Kurzkonzept

DAS RECOVERYCOLLEGE SÜDBADEN

Stand: 17.02.2020/Höflacher

Ziel des Vorhabens

Inspiriert durch das Recoverycollege Gütersloh entstand Anfang Dezember 2019 die Idee in Südbaden ebenfalls ein Recoverycollege zu gründen. Ziel ist es auf vielfältige Weise die Recoveryhaltung an alle Bürger weiterzugeben und eventuell bei Einzelnen Recoveryprozesse anzustoßen.

Was ist ein Recoverycollege?

Ein Recoverycollege ist eine Art „Volkshochschule“ für seelische Gesundheit, in der Menschen mit Erfahrungen mit seelischen Erschütterungen Kurse planen und durchführen - gegebenenfalls unterstützt von Menschen ohne Erfahrungen mit seelischen Krisen. Im Moment sind Recoverycolleges an mehreren Orten in Deutschland im Aufbau - teilweise auch die ähnlich konzipierten Empowermentcolleges. In Baden-Württemberg gibt es erste Initiativen in Ulm, in Stuttgart, im Bodenseekreis und jetzt eben in Südbaden.

Was ist Recovery?

Recovery ist Haltung, Methode und Prozess zum (Wieder-)Erlangen von (seelischer) Gesundheit und geht davon aus, dass jeder Mensch unabhängig von der Schwere seiner seelischen Erschütterung die Chance auf ein gutes und erfülltes Leben hat, selbst wenn Symptome der seelischen Problematik weiterbestehen. Der Glaube an eine solche Genesung, das Festhalten an Hoffnung und Sinn sowie die Fokussierung auf Fähigkeiten und Stärken der Betroffenen sind bedeutsame Merkmale des Recoveryansatzes. Menschen machen sich so auf ihren meist langen sogenannten Recoveryweg, der auch durch vorübergehende Rückschritte und Stagnation geprägt sein kann. Ziel ist es nicht, wie in der traditionellen medizinischen Recovery, den Zustand vor der seelischen Beeinträchtigung wieder zu erreichen, sondern sich weiter zu entwickeln auch ohne vollständige Symptomfreiheit.

Das Recoverykonzept ist zuerst in den USA und dann in Neuseeland aus der Selbsthilfebewegung entstanden im Rahmen des Kampfes für mehr Bürgerrechte und Selbstbestimmung in den 60iger und 70iger Jahren. Während in englischsprachigen Ländern inzwischen ganze Gesundheitssysteme recoveryorientiert arbeiten, stehen wir in Deutschland diesbezüglich immer noch am Anfang.

Das Recoverycollege Südbaden entsteht in Emmendingen

Nach anfänglicher Unsicherheit entschieden sich die Initiatoren, dass das Recoverycollege in Emmendingen entstehen wird. In Freiburg würde das College in Anbetracht der dort zahlreichen Bildungsangebote nur schwer die angemessene Beachtung finden und die Sozialplanung der Stadt Emmendingen war schon im Vorfeld offen und interessiert.

Träger des Recoverycollege

Institutionen, die den Aufbau des Recoverycollege unterstützen, sind der Verein Selbsthilfe mit Köpfchen e. V. Freiburg und der Landesverband Psychiatrie-Erfahrener Baden-Württemberg e. V. Als Fachverband entschied sich der Caritasverband Freiburg-Stadt e. V. für die Trägerschaft, der auch in Emmendingen mit diversen Angeboten gut eingebunden ist. Ebenso wird in Erwägung gezogen das Zentrum für Psychiatrie Emmendingen als Kooperationspartner anzufragen.

Bisherige Aktivitäten

Bisher entstand eine erste einfache Website des Recoverycollege mit der Adresse recoverycollege-suedbaden.agssg.de. Darüber hinaus wurde ein Werbeblatt mit dem Titel "Ideen für unser Recoverycollege" entworfen, das den gedanklichen Ansatz für das College beschreibt. Parallel dazu wurde ein Interessierten-Emailverteiler mir derzeit knapp 20 Mitgliedern aufgebaut aus dem die Arbeitsgruppe Recoverycollege Südbaden mit derzeit 7 Mitgliedern hervorging. Mit Unterstützung des Caritasverbandes Freiburg-Stadt hat die Suche nach geeigneten Räumen in Emmendingen bereits begonnen und wir haben uns in der Steinstraße bereits Räume angeschaut. Erste Ideen für Kurse mit zugehörigen Kursleitern wurden gesammelt und auf der Website veröffentlicht. Am 17.02.20 traf sich die AG RCS zum 1. Mal.

Ideen für unser Recoverycollege

Recoverycollege Südbaden als Bildungseinrichtung: Das Recoverycollege Südbaden ist eine Bildungseinrichtung mit dem zentralen Thema Seelische Gesundheit. Die Würdigung von Erfahrungswissen ist wesentlich für die Art und Gestaltung der dort angebotenen Kurse.

Kursangebot für alle: Das Kursangebot berücksichtigt die Interessen aller Bürger und wendet sich nicht nur an spezielle Gruppen von Menschen.

Die Kurse: Die Kurse werden von Menschen mit Erfahrungen mit seelischen Krisen geleitet und können dabei auch von Menschen ohne Krisenerfahrungen unterstützt werden. In den Kursen bilden die Dozent*innen und Teilnehmende eine Lerngemeinschaf. Auch die Dozent*innen verstehen sich als Lernende. Neben der Wissensvermittlung ist der Austausch innerhalb der Lerngemeinschaft von wesentlicher Bedeutung.

Koproduktion: Mit dem Konzept der Koproduktion werden Aufgaben gemeinsam gelöst und Macht- und Verantwortungsgefälle unter den Mitarbeitenden soweit möglich vermieden. Angestrebt werden eine gleichberechtigte Zusammenarbeit und ein Umgang auf Augenhöhe.

Post-trialogischer Ansatz: Das College verfolgt einen post-trialogischen Ansatz, das heißt, die häufig gelebte Rollenstarrheit von seelisch erschütterten Menschen, Angehörigen und Fachpersonen wird weit möglichst aufgelöst. Dadurch haben die von seelischen Problemen Betroffenen verbesserte Möglichkeiten zur Inklusion sowie deren Angehörige und Fachpersonen werden entlastet. Somit können sich alle am Genesungsprozess Beteiligten freier begegnen, sich als Bürger verstehen und ihre Rollen flexibler handhaben.

Umgang im College: Im Recoverycollege wollen wir uns als ganzheitliche Wesen und vielfältige Menschen begreifen und begegnen: als Individuen in unterschiedlichen Lebenskontexten und mit den Fähigkeiten und Begabungen, die jeder von uns hat oder noch entdecken kann. Der Umgang im College soll respektvoll, wertschätzend, unterstützend und demokratisch sein. Selbstbestimmung, zwischenmenschliche Toleranz und Akzeptanz sind Werte, die uns verbinden. Darüber hinaus wollen wir auch einfach Freude teilen und Spaß miteinander haben.

Recovery im Recoverycollege: Im College werden Genesung, Wachstum, Wiedererstarken und Entwicklung gefördert und angeregt. Recoverykonzept und Recoveryhaltung werden an alle Bürger weitergegeben und bei Einzelnen Recoveryprozesse angestoßen.

Personenzentrierung: Das Recoverycollege orientiert sich an den Bedürfnissen der Menschen, die sich dort begegnen, und hinterfragt permanent seine (vermeintlichen) institutionellen Zwänge.

Weiterentwicklung: Das College entwickelt sich in Diskussionen und Auseinandersetzungen der Mitwirkenden kontinuierlich weiter. Jedes Recoverycollege ist anders als alle anderen, ist offen für Neues und es findet dort ein ständiger Entwicklungsprozess statt.

Nächste Schritte

Die wichtigsten nächsten Schritte sind das Finden von passenden Räumlichkeiten für die Durchführung der Kurse und die Verwaltung des Recoverycollege. Dazu würde vorerst ein Raum genügen der Platz für Kurse mit ca. 15 Personen bietet und die Mitnutzung vorhandener Büroräume bei einer anderen Institution. Vorerst wird angestrebt ca. 2-3 Kurse im Monat anzubieten. Das können einmalige Kurse sein, mit mehreren Terminen oder auch regelmäßige Angebote. Nach dem Vorbild aus Gütersloh würden die Dozent*innen 30 Euro pro Stunde erhalten und die Teilnahmegebühren betragen 5 Euro pro Person.

Darüber hinaus ist ein Ziel, dass die AG Recoverycollege ins Arbeiten kommt, konkrete Aufgaben definiert werden und Menschen gefunden werden, die diese übernehmen. Eine der Aufgaben für die AG wird es sein, Kriterien für das Kursangebot zu finden, das heißt, welche Kurse sind recoveryorientiert und welche nicht. Zudem muss das bestehende Konzept weiterentwickelt werden.

Es muss weiter Vernetzungsarbeit geleistet sowie Gespräche zwischen den Trägern und mit anderen Institutionen geführt werden.

Mittelfristige Perspektiven

Mittelfristig wird es wichtig werden, Förderanträge zu stellen und Menschen zu finden, die sich um die Verwaltung der Finanzen kümmern. Auch dabei ist es die Frage, in welchem Ausmaß sich der Caritasverband Freiburg-Stadt engagieren will und eigenes Personal für das Recoverycollege zur Verfügung stellt. Die Erfahrung zeigt, dass es besonders schwierig ist, im ehrenamtlichen Bereich kompetente Finanzverantwortliche zu finden. Insofern hoffen wir vorerst auch hier auf Unterstützung durch die Caritas Freiburg-Stadt, die für uns die Buchhaltung und Personalverwaltung übernehmen müsste. Es sollte dann eine Förderung gefunden werden, über die auch Personalkosten finanziert werden können. Hierbei bieten sich Honorarkräfte an, damit keine Personalbuchhaltung vorgehalten werden muss, bis wir eine gut funktionierende Verwaltung haben.

Die Frage ist, zu welchem Zeitpunkt breit für das Recoverycollege geworben werden soll, damit die Kurse gut besucht sind? Neben der Durchführung von Infoveranstaltungen braucht es hier ein eigenes Werbekonzept, dass von der AG Recoverycollege Südbaden entwickelt wird.

Mittelfristig wird es auch eine Projektplanung geben müssen, die die geplanten Aktivitäten terminiert und das Vorhaben im Detail beschreibt. Dafür ist es jetzt aber noch zu früh.

Entsprechend dem Rat aus Gütersloh ist es nicht sinnvoll zu früh enge Kooperationen mit anderen Bildungsträgern wie zum Beispiel der Volkshochschule einzugehen. Zuerst muss das Recoverycollege arbeitsfähig sein und eine eigene Identität gefunden haben, da sonst die Gefahr besteht, dass die konzeptionelle Besonderheit verwässert oder gar verloren geht.

Langfristige Überlegungen

Wenn das Recoverycollege gut besuchte Kurse durchführt und in Emmendingen seinen Platz gefunden hat, wird es notwendig werden, sich zu professionalisieren, sich intern besser zu organisieren und strukturieren sowie sich mit anderen Recoverycolleges bzw. Empowermentcolleges überregional zu vernetzen. Erste Anfragen liegen bereits vor.

Auch wird dann die Gründung eines gemeinnützigen Vereins unumgänglich werden oder man findet eine vergleichbare Rechtsform - vorausgesetzt das Recoverycollege legt Wert auf Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.