Wie zwei Unerschrockene aus der Sippe der Börgersens die Schlacht von Grolle 1627 mit- und überlebten
Das ganze Heilige Römische Reich verfolgte das unfassbare Geschehen, das sich seit dem ersten Rebellenaufstand unter Wilhelm von Oranien im Jahre 1568 in den anfangs 17 niederländischen Provinzen inzwischen über Jahrzehnte gegen das habsburgisch-spanische Königshaus hinzog. Mehr und mehr hatte der Aufstand der wackeren Niederländer gegen ihren Tyrannenherrscher die Völker des Reiches in ihren Bann gezogen. Und als sich die widerständigen Generalstände der Vereinigten Provinzen am 26. Juli 1581 in einer Sitzung in Den Haag per schlichter Proklamation gar von ihrem gottgegebenen Souverän losgesagt hatten, stieß diese unerhörte und gefährliche Entwicklung immer mehr auch auf eine unverhohlene Faszination: So etwas hatte man noch nicht gehört: „Ein Volk ist nicht wegen des Fürsten, sondern ein Fürst um des Volkes Willen geschaffen!“ Eine Verschwörung gegen jegliche göttliche Ordnung! Unglaublich!
Doch der Erfolg schien den Aufständischen Recht zu geben: Immer reicher und mächtiger wurden die Handelsmetropolen in den nördlichen Provinzen der Niederlande. Mit ihrer Selbstermächtigung im Frühjahr 1588 hatten sich die abtrünnigen Provinzen dann gar selbst als obersten Souverän erhoben und die bisherige „Protestantische Union von Utrecht“ in eine regelrechte Republik verwandelt – der ersten Republik weltweit! Das konnten die Spanier niemals hinnehmen und besetzten Land und Städte der Aufsässigen. Doch die Truppen der Niederländer eroberten in einem Jahrzehnte anhaltenden Krieg immer erfolgreicher die Territorien der einstigen „Utrechter Union“ zurück: unerbittlich befreiten sie Stadt um Stadt, Gebiet um Gebiet, Landschaft um Landschaft und vertrieben die spanischen Besatzer.
Grolle während der Belagerung durch Ambrosio Spinola am 9. November 1606, Gemälde von Pieter Snayers (Quelle: Wikimedia Commons)
Diese ausdauernden und hartnäckigen Niederländer waren natürlich auch im Reich ein streitbares Thema, allen Ortes riefen sie – je nach Religion und Herrschaft – entweder Bewunderung oder Abscheu hervor. Natürlich hörten auch die Menschen im protestantischen Norden, und ganz besonders im Holsteinischen, von dieser unglaublichen Erfolgsgeschichte. Und die vielen Berichte und Erzählungen über den unermesslichen Reichtum der erfolgreichen Kaufleute, Reeder, Handelskontoristen und Finanziers, über die modernen und prosperierenden Geschäftsmetropolen und über die herrschende Religionstoleranz befeuerten die Neugier umso mehr.
Auch die Gebrüder Pay Broder und Johannes Börgersen aus dem Segebergischen unternahmen – angelockt von allerlei wundersamen Erzählungen – ihre ganz persönliche Kavalierstour: Aufgestachelt von den Wunderberichten aus dem Niederländischen und aufgeschreckt durch Krieg des Dänenkönigs Christian IV. beschlossen die beiden Börgersens, in die Vereinigten Niederlande zu flüchten (wer möchte es ihnen verdenken): Noch rechtzeitig vor dem Rückmarsch des geschlagenen Dänenheeres und der Besetzung Holsteins durch Wallensteins und Tillys Truppen brachen die beiden Brüder Ende August 1626 auf Schusters Rappen Richtung Westen auf. Über das friedfertige Oldenburg und die fetten Wiesen Ostfrieslands erreichten sie vor dem Wintereinbruch das reiche Groningen, retteten sich durch allerlei Hand- und Spanndienste über den Winter und brachen im Frühjahr 1627 weiter Richtung Süden auf. Nach etlichen – mal längeren, mal kürzeren – Aufenthalten in abgelegenen Dörfern und weithin sichtbaren Städten erreichten die beiden Vagabunden am 20. Juli 1627 die mächtige Festungsstadt Grolle und gerieten dort, überrumpelt ohne jede Vorwarnung, unvermittelt zwischen die Fronten eines riesigen niederländisches Heeres (mit 20.000 Fußsoldaten und 5000 Reiter) unter dem Kommando Prinz Frederik Hendriks von Oranien, der in schweren Kämpfen die stark befestigte Stadt von der spanischen Besatzungsmacht befreite; nachdem vorherige Befreiungsschlachten in den Jahren 1595/97 und 1606 vergeblich geblieben waren verblieb die Stadt nach der „Slag om Grolle“ 1627 nun endgültig bei den aufständischen Niederlanden. Während der offiziellen Siegesfeier der protestantischen Eroberer beschlossen die beiden Brüder Börgersen, sich in der nun „befreiten“ Stadt anzusiedeln und ein Geschick als ehrbare Kaufleute zu versuchen – „... und wenn der Unabhängigkeitskrieg gegen die Spanier 80 Jahre und länger dauern sollte“, wie Pay Broder Börgersen stets zu sagen pflegte.
Niemals wieder hat man etwas gehört von den beiden Unerschrockenen, die auszogen, um ihr Glück in der Fremde zu suchen – ob sie es fanden?
(Text: © N. Hinrichsen)
Fotos von
de "Slag om Grolle" (25.-27.10.2024)
(Mit den Pfeilen < > bitte weiterklicken!)