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Das Mysterium der Einfachheit

EIN INTERVIEW VON JÖRG ENGELSING AUS DER SEIN 11/2011

In allem liegt Einfachheit – leider für unseren auf Komplexität, Schwierigkeiten und Probleme ausgerichteten Verstand oft kaum ersichtlich. Der Schotte Duncan Lorien hat sich seit 50 Jahren der Mission verschrieben, diese Einfachheit in der Musik sichtbar zu machen und sie zu vermitteln. Was dabei herauskommt, sind nicht nur Aha-Erlebnisse in der Welt der Noten und Tonleitern, sondern auch ein neuer, unverbauter Blick auf das Leben – Musik als spiritueller Weg.


Kann wirklich jeder lernen, Musik zu machen?

Musik scheint irgendwie ein Mysterium zu sein. Viele Menschen glauben, dass Musizieren nur etwas für Auserwählte ist. Sie glauben daran, Spanisch oder Englisch lernen zu können, aber Musik…? In meinem Seminar erfahren sie, dass diese Beschränkung ein Irrglaube ist. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben spüren sie, dass der Zugang zur Musik auch für sie offen ist. Es ist dann einfach nur noch ihre Entscheidung, diesen Weg auch zu gehen.


Warum soll man bei dir Musik leichter verstehen als in anderen Workshops – hast du etwas grundlegend Neues entdeckt?

Jedes Konzept baut auf anderen, früheren Konzepten auf, nichts ist wirklich neu. Für mich ist das System der Musik wie ein großes Puzzlespiel. Es ist, als wenn du einen großen Sack hast, in den du sechs verschiedene Puzzles mit je 1500 Teilen reinwirfst. Zusätzlich zu dem ganzen Durcheinander fehlen einige Teile, an anderen sind die Kanten ausgefranst, wieder andere sind fast unkenntlich ausgebleicht und man weiß gar nicht, was sie darstellen. Ich habe einfach in den letzten 50 Jahren herausgefunden, wie diese ganzen Teile zusammengehören.


Was ist das Besondere an deiner Art zu lehren?

Ein traditioneller Lehrer hat keine Wahl. Er muss sein Programm durchziehen mit dem Stoff, der vorgegeben ist. Wenn du allerdings ein vorgegebenes Programm auf eine bestimmte Art und Weise durchziehen musst, dann nimmst du dir die Möglichkeit, dich zu entfalten. Ich hatte die Möglichkeit, meine eigene Art zu lehren zu entwickeln. 95 Prozent von dem, was ich tue, basiert auf Beobachtung. Das Seminar entwickelt sich ständig weiter. Alle zwölf Monate gehe ich die ganzen Seminardaten noch einmal durch und überlege mir, was funktioniert und was nicht. Und dann verändere ich es auf der Basis dessen, was ich beobachte. Die Grafiken, die ich verwende, sehen sehr einfach aus. Aber die Arbeit, die dahinter steht, ist oft immens und kann bei einer einzigen Grafik mehrere 1000 Stunden betragen. Und ich bin ein Schauspieler, ein Showman, ein Entertainer. Weil ich spiele und es mich jedes Mal wieder begeistert, bleibt das Seminar lebendig. Klar, es gibt auch Stimmen, denen das alles zu amerikanisch ist, zu wenig ernsthaft, aber das Letzte, was ich möchte, ist, dass sich irgend jemand an die Schule erinnert fühlt.