Czaudernas Historien
Czaudernas Historien
Pferdestall der Domäne und Hofmeisterwohnung.
© FMN | Sammlung Rolf Czauderna
Doch was der alten Wasserburg bei Salzgitter-Bad schließlich das Ende brachte, war etwas ganz anderes.
Von Rolf Czauderna12.10.2025, 16:00 Uhr
An der Straße, die von Salder unterhalb des Höhenzuges nach Salzgitter-Bad führt, liegt im Ort Gebhardshagen die alte Wasserburg. An der Nordseite befindet sich noch ein mit Wasser gefüllter, breiter teichartiger Graben, der von den Einheimischen „Amtsteich“ genannt wird. Früher war die Burg ganz von Wasser umgeben, das ein Bach von den Höhen heranführte. Über das Alter der Burg liegen Schätzungen vor, die bis in das Jahr 1000 zurückreichen. Urkundlich erwähnt wird sie zum ersten Mal 1129 und zählt heute zu den ältesten Wasserburgen im Braunschweiger Land. Nach kriegerischen Zerstörungen im Jahr 1406 und während des Dreißigjährigen Kriegs wurde die Anlage jeweils wieder aufgebaut.
Bei einer Erstürmung durch die Schweden ging die Burg 1637 in Flammen auf. Sie wurde teilweise zerstört und verlor ihre militärische Bedeutung als Wehranlage. Von 1667 an wurde die in ein herzogliches Kammergut umgewandelte Anlage verpachtet.
Die Burg und die dazugehörigen Gebäude wurden mit den Dörfern Gebhardshagen, Lobmachtersen, Calbecht und Leinde zum Sitz eines Amtes und einer landwirtschaftlichen Domäne, die ebenfalls verpachtet wurden.
Unter Herzog Rudolf August von Braunschweig und Lüneburg wurde die Verpachtung des Amtes und der Domäne erstmals öffentlich ausgeschrieben und dem Meistbietenden zugeschlagen. Die Laufzeiten der Pachtverträge waren unterschiedlich lang und dem Rhythmus der Dreifelderwirtschaft angepasst (meistens drei, sechs, neun oder zwölf Jahre). In der Folgezeit kamen und gingen nacheinander bis zum Jahr 1929 zwanzig Domänenpächter. Einer der ersten Pächter war der Kanzler Martin von Böckell. Er musste pro Jahr 2000 Taler entrichten. Im Jahr 1746 gehörten zur Domäne 320 Morgen Land.
Die Burg und das Dorf Gebhardshagen gehörten von 1807 bis 1813 zum Königreich Westfalen. In dieser Zeit erfolgte die Aufhebung der alten Verwaltungs- und Justizbefugnisse der Domänenpächter, die zuvor als Amtsmänner und Richter fungiert hatten. Aus den ehemaligen Kantonen Gebhardshagen, Salder und Lesse entstand das Gericht Salder, das nun die Verwaltung und Rechtsprechung des Amtes Gebhardshagen durchführte.
Guts- und Wohnhaus des Amtmannes der Domäne 1920.
© FMN | Sammlung Rolf Czauderna
Die Domäne befand sich zu dieser Zeit in Pachtung von Charlotte Beate Eleonore von Münchhausen, die nach dem frühen Tod ihres Mannes Levin Friedrich Ernst von Münchhausen im Jahr 1795 als erste Frau die Domäne Gebhardshagen führte. Sie starb im Alter von 72 Jahren am 21. September 1831. Ihr folgten als Pächter Karl Schwartz, Anton Heinrich Kuntzen, Eberhardt Carl Adolph Kuntzen und Adolf Kuntzen.
Im 19. Jahrhundert gab es eine Reihe von Maßnahmen, die die landwirtschaftliche Produktion verbesserten und steigerten. So wurden unter anderem durch Rodung die Ackerfläche vergrößert, die Fruchtwechselwirtschaft eingeführt, die Stallfütterung intensiviert und zusätzlicher Kunstdünger eingesetzt. Vor allem der zunehmende Zuckerrübenanbau brachte einen beachtlichen wirtschaftlichen Gewinn. Um 1850 bewirtschafteten rund 40 Arbeitskräfte an die 800 Morgen Ackerland. An Vieh gab es zu dieser Zeit etwa 30 Pferde, 60 Kühe, 50 Schweine und 1100 Schafe.
Familie Kuntzen war ab 1844 60 Jahre lang Pächter der Domäne. Oberamtman Kuntzen ließ in dieser Zeit die noch vorhandenen Burggräben größtenteils verfüllen und erbaute im Jahr 1869 eine neue große Scheune und etliche Nebengebäude.
Postkarte von Gebhardshagen aus dem Jahr 1903.
© FMN | Sammlung Rolf Czauderna
Am 18. Juni 1904 fand der letzte Pächterwechsel zu Amtmann Alexander Köster für die Dauer von 18 Jahren statt. In diese Zeit fielen auch der Erste Weltkrieg und das Ende der Monarchie in Deutschland. Aus dem Herzogtum Braunschweig wurde nach der Novemberrevolution im Jahr 1918 der Freistaat Braunschweig, der die herzoglichen Domänen, so auch die in Gebhardshagen, sofort konfiszierte. Zunächst übte die Landesdomänenverwaltung Braunschweig die Verwaltung der Domänen aus.
Am 23. Oktober 1925 wurden die strittigen Besitzverhältnisse über die ehemals herzoglichen Domänen zwischen dem Freistaat Braunschweig und dem Welfenhaus geregelt. In einer daraufhin am 27. Juli 1927 getroffenen Vereinbarung zwischen dem Landesdomänenamt Braunschweig und dem welfischen Gesamthaus wurden die Forsten Gebhardshagen und Lichtenberg und die Güter Gebhardshagen und Lichtenberg mit dem Vorwerk Altenhagen dem Gesamthaus als Eigentum zugesprochen.
Der Pachtvertrag von Alexander Köster war auch über die Revolutionswirren von 1918/19 hinaus bis zum Juli 1922 bestehen geblieben. Der Pachtzins betrug jährlich 17.000 Mark, für 500 Mark Jahresmiete wurde ihm darüber hinaus ein Arbeiterwohnhaus für Saisonarbeiter, die sogenannte „Polenkaserne“ mit Garten und der dazugehörigen Feldscheune überlassen.
1922 wurde die Verpachtung der Domäne neu ausgeschrieben. Viele Bewerber gaben hierzu ihre Angebote ab. So auch die Stadt Wolfenbüttel, die schon mit der Bewirtschaftung der Domäne Linden gute finanzielle Erfahrungen gemacht hatte. Durch das aggressive Bieten der einzelnen Interessenten wurde der Pachtzins in die Höhe getrieben, denn auch Köster als bisheriger Pächter war an einer Weiterführung des Betriebes interessiert. Es gelang ihm dann, das Pachtverhältnis für nunmehr 540.000 Mark pro Jahr bis zum 1. März 1941 fortsetzen zu können. Die Höhe der Pachtsumme war allerdings nur mit dem Hintergrund der beginnenden Inflation zu betrachten.
Köster, der stets versuchte, den Gutsbetrieb auf dem neuesten technischen Stand zu halten, geriet nach Abschluss des neuen Pachtvertrages 1922 zunehmend in finanzielle Schwierigkeiten. Augenscheinlich konnte er die erhebliche Erhöhung des Pachtzinses nicht verkraften. Er stand vor dem Konkurs und trat so Anfang 1929 die Domäne an die „Braunschweig GmbH Verwaltung von staatlichem Bergwerks- und Grundbesitz“, eine staatliche Betriebsführungsgesellschaft, ab. Von nun an hieß der landwirtschaftliche Betrieb „Braunschweig GmbH, Abt. Hausgut Gebhardshagen“ und wurde von dem aus Pattensen bei Hannover stammenden Administrator Wilhelm Schrader verwaltet. Zu dieser Zeit arbeiteten im Domänenbereich 40 Frauen und Männer, zusätzlich waren 20 Polinnen und ein Polen als Saisonkräfte beschäftigt.
Am 30. Januar 1933 übernahmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. Im Jahr 1939 gelangte, neben den Ländereien von Kniestedt, Steterburg und Salder, auch die Domäne Gebhardshagen mit ihren rund 341 Hektar in den Besitz der zu den „Reichswerken Hermann Göring“ gehörenden „Wohnungs AG“, wobei daraufhin auch das Gut Gebhardshagen einen großen Teil seiner Ländereien für den Industrie- und Wohnungsbau abtreten musste.
Der Domänenhof im Jahr 1948.
© FMN | Sammlung Rolf Czauderna
Nach dem Kriegsende im Jahr 1945 wurde das Gut Gebhardshagen von den Amerikanern beschlagnahmt. Die Leitung des Gutes wurde weiterhin von Inspektor Wilhelm Schrader geführt, der am 30. September 1951 in den Ruhestand ging. Im Zuge der Neuordnung der Salzgitter AG, als Rechtsnachfolgerin der Reichswerke, wurde unter anderem die im Besitz der Muttergesellschaft verbliebene Domäne 1953 an die Erzbergbau Salzgitter GmbH übertragen. Diese modernisierte die Gebäude des Gutes mehrmals. Im Jahr 1956 entstand ein neuer Kuhstall, der acht Jahre später durch einen Großbrand zerstört und wieder aufgebaut wurde. Eine weitere Brandkatastrophe ereignete sich im Jahr 1972 in der großen Scheune. Es entstand ein Sachschaden von circa 300.000 DM. Im Rahmen des Wiederaufbaues wurde die Scheune zu einem neuartigen Rinderlaufstall für 135 Tiere umgebaut.
Die technische Weiterentwicklung des Rübenanbaus brachte 1965 und 1966 weitere Verbesserungen, und die Rübenanbaufläche des Gutes konnte bis auf ein Drittel der landwirtschaftlichen Fläche erweitert werden.
Als 1969 das Gut Salder stillgelegt wurde und die Domäne Lichtenberg bereits seit 1962 aufgelöst war, erhielt das Gut Gebhardshagen die verbliebenen Restflächen zur Bewirtschaftung. Die zu bearbeiteten Flächen lagen nun bei 660 bis 720 Hektar, wobei der größte Teil bis 1970 für den Anbau von Winter- und Sommerweizen sowie Zuckerrüben genutzt wurde. Durch den Bau der nahen Autobahn verlor das Gut große Flächen, 1973 kamen jedoch durch die Auflösung des Gutes Heerte wieder 240 Hektar Land hinzu, sodass die neue Größe zwischen 700 und 720 Hektar lag.
Noch vor der im Raum Salzgitter vollzogenen Stilllegung der Bergbaubetriebe übertrug die in Liquidation gegangene „Salzgitter Erzbergbau AG“ am 1. September 1976 ihr gesamtes Betriebsvermögen, zu dem auch das Gut Gebhardshagen gehörte, auf die neu gebildete „Salzgitter Erzbergbau Vermögensgesellschaft mbH Salzgitter-Drütte“. Diese übergab das Gut 1980 an die ehemalige Salzgitter Güterverwaltung GmbH, seinerzeit eine Tochter der Preussag AG.
Rolf Czauderna, über die Domäne Gebhardshagen im 19. Jahrhundert
Im Zuge der Mechanisierung der Landwirtschaft entwickelte sich ein rationalisierter Großbetrieb, der 1980 nur noch acht Personen beschäftigte. Dazu gehörten sechs Traktorfahrer, der Direktor und ein Wirtschafter. Im Jahr 1978 gab man die mittlerweile unrentable Schafhaltung und 1980 die ebenfalls unwirtschaftliche Milchviehhaltung auf.
Obwohl die gesamten landwirtschaftlichen Produktionsmethoden verbessert und unrentable Produktionszweige eingestellt wurden, musste das Gut aufgrund von Umstrukturierungsmaßnahmen der Salzgitter AG im Jahr 1986 den landwirtschaftlichen Betrieb einstellen. Die Abwicklung der Verkäufe geschah über die neu gegründete Zwischengesellschaft „Grundstücksverwaltungsgesellschaft mbH Gut Gebhardshagen & Co KG“.
Die Stadt Salzgitter erwarb 1986 die Gebäude von Burg und Domäne. Im selben Jahr wurde die Gutsscheune auf dem Domänenhof abgerissen, um Platz für den Bau einer Turnhalle zu schaffen. Den Fahrzeug- und Maschinenpark der Domäne verlegte man zum Gut Hallendorf, von wo aus die Bewirtschaftung der unverkauften Restflächen erfolgte.