Biologin, Moosforscherin und Betreiberin einer Gärtnerei
Louisa Salamander ist die anerkannteste und meist zitierte Wissenschaftlerin auf dem Gebiet der angewandten Moos- und Flechtenforschung. Ihre Verdienste und bahnbrechenden Forschungsergebnisse beeinflussen und verbessern das amphibische Leben ihrer Welt schon seit Jahrzehnten. Internationale Bekanntheit erlangte sie zuletzt mit der Entschlüsselung eines Glücksenzyms, enthalten in der Flechten-Gattung Cladonia. Diese Entdeckung und die in weiterer Folge entwickelte Synthetisierung des Enzyms hat die gesamte amphibische Welt positiv verändert und mit einem Schlag fast alle lokalen und globalen Auseinandersetzungen auf ihrem Heimatplaneten beendet.
Meine erste Begegnung mit Louisa datiert nur wenige Wochen nach der epochalen, alles verändernden Entdeckung. Ich landete in einer Welt im Umbruch, die mir dennoch in vielen Belangen nur allzu vertraut vorkam. Als Reisender von der Erde fällt einem schon kurz nach der Ankunft auf, wie seltsam kongruent einige Entwicklungen auf fremden Welten mit der unseren sein können: Die Stadt in der sich Louisas Institut, ihre große Gärtnerei und (in einem naturnahen Außenbezirk) ihr verwunschener Garten befinden, ähnelt auf frappante Weise einer europäischen Stadt auf der Erde um 1900. Prächtige Gründerzeithäuser und eine etwas angestaubte, aber sehr funktionale Infrastruktur prägen das Stadtbild.
Natürlich gibt es subtile Unterschiede und kulturelle Besonderheiten, die durch den amphibischen Charakter der Stadtbewohner und deren Bedürfnisse begründet sind. Ansonsten wurde ich als Homo Sapiens durchwegs freundlich, manchmal auch etwas zurückhaltend, ob meiner exotischen Erscheinung, von allen Personen denen ich begegnete, aufgenommen. Dieser Umstand ist aber vermutlich auch der Tatsache zu verdanken, dass das persönliche Umfeld von Dr. Louisa Salamander zu großen Teilen aus herausragenden Wissenschaftlerinnen, Intellektuellen und politisch tätigen Individuen besteht, die keinerlei xenophobe Wesenszüge plagen und die ausnahmslos sehr an einem interplanetaren Austausch interessiert waren.
Zurück zu Louisas Leben und Wirken. Neben der rein wissenschaftlichen Arbeit, betreibt Louisa eine große, hoch spezialisierte Gärtnerei etwas außerhalb der Altstadt. In ihren Glashäusern und angelegten Beeten werden die schönsten, seltensten oder exotischsten Moose und Flechten gezüchtet, die man sich nur vorstellen kann. Die enorme Nachfrage erklärt sich auch dadurch, dass es für die meisten Amphibien nichts schöneres als feuchtes Moos oder einen regnerischen Tag in einem Wald aus Flechten gibt.
In ihrer spärlichen freien Zeit kann man Louisa Salamander mit ziemlicher Sicherheit in ihrem ästhetisch verwilderten Garten antreffen. Hier entwickelt sie neue Ideen, badet in einem der kleinen Tümpel und Teiche und findet Entspannung inmitten einer vermeintlich ungebändigten Natur. An jenem Nachmittag im Garten bei Louisa offenbarte sich auch ein interessanter und typischer Moment der die Unterschiede zwischen amphibischen und menschlichen Leben hervortreten lässt: Louisa empfindet das feuchte und dunkle Innere ihrer Gartenhütte als Inbegriff einer gemütlichen Heimstatt, während ich einen möglichst sonnigen, trockenen Platz im Garten bevorzugen würde.
Auch in Ernährungsfragen konnten wir uns nur in wenigen Punkten einig werden, obwohl es auch in Louisas Welt gekochte oder gebratene Speisen gibt. Ein gemeinsames Abendessen verlief dementsprechend auf verschiedene Teller und Schüsseln aufgeteilt. Der Maître meines Hotels ließ es sich jedenfalls nicht nehmen, für mich persönlich zubereitete frittierte Insekten zu servieren. Ein absoluter Sonderservice, weil heißes Fett oder Öl nur sehr ungern verwendet wird - und dann auch nur zu eher technischen Zwecken. Ähnlich verhält es sich mit ganz gewöhnlichem Salz. Ein Stoff, der bei meinen amphibischen Freunden eher Angst als Appetit hervorgerufen hat. Es sagt sehr viel über die uneingeschränkte Gastfreundschaft und Toleranz der Salamander-Gesellschaft aus, dass sie unter großem Aufwand und exklusiv für mich einen kleinen Salzstreuer (mit Sicherheitsverschluss) befüllt mit Feinkristallsalz produzieren ließen. Einer der Höhepunkte jedes Essens war es fortan, als ich zu besagtem Salzstreuer griff, um meine frittierte Mahlzeit zu würzen.