2009 - Und noch ne X-Bow-Probefahrt

01.09.2009 - Ja ich weiß, ich hab ne Schraube locker. 2008 ein Fahrtraining, letzten Monat eine Mitfahrt in Hockenheim und jetzt schon wieder ein Ausflug im X-Bow, dieses Mal beim offiziellen Service-Partner. "So langsam muss er doch wissen, wie das Auto fährt" mag sich mancher denken. Weiß ich ja auch, und genau darum nutze ich jede sich bietende Gelegenheit, diesen Wagen zu fahren! Nicht umsonst ist der X-Bow "Sports Car of the Year 2008".

Das britische BBC-Automagazin Top Gear kürt einmal im Jahr den (natürlich nur ihrer Meinung nach) besten Sportwagen. Im Jahr 2008 standen Modelle u.a. von Lamborghini, Porsche, Ferrari und Aston Martin zur Wahl. Alles dicke, oft sogar fette aber ausnahmslos superteure Sportwagen. Und wer hat sie alle geschlagen? Der kleine X-Bow aus Österreich. Und zwar ohne Diskussion: "Der X-Bow hatte keine echte Konkurrenz, diese minimalistische Fahrmaschine zählt zu den besten Sportwagen, die wir je getestet haben".

Nun ist ja in Automobilisten-Kreisen bekannt, dass grade die Engländer eine Vorliebe für kleine leichte Autos mit viel Leistung haben. Insofern sind sie was das angeht vielleicht nicht ganz objektiv. Es gibt dort neben Lotus und Caterham unzählige kleiner Hersteller, die sich dem Leichtbau verschrieben haben. Viele Fabrikate gibt es nur als so genannte "Kit-Cars", die man selbst zusammenbauen muss. Diese Autos sind zwar meist ziemlich schnell, aber nicht selten wahre Bastelbuden, deren Qualität und Materialanmutung oft doch sehr zu wünschen übrig lässt. Eine Ölpfütze unter dem Wagen ist Alltag. Wie anders ist da der X-Bow! Die Fertigungs- und Material-Qualität ist über jeden Zweifel erhaben.

Nun ist der X-Bow also bester Sportwagen 2008. Allerdings hinkt der Vergleich eines 790kg-Roadster mit einem fast doppelt so schweren Lamborghini / Ferrari / Porsche / Mercedes / Aston Martin etc. Man vergleicht hier Äpfel mit Birnen, denn die Konzepte sind grundverschieden. Viel besser ist ein Vergleich mit Sportwagen, die das gleiche Leichtbau-Konzept verfolgen: z.B. der Ariel Atom 300 und der Caterham R500. Genau das haben die Top-Gear-Leute dann auch noch gemacht. Ich dachte zunächst, aufgrund des Nationalstolzes wird einer der beiden englischen Wagen auf jeden Fall zum Sieger erklärt, doch im Vergleichtest wurden die jeweiligen Stärken und Schwächen sehr treffend und objektiv beschrieben, weshalb ich mir die Mühe gemacht hab, den Text sinngemäß zu übersetzen:

Diese Autos sind die Zukunft. Kein Witz! Fast 51 Jahre, nachdem der Lotus Seven das Licht der Welt erblickte und 35 Jahre nachdem Caterham dieses Konzept verfeinerte, macht es mehr Sinn denn je. Denken Sie darüber nach! Es liegt etwas Unangenehmes in der Luft und Autofahren bringt nicht den Spaß, den es eigentlich bringen sollte. Es sind nicht nur die verstopften Straßen. Es geht mittlerweile soweit, dass Tankstellen schon fast Kreditberater beschäftigen müssten, damit die Kunden eine Tankfüllung bezahlen können. Obendrein auch noch das schlechte Gewissen, allein auf dem Weg zur Arbeit jedes Jahr tausende Kilometer zu fahren, dabei Unmengen Benzin zu verbrauchen und somit auch die Umwelt zu schädigen.

Natürlich geht es auch anders: fahren Sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln und arbeiten Sie öfter von zu Hause aus. Das ist nicht nur gut für ein ausgewogenes Verhältnis zwischen Berufs- und Privatleben, sondern macht Autofahren auch wieder zu dem, was es sein sollte und wo der Caterham R500, der Ariel Atom 3 und der brandneue KTM X-Bow ins Spiel kommen. Ein gebrauchter Golf oder Focus reicht doch für den Alltag völlig aus!

"Motorleistung macht schnell auf den Graden. Gewichtsreduzierung macht überall schneller" pflegte Colin Chapman (Anm.: der Gründer von Lotus) zu sagen. Was würde er wohl zu der neuesten Version seiner Idee sagen? Wer Fahrspaß sucht sollte bei 263 PS in einem Auto, das nur 506 Kilo wiegt, nicht zu kurz kommen. Umgerechnet sind das 520PS pro Tonne, was den Caterham R500 in eine Liga mit dem Bugatti Veyron katapultiert (der Maßstab für Fahrspaß heißt Leistungsgewicht, nicht PS). Nicht schlecht, wenn man bedenkt dass die Power aus einem kräftig bearbeiteten Version von Fords Arbeitstier, dem 2-Liter-Vierzylinder-Duratec stammt.

Man muss sich schon wundern, wie Caterham es schafft den Minimalismus von Chapman in geradezu wahnwitzige Dimensionen zu schrauben. Sucht man jedoch auf dem Gebiet der Sportwagen-Leichtgewichte nach einer Interpretation für Zukunft, dann ist das Vorbild nicht die Modifikation einer 51 Jahre alten Konstruktion, sondern der neue KTM X-Bow. Er hat ein Carbon-Monocoque und der Entwickler des Bugatti Veyron war für das Chassis-Tuning verantwortlich. Dies ist bereits das dritte Mal, das der X-Bow in Top Gear erscheint, und das aus gutem Grund. Wir mögen ihn. Sehr sogar!

Nun tritt er an gegen den R500 und einen weiteren Kandidaten, der Chapmans Mantra "Vereinfache und füge Leichtigkeit hinzu" benutzt und daraus gleich eine neue Religion gemacht hat: der Ariel Atom. Der Atom 3 wartet mit einer ganzen Reihe von Detailverbesserungen auf (unter anderem ist seine, ähm, "Karosserie" etwas breiter geworden, um mehr Platz im Cockpit zu schaffen) und er verfügt über eine Kompressor-Version des neuesten Honda Civic Type-R-Motors. Zur Erinnerung: mit knapp 320 PS und einem schockierend geringen Gewicht von nur 460kg treibt der Atom das Leichtbau-Prinzip auf die Spitze. Das Leistungsgewicht sprengt jede Skala: 696 PS pro Tonne. Das ist so absurd leicht, dass ein Stückchen Kuchen nach dem Mittagessen den Beschleunigungswert von 0 auf 100 um ein paar Zehntel ruinieren kann. Dieses Mal gibt es aber keinen Kuchen. Wir sind auf dem Top Gear-Track um die drei Kandidaten zum ersten Mal gegeneinander antreten zu lassen, mit Stig als Mentor. Und wie jeder weiß, isst Stig nicht zu Mittag.

Für diesen Job ist er deshalb genau der richtige, denn diese Autos sind definitiv nichts für übergewichtige Zeitgenossen. Von den drei Kandidaten hat das Thema "Design" beim X-Bow die größte Gewichtung erfahren, das Ein- und Aussteigen fällt hier am leichtesten. Fahrer bis 90kg können einen Fuß auf den Carbon-Unterboden neben dem Cockpit setzen und mit dem anderen Fuß auf den maßgeschneiderten, nicht verstellbaren Recaro-Sitz treten und anschließend einfach ins Cockpit gleiten. Die Pedale sitzen auf einem verstellbaren Schlitten und das Lenkrad lässt sich abnehmen: Racing-Flair ohne menschliches Origami! Der X-Bow strotzt vor Hi-Tech, die in diesem zweckoptimierten Gefährt nach dem Einstieg sofort das Gefühl aufkommen lässt, mit dem Auto zu verschmelzen. Was immer man tut, das Lenkrad sitzt direkt vor der Brust, eben genau wie in einem richtigen Rennwagen.

Der R500 ist in dieser Hinsicht weniger beeindruckend. Man muss zunächst aufpassen, dass man sich beim Ein- und Aussteigen nicht an den heißen Auspuffrohren auf der Seite des Wagens verbrennt. Und selbst Rennfahrerschuhe mittlerer Größe sind zu groß für die Pedale. Die Vierpunkt-Gurte sind ebenso ein Ärgernis wie die große Hitze, die vom Motor und Getriebe ausgehend durch die Karosserie auf den Fahrer trifft. Platz für den Ellenbogen ist fast nicht vorhanden. Wie jeder Caterham sorgt auch der R500 für neue und ungewöhnliche ergonomische Bestrafungen den Fahrers. Andererseits war Masochismus schon immer Teil der Anziehungskraft...

Angesichts der Tatsache, dass der Atom nur aus einem spärlichen Gerüst gebogener Metallstäbe besteht, ist das Ein- und Aussteigen kein Problem. Hitze ist ebenfalls kein Problem, da es weder Karosserie noch Interieur und somit immer genug Frischluft gibt. Aber die Sitze sind bretthart und die Fahrer-Position ist nicht so geborgen wie beim Caterham oder so zweckorientiert wie beim X-Bow. Für schwergewichtige Fahrer ist der neue Atom aufgrund seines größeren Cockpits am besten geeignet, in den beiden Kontrahenten hätten solche Fahrer Probleme.

Allen drei Autos gemeinsam ist jedoch ein unvergleichliches Fahrerlebnis. Sie kosten zwar alle einen Haufen Geld, aber die Fähigkeit, ein breites Grinsen zu erzeugen macht sie unbezahlbar in dieser griesgrämigen Welt. Alle drei sind großes Kino auf der Straße. Das Erscheinungsbild ist hierbei zweitrangig verglichen mit der Performance. Das Gefühl, beim Caterham quasi direkt auf der Hinterachse zu sitzen, ist mit nichts zu vergleichen. X-Bow und Atom sind moderner, besonders der KTM. Er besticht durch eine sehr hohe Fertigungsqualität und die vielen sichtbaren Innereien erinnern eher an ein Motorrad als an ein Auto. Orange ist die Traditionsfarbe von KTM, aber ein schwarzer X-Bow sieht aus wie ein Lockheed SR-71 Kampfjet.

Autos, die sich in ihrer Philosophie so ähnlich sind, verhalten sich auch ähnlich. Der X-Bow verwirrte beim ersten Test auf dem Ascari-Circuit, aber auf dem Top Gear-Track war er fantastisch. Er ist zwar etwas weich abgestimmt, aber das Chassis ist einfach grandios. Mit einem Gewicht von 790kg und weniger Power (240 PS) als der R500 oder der Atom 3 ist er natürlich weniger wild, aber wem eine Beschleunigung von 0 auf 100 in 3,9 Sekunden nicht genug ist, sollte sofort psychiatrische Hilfe suchen.

Wie auch immer... Das Chassis ist der springende Punkt. Bei der Ein- und Durchfahrt von "Hammerhead" ist der Wagen perfekt ausbalanciert. Knackiges Einlenken, leichtes Untersteuern, um den noch nicht so erfahrenen Fahrer zu warnen, das anschließend in ein wunderbar zu kontrollierendes Übersteuern umzukehren ist, wenn man auf dem Gas bleibt. Danach kann man den Rest des Tages im Drift verbringen. Es ist brillant. Anfangs fühlt sich der X-Bow etwas schwammig an, und es gibt kleinere Ungenauigkeiten z.B. beim sensorgesteuerten Gaspedal, aber wenn es drauf ankommt reagiert der Wagen messerscharf. Das Auto hat ein sehr, sehr gutes Setup, und das bereits mit der Werkseinstellung. Erwähnenswert ist, dass unser Testwagen das optional erhältliche Sperrdifferential hat. Ändert man das Setup in Richtung Rennstrecke und zieht Slick-Reifen auf, wird aus diesem Wagen eine vernichtende Waffe. Schade nur, dass der Wagen nicht aufregender klingt...

Genau hier trumpft der R500 auf. Der Wagen hat eine explosive Performance und sein Klang ist nicht weniger explosiv. Während der Fahrt fühlt man sich wie auf einer pausenlos explodierenden Bombe, wahrhaft berauschend. Wer den R500 fahren will, sollte Vertrauen haben und tapfer sein, aber es ist nicht das heimtückische, kleine Biest, das man vielleicht vermutet hätte. Der Testwagen verfügt über das optionale sequentielle 6-Gang-Getriebe und das ist sensationell: zum Raufschalten ziehen, zum Runterschalten drücken, alles ohne Kupplung. Das Runterschalten ist allerdings etwas heikel: ohne Zwischengas läuft man Gefahr, dass die Hinterräder blockieren. Die Beschleunigung ist wahnsinnig: von 0 auf 100 km/h vergehen nur 2,8 Sekunden. Und die Verzögerung bewegt sich in ähnlichen Dimensionen. Ein Leichtgewicht eben.

Der R500 verlangt ein Umdenken vom Fahrer, mehr als jeder andere Caterham. Alles passiert unglaublich schnell und man kann genauso schnell darauf reagieren, wenn man nicht über sein persönliches Limit geht. An diesem Auto kann man sich leicht die Finger verbrennen, geht man die Sache aber gemäßigt und progressiv an, ist es eine tolle Erfahrung. Die Avon-Reifen (auf 13-Inch-Felgen!) haben eine Menge Grip, dennoch lässt sich der Wagen aufgrund der Power ohne Probleme seitwärts bewegen. Hat man den Dreh erst einmal raus, ist es gar nicht so schwer wie man denkt, trotz der ultradirekten Lenkung und einem engen Driftwinkel. Der R500 verlangt Übung, je mehr man experimentiert, umso besser wird es. Das perfekte Trackday-Auto, aber ausdrücklich kein Wagen für das forsche Durchfahren eines Kreisverkehrs bei nasser Fahrbahn!

Und der Ariel? Nun, der Atom 3 ist einfach zu extrem. Die Gasannahme fühlt sich sonderbar an und man muss sich wie im Caterham immer sehr auf Gasgeben und Bremsen konzentrieren. Vollgas im 1. Gang ist nicht empfehlenswert, und der 2., 3. und 4. Gang sind kaum weniger extrem. Die ganze Sache gleicht einem Ritt auf der Rasierklinge. In der Tat ist der Atom das Maß der Dinge, wenn es um ein aufregendes Fahrerlebnis geht, was aber auch kein großes Wunder ist. Dank einer neuen Motorhalterung und des runder laufenden neuen Type-R-Motors sind die Vibrationen deutlich geringer, aber mit einem Rolls-Royce Phantom wird man ihn nicht verwechseln. Eine Diskussion ob das Fahrverhalten nun beherrschbarer ist grenzt an Haarspalterei. In der Highspeed-Kurve "Follow-through" gab es einen besonders haarigen Moment, und da bleibt nicht viel Raum für einen Fehler. Kein Zweifel: Ariel hat ein kolossal aufregendes Auto gebaut, für die wahrhaft furchtlosen vielleicht sogar DAS Auto. Aber es kann sich nervös anfühlen. Und das macht einen nervös...

Sei es drum. Der Ariel-Gründer (Simon Saunders) freut sich über den X-Bow, weil er ihm keine Kunden wegnimmt, sondern den Markt erweitert. Caterham macht weiter wie bisher und der R500 ist der Beweis der ganz speziellen Genialität. Aber der KTM X-Bow ist der neue König: eine wundervoll konstruierte Maschine die einen Einblick in die Zukunft der Leichtbau-Sportwagen gibt und sie so etwas realistischer macht. Das Chassis verträgt definitiv auch höhere Motor-Leistungen. Es ist kein Hardcore. Aber es ist hart genug.