2014 - George Whitty - "Renaissance Man"
05.10.2014 - „I‘m the first of the second call keyboarders...“ Die Untertreibung des Jahres und der Beweis, dass der mehrfache Grammy-Gewinner George Whitty neben unfassbarem musikalischen Talent auch eine gute Portion Humor besitzt. Doch immer der Reihe nach. Als ich im Jahr 2001 mein Konzert-Examen am Conservatorium in Enschede spielte, stand mit „Renaissance Man“ ein Titel von George Whitty auf dem Programm. Diesen hatte er für Michael Brecker‘s Album „Time Is Of The Essence“ geschrieben, wo aber nicht er selbst, sondern Larry Goldings die Hammond spielte.
Es war nicht ganz einfach, diesen Titel zu transkribieren. Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich mit meinem „Prof.“ John Hondorp im Unterrichtsraum saß und wir gemeinsam die vertrackten Harmonien und vor allem die bei der Hammondorgel an manchen Stellen wirklich sehr schwer zu ortende Basslinie herausgehört haben. Irgendwann hatten wir dann auch ein Ergebnis, von dem wir meinten: „Das müsste es wohl sein. Wahrscheinlich.“ Damals hätte ich wirklich nicht gedacht, dass mir George Whitty mal das Original-Sheet per E-Mail schickt, während ich neben ihm stehe!
Wie es dazu kam? Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich schon seit 25 Jahren ein Bewunderer dieses Ausnahme-Keyboarders bin, den viele von euch gar nicht kennen werden, weil weniger er als vielmehr seine berühmten Mitmusiker im Rampenlicht stehen: Herbie Hancock, The Brecker Brothers, Chaka Khan, Carlos Santana, Celine Dion... na, klingelt‘s?
Nachdem ich mich vor einigen Monaten noch geärgert hatte, das Konzert seiner Gruppe „Third Rail“ in Zülpich verpasst zu haben, bot sich nun die Gelegenheit quasi direkt vor der Haustür bei einem Konzert in Kerpen-Sindorf. Und das Witzige daran: mit Thomas Lieven am Schlagzeug und Fritz Roppel am Bass standen gleich zwei meiner Challenge-Band-Kollegen mit auf der Bühne. Und auch mit Posaunist Adi Becker hatte ich schon zusammen gespielt.
Also auf nach Sindorf zu „Adi Becker & The Fonk Supporters Club feat. George Whitty“. Neben Funk-Klassikern wie „Walk Tall“ wurde u.a. auch „Renaissance Man“ gespielt. Wirklich cool, nach 13 Jahren das „Original“ aus nächster Nähe zu sehen und zu hören.
Nach dem Konzert hab ich George die Story mal erzählt und er fand es klasse. „You really transcribed it? There really is some crazy shit going on in that piece...“ Ach nee... :-) Was dann folgte, verbuche ich mal unter der Rubrik „Erinnerungen für‘s Leben“ und ist wirklich einen Eintrag in diesen Blog wert.
George Whitty ist nicht nur ein Wahnsinns-Keyboarder. Er ist auch ein wirklich netter und sympathischer Typ, der mir in der folgenden Viertelstunde nicht nur ein paar nette Anekdoten zu den Aufnahmen von „Renaissance Man“ erzählte, sondern auch eine kleine „Unterrichtsstunde“ gab und mir besagtes Sheet mailte.
Als ich meinte, dass mir Goldings auf der Aufnahme sehr gefallen hatte, stimmte er zu: „Yeah, he played the shit out of that tune!“ Dabei war es „erst“ der 4. Take, der es auf die CD schaffte. Die vorangegangenen Takes waren zu sehr nach vorne gespielt und man war sich einig, dass dies nicht der richtige Zugang zu dem Stück war. Also startete man eine Version, die man „auf kleiner Flamme köcheln ließ und dadurch eine ganz eigene Dynamik entfalten konnte. Die war es dann und alle waren happy mit dem Ergebnis. „Alle“ waren neben Larry Goldings u.a. eben Michael Brecker, Pat Metheny und Bill Stewart. Und eben George Whitty, der hinter dem Mischpult saß und diese sagenhafte Combo produzierte.
Ich sprach ihn dann noch auf seine Improvisationen an und meinte, dass ich zwar direkt daneben stehen könne, aber trotzdem nicht den Hauch eines Schimmers hätte, was er da teilweise veranstaltet. Und was macht George? Statt das Ganze mit einem Lachen abzuwinken, erklärt er mir anschaulich, dass es sich dabei eigentlich um typische II-V-I -Bebop-Licks handele, die aber verschoben sind und mit den dadurch entstehenden Tensions eine interessantere Harmonik entwickeln. Da wir grade an seinem Keyboard standen, lieferte er mir auch gleich noch ein, zwei Beispiele und verweist mich auf seine Internetseite, wo ich das ganze noch mal eingehender und in Ruhe studieren könne. Einfach klasse, der Typ!
Versteht sich fast von selbst, dass es anschließend noch ein gemeinsames Foto und eine signierte CD gab, die er mir sogar schenken wollte, weil ich mir die Mühe gemacht und „Renaissance Man“ rausgehört hatte. Ich hatte die CD aber schon in der Pause gekauft und bezahlt. Und das war auch gut so. George Whitty hatte mir an diesem Abend wirklich schon genug geschenkt... :-)