Leseprobe
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Herbstflut
Reflexionen über innere Kämpfe und das Streben nach Sinn
Nikolas Hirschstein
Es war vermutlich ein Monolog im Geiste in der Küche beim Abspülen: Es ging um den Tod als Hintergrund, als Leinwand für das Leben, als Bühne. Der Tod ist allgegenwärtig, er ist die absolute Bedingung dafür, dass überhaupt irgendetwas Menschliches passieren kann. Er ist in keiner Weise getrennt vom Leben – schwierig auszudrücken, dafür muss man in Stimmung sein.
Die Trauermücken drängen sich mit mir zusammen ans Fenster und wir verschwimmen miteinander. Ich bin mir selbst abhandengekommen, nichts kann mich mehr erreichen, alle Bücher sind mir verschlossen. Ich falle fein säuberlich zwischen dem Boden hindurch. Ein ewiger Nachmittag im Winter, die Frau vor mir an der Kasse legt für immer einen weiteren Artikel aus ihrem Einkaufswagen aufs Band. Wenn ich dran bin, wird die Kasse streiken.
Die Welt verschließt sich mir und erst jetzt wünsche ich mir nichts sehnlicher, als sie zu betreten. Sie verschließt sich und erst jetzt sehe ich, was sie war – unverschlossen war sie unsichtbar.
[…]
Zwei Vögel oben auf den vertrockneten Ästen, vor dem ewig grauen Himmel – war das ein Blick in eine andere Welt, in der sie und ich als Vögel leben und wir auch dort mit unserem Gesang sagen: Wir waren hier? Ständig bereit zum Abschied, aber ein guter Abschied. Weil man ihn nicht erzwingt. Weil man eben nicht alle bittet, sie sollen gefälligst nicht traurig sein, und es muss ein schöner Abschied werden – was für ein Unsinn. Ein perfekter Abschied ist einer, weil er keiner ist.
Das Blatt fällt vom Ast und das merkt man gar nicht. Vielleicht sieht man es als Kind auf der Rückbank eines Autos: Der Regen prasselt einem ins Gesicht, weil man an der kalten Scheibe klebt, und da taumelt das Blatt ganz leicht, es tanzt hinab, und der Baum auf dem leeren Platz leuchtet traurig und kalt, aber für einen Moment hat man verstanden, was es heißt, einen perfekten Abschied zu leisten.
[…]
In diesen Momenten bemitleide ich die Steine und die Bäume, auch die Tiere. Sie können nicht sehen, was ich sehe durch meine Menschenaugen, diesen klaren, kalten, hellen Himmel, die Menschengebäude, die Menschenmusik hören, können nicht wissen, wie ich weiß, dass ich lebe, dass ich zumindest noch diesen Tag bekommen habe, noch diese Chance.
Ich kann gewisse Bahnen nicht mehr verlassen, nicht in diesem Leben, doch könnte aus Einschränkung eine Freiheit entstehen? Und wäre absolute Freiheit nicht das Einschränkendste überhaupt? Erst durch dieses Auf und Ab, durch dieses Ja und Nein, durch dieses Leiden und dann wieder Nichtleiden entsteht etwas, das als Menschenleben gelten kann. Und dieses Leben in Widersprüchen anzunehmen, es sich wirklich zu eigen zu machen, ist es das, was den Unterschied macht? Leuchtet man erst dann auf, erhält man erst dann den Zuspruch der Steine und der Bäume und der Tiere? Sind sie erst dann nicht mehr verärgert, weil sie sehen, dass da ein Mensch ist, der sein Los verstanden hat und es angenommen hat und es nicht verschwendet? Blicken sie mit Ärger auf alle Menschen herab, die sich aus ihrem Leben herauswünschen, es austauschen wollen, es kritisieren, versuchen, sich aus ihrer Lage herauszuwinden – sind die Steine und Bäume und Tiere nicht verärgert, weil sie denken, sie könnten es sehr viel besser, ein Menschenleben zu führen, und würden sie vielleicht sofort mit einem tauschen? Wie oft ich mir schon gewünscht habe, ein Stein, ein Baum oder ein Tier zu sein! Was für eine Verschwendung!
Ich kann nur Mensch sein – nein, noch schlimmer – ich kann nur ein einziger Mensch sein, bis zum Ende. Und ich kann nur hoffen, die Steine und die Bäume und die Tiere nicht allzu sehr zu verärgern.