Die westliche Ostseeküste des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation am Ende des 30-jährigen Krieges. Karte [M]: N. Hinrichsen / Quelle: Wikipedia
Es begab sich aber zu der Zeit, dass Gerüchte besagten, der gesuchte Erz-Schnapphahn und Straßenräuber Nikolaus Christoffel Börgersen setze sein schändliches und gotteslästerliches Handwerk gegen schwedische Söldnerverbände im entlegenen Vorpommern fort, nachdem der Fahndungsdruck im Holsteinischen – auf den Handelswegen zwischen den Hansestädten Hamburg und Lübeck – zu hoch geworden sei. Längst galt ja der Schwed‘ in jenen Jahren, da der Löwe aus Mitternacht seine Haufen nicht mehr dirigierte, als blutrünstiger Landstörzer und gnadenloser Plagegeist unter dessen Knute gerade der brave pommersche Landmann sehr zu leiden hatte! Aber wo, wenn nicht im Wald lässt sich ein einzelner Baum besser verstecken? Also lag es nahe, den gesuchten Erz-Schurken Börgersen in der schwedischen Enklave Vorpommerns zu vermuten.
Das Stralsunder Johanniskloster vor dem Klosterbrechen von 1525 und der Brandkatastrophe von 1624 als nachmalige Armenanstalt, (Foto: © N. Hinrichsen)
Als zuletzt öffentliche Anschläge über einen „St.-Nikolaus-Markt“ im Johannis-Kloster auftauchten, schien sich dieser Verdacht nun vollends zu erhärten. „Nachtigall ick hör dir trapsen“, dachten sich die ehrenwerten Ratsherren zu Hamburg und zu Lübeck; flugs wurde eine Eskorte zusammengestellt und für Lübecks Ratsherr Dr. Butenschön ging es im Vierspänner und unter massivem Begleitschutz Richtung Osten, wo er nach fünf strammen Reisetagen in der Hansestadt Stralsund eintraf.
Ratsherr Dr. Butenschön vor der Stadtmauer von Stralsund an die sich das ehem. Johanniskloster anschmiegt. (Fotos [M]: © N. Hinrichsen)
Die Anschläge hatten nicht zu viel versprochen: Der „St.-Nikolaus-Markt“ war in der Stralsunder Armenanstalt, dem einstigen Johanniskloster, angekündigt und galt seit seinem ersten Markttreiben im Jahre 1512 stolz als „der älteste Weihnachtsmarkt an der Ostsee“, was immerhin was heißen mag! Als Dr. Butenschön das einstige Klosterareal erreichte, musste er feststellen, dass die Hallenkirche nach dem großen Brand von 1624 zwar immer noch ohne Dach unter freiem Himmel lag, dafür aber reichlich Platz für allerlei gecke Volksbelustigung bot: Händler und Wirte hatten ihre Zelte aufgebaut, Barden, Künstler und Gaukler boten ihr Können feil und selbst exotische Tänzerinnen aus dem Orient nebst Kamelen – ebenfalls aus dem Orient – waren herbeigeschafft, eine „lebendige Krippe“ darzustellen.
Der Chor der einstigen Klosterkirche - heute ein Ort des Mammons unter freiem Himmel. Foto: © N. Hinrichsen
Gaukler, Barden, Bauernfänger - buntes Treiben bis in die Nacht auf dem St.-Nikolaus-Markt. Foto: © N. Hinrichsen
Volksbelustigungen, Marktstände, bunte Lichter ... Foto: © N. Hinrichsen
... unter den wachsamen Augen der Stralsunder Stadtwache! Foto: © N. Hinrichsen
Die Stralsunder Stadtwache – sonst gar sehr bekannt für ihr konsequentes, gestrenges und unbestechliches Durchgreifen – erging sich nun regelrecht in der einen oder anderen Blödeley. Und auch während des abendlich stimmungsvollen Auftritts der Formation "Koggenfolk" hielt es den einen oder anderen sangesfreudigen Stadtwächter nicht mehr zurück bis zuletzt nur noch das punschseelig geschmetterte "Lied der Stralsunder Stadtwache" über das Klosterareal donnerte.
Weithin über Pommerns Grenzen bekannt: Die allseits beliebte Formation "Koggenfolk" bei ihrem umubelten Auftritt, Foto: © N. Hinrichsen
Doch einer fehlte lange, wie Ratsherr Dr. Butenschön feststellen musste: der „Heilige Nikolaus“, dessen Besuch immerhin per Anschlag angekündigt war! „Von wegen ‚heiliger‘ Nikolaus“, dachte Dr. Butenschön so klandestin in sich hinein und rieb sich voller Vorfreude auf einen großen Fang hämisch grinsend schon die Hände, denn unter alles Volk hatten sich, von jedermann unbemerkt, seine Häscher verteilt, um den wahren Nikolaus dingfest zu machen! „Nikolaus Christoffel, du schuftiger Straßenräuber, deine Tage sind gezählt.“
Plötzlich tauchte der Heilige St. Nikolaus auf - in Begleitung eines Volkssängers und der Stadtwache! Foto: © N. Hinrichsen
Wie groß war die Enttäuschung, als dann der wahrhaftige St. Nikolaus auf dem bunten Markt erschien! Mit seiner goldenen Mitra, dem Pluvial und einem mächtigen Krummstab tauchte der Heilige Bischof das gesamte Markttreiben in sein hell-güldenes Licht. Nein, das konnte der elendige Schnapphahn Nikolaus Christoffel nicht sein! „Verflucht, der falsche Nikolaus von Stralsund!“ zischte Ratsherr Dr. Butenschön wutschnaubend. Schön dumm blieb er allein im Chor der ruinierten Johanniskirche zurück – ohne Dach, ohne Schnapphahn – und im Kreise fröhlich zechender Stadtwächter, bis der Hl. Nikolaus sich seiner erbarmte ...
Butenschön - allein zuhaus ... (Foto: © N. Hinrichsen)
Stadtwache: abführen! ... (Foto: © N. Hinrichsen)
Doch: wo nur steckt der „wahre“ Nikolaus???
(Text: N. Hinrichsen)
Der "falsche Nikolaus von Stralsund" ... (Foto: © N. Hinrichsen)
St.-Nikolaus-Markt im Stralsunder Johanniskloster
Seit 1512 !
Einen Eintrag ins Geschichtsbuch wert!
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