Zeitreise in das 17. Jahrhundert
Graphik ©: Wikimedia Commons
Foto ©: N. Hinrichsen
Graphik ©: Wikimedia Commons
Der teutsche Krieg ging in das zweiundzwanzigste Jahr und längst waren Schweden und Franzosen die Herren in weiten Teilen des Reiches. Sie wüteten, mordeten und plünderten, wo sie hinkamen – ganze Landstriche fielen ihnen anheim und blieben ausgeraubt und menschenleer zurück. Fressen oder gefressen werden, das war das Gesetz, das auch für uns Landsknechte des Dragonerregiments längst zur Überlebensstrategie geworden war, nachdem es 1636 dem vormaligen Offizier Johann Wolf als Kommandeur unterstellt worden war. Auch ich, der Spielmann Börgersen, hatte mir den Grundsatz, der Krieg ernährt den Krieg, längst zu eigen gemacht, und als zu Anfang 1640 einer Abordnung Abgesandter von Würzburg nach Nürnburg unser Regiment unter Johann Wolf als Eskorte beigeordnet wurde, durfte ich mich glücklich schätzen, dem Konvoy anzugehören. Doch es kam anders, als geplant: Auf halber Strecke setzte ich mich mit einer über zwei Dutzend nicht herausreichenden Regimentskohorte nach Norden ab, gelangte zunächst nach Bamberg, von wo aus wir nach Coburg weiterritten. Auf der Veste witterten wir fette Beute und tatsächlich drangen wir ohne Mühe ins Innere der Burg, die nach dem Tod des ernestinischen Herzogs Johann Ernst von Sachsen-Eisenach und Sachsen-Coburg im Oktober 1638 für die folgenden Jahre offen lag – zusammen mit dem Coburger Land wurde „die Fränkische Krone“ u. a. von Herzog Friedrich Wilhelm II. von Sachsen-Altenburg beansprucht, dem sie aber erst im Jahre 1640 per Los zugesprochen wurde, wie wir später erfuhren.
Veste Coburg von Süden / Foto ©: Wikimedia Commons
Der Krieg ernährt den Krieg – und das Land den Soldaten, wie wir auf unserem scharfen Ritt durch das Coburger Land hocherfreut erfahren durften. Wälder, Felder und Dörfer waren unsere Speisekammern. Und als wir über die offene Zugbrücke auf die Veste Coburg vorpreschten, um auf dem unteren Burghof unser Lager aufzuschlagen, da waren unsere Fouragebeutel, Säcke, Krüge und Fässer voll mit Möhren, Erbsen, Zwiebeln, Mehl, Hafer, Eier, Milch, Waldbeeren und Pilzen prall gefüllt und mit reichlich Bier und Wein versüßt. Es war gar nicht alles aufzuzählen, was uns aus den verstockten Bauern noch alles herauszupressen gelang. Dazu lief uns in den Coburger Waldungen noch eine Horde Schwarzwild vor die Läufe – der Schmaus war perfekt!
Exponat der Kunst SAMMLUNGEN der VesteCoburg / Foto ©: N. Hinrichsen
Graphik ©: Regiment Wolf
An der Kochstelle, mitten in unserem Lager, bereiteten unsere Feldköche Dyrkius und Marcellus Speisen von ganz erlesenen Rezepturen zu, und mitten im Krieg, unter Hungerleidern rundherum, konnten wir unsere Ranzen vollfressen und -saufen, dass sich die Bänke bogen … Natürlich lockten unsere duftenden Töpfe und vollen Krüge eine Menge Volks aus der Stadt und aus den umliegenden Wäldern auf die Veste herauf an; so schien es geraten, von Stund‘ zu Stund‘ unser Arsenal an Waffen vorzuführen, dass uns auch ja keiner zu nahe oder gar auf dumme Gedanken kam: Schon unsere geladenen Musketen und zahlreichen Piken machten einen gehörigen Eindruck auf das herbeigeeilte Gaffertum. Die Pech- und Sturmkränze, Brandballen und Klebfeuer taten ihr Übriges.
Überblick über den Gebäudeumfang der Veste Coburg / Graphik: Kunst SAMMLUNG der VesteCoburg / N. Hinrichsen [M]
Nach wenigen Tagen waren unsere Vorräte leer und unsere Bäuche voll und der Spuk auf der Veste Coburg hatte sein Ende. Wir räumten unsere Zelte und machten uns wieder auf den Weg – Richtung Nürnberg lagen noch reichlich viele Dörfer, die wir mit unserem Besuch zu beehren beabsichtigten …
VIVA SANTA MARIA!
(Nikolaus Christoffel Börgersen)
Mann in de Tünn' (= Börgersen im Glück) / Fotos [M] ©: N. Hinrichsen
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