2018  -  3. Platz beim Kart-Iron-Man

22.03.2018 - Zwei Stunden. Plus 15 Minuten Qualifying. Alleine. Wer schon mal Kart gefahren ist kann erahnen wie anstrengend das ist. Den meisten geht schon nach ein paar Minuten die Puste aus. Ich fahre nun schon seit über 20 Jahren Rennen, aber länger als eine Stunde bin ich nur ein einziges Mal gefahren. Im Rahmen eines 6-Stunden-Rennens im Jahr 2004 waren es 90 Minuten am Stück, die ich allerdings teuer bezahlt habe: die Hälfte der linken Handfläche bestand nach meinem Turn aus rohem Fleisch und herunterhängenden Hautfetzen. Die Belastung der Hände durch die direkte Lenkung ist beim Kartfahren enorm und genau dort habe ich leider eine Schwachstelle.

Ich gebe zu, dass ich mir deshalb mehr als einmal überlegt habe, diese Tortur auf mich zu nehmen. Aber man wächst ja bekanntlich mit seinen Aufgaben, und so nahm ich mir vor beim „Iron-Man“, einem im Rahmen der Kart-Bundesliga beim auf zwei Stunden angesetzten Einzelrennen im MS Kartcenter Kerpen zu starten. Im Gegensatz zum Rennen im Jahr 2004 begann ich dieses Vorhaben aber mit mehr Vorbereitung und allmählich gesteigertem Belastungstraining.

Vier Wochen vor dem Rennen wollte ich erst mal testen, wie es mir und meinen Händen nach 60 Minuten Kartfahren am Stück geht. Bei den Vereinsrennen im Eifeljäger Kartteam (2002-2012) war das die übliche Fahrzeit, wenn auch von zwei kurzen Pausen nach dem Qualifying und zwischen den beiden Rennläufen unterbrochen. Doch schon diese Distanz war ich seit 6 Jahren nicht mehr gefahren. So stand ich also eines Morgens um 10 Uhr als erster vor dem Kartcenter. Da um diese Zeit wenig los ist, konnte ich statt in üblichen Ticketläufen eine ganze Stunde im gleichen Kart durchfahren. Das ist nicht selbstverständlich, deshalb an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an das Team vom MS Kartcenter! Nach diesem ersten Test war ich eigentlich recht zuversichtlich, denn da ging es mir noch ganz gut. Die übliche Erschöpfung nach einer Stunde Sport eben. 

Als nächstes besorgte ich mir in der Apotheke ein Sport-Tape für die Hände, denn der nächste Test sollte die letztes mal so kritische 90-Minuten-Marke übertreffen, und das möglichst ohne verletzte Handflächen. Nach einigen Versuchen hatte ich eine gute Taping-Variante herausgefunden und startete wieder morgens, dieses Mal zu einem 100-Minuten-Testlauf. Danach ging es mir schon nicht mehr ganz so gut wie nach den 60 Minuten. Die Hände hatten zwar gehalten, waren aber kurz davor aufzugehen. Anschließend noch weitere 35 Minuten ohne Verletzungen zu fahren erschien mir zu diesem Zeitpunkt unmöglich.

Als ich meinem alten Kart-Freund Christoph Scheibke vom Iron-Man-Rennen erzählte, gab er mir einen sehr hilfreichen Tip: „Reib Dir ein paar Tage vor dem Rennen regelmässig die Hände mit Hirschtalg ein, dann wird die Haut elastisch und geht nicht so leicht ab.“ Also wieder in die Apotheke und einen Hirschtalg-Stift besorgt. So präpariert meldete ich mich zur Teilnahme an, ein Zurück gab es nun nicht mehr.

In den Trainings-Sessions konnte ich zudem testen, wie es mit meiner Konzentration über eine so lange Renndistanz aussehen würde. Hier hatte ich eigentlich kein Problem, nach 90 Minuten fuhr ich mit den üblichen Schwankungen von 0,2 - 0,3 Sekunden die gleichen Rundenzeiten wie zu Beginn. Dennoch ist es nicht leicht sich über eine so lange Zeit so zu fokussieren, dass man wirklich jede Kurve immer optimal trifft. Immer wieder schleichen sich kleine Fehler ein, die Hunderstel- und manchmal Zehntel-Sekunden kosten. Zeitweise aber fährt man sich gefühlsmässig „in einen Tunnel“ und nimmt eigentlich gar nichts mehr wahr außer dass man am (persönlichen) Limit fährt. Das absolute Leben im Hier und Jetzt, wird auch „Flow“ genannt und ist ein Zustand, den ich sonst hauptsächlich beim Musizieren erfahre.

Dass das Rennen anstrengend werden würde, war klar. Wo ich am Ende landen würde eher nicht. Da es sich um einen Wertungslauf der Kart-Bundesliga handelte, erwartete ich eine entsprechend fitte und schnelle Konkurrenz und da ich mit meinem Gewicht inkl. Ausrüstung über 100kg auf die Waage bringe und damit eh schon einen gewaltigen Nachteil habe (Mindestgewicht waren 85kg), rechnete ich mir eigentlich gar nichts aus. Durchhalten, gesund bleiben und nicht Letzter werden war die ursprüngliche Devise.

Daher war mein 3. Platz im Qualifying schon überraschend. Es war eine gute Runde gewesen, aber dass sie mich so weit nach vorne bringen würde, hätte ich nicht gedacht. Also ging es von Startplatz 3 ins Rennen. Nach dem Start konnte ich das Tempo an der Spitze kurz mitgehen, aber dann machte sich mein Gewichtshandicap bemerkbar: die Beschleunigung ist einfach schlechter, wenn der gleiche Motor umgerechnet zusätzliche zwei Kisten Wasser mitbeschleunigen muss. Bei 20 kg sind das pro Runde 0,6 Sekunden. Macht bei 150 Rennrunden also 90 Sekunden bzw. zwei Runden.

Und genau diesen Rückstand hatte ich am Ende auch auf das 85kg-Spitzenduo, dessen fahrerische Leistung dies aber keinesfalls schmälern soll. Auch bei gleichem Gewicht wären sie an diesem Tag vor mir über die Ziellinie gefahren, da bin ich mir nach Durchsicht der Rundenzeiten sicher. 

Die Tagesbestzeit fuhr KSF-Erftland-Kollege Marc Baingo mit 47,453 Sek. Das ist bockstark und das muss erst mal einer nachmachen. Auch Sieger Helmut Neumann war mit 47,550 sehr schnell unterwegs. Die beiden Erstplatzierten trennten am Ende sage und schreibe 0,22 Sekunden. Und das nach zwei Stunden Stoßstange an Stoßstange: was für ein episches Duell! Absoluter Wahnsinn. Meine Bestzeit lag bei 48,139 Sekunden und damit ziemlich genau die gewichtsbedingten 0,6 Sekunden dahinter. 

Aber ich war tatsächlich auf dem Podium und der Vorsprung auf den 4. Platz betrug am Ende sogar mehr als eine Runde. Wer hätte das gedacht? Ich nicht. Aber da einige fahrerisch starke Teilnehmer (warum auch immer) nicht angereist waren hab ich als blindes (schweres) Huhn auch mal ein Korn gefunden... ;-)

Und die Hände? Ich sag mal so: es war grenzwertig. Eine halbe Stunde vor dem Rennende merkte ich, wie es langsam kritisch wurde und in der linken Handfläche zu ziehen begann. Ich habe versucht die Hand zu entlasten, was halbwegs funktioniert hat und die trotz allem entstandene Blase in absolut erträglichem Rahmen gehalten hat.

Ansonsten war ich nach diesen insgesamt 170 Runden etwas erschöpft, um es mal vorsichtig zu formulieren. Tröstend fand ich, dass es den anderen auch nicht anders ging. O-Ton Marc: „Ich spüre nichts mehr!“ O-Ton Helmut: „Ich befürchte, wir werden das vor allem morgen merken!“ Er sollte (zumindest was mich betrifft), absolut richtig liegen: ich spürte meine Knochen und Muskeln in der anschließenden Nacht und den nächsten zwei Tagen noch sehr deutlich.

Aber es war eine tolle Erfahrung, an die persönlichen Grenzen gegangen und sie sogar noch ein Stück weiter geschoben zu haben. Ob ich noch mal ein Iron-Man-Rennen fahre? Schaun mer mal... :-)