Die Langlebigkeit von Mückentötolin:
DDR-Humor in sprachdiachronischer Perspektive

Hintergrund

Die Forschung zum Humor blüht in vielerlei Hinsicht, sowohl von sprachlicher und sprachwissenschaftlicher als auch von soziokultureller Seite; Publikationen und Zeitschriften zum Thema habe seit langem Bestand und vermehren sich stetig (s. Krikmann 2006, Dynel 2011, Attardo 2017, Moreall 2020, etc.).

Auch in der ehem. Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab es natürlich Witze, Komik und Humor. Die Forschung in dieser Hinsicht beschränkt sich jedoch gemeinhin auf subversiven und ironischen, damit meist staats- oder gesellschaftskritischen und politischen Humor (s. Howell 2004, Twark 2007, Winter 2016, etc.), der auf Grunde des Endes der DDR keinerlei Aktualität mehr hat und zum Verständnis dessen Vorkenntnisse in Sachen Geschichte, Gesellschaft und Politik der DDR von Nöten sind.

Populäre und volksnahe, d.h. vor allem apolitische Formen des Humors aus dieser Zeit sind bisher weitestgehend unerforscht und unbetrachtet geblieben, trotz ihrer damaligen und weiterbestehenden Beliebtheit.

Der hier dargestellte Studienvorschlag hofft, diese Lücke zumindest teilweise zu füllen. Er beschäftig sich mit dem Ostdeutschen Komikerduo Herricht & Preil und stellt die Kernfrage, warum das Duos laut einer MDR-Umfrage aus dem Jahre 2008 die beliebtesten Komiker des Ostens Deutschlands blieben, obgleich sie schon seit fast 30 Jahren nicht mehr aktiv waren. Die Frage wird aus sprachlicher und sprachwissenschaftlicher Perspektive erörtert.

Das Komikerduo Herricht & Preil

Rolf Herricht (1927–1981) und Hans-Joachim Preil (1923–1999), respektive Schauspieler und Dramaturg bzw. Regisseur, traffen sich zuerst im Jahre 1951 und waren zwischen 1953 und 1981 (dem Tode Herrichts) als Komikerduo zusammen zu sehen, sowohl auf den Volks- und Kleinkunstbühnen der DDR als auch im Fernsehen; auch in der BRD trat das Gespann auf.

Ihre Sketche, von variabler Länge aber meist zwischen 4 und 12 Minuten lang, bestehen hauptsächlich aus Zufallstreffen der beiden Akteure – auf der Straße, im Laden, etc. Theme eines jeden Sketches ist eine dem Alltag entnommene Situation oder Frage: es geht um den Weihnachtseinkauf, das Gärtnern, den Tierarztbesuch, das Schachspiel, den Briefmarkenkauf, Mückenbekämpfungsmittel, etc. – allesamt Situationen, die dem Publikum aus Erfahrung erster Hand oder der allgemeinen Bildung bekannt sein dürften. Dabei nehmen Herricht und Preil jeweils die selben Charakterrollen an: Herricht stellt den Otto Normalverbraucher dar, zuweilen etwas einfältig oder naiv; Preil hingegen ist der besserwisserische und leicht cholerische Oberlehrertyp. Die in jeder Begegnung entstehenden Missverständnisse und Humorsalven richten sich jeweils gegen einen der Akteure, ohne dass am Ende des Tages der eine oder andere besser oder schlechter dabei wegkommt.

Auch nach Ende der aktiven Zeit beider Komiker bleiben ihre Sketche beliebt. Die Veröffentlichung mehrer Bücher zu den Sketchen; die Konversion vormals aufgenommener Schallplatten in CDs; das Bestehen mehrer Duos, welche die Sketche neu interpretieren und aufführen; und die regelmäßige Ausstrahlung des alten Materials auf den öffentlich-rechtlichen Sendern des Ostens der BRD (siehe hier, hier, oder hier) lassen darauf schließen, dass der mittlerweile mehr als 40 Jahre alte Humor Herrichts und Preils auch im 21. Jahrhundert noch Bestand hat.

Fragestellung

Die Frage, die sich stellt, ist die folgende: warum, nach so langer Zeit, ist der Humor von Herricht & Preil immer noch aktuell, noch immer lustig? Gemessen an der apolitischen Natur der Sketche scheint es unwahrscheinlich, dass es sich ausschließlich um (N)Ostalgie handelt – auch moderne Nacheiferer sprechen dem entgegen.

Gibt es also sprachliche und strukturelle Merkmale des Humors bei Herricht & Preil, die zu dieser Langlebigkeit beitragen? Oder, kurzum:

Was ist das sprachliche Erfolgsrezept von Herricht & Preil?

Theoretischer Ansatz

Den theoretischen Hintergrund zur Betrachtung dieser Frage bietet die General Theory of Verbal Humour nach Raskin and Attardo. Gemäß dieser können Humorintentionen (Witze, Sketche, etc.) hauptsächlich verbalen Charakters auf sechs hierarchische geordnete Unterebenen und damit elementare Bestandteile reduziert werden. Dabei sind höher geordnete Elemente zentraler für den Humor als niedrigere.

Diese Ebenen lassen sich wie folgt definieren (links) und sind bei Herricht & Preil wie folgendermaßen ausgeprägt (rechts):

  1. Skriptopposition

  2. Logik des Witzes

  3. Situation

  4. Zielgruppe

  5. Erzählstrategie

  6. sprachliche Gestaltung

  1. [variabel, siehe Beispiele untenan]

  2. [gleichfalls variable]

  3. Zufallsbegegnungen, dabei zuweilen Phantasiespiele

  4. Ziel des Spottes sind (fast ausschließlich die Agierenden selbst

  5. Unterhaltung, Belehrung, Frage-und-Antwort

  6. Herricht stets der (leicht dümmliche) Otto Normalverbraucher,
    Preil stets der Oberlehrer und Besserwisser

A priori scheint es also, als seien die vier untergeordneten Ebenen, relativ und verallgemeinernd gesehen, relativ stabil und unveränderlich, wohingegen die übergeordneten Ebenen, also die individuellen Skriptoppositionen und Humormechanismen selbst, Wortwechsel zu Wortwechsel unterschiedlich sind.

Hypothesen

Grundlegend ergeben sich im Rahmen der Fragestellung und des theoretischen Hintergrundes damit zwei Hypothesen, die es zu testen gilt:

(1) Die bestehende Popularität des Duos bzw. der Sketche begründet sich in der Alltäglichkeit der Situationen und dem Wiedererkennungswert der Charaktere.

Dies entspricht in etwa den o.g. Ebenen 4–6. Hervorzuheben sind hier erstens die diachrone Beständigkeit und Unkompliziertheit der Situationen: Weihnachten, Tierarzt, Gartenarbeit, etc. – also Bereiche, die der Allgemeinheit fast uneingeschränkt bekannt sein dürften und die somit niemanden ausgrenzen. Zweitens ist auch zu bemerken, dass die Zielscheibe des Humors fast nie der Zuhörer oder eine externe Gruppe ist, sondern stets Herricht oder Preil selbst; somit kann der Zuhörer über beide lachen und sich, nach Wahl, auch je mit dem einen oder anderen identifizieren, ohne sich selbst aufs Korn genommen zu fühlen.

(2) Der eigentliche Humor wird durch variable Skriptopposition und -logik angetrieben.

Das heißt konkret, dass die Humorintentionen im Prinzip nicht vorhersehbar sind, obgleich sie sich (siehe unten) kategorisieren lassen. Damit werden also bekannte und / oder leicht erfassbare Situationen mit Unerwartetem und Unerwartbarem gemischt, was ja die eigentliche Natur des Humors ist.

Phase I: Textanalyse

Um nun zu eruieren, warum diese Form des Humors dem Zahn der Zeit nicht oder weniger stark zum Opfer gefallen ist, als andere, gilt es zuerst, die zu Grunde liegenden Texte bzgl. ihres Humors zu analysieren und diesen zu kategorisieren. Mit Hilfe dieser Kategorien kann dann in der nächsten Phase der Studie überprüft werden, ob das Publikum, damals wie heute, über den selben Humor lacht, oder ob sich die Lachgründe geändert haben.

Beispielhaft seien hier folgende Kategorien mit kurzen Beispielen und Analysen angeführt:

Homophonie

H: «Also Herr Preil, bitte keine Schweinereien.»
P: «Wieso denn, das sind doch keine Schweinereien. Intravenös heißt in die
Vene
H: «In die
Beene ... in die kleinen Mückenbeene ...»
(Kontext: Injektion mit Mückentötolin; die Skriptopposition, verursacht durch die Homophonie, besteht im Missverständnis des Injektionslocus.)

Polysemie

P: «Jeder gute Gärtner macht irgendwo in die Ecke seines Gartens einen Haufen
H: «Ich weiß nicht, was sie da für Leute kennen, aber mein Garten bleibt
sauber
(Kontext: Komposthaufen im Garten; die Polysemie von Haufen führt zum Missverständnis der Belehrung, der Aufforderung einen Komposthaufen bzw. Kothaufen im Kleingarten 'anzulegen'.)

P: «Setzen Sie gefälligst erst mal Ihre Bauern ins Feld
H: «Natürlich! Gern! Meine Bauern müssen aufs Feld!
An die Arbeit! Die Ernte ruft
(Kontext: Schach; die Polysemie von Bauer und Feld führt zur unerwarteten Aufforderung an die Schachfiguren, Feldarbeit zu übernehmen.)

Fehlanalyse

P: «Beschreiben Sie mir mal eine Platzwette.»
H: «Eine Platzwette ... nee, lieber nicht.»
P: «Warum denn nicht?»
H: «Wetten, dass Sie
platzen
(Kontext: Wette auf der Pferderennbahn; das Kompositionsvorderglied Platz- wird fehlerhaft als dem Verb platzen zugehörig analysiert, was zu der absurden und erwartungsfernen Definition führt.)

P: «Nehmen Sie meinen Apparat. Und wie halten Sie ihn nun... ?»
H: «
In Ehren ...»
(
Kontext: Photoapparat; die konkrete Frage nach der Haltung des Apparates wird pragmatisch fehlinterpretiert und resultiert in der absurden Antwort.)

Malapropismus

H: «Ich muss zum Patenamt
P: «Zum Patenamt? Wieso, wollen Sie eine Patenschaft anmelden?»
H: «Nein, nein ... Ich habe nämlich eine
Erfindung erfunden ...»
(Kontext: Erfindung von Mückentötolin; der Fachterminus wird falsch verwendet bzw. fehlerhaft produziert, was zum Erwartungsbruch bei Erwähnung der Erfindung führt.)

P: «Moment, was ist das?»
H: «Ein
Bettspiel, das schon die Alten ohne Pfarrer gespielt haben.»
P: «Das ist kein Bettspiel, sondern ein
Brettspiel! Und das haben nicht die Alten ohne Pfarrer sondern die alten Pharaonen gespielt.»
(Kontext: Schachspiel; wiederum werden weniger bzw. unbekannte Begriffe falsch ausgesprochen bzw. falsch verwendet.)

Neologismus & Onomatopoesie

H: «Ich komme... Kling-klang-klong ...»
P: «Was war das ...?»
H: «Das war die
Salonpforten-Glocke ... oder schlicht: die Ladenbimmel.» ...
P: «Das ist ja entsetzlich!»
H: «Dann müssen Sie sich ’ne andere Bimmel kaufen.»
(Kontext: Musikhandel)

Invektive

P: «Und was ist das hier auf diesem Photo? Da ... neben der Haustür ... unter dem Balkon.»
H: «... eine Mülltonne!»
P: «Nein, das bin ich!»
(Kontext: Photobetrachtung)

Einige verfügbare Videoaufnahmen folgen hierunter beispielhaft.

Phase II: Experiment

Nach Analyse und Kategorisierung der o.g. Humorintentionen lässt sich ein Erwartungshorizont erstellen, d.h. Referenzstellen erarbeiten, an denen mit Gelächter und anderen Publikumsreaktionen zu rechnen ist.

Diese Erwartungen dienen als Grundlage des Vergleichs. Zum einen werden die Referenzstellen mit den Publikumsreaktionen aus originalen Fernsehaufnahmen verglichen; zum anderen werden einige Sketche einem Online-Publikum vorgespielt und deren Reaktionen gemessen. Geprüft werden soll zuerst, ob die Vorhersagen der analysierten Humorintentionen mit den eigentlichen Reaktionen übereinstimmen. Können diese Referenzstellen als Prognostik allgemein als Prognostik dienen, oder wird auf spezifische Kategorien unterschiedlich reagiert?

Weiterhin muss überprüft werden, ob im Durchschnitt beide Konstituentengruppen an den selben Referenzstellen gleich reagieren, oder ob sich der Humor diachron verändert hat. Hier sind vor allem die Variablen des Alters und der geographischen Herkunft der Teilnehmenden von potentiellem Interesse. Sollten sich alters- oder herkunftsbezogene Differenzen aufzeigen, bestünde die Frage, inwiefern (N)Ostalgie eine Rolle in der Langlebigkeit des Humors von Herricht & Preil spielt.

Gleichermaßen von Interesse, in einer weiterführenden Phase, wäre der Vergleich mit anderen Komikern ähnlicher oder flacherer Zeittiefe und mit anderen Modalitäten. Sind die Sketche von Dieter Krebs und Iris Berben, die humoristischen Gedichte von Heinz Erhardt, die Standup-Shows von Michael Mittermeier gleichermaßen andauernd?

Literaturnachweise

Attardo, S. (2017) The Routledge Handbook of Language and Humor, London: Routledge.

Attardo, S. and Raskin, V. (1991) “Script theory revis(it)ed: joke similarity and joke representation model,” Humor 4 (3–4), 293–347.

Brett, R. (2019) “Humor as Philosophical Subversion,” in P. Destrée and F.V. Trivigno (eds.), Laughter, Humor, and Comedy in Ancient Philosophy, Oxford: Oxford University Press, 208–226.

Dynel, M. (ed.) (2011) The Pragmatics of Humour Across Discourse Domains, Amsterdam: John Benjamins.

Howell, T.E. (2004) V/banished identities: the case of Eastern German humor, Ph.D. thesis, University of California, Berkeley.

Krikmann, A. (2006) “Contemporary Linguistic Theories of Humour,” Folklore 33, 27–58.

Moreall, J. (2020) “Philosophy of Humor,” in E.N. Zalta (ed.), The Stanford Encyclopedia of Philosophy, fall 2020 edition, Metaphysics Research Lab, Stanford University, https://plato.stanford.edu/archives/fall2020/entries/humor/.

Raskin, V. (1985) Semantic Mechanisms of Humor, Dordrecht: D. Reidel.

Ruch, W.; AttaRdo, S.; and Raskin, V. (1993) “Toward an empirical verification of the General Theory of Verbal Humor,” Humor 6 (2), 123–136.

TwarK, J.E. (2007) Humor, Satore, and Identity. Eastern German Literature in the 1990s, Berlin/New York: Walter de Gruyter.

Winter, B.L. (2016) Laughing Through Tears, or: How Humor Helped the Germans (re)Discover Themselves after the War and the Wall, Ph.D. thesis, University of California, Davis.