Informationen zur Tagung und zur Online-Lesegruppe
Was uns zusammenhält
Über Möglichkeiten und Grenzen der Erziehung als Grundlage sozialen Zusammenhalts
Tagung anlässlich des 200. Jubiläums von F.D.E. Schleiermachers Vorlesung „Grundzüge der Erziehungskunst“ (1826), am 30.04.2026, an der Privaten Pädagogischen Hochschule Linz
Demokratie lebt davon, dass Bürgerinnen und Bürger sich als Teil einer gemeinsamen Öffentlichkeit begreifen, in der Menschen in kultivierten Diskursen miteinander im Austausch stehen und gemeinsame Weltbezüge als Bezugspunkt anerkennen. In jüngster Zeit wird jedoch verstärkt auf eine Fragmentierung der Öffentlichkeit hingewiesen: Desinformation, Echokammern und Polarisierung lassen die geteilte Realität brüchig werden und es stellt sich die Frage, welche erziehungstheoretischen Begründungen, Legitimierungen oder Versäumnisse mit diesem Befund in Verbindung stehen könnten.
Friedrich D. E. Schleiermacher (1768–1834), Theologe, Philosoph, Erziehungstheoretiker und Bildungsreformer, rückte in seiner Berliner Vorlesung zur Pädagogik von 1826 das „größere moralische Ganze“ (auch „Sittlichkeit“) ins Zentrum seiner Überlegungen. Damit meinte er nicht feststehende Werte, sondern ein ethisches, kontingentes Konstrukt, das eine Gemeinschaft wie ein dynamisches Band zusammenhält und sich dabei über die Zeit und verschiedene Kontexte hinweg verändert. Dabei stehen jedoch das pädagogische Denken und Handeln bei Schleiermacher nicht allein im Dienst der Gemeinschaft, sondern werden stets in einem dialektischen Spannungsverhältnis zwischen Individualität und Gesellschaft betrachtet. Pädagogisches Handeln soll die „Eigentümlichkeit“ des Einzelnen fördern und zugleich mit gemeinsamen Normen, Weltbezügen und Deutungshorizonten verbinden. Erziehung bedeutet daher nicht bloße Anpassung, sondern einen Prozess, in dem Tradierung und Erneuerung, individuelle Entwicklung und gesellschaftliche Teilhabe immer wieder neu austariert werden.
Im Kontrast zu gegenwärtigen Diskursen zur Erziehung, die häufig individuelle Förderung, Selbstverwirklichung und persönlichen Fortschritt betonen, stellt Schleiermacher die gesellschaftliche Teilhabe in den Vordergrund. Erziehung soll befähigen, im Sinne des Gemeinwohls zu handeln – an Maßstäben orientiert, die im sozialen Prozess stets neu ausgehandelt werden müssen. Seine Überlegungen eröffnen damit auch für heutige pädagogische Herausforderungen neue Perspektiven. Obwohl die Überlieferung seiner Vorlesungen quellenkritisch nicht unproblematisch ist, lassen sich zentrale Leitideen herausarbeiten, die für aktuelle Diskussionen immer noch hoch relevant sind. Anlässlich des 200. Jubiläums von Schleiermachers „Grundzügen der Erziehungskunst“ möchten wir daher im Rahmen einer Tagung aktuelle Fragestellungen aufgreifen und im Lichte seiner Theorie neu diskutieren.
Wir freuen uns auf zahlreiche Beiträge und Ihre Teilnahme an der Veranstaltung!
„Die Erziehung soll den einzelnen ausbilden in der Ähnlichkeit mit dem größeren moralischen Ganzen, dem er angehört.“ (Schleiermacher, 1826/ 2000, S. 38)