Seminartexte

Lehre an der Universität Heidelberg

28. Seminar: Mit Kanones auf Spatzen schießen. Nicht-kanonische Dramen

Inhalt:

Das Seminar wird sich überwiegend abseits der ausgetretenen Pfade der Dramengeschichte bewegend auf Stücke konzentrieren, die heute als nicht-kanonisch gelten. Hierzu werden wir vorerst unterschiedliche Literaturgeschichten auf ihre „Erzählung“ der Dramengeschichte hin analysieren, werden Konzepte von Kanonizität erarbeiten und die Frage beantworten, wie man überhaupt „vergessene“ Texte finden kann. Ist dies geleistet, werden wir nebst bekannten hochkanonischen Vergleichstexten einige nicht-kanonisch Dramen lesen und deren Unterschiede herausarbeiten. Ziel des Seminars ist es, ein Bewusstsein von Kanonizität und den Folgen der Zuschreibung eines Textes zu einem Kanon zu entwickeln.

Das Seminar setzt ebenso die Bereitschaft einer intensiven Lektüre einer Vielzahl an nicht immer hochliterarischen Texten voraus wie die aktive Mitgestaltung der Seminarsitzung durch Diskussionsbeiträge. Während die Wissensaneignung in der vorbereitenden Lektüre stattfindet, dient das Seminar zum Austausch und der Diskussion über die Texte und Lektüreerkenntnisse.

29. Seminar: Haft und Haftung / Autorschaft und Gefangenschaft

Inhalt:

Wo Schreiben verboten ist, sind auch Schreibinstrumente wie Stift und Papier ein rares Gut. Dies gilt insbesondere für Inhaftierungs- und Kasernierungsanstalten, wie sie die Geschichte seit der Antike in allen möglichen Varianten hervorgebracht hat. In dem Seminar widmen wir uns der Frage des Zusammenhangs von Bestrafungssystemen und (subversiver) Autorschaft mit besonderem Fokus auf in der Haft geschriebenen literarischen Texten. Wir werden darin nicht nur unterschiedliche Kulturgeschichten riskanter Autorschaft aufarbeiten, sondern ebenso die spezifische Schreibsituation von gefangenen Intellektuellen und Literaturen rekonstruieren – deren Liste lang ist: Bieneck, Billiger, Conti, Genet, Havel, Kempowski, Luxemburg, Mandela, von Moltke, Meinhoff, Rinser, Ulfeld, Unterweger, Schubart u.v.m.

Es wird uns neben historischen Erkenntnissen auch also auch um die materiellen, die psychischen und physischen Bedingungen gefangener Autorschaft gehen. Als leitende (und zu prüfende) These soll untersucht werden, ob sich in diesen Texten immer wiederkehrende Motive, Topoi, Metaphern oder Plots finden lassen, die (mit entsprechender Vorsicht) auf die Produktionssituation zurückzuführen sind.

Das Seminar setzt ebenso die Bereitschaft einer intensiven Lektüre einer Vielzahl an nicht immer hochliterarischen Texten voraus wie die aktive Mitgestaltung der Seminarsitzung durch Diskussionsbeiträge. Während die Wissensaneignung in der vorbereitenden Lektüre stattfindet, dient das Seminar zum Austausch und der Diskussion über die Texte und Lektüreerkenntnisse.

28. Seminar: Poetik der dramatischen Figur

Inhalt:

Die Geschichte der dramatischen Poetiken ist überwiegend als Geschichte dramenästhetischer Gestaltungs- und Wirkungskategorien rekonstruiert worden: Mimesis, Katharsis, Anagnorisis usw. Übersehen wurde dabei das zentralste aller dramatischen Elemente: die dramatische Figur.

Das Seminar widmet sich den poetologischen Konzepten dramatischer Figuren, versucht also zu rekonstruieren, auf welchen "Konstruktionsprinzipien" dramatische Figuren beruhen, welche Funktionen sie für dramatische Konfliktgestaltung, für Gattungszuordnung (Komödie, Tragödie, usw.) und Wirkungsabsicht dieser Stücke haben.

Dazu lesen wir nicht nur dramatische Poetologien von Gottsched bis Dürrenmatt mit Blick auf die dramatische Figur, sondern auch die dramatischen Texte selbst und stellen uns die Frage, ob Ideal und Wirklichkeit dramatischen Schaffens zur Deckung kommen können.

27. Seminar: Hermeneutische Interpretation und digitale Analyse (SoSe 2018)

Inhalt:

Das Seminar widmet sich der Frage nach dem Verhältnis von tradierten literaturwissenschaftlichen Interpretations- bzw. Denkpraktiken zu den stark methodenorientierten Textanalysepraktiken der sogenannten Digitial Humanities, also der computergestützten Analysen geistes- und in diesem Fall konkret literaturwissenschaftlicher „Daten“. An erster Stelle steht dabei die Problematisierung genau dieser Frage: Muss sich hermeneutisch-qualitatives Denken überhaupt mit solchen textquantifizierenden Methoden auseinandersetzen oder sind hier tatsächlich Interpretation und Analyse strikt zu trennen?

Neben einem kurzen Einblick in die Fachgeschichte und dem Versuch einer systematischen Verortung von Hermeneutik und DH in der heutigen Literaturwissenschaft werden wir auch ganz praktisch an Texten exemplarisch hermeneutische Interpretation und digitale Analyse gegenüberstellen, vergleichen, werden Anknüpfungspunkte und Gegensätze suchen.

Das Ziel der Lehrveranstaltung ist es, Studierende die Kernideen hermeneutischer Interpretation und digitaler Analyse zu vermitteln und zugleich grundlegende Praktiken der computergestützten Textanalyse einzuüben. Dazu bedienen wir uns vorhandener tools mit GUI. Es sind keine Vorkenntnisse in Programmiersprachen erforderlich, lediglich Interesse an Theorie- und Methodenfragen und die Bereitschaft, sich literarischen Texten auf ungewohnte Weise zu nähern.


Lehre an der Universität Stuttgart

26. Projektseminar: Sprachpatenschaften (WiSe 2017/18)

Sprachpatenschaften für Flüchtlinge in Koop. mit den Stuttgarter Museen (mit Yvonne Zimmermann, Fabian Dirscherl, unterstützt vom Sprachenzentrum)

Die größten Hürden für die Integration von Immigranten sind Sprachbarrieren. Wer die Sprache des Landes, in dem er wohnt, sich ausbilden und arbeiten will, nicht beherrscht, hat keine Chance auf ein eigenständiges Leben. Aus diesem Grund werden Arbeitsimmigranten und erfolgreich Asyl beantragten geflüchteten Menschen neben den Bedürfnissen des alltäglichen Lebens auch Sprachkurse angeboten. Diesen Bedarf decken Sprachinstitute und Sprachlehrzentren, die auf verschiedenen Niveaus eine große Anzahl an Kursen unterrichten. Gerade für Germanisten und Linguisten erschließt sich hier ein interessantes Arbeitsfeld (das allerdings mit einem Zertifikat im Bereich Deutsch als Fremdsprache (DaF) ergänzt werden sollte, wie es etwa das Sprachenzentrum unserer Universität mit dem Erweiterungscurriculum DaFLL anbietet). Was ist aber mit denjenigen geflüchteten Menschen, die nicht zuletzt aufgrund ihrer Ausbildung und bisherigen Berufstätigkeit sehr gute Chancen auf eine schnelle berufliche Eingliederung haben, die Bewilligung ihres Asylantrags jedoch wegen der Vielzahl an Geflüchteten sehr lange auf sich warten lässt?

Dieser Bedarfssituation der aktuellen Lage in Deutschland geschuldet, haben wir für Studierende der Germanistik und Linguistik in Zusammenarbeit mit dem Sprachenzentrum ein Projektseminar entwickelt, in welchem sich die Studierenden als Sprachpaten für Kleingruppen erproben können. In Absprache mit der Stadt Stuttgart sondieren wir den Bedarf an Sprachpatenschaften und sorgen dafür, dass wir vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in ihrem sprachlichen, aber auch kulturellen Integrationsprozess unterstützen. (Das kann auf freiwilliger Basis über den rein akademischen Unterricht hinausgehen ‒ etwa dahingehend, dass nicht nur die sprachlichen Voraussetzungen für Alltagssituationen angeeignet, sondern geflüchtete Menschen in diesen Alltagssituationen auch begleitet werden.) Welche Sprachkenntnisse ‒ auch im Englischen ‒ hier vorausgesetzt werden können, muss sich erst in der Praxis zeigen.

Das Projektseminar existiert seit Oktober 2015 und wird seit April 2016 neben anderen Projekten im Bereich Welcome Campus vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst finanziell unterstützt und von unserem Kooperationspartner, der Staatsgalerie Stuttgart, begleitet. Ab Oktober 2016 können auch Studierende anderer Fächer im Projektseminar "Sprachpaten 2" als Sprachpaten geflüchtete Menschen in ihrem Lernprozess unterstützen.

Um die Studierenden auf die Anforderungen vorzubereiten, beginnt das Projektseminar mit einem anderthalbtägigen Workshop (Freitagnachmittag/Samstag), der zum einen eigene interkulturelle Kommunikationskompetenzen trainieren soll (Workshop „Interkultureller Dialog“, 3 Stunden, Elif Polat/Xiao Wang, Sprachenzentrum, Projekt „Tandemlernen“) und zum anderen auf die Sprachpatenschaft selbst vorbereiten wird (Workshop „Sprachpate DaF“, 6 Stunden, Martina Widon, Sprachenzentrum, Abteilung DaF). Bereits hier werden die Studierenden mit den nötigen Unterrichtsmaterialien ausgestattet. Während die Studierenden in den folgenden Wochen ‒ anfangs mit Hilfe der Seminarleiter ‒ Mini-Gruppen von bis zu vier Personen betreuen, werden bei Bedarf das ganze Semester über in regelmäßigen Abständen Besprechungen mit der DaF-Expertin und den begleitenden Dozenten stattfinden.

Das Projektseminar ist – nach Verfassens eines zwei- bis dreiseitigen Berichts – im „BA Germanistik HF“, im „BA Linguistik HF“ und im „BA Linguistik Ein-Fach“ als fachaffine Schlüsselqualifikation anrechenbar. Allen anderen Studierenden stellen wir eine Teilnahmebescheinigung aus.

Dokumentation der Medienberichte über dieses Projekt → hier / Fotos von der Projektarbeit → hier

25. Seminar: Dramen des 19. Jahrhunderts (SoSe 2017)

Inhalt:

In dem Bachelorseminar sollen grundlegende Interpretations- und Verstehenspraktiken im Umgang mit dramatischen Texten eingeübt werden, wobei die Textinterpretationen stets an den Kontexte ihrer Entstehungszeit orientiert ist. Nach der Beschäftigung mit grundlegenden dramenanalytischen und gattungsbezogenen Begriffen und Konzepte widmen wir uns in je zwei Sitzungen einem Drama aus dem 19. Jahrhundert, wobei wir zur je ersten Sitzung vollständig den dramatischen Text lesen und zur je zweiten dazu poetologische Schriften des entsprechenden Autors (und ggfs. andere Kontextzeugnisse), um unsere Interpretationsergebnisse mit den Produktions- und Wirkungsintentionen des Autors abzugleichen. Das wird uns helfen, zuvor gemachte Anachronismen zu identifizieren und das sozialhistorisch relevante Wissen und das Problembewusstsein des Autors zu erkennen.


24. Seminar: Digitale Literaturwissenschaft? (SoSe 2017)

Inhalt:

Das Master-Seminar möchte mit den fortgeschrittenen Studierenden diskutieren, inwiefern die Praktiken des Textumgangs in den Digitalen Literaturwissenschaften, bzw. den literaturwissenschaftlichen Digital Humanities an grundlegende Probleme des Textverstehens anknüpfen oder an diese rückgebunden werden können. Neben einer Beurteilung des systematischen Orts dieser Methoden innerhalb der Literaturwissenschaft versuchen wir, diese Methoden nicht nur zu verstehen, sondern auch anzuwenden. Der konzeptuelle Rahmen des Scalable Readings, das mit dem Versprechen einer Lösung dieser Anwendungsprobleme in die Debatte eingeführt wurde, wird uns dabei begleiten. Neben exemplarischen Analyseversuchen auf dramatischen Texten beschäftigen wir uns mit Netzwerkanalysen (SNA) und Stilometrie, Visualisierungsproblemen, der Frage nach einer angemessenen Operationalisierung literaturwissenschaftlicher Konzepte und Kategorien für die computergestützte Analyse, insb. mit Blick auf die Narratologie, Herausforderungen digitaler Editionen.


23. Projektseminar: Sprachpatenschaften (SoSe 2017)

Sprachpatenschaften für Flüchtlinge in Koop. mit der Staatsgalerie Stuttgart (mit Yvonne Zimmermann, Fabian Dirscherl, unterstützt vom Sprachenzentrum)

Seminarbeschreibung: Siehe (WiSe 2017/18)


22. Seminar: Figurentypen im Drama (WiSe 2016/17)

Inhalt:

Das Seminar hat zur Aufgabe, grundlegende Forschungsarbeiten zur Figurentheorie aufzuarbeiten und auf dramatische Texte seit der Antike anzuwenden. Dabei werden vielfältige Probleme sichtbar werden, die sich u.a. daraus ergeben, dass es zwar Ansätze einer Theorie der dramatischen Figur gibt, ihr die Forschung (insb. durch die Narratologie) zur Figur in Prosatexten jedoch davonzurennen scheint. Es wird also eine Übertragungsleistung verlangt werden, in der die figurenbezogenen Konzepte der (strukturalistischen, kognitionswissenschaftlichen usw.) Narratologie auf die ihr fremden dramatischen Figuren übertragen werden. Trotz aller theoretischen Grundlagenarbeit soll die Interpretation nicht zu kurz kommen, sprich: der theoretische Diskurs zur Figur soll durch sich informiert durch interpretative Erfahrung an den literaturwissenschaftlichen Praktiken der Dramenanalyse orientieren.

Workload:

Der erste Teil jeder Sitzung wird von einer "Expertengruppe" für den/die zu lesenden Text/e bestritten. Diese Studierende sind für die Beschaffung relevanter Kontextinformationen verantwortlich und sollen die Textdiskussionen mit zentralen Fragen anleiten. Darüber hinaus wird die Lust am Lösen theoretischer und interpretativer Probleme ebenso vorausgesetzt wie die Bereitschaft zur aktiven Mitarbeit, die eine gewissenhafte Lektüre ebenso einschließt wie eine rege mündliche Beteiligung am Seminargeschehen.

Die Leseliste wird in der ersten Sitzung bekannt gegeben.


21. Projektseminar: Sprachpatenschaften (WiSe 2016/17)

Sprachpatenschaften für Flüchtlinge in Koop. mit der Staatsgalerie Stuttgart (mit Yvonne Zimmermann, Fabian Dirscherl, unterstützt vom Sprachenzentrum)

Seminarbeschreibung: Siehe (WiSe 2017/18)


20. Übung: Dramengeschichte zwischen 1700 und 1900 (SoSe 2016 )

Inhalt:

Die Übung widmet sich einem im akademischen Studium der Literatur oft nicht in seiner Wichtigkeit wahrgenommenen Aspekt der Literaturgeschichte: dem Drama. Dem Übungscharakter der Veranstaltung gemäß werden die Teilnehmer vor allem in der Praxis der Lektüre dramatischer Texte angeleitet und sollen sich grundlegende Praktiken der wissenschaftlichen Textanalyse und -interpretation aneignen. Da diese im akademischen Diskurs stark regelgeleitet sind, müssen überdies einige dramentheoretische und -poetologische Texte vorbereitend studiert werden.

Workload:

Die Studierenden werden im Laufe des Semesters wenige theoretische Texte und deutlich mehr dramatische Texte (teilweise nur in Auszügen) lesen. Der erste Teil der Sitzung wird von einer "Expertengruppe" bestritten und soll neben Kontextinformationen auch in die Textanalyse einleiten. Den zweiten Teil der Sitzung wird vom Dozenten genutzt, um für das Textverständnis elementare Stellen zu vertiefen.

Die Leseliste wird in der ersten Sitzung bekannt gegeben.


19. Projektseminar: Sprachpatenschaften (SoSe 2016)

Sprachpatenschaften für Flüchtlinge in Koop. mit der Staatsgalerie Stuttgart (mit Yvonne Zimmermann, Fabian Dirscherl, unterstützt vom Sprachenzentrum)

Seminarbeschreibung: Siehe (WiSe 2017/18)


18. Seminar: Widerspruch in Philosophie und Literatur (WiSe 2015/16 )

(Mit Dirk Lenz, Philosophie, Uni Stuttgart)

Dass Pinocchios Nase immer dann wächst, wenn er lügt, ist hinlänglich bekannt. Was aber passiert just in dem Moment, in dem er behauptet: „Meine Nase wächst“?

Nimmt man an, er macht eine wahre Behauptung, dann:

  • müsst seine Nase wachsen, denn er hat es wahrheitsgemäß behauptet, aber dann
  • dürfte seine Nase nicht wachsen, denn die Nase wächst nur, wenn er lügt.

Nimmt man an, er macht eine falsche Behauptung, dann:

  • dürfte seine Nase nicht wachsen, denn er hat gelogen, aber dann
  • müsste seine Nase wachsen, denn die Nase wächst, wenn er lügt.

Muss man also sagen: Pinocchios Nase wächst nur (und ausschließlich nur) wenn sie nicht wächst?

Das Lügner-Paradox, bei dem ein Satz seine eigene Unwahrheit behauptet, ist eines von vielen theoretischen Beispielen der Philosophie, bei dem Widersprüche eine ganz essentielle Funktion hinsichtlich der denkbaren Möglichkeiten übernehmen, mit Aussagen Erkenntnis über die Welt zu erlangen. Diese Erkenntnisfunktion ist keineswegs rein destruktiv im Sinne eines „das darf man so nicht denken“, sondern sie muss vielmehr als Ausgangspunkt eines kreativen Möglichkeitsraums gedacht werden, innerhalb dessen alternative Selbst- und Weltentwürfe (mit Leibniz: „Mögliche Welten“) kontrastiert und nicht zuletzt evaluiert werden können. Aber ist das nicht auch ein ganz wichtiger Aspekt der Funktion literarischer Fiktionen? Mich selbst anders denken können, in andere hineinzuversetzen, andere Welten, andere Realitäten durch Erzählung (virtuell) erlebbar gemacht zu bekommen?

Neben einem kurzen, aber unumgänglichen Ausritt in die logische Philosophie wird sich das Seminar, das sich in seiner Besetzung von den Dozenten bis zu den Studierenden als dezidiert interdisziplinäres Seminar versteht, überwiegend in den Grenzbereichen zwischen Philosophie und Literatur bewegen. Es wird hier wie dort grundlegende (disziplinspezifische) Definitionen betrachten und (interdisziplinär) vergleichen, wird die jeweils generischen (also die Textgattung betreffenden) Formen von Widersprüchen zu identifizieren suchen (Antithese, Paradox, Tropen wie die Ironie(?) usw.) und nicht zuletzt Anlass und Raum zur Diskussion geben. Denn die fiktionale Literatur biete unzählige Beispiele, wie ein Widerspruch quasi-praktisch werden kann, also theoretisch-praktisch, oder ist das ein Widerspruch?

Einführungstexte (bereits in Ilias):

Philosophie:

  1. „Gegensatz/Widerspruch“ in Enzyklopädie Philosophie (hgg. v. Sandkühler).
  2. „Widerspruch“ in Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie (hgg. v. Mittelstraß).

Literaturwissenschaft:

  1. „Anthithese“, „Ironie“ und „Paradox“ in Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft (hgg. v. Braungart).

Diese Texte werden in den ersten beiden Sitzungen besprochen und sollten bereits in der vorlesungsfreien Zeit zumindest kursorisch gelesen werden. Welche Texte im Seminar diskutiert werden (denkbar: Italo Calvino, Jorge Luis Borges, Thomas Mann; Franz Kafka) werden wir ebenfalls in der ersten Sitzung bekanntgeben. Mit der Teilnahme verpflichten die Studierenden sich zu der regelmäßigen und aktiven Teilnahme an den Seminarsitzungen sowie zur wöchentlichen Lektüre der dort diskutierten (gar nicht so umfänglichen) Texte.


17. Seminar: „Fremd wie einer, der aus dem Mond gefallen ist“. Literarische Außenseiter (WiSe 2015/16)

Wenngleich das titegebende Schiller-Zitat sich auf einen Literaten bezieht – nämlich Jean Paul, den Goethe ähnlich abgeneigt einen „Chinesen in Rom“ nannte ‒, sollen in dem Seminar überwiegend fiktionale Figuren untersucht werden, die aus unterschiedlichen Gründen als intellektuell oder sozial nicht konsensfähig, bzw. integrierbar gelten. Typisch sind etwa der Einzelgänger, der Schelm, der Schwärmer, der Narr, der Sonderling, der Perverse usw.

Die Lektüreerfahrung der Andersartigkeit dieser Figuren (etwa aufgrund von Rasse, Geschlecht, Fremdheit des Aussehens, Denkens, Handelns usw.) kann nicht nur auf Klischees und Allgemeinplätzen basieren, sondern muss auch an bestimmte literarische Darstellungsformen gebunden sein. Und genau an dieser Stelle setzt das analytische Interesse des Seminars an: Gibt es Muster dieser Darstellungsformen von Außenseitertum in der fiktionalen Literatur unterschiedlicher Epochen? Lassen sich zeitspezifische Stereotype erkennen (etwa der Schwärmer in der Aufklärung; der Jude im 19. u. 20. Jahrhundert) und wie werden diese in der Fiktion (re-)konstruiert, von ihr tradiert oder überhaupt erst produziert? Welches (historische) Kontextwissen setzt die Identifikation von Außenseitern voraus? Lassen sich anhand dieser fiktionalen Texte Aussagen generieren über die eine Gesellschaft konstituierenden Herrschaftssysteme, ihre In- und Exklusionsmechanismen, ihre Genderkonzepte, über „Norm und Abweichung“ (Fricke 1981), bzw. soziologisch gesprochen: Wenn Normen für eine Gruppe gültig sind, weil sie für die meisten ihrer Mitglieder individuellen Verpflichtungscharakter haben und so überhaupt erst als moralischer Wert dieser Gruppe anerkannt werden („Du sollst nicht töten“), welche gesellschaftliche oder individuelle Funktion hat dann Literatur, die abweichendes Verhalten (soziale u. psychische Devianz) in ihr Zentrum stellt?

Wie diese Fragen nur andeuten können, wird die intensive Analyse literarischer Primärtexte im Seminar angeleitet durch eine Auswahl soziologischer, sozialpsychologischer und literaturwissenschaftlicher Forschungstexte, die den o.g. Problembereichen gewidmet sind.

Eine Auswahl möglicher Seminartexte:

  • Bienck, Hans: Die Zelle
  • Büchner, Georg: Lenz
  • Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werther
  • Mann, Thomas: Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull. Der Memoiren erster Teil
  • Musil, Robert: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
  • (…)

Das Seminar wird nur alle zwei Wochen stattfinden, dafür jeweils mit einer Doppelsitzung (3 Stunden, 10 Min. Pause etwa in der Mitte). Das gibt nicht nur genug Raum zwischen den Sitzungen, jeweils einen (längeren) literarischen und einen (kürzeren) Forschungstext zu lesen, sondern ermöglicht uns auch, die gelesenen Texte in den Seminarsitzungen einigermaßen intensiv zu besprechen. Die Seminarteilnehmer verpflichten sich mit ihrer Anmeldung zur regelmäßigen Lektüre und angeregten Teilnahme an den Diskussionen.


16. Projektseminar: Sprachpatenschaften (WiSe 2015/16)

Sprachpatenschaften für Flüchtlinge (mit Yvonne Zimmermann, Fabian Dirscherl, unterstützt vom Sprachenzentrum)

Seminarbeschreibung: Siehe (WiSe 2017/18)


15. Seminar: (Automatisierte) Narratologische Textauszeichnung (SoSe 2015)

(Mit Dr. Nils Reiter, Computerlinguistik Uni Stuttgart, IMS)

Während editionswissenschaftliche Fragen, Probleme der Zuschreibung von Autorschaft bei anonymen Texten und bereits auch Gattungszuordnungen immer häufiger und präziser durch computergestützte Methoden der Literaturwissenschaft erfolgreich zu lösen versucht werden, findet die Narratologie nicht so recht Anschluss an diese im Kontext der digital humanities entstandene Veränderung der Literaturwissenschaft. Das Seminar möchte sich aber weniger mit der Theoriegeschichte der Literaturwissenschaft als vielmehr ganz praktisch (und ganz praktischen) Problemen widmen, die bei der narratologischen Auszeichnung von Texten bestehen. Konkret werden die zur narratologischen Analyse eingeführten Begriffe von Genette aufgearbeitet (es sind weniger als man denkt!) und erst gemeinsam, dann in kleinen Teams auf Texte angewendet. Die Seminarsitzungen sind dabei insbesondere auch zur Besprechung von Problemen eingeplant.

Da nicht selten ein einzelnes Textmerkmal (Satz, Halbsatz, Absatz, Wort, usw.) mit mehreren narratologischen Kategorien beschrieben werden muss, wird eine manuelle Auszeichnung auf Papier schnell unübersichtlich. Das Seminar wird daher gemeinsam mit Studierenden der Computerlinguistik stattfinden. Diese werden mit uns Literaturwissenschaftlern die narratologischen Grundbegriffe lernen und definieren und eine virtuelle Auszeichnungsumgeben für den Rechner aufsetzen, die es uns dann, etwa ab der 8. Sitzung, ermöglicht, die digitalen Texte am Rechner narratologisch auszuzeichnen. Parallel zu dieser Seminarphase der praktischen Textauszeichnung entwickeln die Computerlinguistinnen und Computerlinguisten dann ein tool, das – hoffentlich – in der Lage sein wird, anhand der bereits händisch geleisteten Auszeichnungen zu lernen und selbstständig narratologische Analysen und Textauszeichnungen durchzuführen. Gelingt dies, haben Sie als Seminarteilnehmer Anteil an der Entwicklung eines für die zukünftige Narratologie Programms.

Die Lernziele der Veranstaltung liegen insbesondere in der Vermittlung eines Problembewusstseins für Begriffsdefinition und -anwendung im narratologischen Kontext. Die narratologischen Konzepte werden am Ende des Semester beherrscht und können im interdisziplinären Gespräch diskutiert werden.

Relevante Literatur (die gerne schon vorbereitet werden kann)

  • Martínez, Matías / Michael Scheffel 2003: Einführung in die Erzähltheorie. München, S. 27-95.
  • Lahn, Silke / Jan Christoph Meister / Matthias Aumüller 2008: Einführung in die Erzähltextanalyse. Stuttgart, S. 101-199; insb. Glossar, S. 277-292).
  • Genette, Gérard 1994: Die Erzählung. München.

Mögliche Auszeichnungstexte

  • Tieck: Der blonde Eckbert (1797)
  • Kleist: Marquise von O. … (1808)
  • Hoffmann: Der Sandmann (1816)
  • Büchner: Lenz (1839)


14. Seminar: Goethezeit (SoSe2015)

Mit seinem dreibändigen Werk "Geist der Goethezeit" führte der Literaturhistoriker Hermann August Korff in den frühen 1920er Jahren einen Begriff in die deutsche Literaturwissenschaft ein, der bis heute ebenso häufig Verwendung wie Kritik findet. Der Begriff bezeichnet die Phase etwa zwischen 1770 und 1830, also nicht die Lebens-, sondern die Schaffenszeit Goethes. Gleichzeitig deckt er unterschiedliche literarische Autoren (Schiller, Hölderlin, Jean Paul, Sophie von La Roche, Wieland, etc.) und Strömungen ab (Sturm und Drang, Klassik, Romantik und teilw. Empfindsamkeit). Er nimmt Bezug auf die zeitgenössische (romantische Natur-)Philosophie Fichtes, Schellings und Hegels und ist aufs Engste mit Weimar, dem Lebensmittelpunkt Goethes und intellektuellem Zentrum der Zeit verbunden.

Das Seminar möchte als Einführung in diese so wichtige Phase deutscher Literatur- und Kulturgeschichte verstanden werden und alle oben genannten Wissensbereiche ansprechen, wird aber nur einige vertiefen können. Es werden – teilweise vollständig, teilweise in Auszügen – literarische Zeugnisse der Zeit (von Goethe und anderen Autoren) gelesen und aus dem historischen Kontext heraus interpretiert. Dazu muss in einem ersten Schritt historisches Kontextwissen, also Wissen über die Kultur, Philosophie, Gesellschaft (usw.) der Zeit angelesen werden. Dies soll anhand von Korff selbst, aber auch anderen literaturgeschichtlichen Texten angegangen werden. Hierbei wird die genaue Lektüre und Wiedergabe wissenschaftlicher Texte eingeübt. Unsere Interpretationen von literarischen Primärtexten aus dieser Zeit können dann hinsichtlich ihres Bezugs auf historisches Wissen geprüft werden. Es wird also zu diskutieren sein und daher ist für die Teilnahme am Seminar die Bereitschaft zur Diskussion unbedingt erforderlich.


13. Seminar: Räume der Romantik: Über das Produzieren und Rezipieren von Architektur und Literatur (WiSe 2014/15)

(Mit Prof. Gerd de Bruyn, Architektur Uni Stuttgart, IGMA)

Das interdisziplinäre Seminar versucht zwei auf den ersten Blick kaum verwandte Fächer zusammenzubringen: Architektur und Literatur. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich allerdings, dass sie einen ideengeschichtlich durchaus vergleichbaren Entwicklungsprozess durchlaufen haben. Dieser soll exemplarisch anhand von zwei, für beide Fächer zentralen Ideen nachvollziehbar gemacht werden: den jeweiligen Autorkonzepten und Raumvorstellungen in der Zeit der Romantik. So können im Seminar theoretische und analytische Aspekte vermählt und vermittelt werden. Der Rekonstruktion von theoretischen Autorschaftskonzepten und der Aneignung von Hilfsmitteln zur narratologischen Analyse literarischer Texte wird nicht nur eine Seminarphase der raumbezogenen Textanalyse folgen, sondern die dabei bewusstgemachten Verfahren der Produktion und Rezeption literarischer Räume sollen darüber hinaus konstruktiv genutzt und in eine (modell- oder skizzenartigen) Reproduktion dieser fiktionalen Welten und ihrer Orte überführt werden.

Das Seminar setzt keine spezifischen literatur- oder architekturtheoretischen Kenntnisse voraus, verlangt aber die Bereitschaft zur intensiven Lektüre literarischer und theoretischer Texte.

Vorsicht: Das Seminar ist – wie bei den Architekten üblich – dreistündig angelegt. Das Mehr an Anwesenheit, wenn für die Germanistikstudierenden überhaupt verpflichtend, wird entsprechend von der Vor-/Nachbereitungszeit abgezogen.


12. Seminar: "Schuld" in drei Welterfolgen deutscher Nachkriegsliteratur: Grass, Lenz, Schlink (WiSe 2014/15)

Das Seminar widmet sich der literarischen Aufarbeitung eines ethisch wie juristisch brisanten Themas der deutschen Nachkriegszeit: Schuld.

Neben Süskinds „Parfüm“ und Krachts „Vermessung“ finden sich nicht mehr als drei weitere Welterfolge deutscher Nachkriegsliteratur: Grass‘ „Blechtrommel“, Lenz „Deutschstunde“ und Schlinks „Vorleser“. Diese drei Romane verhandeln auf unterschiedliche Weise das Thema der Schuld und sollen im Seminar hinsichtlich ihrer philosophischen, ethisch-moralischen, sittlichen, religiösen, juristischen, psychologischen, sozialen, privaten, didaktischen, (usw.) Dimensionierung von Schuld besprochen werden.

Welche Ausgaben zu besorgen sind, gebe ich in der ersten Sitzung bekannt. Nach dem Einarbeiten in die philosophischen Grundlagen des Themenbereichs werden wir die drei genannten Bücher chronologisch analysieren und intensiv diskutieren. Die Bereitschaft zur aktiven Seminarbeteiligung setze ich voraus.


11. Seminar: Wiener Moderne - um 1900 (SoSe 2014 )

Gotthart Wunberg weist an einer Stelle seiner Anthologie „Die literarische Moderne“ auf ein für die Wiener Moderne zentrales Problem hin: Die Verwendung des Begriffs „Moderne“ zeichne sich in dieser Zeit dadurch aus, „dass jeder ihn verwendet, dass jeder ungefähr, aber nicht ganz, dasselbe darunter versteht; dass folglich jeder weiss, was gemeint ist; dass folglich kaum einer genau definiert – definieren kann –, was er meint“. Diese Unsicherheit setzt sich fort und vagiert unter anderem zwischen damals ebenso unscharf verwendeten Begriffen wie Décadence und Dilettantismus und einer in der heutigen Forschung evidenten Konsenslosigkeit bei der Bestimmung der historischen Grenzen dieser Epoche.

Dieser Unschärfe steht eine personelle Abgeschlossenheit des Wiener Künstlerkreises entgegen, der intern – und das heißt: in den Kaffeehäusern – in starkem Austausch stand, nach außen – etwa Berlin, der anderen Hochburg der Zeit – jedoch kaum Diffusionsprozesse zuließ: „Berlin ist seinen Intellektuellen kein Problem. Sie haben keine Zeit, nachdenklich zu sein, weil sie denken. Der Volksschlag ist hier viel zu lebenstüchtig, um mehr zu sein als das. Die Nachdenklichkeit ist eine österreichische Krankheit. Nachdenklichkeit ist ein Diminutiv von Denken […]. Nachdenklich ist einer, der sich beim Denken ertappt und das so seltsam findet, daß er darüber in Nachdenklichkeit verfällt“ (Hans Natonek).

In dem Seminar soll ein systematisches Epochenstudium betrieben werden, dessen Ziel es ist, einen Überblick über das zeitgenössische Kommunikationssystem „Literatur“ zu geben. Es beinhaltet u.a. die Philosophie, Psychologie, Kultur, die literarischen Gattungen und Strömungen, Weltbilder, Merkworte der Zeit usw.).


10. Seminar: Objektive und subjektive Interpretationstheorien (SoSe 2014)

In dem Seminar sollen unterschiedliche Literaturtheorien besprochen und verglichen werden. Der Fokus liegt dabei auf Theorien, die dezidiert die Möglichkeit eines rein objektiven oder subjektiven Verstehens literarischer Texte behaupten. Objektive Theorien berufen sich häufig auf die a) ontologische oder b) epistemische Qualität des Textes, denn sie dann im Fall von a), als materiales Objekt oder im Fall von b) als „Container“ von Wissen bestimmen. Sie sind als „textobjektivistische Theorien“ zu bezeichnen. Davon grenzen sich Theorien ab, die objektives Verstehen durch Objektivität absichernde Methoden des Textumgangs erzeugen wollen, wobei hier nicht nur der Umgang mit literarischen Zeugnissen gemeint ist, sondern auch – im Kontext der empirischen Literaturwissenschaft – die Analyse von Interpretationen anderer Leser. Hier ist nicht mehr von Textobjektivismus, sondern von Interpretationsobjektivismus zu sprechen. Wie sich diese Theorien zueinander verhalten, wird in der ersten Hälfte des Semesters ausgearbeitet werden.

Eine gänzlich andere Position vertreten subjektivistische Literaturtheorien. Für sie ist es das lesende (männliche oder weibliche) Subjekt, das als zentrale Instanz der literarischen Bedeutungsproduktion zu gelten hat.

Gegen Ende des Seminares soll gezeigt werden, dass literaturwissenschaftliche Theoriebildung sich jedoch nicht nur in Extrempositionen bewegt. Vielmehr finden sich für die schemenhaft erwähnten Positionen jeweils extreme und moderate Varianten, wobei die moderaten Ausformulierungen einen Vorteil haben: Sie sind mit anderen Theorien kombinierbar. Die Position einer interaktionistischen Bedeutungstheorie soll uns hier als Beispiel eines Ansatzes dienen, der subjektivistische und objektivistische Theoriebildung vermählen kann.


9. Seminar: Lazarenische Literatur / Gefängnisliteratur / Gefangenenliteratur (WiSe 2013/14)

In ihrem Brief aus dem Toten Trakt schreibt Ulrike Meinhof:

das Gefühl, es explodiert einem der Kopf (das Gefühl, die Schädeldecke müßte eigentlich zerreißen, abplatzen) - […]
das Gefühl, die Zelle fährt. Man wacht auf, macht die Augen auf: die Zelle fährt; nachmittags, wenn die Sonne reinscheint, bleibt sie plötzlich stehen. Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen. Man kann nicht klären, ob man vor Fieber oder vor Kälte zittert -
man kann nicht klären, warum man zittert -
man friert.
Um in normaler Lautstärke zu sprechen, Anstrengungen, wie für lautes Sprechen, fast Brüllen -
das Gefühl, man verstummt -
man kann die Bedeutung von Worten nicht mehr identifizieren, nur noch raten – 

Was hier in Form eines nicht-fiktionalen Briefes verfasst ist und mit eindringlicher Drastik geschildert wird, soll Gegenstand des Seminars werden: Die spezifische Situation – psychisch und physisch – von Autoren, die während des Verfassens ihres/r Texte/s in irgendeiner Form gefangen gehalten wurden. Als leitende (und zu prüfende) These soll untersucht werden, ob sich in diesen Texten immer wiederkehrende Motive, Topoi, Metaphern oder Plots finden lassen, die (mit entsprechender Vorsicht) auf die Produktionssituation zurückzuführen sind. Dazu gehört auch die Beantwortung der Frage, ob (und wenn ja, wie) sich diese Literatur durch eine besondere Dichte des Textes oder der o.g. Textmerkmale auszeichnet, denn wo Schreiben verboten ist, sind auch Schreibinstrumente wie Stift und Papier ein rares Gut (die deshalb vielleicht selbst wieder besonders reflektiert werden?)

In den ersten Sitzungen soll das theoretische, kulturelle, sozialpsychologische und methodisch-textanalytische Wissen erarbeitet werden, dass dann ein intensives close reading der Gefangenenliteratur aus den vergangenen Jahrhunderten ermöglicht.


8. Übung: Historische Texte interpretieren (WiSe 2013/14)

Das Seminar soll einen praktischen Zugang zu wichtigen, nicht aber nur ‚kanonischen‘ Texten aus essentiellen Teilen des Gegenstandsbereiches der Literaturwissenschaft eröffnen: Epischen und dramatischen Texten seit der Antike.

Das Seminar setzt nicht nur die Bereitschaft voraus, Woche für Woche einen (meistens kürzeren) Primärtext aus dem o.g. Zeitraum intensiv zu lesen, sondern auch darüber diskutieren zu wollen; im besten Falle sogar kontrovers. Es wird demnach kein ‚Lektüreschlüssel‘ unterrichtet und keine Interpretation als ‚richtig‘ oder ‚falsch‘ beurteilt, sondern versucht, (Ihre) Interpretationsansätze anhand des Textes und unseres Kontextwissens (hier kann das Seminar zusammenarbeiten) als dem Text oder seiner Zeit angemessen auszuzeichnen. Das ist jedoch nur möglich, wenn alle Seminarteilnehmer die Texte lesen und mitdiskutieren.

Neben der Hausarbeit wird kein (Impuls-)Referat, sondern die Diskussionsbereitschaft als Schein- oder creditpointrelevante Leistung verlangt.

Die erste Halbzeit des Semesters werden wir dramatische Texte besprechen (und demgemäß in der ersten Sitzung die dramentheoretischen Grundlagen auffrischen), die zweite Halbzeit wird – wieder mit einer theoretischen Einführungssitzung – der Roman die Hauptrolle spielen.


7. Seminar: Literarische Romantik (SoSe 2013)

Wenige literarische Epochen sind so vielfältig – hinsichtlich ihrer Motive, Themen und Gattungen – wie es die Romantik war. Das Seminar möchte einen ersten Eindruck davon vermitteln, auf welche Weise ein Epochenstudium ganz generell methodisch aufgebaut sein kann und gleichzeitig in die Grundzüge der Romantik selbst einführen. Dabei wird schnell deutlich werden, dass die literarischen Texte allein nicht selbsterklärend sind: Um sie angemessen verstehen zu können, müssen nicht nur der Begriff „Romantik“, die ideen- und gesellschaftsgeschichtliche Entwicklung hin zur Romantik und ihrer Binnendifferenzierung in Früh-, Hoch- und Spätromantik rekonstruiert werden, sondern gleichsam auch ein Einblick die philosophischen Grundlagen des romantischen Denkens und Fühlens gewährt werden.In den Sitzungen werden demnach nicht nur einige der wichtigsten literarischen Primärtexte aus der Epoche der Romantik intensiv besprochen, sondern ebenfalls ganz grundlegende Fragen des Verstehens historischer Literatur thematisiert. Die zu lesenden Texte werden in der ersten Sitzung bekannt gegeben; Ziel des Seminars ist es, die Teilnehmer für das Verfassen einer Hausarbeit zum o.g. Themenkomplex vorzubereiten.

6. Seminar: Theorien und Praktiken des Lesens (SoSe 2013)

Fragt man jemanden, wie(!) er denn eigentlich lese, so darf man in der Regel wohl ebenso wenig eine schnelle wie eine wohldurchdachte Antwort erwarten. Aber warum ist das so? Immerhin lesen wir ständig: SMS, Beipackzettel, Zubereitungsempfehlungen, Straßenschilder, Nachrichten und ab und an auch mal ein Buch. Dass wir lesen und wie gut wir lesen können, merken wir in der Regel erst, wenn wir auf einen Text oder eine Textstelle stoßen, die wir gerade nicht lesen, bzw. nicht verstehen können. Man muss also davon ausgehen, dass Lesen-Können in etwa so funktioniert wie Fahrradfahren. Es ist ein praktisches und implizites, ein tacit knowledge, vereinfacht: ein Können, das in seinem Funktionieren schwer zu explizieren ist. Das Seminar möchte bei dieser Feststellung beginnend fragen, wie denn literaturwissenschaftliche Theorien des Lesens und Verstehens literarischer Texte dieses Problem zu lösen versuchen. Wie versuchen sie das (Lesen-)Können in ein explizites Wissen (über das Lesen und Verstehen) zu überführen? Dieser Exkurs durch die Geschichte der Literaturtheorie wird durch das Vorhaben sekundiert, die jeweiligen Theorien an einem (und immer gleichen) literarischen Primärtext zu erproben: „Die Judenbuche“ von Annette von Droste-Hülshoff.

Vorausgesetzt wird die Bereitschaft, sich mit nicht immer einfachen, geschweige denn konsistenten theoretischen Texten auseinanderzusetzen. Bis zur ersten Sitzung sollte der Text von Droste-Hülshoff gelesen sein (aber ausschließlich die in ILIAS hochgeladene Textfassung).


Lehre an der TU-Darmstadt

5. Lektürekurs A: Frühe Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert (WiSe 2012/13 )

4. Lektürekurs B: Frühe Neuzeit bis ins 20. Jahrhundert (WiSe 2012/13 )

3. Seminar: Was ist eigentlich Hermeneutik? (WiSe 2012/13 )

Hermeneutik beschreibt seinem griechischen Wortursprung (hermēneuein: Das Erklären, Auslegen und Übersetzen) nach die "Kunst" des Textverstehens und damit sind auch schon fast alle Probleme angesprochen, denen sich das Seminar stellen möchte. Diese sind vor allem Probleme der

1. extensionalen Bestimmung: Welche Literaturtheorien sind hermeneutische Theorien?

2. intensionale Bestimmung, wie etwa die:

2.1 Gegenstandsbestimmung: Um was kümmert sich die Hermeneutik?

2.2 Funktionsbestimmung: Wie kümmert sich die Hermeneutik um ihre Gegenstände?

Die Annäherung an diese Probleme setzt eine Einführung in die Theoriegeschichte der Literaturwissenschaft voraus, die gemeinsam erarbeitet werden wird. Dabei sollen die historischen Landmarken unseres Faches aufgezeigt und in ihrem Einfluss auf die aktuellen Positionen der Literaturtheorie beleuchtet werden. Nicht zuletzt stellt sich dabei (die besonders für Studierende) wichtige Frage, ob Textverstehen wie so häufig eine "Kunst" ist, also auf individuellem Talent beruht, oder doch eine Wissenschaft, die intersubjektiv überprüfbare Ergebnisse produzieren kann.

Eben diese Ambivalenz von Subjektivität und Intersubjektivität ist von Beginn an Gegenstand der hermeneutischen Definitionsversuche gewesen und soll dem Seminar als roten Faden dienen.

Inhaltlich werden in dem angebotenen Seminar also vorwiegend literaturtheoretische Texte besprochen, die den Studierenden den künftigen Umgang mit literarischen Primärtexten erleichtern werden. Ziel des Seminars ist es also, die theoretischen Angebote der Literaturtheorie aufzuzeigen, um den Studierenden die reflektierte Meinungsbildung und Selbstpositionierung innerhalb des komplexen Systems "Literaturwissenschaft" zu ermöglichen.


2. Seminar: Autorschaftstheorien (SoSo 2011)

Seitdem (auch gesprochene) Texte produziert werden, gibt es Autoren. Diese müssen zumindest als Urheber und Produzent des materiellen Textes gelten. Dass die antike Philosophie notwendig größtenteils der Mündlichkeit verpflichtet war, lässt sich dem überlieferten verschriftlichten Textbild ablesen (Die Dialoge des Platon/Sokrates/etc) und zeigt die Anwesenheit des Autors gegenüber seinem Text auf. Die Texte jedoch, mit denen wir uns als Literaturwissenschaftler beschäftigen, werden uns nicht vorgetragen. Ihr Autor erscheint uns vordergründig nur auf dem Titel. Dennoch ist er als Marke und Image nicht nur verkaufsstrategisch und juristisch interessant. In den späten 1960er Jahren entstanden Theorien, die – in einer moderaten Form – versuchten, den neuen Weisen des Umgangs und der Funktionalisierung des Autors in der massenmedial geprägten Literaturlandschaft gerecht zu werden. Hierfür steht vor allem Foucault. Die extreme Variante dieses Ansatzes, prominent vertreten durch Barthes, konstatierte gar den „Tod des Autors“.

Fünfzig Jahren nach diesen für die Literaturtheorie unvorstellbar einflussreichen Theorien ist es an der Zeit für eine Inventur: Haben sich diese Theorien durchgesetzt und haben sie ‚klassische‘ autorbezogene Theorien verdrängt?

Neben der Revision und Kritik historischer Autorschaftsmodelle soll vor allem der Blick in die interpretative Praxis helfen, eine Antwort zu finden, auf die Frage nach dem Autor, die immer und gerade dann akut zu stellen ist, wenn Texte verstanden, interpretiert und erklärt werden sollen. Das Proseminar will helfen, grundlegende Einsichten in die literaturwissenschaftliche Interpretationstheorie zu erlangen und wird dabei Grundbegriffe wie auch weiterführende Kompetenzen vermitteln, die für den reflektierten Umgang mit Texten unerlässlich sind.

Angeschafft werden muss BEREITS ZUR PLANUNGSSITZUNG:

  • Jannidis, Fotis; Lauer, Gerhard; Martinez, Matias; Winko, Simone (Hg.): Texte zur Theorie der Autorschaft. Stuttgart 2003. (etwa 8 Euro in Reclams Universalbibl.)

Gelesen werden muss BEREITS ZUR PLANUNGSSITZUNG:

  • Die Einleitung zum o.g. Band: „Autor und Intention“, S. 7-25.


1. Seminar: Rezeptionstheorien: Der Leser in literaturwissenschaftlicher Theorie und Praxis (WiSe 2010/11)

Das Blockseminar soll ganz der Frage gewidmet sein, wie man sich als Literaturwissenschaftler dem ›Akt des Lesens‹ gegenüber zu verhalten habe. Hierfür werden unterschiedlichste literaturtheoretische Positionen rekonstruiert, die sich bisher zwar um eine Antwort bemüht, aber freilich stark konfligierende Ergebnisse produzierten haben. Diese vagieren zwischen a) historische Kontexte rekonstruierenden, b) rezeptionsgeschichtlichen und c) aktualisierenden Erklärungsversuchen dessen, was der Text für einen Leser bedeutet. Dabei ist nicht immer klar, wer nun eigentlich ›der Leser‹ ist: historischer Zeitgenosse, theoretisches Konstrukt, oder gar der Literaturwissenschaftler selbst? Nicht selten von allem ein bisschen, wie die in ihren Masse kaum zu überblickenden theoretischen Konzepte von Modell-Lesern schnell deutlich werden lässt: Eine Situation also, in der sich der Blick auf den ›realen‹ Leser vielleicht wieder lohnt?

Das Seminar bietet eine einführende Vermittlung literaturwissenschaftlicher Grundbegriffe wie Rezeption, Intention, Leser (,impliziter, idealer, informierter, rationaler, statistischer, realer, usw.), Autorschaft, empirische Literaturwissenschaft, Kognitionswissenschaft, Verstehen, Wirkungsgeschichte, literarische Kommunikation.