ein noch größeres Problem ist die Lehrkraft. Wenn ein Kind in die Schule kommt, ist die Lehrkraft seine erste Orientierung. Wenn die Lehrkraft selbst kein klares Urdu sprechen kann, keine eindeutigen Anweisungen geben kann und nicht altersgerecht mit dem Kind spricht, was soll sie dem Kind dann beibringen? Die Aufgabe einer Lehrkraft besteht nicht nur darin, einen Unterrichtsstoff vorzulesen oder abzuarbeiten. Die Aufgabe einer Lehrkraft besteht darin, einen Weg zum Denken des Kindes zu finden. Wenn dieser Weg schon durch die Sprache verschlossen ist, wie soll Bildung dann eintreten?

In Pakistan wird an vielen Orten ein Abschluss bereits mit Lehrfähigkeit verwechselt. Jemand bekommt ein Papier, erhält eine Stelle, bekommt eine Klasse und wird dadurch als Lehrkraft betrachtet. Aber Lehrkraft zu sein ist nicht nur ein Beruf. Eine Lehrkraft braucht Sprache, Unterrichtsmethode, Geduld und Verständnis für die Psyche des Kindes. Wenn eine Lehrkraft selbst gebrochenes Urdu spricht, Zusammenhänge nicht erklären kann, die Schwierigkeit des Kindes nicht versteht und dann von demselben Kind klare Antworten verlangt, dann ist das keine Bildung, sondern ein Schauspiel.

Wenn ein Kind Hausaufgaben falsch macht, heißt es sofort, das Kind sei faul. Wenn es keine Antwort gibt, heißt es, es sei unfähig. Wenn es schweigt, heißt es, es wolle nicht lernen. Warum fragt niemand, ob das Kind die Anweisung überhaupt verstanden hat? In welcher Sprache und auf welche Weise hat die Lehrkraft erklärt? Wurde dem Kind die Möglichkeit gegeben, Fragen zu stellen? Schwieg das Kind aus Angst oder wusste es wirklich nichts? Wenn diese Fragen nicht gestellt werden, beginnt das Unrecht gegenüber dem Kind.

Die schlimmste Form dieses Unrechts ist körperliche Gewalt. In vielen Gegenden Pakistans werden Kinder noch immer mit Stock, Ohrfeigen, Demütigung und Angst „unterrichtet“. Das ist kein Unterricht, sondern das Zerbrechen einer kindlichen Persönlichkeit. Ein Kind zu schlagen, das die Sprache nicht verstanden hat, ist Unwissenheit. Ein Kind als unfähig zu bezeichnen, obwohl es die Hausaufgabenanweisung nicht klar erhalten hat, ist Unwissenheit. Ein Kind vor der ganzen Klasse zu beschämen, weil es den Ton oder die Sprache der Lehrkraft nicht verstanden hat, ist Unwissenheit. Ein Stock macht aus einem Kind keinen Gelehrten. Ein Stock macht ein Kind der Bildung gegenüber abgeneigt.

In einer Klasse, in der die Sprache der Lehrkraft schwach ist, aber ihre Hand stark, entsteht kein Wissen, sondern Angst. Das Kind fürchtet sich nicht vor dem Buch, sondern vor der Lehrkraft. Nach und nach entfernt es sich auch vom Buch. In seinem Herzen setzt sich die Vorstellung fest, dass Lernen Schläge, Tadel und Demütigung bedeutet. Dann flieht es vor der Schule, vor dem Unterricht und vor Fragen. Später nennt die Gesellschaft es unwissend, aber sie schaut nicht darauf, wer dieses Kind in Richtung Unwissenheit gedrängt hat.

Betrachten wir nun die Situation in Deutschland gesondert. Auch dort ist nicht alles ideal. Auch dort gibt es Lehrkräftemangel, auch dort haben Kinder mit ausländischem Hintergrund Sprachprobleme, und auch dort ist nicht jede Schule gleich. Aber Lehrkraft zu werden bedeutet dort nicht nur, ein Papier zu erhalten. Eine Lehrkraft wird an der Universität ausgebildet und anschließend im schulischen Umfeld praktisch geschult. Sie beobachtet Unterricht bei erfahrenen Lehrkräften, lernt Unterricht vorzubereiten, lernt mit Kindern zu sprechen, reflektiert eigene Fehler und durchläuft Prüfungsphasen. Ihr wird vermittelt, dass ein Kind keine Maschine ist, sondern ein Mensch.

In Deutschland wird von einer Lehrkraft erwartet, dass sie dem Kind nicht nur Befehle gibt, sondern Dinge erklärt. Wenn ein Kind etwas nicht versteht, wird das Problem nicht nur beim Kind gesucht; auch die Methode der Lehrkraft wird betrachtet. Wie wurde der Unterrichtsstoff erklärt? War die Sprache klar? Wurde das Niveau des Kindes berücksichtigt? Wurde einem schwächeren Kind Unterstützung gegeben? Genau dieser Unterschied verändert die Atmosphäre im Klassenzimmer. Wenn die Lehrkraft Orientierung gibt, entwickelt sich das Kind weiter. Wenn die Lehrkraft wie ein Herrscher auftritt, wird das Kind unterdrückt.

Auch in Deutschland sprechen Kinder zu Hause unterschiedliche Sprachen. Manche sprechen Türkisch, manche Arabisch, manche Russisch, manche Polnisch oder eine andere Sprache. Doch die Aufgabe der Schule besteht darin, das Kind zur deutschen Bildungssprache hinzuführen. Ein Kind wird nicht sofort als unfähig abgestempelt, nur weil es sprachlich schwach ist. Dafür gibt es Unterstützung, zusätzliche Übung, Sprachförderung und pädagogische Begleitung. Auch dort gibt es Mängel, aber der Grundsatz lautet: Sprache ist die Grundlage der Bildung, und die Lehrkraft ist der Baumeister dieser Grundlage.

Pakistan muss dieselbe Sache verstehen, aber entsprechend der eigenen Verhältnisse. Hier muss das Kind in der nationalen Sprache Urdu gestärkt werden. Eltern sollen zu Hause selbstverständlich ihre Muttersprache sprechen, aber sie sollen mit dem Kind auch Urdu sprechen. Ein Kind muss genug Urdu können, um in der Schule mit der Lehrkraft zu sprechen, das Buch zu verstehen, Hausaufgabenanweisungen zu begreifen und seine Schwierigkeiten auszudrücken. Das ist die Verantwortung der Eltern. Man kann ein Kind nicht einfach in die Schule schicken und sich dann für frei von Verantwortung halten.

Auf der anderen Seite muss auch die Lehrkraft ihre Verantwortung verstehen. Eine Lehrkraft muss klares Urdu sprechen. Sie muss wissen, wie man einem Kind etwas erklärt. Anweisungen müssen kurz, klar und dem Alter des Kindes entsprechend sein. Fehler eines Kindes dürfen nicht zu einem Verbrechen gemacht werden. Wenn ein Kind etwas nicht versteht, muss man es zuerst erklären. Wenn es dann immer noch nicht versteht, muss die Methode geändert werden. Eine Lehrkraft, die ein Kind schlägt, versteckt ihre eigene Schwäche; sie vermittelt kein Wissen.

Im Bildungsproblem Pakistans sind drei Dinge miteinander verbunden: die Sprache des Elternhauses, die Sprache der Lehrkraft und die Angst im Klassenzimmer. Das Zuhause gibt keine Grundlage im Urdu, die Lehrkraft gibt keine klare Führung auf Urdu, und danach wird das Kind in Angst eingeschlossen. Dann werden Buch, Schule und Prüfung für das Kind zur Last. In einem solchen Umfeld von einem Kind kreative Gedanken, Fragen, Argumente und Erfolg zu erwarten, ist Selbsttäuschung.

Wenn Bildung gestärkt werden soll, muss zuerst die Sprache gestärkt werden. Das Kind muss im Urdu sicher stehen können. Die Lehrkraft muss wirklich zur Lehrkraft gemacht werden, nicht nur zu einem angestellten Menschen mit Abschluss. Stock, Ohrfeigen, Demütigung und Angst müssen aus dem Klassenzimmer verschwinden. Bevor man ein Kind unfähig nennt, müssen Eltern ihre Verantwortung betrachten, die Lehrkraft ihre Sprache prüfen und die Schule ihr Umfeld hinterfragen. Wenn ein Kind Sprache, Orientierung und Sicherheit erhält, wird es lernen. Andernfalls werden wir weiterhin Schulen füllen, aber das Wissen wird leer bleiben.

Shahid Shakil

2026-07-08