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Das NEUESTE MÄRCHEN - Mal was ganz anderes! Ein Rocker-Märchen gegen Mobbing ...und noch ein wenig mehr:

Rocker - Wohin wird deine Straße dich führen? - Diese Geschichte von einem kleinen Jungen und seiner bewegenden Begegnung mit einem Templer erklärt, warum wir uns so oder anders entscheiden. Leon litt unter dem Mobbing auf dem Schulhof. Aber was hatte Leons Mutter zu Rockern hingezogen? https://brigittewittmann.hpage.de/rocker.html Auch über die folgenden vier Bilder kommst du direkt auf die Kurzgeschichten-Webseite.

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Das Funkeln - Es war einmal ein Land, da stand an jedem Morgen prächtiges ein pastellfarbenes Funkeln und Leuchten am Himmel. Regenwolken kannte das Land nicht... Was war unser Verbrechen, warum haben wir das Paradies verloren? Was verbirgt sich hinter dem geheimnisvollen biblischen "Baum der Erkenntnis von Gut und Böse"? Haben wir angefangen, Eigentum und Geld als Machtmittel anzusehen, haben wir einer den anderen Menschen zu Unrecht verurteilt? Die Geschichte der Menschheit begann wie ein wunderschönes Märchen.

Das Märchen:

Es war einmal ein Land, da stand an jedem Morgen prächtiges ein pastellfarbenes Funkeln und Leuchten am Himmel. Regenwolken kannte das Land nicht. Nur der Morgentau benetzte die weiten duftenden Steppen, und sie brachten Früchte und Blumen hervor, so viel, dass die Menschen sich über und über daran sättigen konnten. Die Tage waren mild und warm. Die Menschen waren allezeit glücklich.

Mit Ehrfurcht im Herzen folgten ihre Blicke den Tieren, die in großen Herden an ihnen vorüberzogen. Mit Sehnsucht im Herzen folgten ihre Blicke den Vögeln am Himmel, den großen und den ganz kleinen. An den Sträuchern waberten kleine Schmetterling-Schwärme. Sie flogen hoch, wenn ein kleines Kind hinein lief, und manchmal setzte sich ein bunter Schmetterling auf die kleine ausgestreckte Hand eines Kindes. Dann studierten viele Kinderaugen-Paare mit Staunen jeden Fleck und jede kleine Äderung auf den bunten Flügeln dieser kleinen fliegenden Blumen-Drachen.

„Wir werden dich Schmetterling nennen“, sagten die Kinder. - Und so gab es also Schmetterlinge in dem Land der Funkellichter. Vor dem Horizont lag ein kleiner Berg. Auf dem ragte ein mannshoher Steinkreis aus behauenen Säulen gen Himmel empor. Oft kehrten die Männer erst nach Tagen aus den Weiten der Steppe zurück, und manchmal hatten sie eins von den großen Tieren mitgenommen. Sie hatten es geschlachtet und sein Blut war im Boden versickert. So nahm Mutter Erde wieder auf, was sie hervorgebracht hatte.

Mit dem Wild über einem Stab gesteckt, gingen die Männer den Frauen und Kindern entgegen.

Und manchmal kam es auch vor, dass die jungen Frauen, die noch keine Kinder geboren hatten, zur Jagd gingen, und ihre Brüder und Onkel blieben der Jagd fern Was auch immer sie taten, die bedachten den Rat der weisen Frauen.

Wenn das Wild über einen Stab gesteckt war, dann trafen Männer, Frauen und Kinder sich in dem Steinkreis. Sie aßen und tranken. Sie sagen und sie tanzten fröhlich. Dann schliefen die Menschen, in Felle gewickelt, unter freiem Himmel ein, an einem Lagerfeuer, die Kleinen ganz nah an die Großen gekuschelt.

Und manchmal kam es vor, dass ein Mann und eine Frau sich in dem Dunkel der Nacht verirrten. Doch wenn die Sonne am Horizont empor stieg, und wenn das prächtige pastellfarbene Funkeln und Leuchten am Himmel zu sehen war, kamen sie stets, vom Morgentau durchnässt, lachend und glückselig zu ihrer Gemeinschaft zurück. Und weil das schon immer so war, fürchtete sich kein kleines Kind, wenn die Mutter sich in einer solchen Nacht unter dem Steinkreis im Dunkel der Nacht verlaufen hatte.

Die Tiere folgten einem immer fort-währenden Rhythmus, und die Menschen folgten den Tieren.

Manchmal konnten sie den Steinkreis während ihrer Wanderschaft nicht mehr am Horizont sehen. Doch es kam stets der Tag, an dem tauchte seine Silhouette wieder winzig klein und noch ganz weit weg, vor ihren Augen auf. Die Tiere verirrten sich nie, auf ihrem Weg durch die Steppen des Landes. Es war ein sanfter Jahreskreis, in dem Menschen und Tiere sich nicht weit voneinander entfernt, bewegten.

Da war die „Weiße Feder“, Candepina, eine wunderschöne Frau mit wiegenden, üppigen Hüften und langen grau-weißen Locken, die wie Seide in der Sonne glänzten. Ihre Haut war glatt und zart wie heller Ton. Ihre weißen Zähne leuchteten wie Mondsteine in der Sonne, wenn sie lachte, und ihre dunklen Augen funkelten wie schwarze Diamanten. Sie war die schönste Frau unter der Sonne.

Die Männer brachten ihr weiche Felle, wenn sie von der Jagd kamen. Sie schenkten ihr Ketten aus Perlen, von der Art wie sie sie trugen, während sie singend und tanzend um den Segen der Göttin für die Jagd baten. Glücklich war der Mann, der sie im Mondschein an sich empor hob und mit ihr im engen Reigen unter den Sternen tanzte.

Und wenn der Morgen kam, brachte er sie zurück in ihr Zelt. In ihrem Zelt lagen dicke gewebte Teppiche aus Wolle. Es war angefüllt mit kleinen Truhen, in denen sie ihre Perlen aufbewahrte.

Candepina stöhnte, wenn die Zeit kam, dass die Frauen ihre Zelte abbauten, um den Tieren im Jahreskreis zu folgen, so wie sie es schon immer getan hatten. Sie hat die Wanderschaft gehasst. Da sprach sie zu ihren Töchtern und Enkeltöchtern: „Lasst uns einen Zaun bauen. Von den weiblichen Tieren wollen wir je fünf halten, von jeder Art, und eins von den männlichen.“ Sie wählte die Tiere aus, die sie für würdig befand, für die Zucht.

So blieben Candepina und ihre Töchter drei Jahre in der fruchtbaren Ebene, welche unter dem Steinkreis lag, während die anderen Frauen und Männer den Tieren weiter im Jahreskreis durch das Land folgten. Und als der Jahreskreis sich zum vierten Mal am Steinkreis schloss, und als die Menschen sich dort versammelt hatten, um alle gemeinsam zu essen, zu trinken und zu tanzen sahen die Männer, dass das geschlachtete Vieh nicht ausreichte. Da ging einer von ihnen, Benabi, über den Zaun von Candepina und nahm eines der weiblichen Tiere, das kein Junges säugte, und brachte es in den Steinkreis.

Candepina aber, die das sah, geriet in Wut.

So mussten die Frauen nach dem Fest einen Käfig aus Bambusrohr bauen.

„In diesem Käfig wirst du zehn Tage und Nachte lang schmachten,“ sprach Candepina, „auf dass deine Augen nie wieder begehren werden, was das meine ist.“

Da erhob der älteste Schamane seine Stimme und er sprach: „Soll es sein, dass die Herrin der Tierzucht und die Herrin der Viehherde auch die Herrin über Gut und Böse ist? Geh‘, und frage die große Göttin, bevor du dein Urteil vollendest.“

Candepina aber lachte und fragte: „Grauer Elch, siehst du nicht das Gedeihen in meinem Garten und den Segen, welchen die Göttin über meiner Herde ausgeschüttet hat? Willst du mir sagen, nun wird sie mir verbieten, mit meinem Besitz selbst zu verfahren, so wie es mir gefällt und keinem anderen?“

Da nahm der graue Elch die Hand der Frau und hob sie gen Himmel empor, und er küsste ihren Nacken. So neigte sich der Tag, und Benabi saß im Käfig. Als die Sonne am Morgen aufging, brachte der graue Elch Candepina zurück in ihr Zelt, und er verschloss das Zelt von außen, damit kein Unberufener nach den Perlen der Frau greifen möge. Als zehn Tage und zehn Nächte verstrichen waren, befreite er Benabi aus dem Käfig, küsste seine Stirn und seine Wangen, und er schenkte ihm eine Perlenkette von der Art der Schamanen.

Auf Candepinas Haupt stellte der graue Elch einen Korb, und den füllte er mit Früchten, wildem Emmer und Perlen, und Candepina musste ihr schweres Joch tragen alle Tage lang, während der graue Elch den Tieren im Jahreskreis folgte. Und wenn es ihm danach verlangte, kam er in Candepinas Zelt, und sie gab ihm von den Früchten, und er aß.

So vergingen drei Jahre. Neben der Frau lief die kleine Tochter des grauen Elchs, die sie ihm geboren hatte, mit wackeligen Beinchen, und sie hielt sich am Rock der Mutter fest. Da stolperte Candepina über einen kleinen Stein und der schwer beladene Korb stürzte auf das Kind. Drei Tage lang trauerten die Schamanen, die Frauen und Töchter. Dann entblößten sie den Leichnam des geliebten Kindes und legten seinen kleinen Leib unter den Holundersträuchern ab, damit die Göttin das in sich aufnehmen möge, was sie vor einem Jahr hervorgebracht hatte. Und die Menschen saßen beisammen und weinten alle um das kleine Kind.

Da stand die älteste Frau auf, und sie sprach mit Entschlossenheit:

„Es hat nicht sein sollen, dass die Herrin der Tierzucht und die Herrin der Viehherde auch die Herrin über Gut und Böse ist. Lasst uns zum Steinkreis gehen, um die große Göttin zu befragen, bevor sie ihr Urteil über uns vollendet.“

Und so geschah es. Da verteilte Candepina ihre Perlen auf dem Boden, und sie riss ihre Zäune nieder, und sie folgte mit den anderen Frauen den Tieren, die im Jahreskreis über das Land zogen.

Der graue Elch aber zog mit den anderen Männern weiter, so wie sie es schon immer getan haben.

Und die große Göttin erfreute weiterhin die Herzen der Menschen an jedem Morgen mit dem pastellfarbenen Funkeln am Himmel, während der Morgentau das Land benetzte, und sie erfreute die Herzen der Menschen auch mit dem Lachen der kleinen Kinder, und sie schenkte den Männern, den Frauen und den Kindern ihren Segen. Das Land blühte, und es war bedeckt mit fruchttragenden Büschen und Bäumen, mit essbaren Wurzeln und Knollen, mit wildem Emmer, mit wildem Reis und mit Einkorn, mit vielen Tieren und bunten Schmetterlingen, mit singenden Vögeln und zirpenden Grillen. Die Tage waren warm und von keiner Wolke verdunkelt, und nachts leuchteten die Sterne am Himmel, wenn dann und wann ein Mann und eine Frau sich im Dunkel der Nacht verliefen. So kam es, dass die Münder der Menschen sich wieder öffneten, um zu lachen und zu singen. Und die Menschen waren fröhlich, solange ihre Zeit dauern mochte.


Beinahe hätten die Menschen ihr Paradies verloren. Was war geschehen? Sie hatten angefangen, Eigentum zu mehren und einer über den anderen zu urteilen und zu verurteilen. Es gibt eine ähnliche, eine sehr alte „Geschichte“ vom Garten Eden und dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse. Du findest sie in er Bibel. Hier nahm Eva eine Frucht von diesem Baum, obwohl es verboten war, denn dieser Baum gehörte Gott ganz alleine. Eva gab auch ihrem Gefährten, Adam, davon zu essen. Die alte Geschichte hat bis heute kein gutes Ende gefunden…


Verurteile nicht leichtfertig!

Den allgemeinen Hinweis zur Kreuz-Symbolik der Christen lasse ich hier weg, komme gleich zu einem Bekenntnis - und dann folgt das nächste Märchen. Ok..

Wage es niemals, jemanden wegen seines Glaubens zu verurteilen

Es hat mit einer Geschichte zu tun, die Du sicher schon gehört hast…

Möchtest du dazu alles lesen, dann klicke hier: https://brigittewittmann.hpage.de/christogramm.html

Hier das Bekenntnis: (Ich bin der Auffassung;) Die Urform des Menschseins ist matriarchal im Sinne von „Mutter Erde“, eine egalitäre Gesellschaftsform, in welcher Geld- und anderer materieller Besitz noch kein Machtmittel war. Der biblische „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ ist für mich ein Sinnbild dafür, dass nur Gott, der eine wahre Gott in dem alles ist und aus dem alles kommt, die Fähigkeit und das Recht hat, zu urteilen und zu verurteilen... Ich habe es in dem Märchen „Der lange Weg“ spielerisch verarbeitet.

„Machet euch die Erde untertan“, bedeutet schon, Regeln für das Zusammenleben aufzustellen, aber nur unter der Bedingung, sich so weit wie möglich nach den Vorsätzen Gottes zu richten. Ordnung muss sein, sie dient den Schwachen zum Schutz vor den Rücksichtslosen. Sich die Erde untertan machen bedeutet, die Erde und die Schöpfung zu wertschätzen und zu nutzen, aber nicht, sie zu zerstören. Sie gehört uns nicht und sie braucht uns nicht, aber wir brauchen sie.

Gott, in dem alles ist und aus dem alles kommt, ist auch weiblich. Die Frau zu missachten, bedeutet, die weibliche Seite Gottes abzulehnen, ja, sie zu beleidigen. Jehova, Zebaoth (Gott hat viele Namen) ist für mich sowohl männlich als auch weiblich. Vater Gott, Mutter Erde ist Eins. Gott, der Heilige Geist und sein Sohn, Jesus Christus, sind drei, die zusammen gehören.

Seit wir das Paradies verloren haben, ging so viel kaputt; der Schaden ist unermesslich. Sieh dich bloß mal in der Welt um… Zu weit haben wir uns von Gott entfernt, so weit, dass es uns nicht mehr möglich ist, zu ihm zu kommen, nur durch den Christus. Er bezahlte den Preis. – Und nein, liebe Heiden, er ist nicht schwach, im Gegenteil: Er wusste genau, was auf ihn zukommt. Folter, Verrat, Todesqualen - und er versuchte nicht, sich dem zu entziehen. Er blieb standhaft unter allerschlimmster Verfolgung. Das ist stark! Nur durch ihn können wir Gott mit unserem Gebet erreichen, nur weil er den Preis bezahlt hat. Hab Dank dafür.

…und es ging noch weiter, über 2000 Jahre lang. Wir entfernen uns weiter von Gott, doch durch den Glauben an ihn können wir Rettung finden. Und bedenke, Jesus nannte Gott seinen Vater und so patriarchal, wie wir heute geprägt sind, müssen wir doch zugeben, dass er uns sehr viel von den vermeintlich weiblichen Eigenschaften Gottes erzählt hat, dass es uns auch heute noch selbst in größter Dunkelheit Zuversicht und Hoffnung geben kann, wenn wir daran glauben.

Wenn nicht, dann ziehen wir wohl oft auf einer dunklen Straße...

...und müssen uns zwingen, Schritt für Schritt, Tag für Tag weiter zu gehen, bis es irgendwann allmählich heller wird, auch wenn vielleicht zunächst noch Nebel die Sonne verhüllt. Aber auch da müssen wir dran glauben, dass es weiter geht. Sonst sind wir hoffnungslos verloren. Glauben heißt nicht wissen. Glauben ist mehr! Doch wie und was auch immer ein Mensch glaubt, wage es niemals, ihn wegen seines Glaubens zu verurteilen! …auch keinen Atheisten. Der glaubt vielleicht an die dunkle Straße, auf der er dank seiner eigenen Beharrlichkeit und Unerschütterlichkeit zurück ins Licht findet. Insofern muss ich sagen: Es gibt keine Ungläubigen! Verurteile niemanden für seinen Glauben oder vermeintlichen Unglauben. Denke an den Diebstahl von dem Baum der Erkenntnis… Diese Erkenntnis gehört nur Gott und man kann „Weisheit eben NICHT mit Löffeln fressen“ (Sprichwort) und auch nicht wie einen gestohlenen Apfel teilen.

Bleibe demütig, bleibe im Glauben und bleibe gerade. Deus vult.

Der lange Weg - Wie gelangten unsere Ur-Ahninnen aus der matirarchalen Steinzeit in die patriarchal-kapitalistische Moderne? - Herzlichen Dank an Kirsten Armbruster, Matriarchatforscherin und Autorin von "Das Muttertabu". - Dies ist das Märchen von der großen Dürre und von den Müttern, die sich auf den Weg machten, ins Land ihrer Urenkel. Ein Märchen voller Poesie.

Das Märchen:

Als die Wollnashörner und die anderen großen Tiere nach Norden gezogen waren, war es still geworden in den Weiten der Landschaft, die einst eine Steppe war.

Längst hatte das Land sein beiges Steppen-Kleid unter der Wärme der Sonne in das bunte Kleid einer Tundra aus Büschen und Wäldern getauscht. Reich war das Land noch immer an wildem Getreide, an Beeren, Nüssen und Kräutern. Nala saß unter einem kleinen Baum und beobachtete verso nnen das Aufgehen der Sonne am Horizont. Sie wurde aus ihren Gedanken gerissen, als Meldi, ihre kleine Tochter lachend auf sie zulief. Das Kind fiel in die Arme seiner Mutter. Drei Mal schon hat der Jahreskreis sich vollendet, und die kleine Tochter trank noch immer an jedem Morgen an der Brust ihrer Mutter.

Langsam aber schien das Kind sich zu entwöhnen. Nala küsste das Haar der Tochter, die nun auf ihrem Schoß saß und auf einem Grashalm kauend mit ihrer Mutter dem kommenden Tag entgegen sah.

Bis in die späte Nacht hatten Hakuk, Jadal, Hedal und die anderen Männer gesungen, und mehr als sonst war ihr Flehen um eine erfolgreiche Jagd. Nun waren sie gemeinsam hinaus gezogen, und sie suchten nach den wenigen Tieren, die noch geblieben waren. Weit in der Ferne sah Nala die winzige Silhouette eines der letzten mächtigen Elche, der zwischen den Zwergbirken stand. Giftige Zwergbirken, das war einer der Flüche, mit welchem das neue Kleid der Landschaft die Tiere und die Menschen bedecken wollte. So geschah es in der Zeit der großen Wasser, die zweitausend Jahre dauern sollte. Doch davon wussten Nala und ihre kleine Tochter nichts. Auch wussten sie nicht, dass eine große Flut kommen sollte, nachdem die Wasser versiegt waren.

Als die Erde sich unter schweren Dunstwolken schließlich beruhigt hatte, war es kühl geworden. Die feuchten Wiesen trockneten, und mit der Trockenheit kam eine große, zweihundert Jahre lange Dürre. Ein Seufzen ging über die Erde.

Die Menschen waren in die Flusstäler gezogen, und schon lange war der Gesang der Männer nicht mehr zu hören, bevor sie gemeinsam auf die Jagd zogen.

Die Zeit der Jäger und Nomaden war vorüber. Während Frauen Gärten pflanzten, hielten die Männer ein jeder seine Schafe und Ziegen in Herden zusammen, ein jeder seine eigene Herde. So wie einst Hakuk und die anderen Männer die wilden Tiere genommen haben und ihrer Gemeinschaft das Fleisch brachten, so durchbohrten nun die Lanzen der Viehhirten das Wild, um ihren Besitz vor den wilden Tieren zu schützen.

Das heilige Jagd-Ritual wich dem Morden. Die einstigen Nomaden der Steppen und der Tundra waren zu Herren über ihren Besitz geworden.

Die Freude des Dorfs über die Nahrung wich dem Stolz eines Hirten und dem Neid der Anderen.

Der Kreislauf des Lebens hielt an, vor den Grenzen der Viehweiden. Und das Netz des Lebens, an das alles Leben geknüpft war, jedes an seinem Platz, erhielt ein neues Antlitz.

Zerrissen war es von Dürre und reißenden Wassern, von Zäunen und Schlössern. Die Menschen rangen unter Seufzen dem oft kargen Boden ihre Nahrung ab.

Hände, die dazu geschaffen waren, zu geben und zu empfangen, ohne Unterschied, wurden zur Faust. Wehe dem, der nichts hatte, was er tauschen konnte. Wehe dem, dem es versagt war, dem Boden genug Nahrung für sich und seine kleine Gemeinschaft abzuringen. Wehe dem Garten, wenn der Regen ausblieb. Angst legte sich wie ein unsichtbares Joch über die Menschen. Es war die Angst vor dem Hunger, der auf Krankheit und Dürre folgte. So wurden die Menschen gierig. Ein Jeder trachtete danach, sich einen Vorrat anzulegen, ein Jeder, so wie er kann.

Da war ein Mann, der tauschte zehn weibliche Schafe gegen einen Bock.

Einen Bock stellt er über zwanzig Schafe. Die Augen des Hirten hatten erkannt, dass der Bock den Samen des Lebens in sich trug. So kam es, dass seine Herde unter seinen Augen wuchs. Und die Brust des Mannes schwoll an vor Stolz. War er doch ein stolzer Besitzer vieler männlicher Tiere. Die taugten gut zum Tausch, und so mehrten sich seine Vorräte, so dass er bald mehr besaß, als er benötigte. Da tauschte er seine Vorräte gegen noch mehr Schafböcke und Ziegenböcke, und er wurde noch reicher.

Die Frauen hackten auf den Feldern, und sie plagten sich im Garten. Da war Noiri, eine Mutter einer kleinen Tochter. Sie trug das Kind noch in einem Tuch auf dem Rücken, während sie sich auf dem Feld bückte. Doch ihre Milch versiegte bald, ob der kargen Nahrung und der harten Arbeit. Da war keine Mutter mehr zu finden, die ihr Kind nährte, bis der Jahreskreis sich drei Mal vollendet hatte. So kam es, dass die Menschen viele Kinder hatten, seit der Zeit der großen Dürre.

Wie es den Tieren erging, so geschah es auch den Menschen. Und so wollte der Kreislauf des Lebens sich nicht mehr schließen. Denn er war aus Dankbarkeit und aus Liebe gemacht. Aber die Liebe war der Angst, der Gier und dem Stolz auf den Besitz gewichen. Und wer mehr besaß, als er verbrauchen konnte, der Bestimmte das Maß zum Tausch, Fleisch gegen Emmer, Einkorn und Linsen.

Wo kein Netz des Lebens mehr gefunden wurde, da ward der Krummstab des Hirten zum Zeichen der Macht. Das war im Land der Dürre und der Wüsten.

Qualis rex, talis grex. - Wie der König, so die Herde. Das war auch der Weg der Mütter. Die große Dürre hat sie ins Land ihrer Urenkel geführt. Das war der Weg, auf dem der Lebens-Odem der weisen Mütter erlosch, und ihre Töchter wurden geboren, unter dem Zeichen des Krummstabs. Und ihre Enkel kannten das Netz des Lebens nicht mehr. Doch da war eine kleine Faser, die hatte die große Göttin unsichtbar in die Herzen der Frauen gewebt. Und wann auch immer ein Mutterherz zerbricht, wo sieht sie eine goldene Faser in ihrem Herzen, die leuchtet wie ein Hoffnungsfunke. Und sie steht auf und geht auf die Suche nach dem Netz des Lebens.

Garten der Göttinnen - Anmerkung der Autorin: Deus maximus – der eine Gott, in dem alles ist und aus dem alles kommt... Ich spreche einen Menschen als Ganzes an, nicht nur seinen rechten Arm, sein Herz oder Verstand… So sollen wir auch den ganzen Gott anbeten. Er hat viele Namen, Jehova, Zebaoth, um nur zwei zu nennen.. Es gibt nur einen Gott, einen in dem sie alle sind. Zu Urzeiten, als man Gott noch verehrte und ihn (oder sie) nicht missbrauchte, um in seinem Namen zu herrschen, wurden die weiblichen Teile Gottes verehrt, als „Göttinnen“ und die Erde war ihr Garten, ein Garten der Göttinnen. Wirst Du die im Märchen beschriebenen Erdteile erkennen?

Das Märchen:

Der Garten der Göttinnen

„Da war ein Garten, der erstreckte sich bis zum Horizont. Der Garten, das waren sieben Teile.“ Die junge Frau blickte mit fragenden Augen zu ihr herüber. Da nahm die alte Frau die Tochter ihrer Tochter bei der Hand und führte sie zu dem kleinen Teich, der in einer Waldlichtung lag. Sie zeigte auf die schwarz leuchtende Wasseroberfläche. Die junge Frau konnte die Großmutter und sich selbst wie in einem Spiegel darin sehen.

Da kam ein leichter Wind und verwischte das Bild. Die alte Mutter aber sprach:

Vom Garten der Göttinnen will ich dir erzählen. Lass deinen Blick über die Wasseroberfläche schweifen und folge meinen Worten.

Siehe, da war ein Zaubergarten.

Im größten Teil erstreckten sich endlose Wälder. Vor seinen riesenhaften wild-rauen Sandsteinflanken sang der Wind sein Lied. Am Fuße der Flanken sprachen die Menschen mit singender Stimme geheime Worte in von Termiten ausgehöhlte Eukalyptusstämme: „Wäiii-jaaa, Iiih-diii“. Das, mein Kind, war der Klang der Wildnis. Der Wind trug ihn in die endlose Weite der Dünenlandschaft, in der ein magischer fahler brauner Berg lag. Bei Sonnenuntergang verfärbte sich der Berg unter dem Gesang der Göttin hellrot. Und ihr Name war Kunapipi. Man sagt, sie gebar so viele Kinder, dass die Menschen ihr Bild als das Bild von Zwillings-Schwestern malten. Und ihre Urenkel singen ihr noch heute das Lied der Wildnis, mit Eukalyptusstämmen.

Im zweiten Garten wohnte Anki, die große Göttin des Himmels und der Erde. Sie seufzte oft, ob des Schicksals, welches die Nomaden mitbrachten, die aus dem Land der Schneeberge in ihren Garten gekommen waren, der zwischen zwei großen Flüssen lag. Der geheimnisvolle Garten war gesäumt von zwei Gebirgen, und er war offen an seiner Küste zum grünen Meer.

Im Sonnengarten wohnte Neitha. In ihrem Auge stand stets eine kleine Wehmuts-Träne, wenn sie der Zeiten gedachte, in denen ihr Garten einst über und über mit frischem Grün bedeckt war. Nun offenbarte sich die Pracht endloser Sanddünen vor ihren Augen, und entlang des großen Flusses lagen fruchtbare Oasen, wie Perlen, eine schöner als die andere. Von eben solcher Weite war auch der Garten der vier weisen Göttinnen ohne Namen.

Es waren die Schlangenfrau, die Erdfrau, die Kornfrau und die Spinnenfrau. Die Spinnenfrau brachte das Licht auf die Erde. Die Weite des Gartens reichte von einem Ozean bis zum anderen. Es war ein wunderschönes Land mit allen Arten von Landschaften, die ein Mensch sich nur vorstellen kann. Große Herden mit wilden Pferden, und mit anderen riesigen starken Tieren zogen durch den Garten.

Ein einziges Tier ernährte ein ganzes Dorf viele Wochen lang.

Die Urenkel der Spinnenfrau nennen den Garten Sehnsucht, und Heimat.

Ein kleiner, aber prächtiger, duftender und blühender Garten war der von Gaia, der „Göttin Erdenmutter“. Sie wurde in der Finsternis geboren, aber auf ihrem Garten lag die Sonne. Die Göttin wohnte in ihrem Garten mit ihrer Mutter und mit ihrer Tochter. Unter den Händen der drei Göttinnen wuchs und gedieh der Garten prächtig, und die Menschen lachten und tanzten mit ihnen unter der goldenen Sonne. Ihr wunderschöner Garten erstreckte sich über ungezählte kleine Inseln, die in einem blauen warmen Meer lagen, sowie über ein Stück Festland, welches das Land der Berge genannt wurde.

Der sechste Garten war der Garten des Glücks.

Doch er sollte der Garten des Seufzens genannt werden, in einer neuen Zeit, in welcher sein Reichtum sein Segen und sein Fluch sein sollte: Gold, Diamanten, Kupfer und Öl. Im Garten des Glücks wohnte einst die Göttin Mebeli.

Sie liebte die wilden Elefanten, die in den Wäldern umherstreiften.

Sie liebte die Regenwälder und die Tiere, die Leoparden, die Antilopen, die Schimpansen und auch die riesigen Flusspferde, mit denen sie seit Anbeginn der Zeit friedlich gelebt hat.

Ein ganz besonderes Getreide brachte der letzte Garten hervor. Es war weiß, und die Frauen sammelten das wilde Getreide in den gewaltigen Schwemmlandbecken, die sich abwechselten mit Gebirgen und trockenen Wüsten. Es war der Garten der Göttin Nu-Wa. Sie liebte die Musik, und die Menschen. Die wurden Bauern. Der Garten der Göttin Nu-Wa ist auch der Garten der Legenden.

Nach einer alten Legende, welche von der Zeit erzählt, als der Kosmos noch ungeordnet war, und in der Himmel und Erde ihre Plätze noch nicht eingenommen hatten, in der die Himmelsrichtungen vertauscht waren, und als überall Feuer loderten, und als zugleich eine Flut das Land verschluckte, soll Nu-Wa Steine geschmolzen haben, um den Himmel zu flicken. Und mehr noch.

Die Menschen sagen: Nu-Wa ist die Schöpfergöttin der Menschen. Von diesem Garten kam die Kunde, Nu-Wa und ihr Bruder Fuxi seien die einzigen Menschen in diesem Garten gewesen. Sie sagen, ihre Augen erblickten zwei Rauchwolken, welche gen Himmel stiegen, und die sich in der Luft vereinigten. Das, so sprachen die Beiden, ist ein Orakel. Lass und einander heiraten. Auf Bildern aus alter Zeit sind Nu-Wa und Fuxi als Frau und Mann gemalt, und siehe: Mit dem Leib einer Schlange.

Längst schon liegt der Garten der Göttinnen in Schutt und Asche. Im wenigen Grün, das noch ist, ward jeder Grashalm gezählt. Kein Mensch vermag ihn mehr zu finden. Rauchwolken stehen am Himmel, über den Gipfeln der hohen Berge. Verloren ist die Wahrheit, das Gesetz von Gut und Böse. Es liegt im Dunkel der Vergessenheit.

Und „Chomlung-Ma“ heißt „Mutter des Universums“, ein Mittler zwischen Himmel und Erde. Seine Gipfel liegen im Nebel.

Begraben im Wüstensand liegen die Bildnisse der großen weisen Frauen.

Manchmal, wenn der Wind es will, taucht das steinerne Abbild einer Göttin aus dem Sand auf, im Licht des hellen Tages. Bilder einer goldenen Zeit. Sie erstrahlen in der Finsternis.

Es ist die Zeit des kalten Lichts, welches die Grenzen von Nacht und Tag verwischt. Bleiche Frauen mit dicken Lippen und schmalen Leibern schaudern beim Anblick der Göttin.

Es ist die Zeit der Auferstehung der alten Legende. Da waren Rauchwolken, die gen Himmel steigen. Da lauschen Menschen dem Klang ihrer Stimmen, die einander sprachen:

„Es ist ein heiliges Orakel. Lasst uns ihm folgen.“

Und sie folgen dem Schall und dem Rauch, bis das letzte Öl verbrannt, und bis das letzte Gold geschürft ist.

„Chomlung-Ma,

reiß auf die Himmel,

und lass es regnen.

Wasche weg den Staub

der Vergessenheit,

nd lass uns die Wahrheit

finden.“

Miłość – Liebe und kein Ende - Die weibliche Hauptfigur wirkt zunächst recht skurril, doch hinter ihrer bittersüßen Fassade brennt ein Feuer. Der Kerl mit den behaarten Unterarmen hat es ihr angetan... Der Kleinwagen verließ Mierzyien in Richtung Linki. Lenas wehmütiger Blick streifte im Vorbeifahren noch einmal die Markthallen. Hinter der Grenze drehte sie das Radio an. ... Lena schien wie vom Erdboden verschluckt. Eine Mischung aus Angst und Schmerz kroch in ihm hoch. Er fühlte Sehnsucht, Heimweh. In zwei Stunden würde er Hamburg erreichen, wo Nina auf ihn wartete.

Die Kurzgeschichte:

Sie pustete sich die widerspenstige gelockte Strähne aus dem Gesicht. Aber es schien, als wolle die Locke ihm sagen, ‚Berühre mich. Streichele diese Wange‘. Seine lächelnden Lippen gaben den Blick auf seine weißen Zähne preis, während die Haut um seine leuchtenden, lachenden Augen fächerförmig kleine Fältchen bildete. Die Jahre und das Leben hatten charmant ihre Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Während das warme, helle Braun seiner Iris das weißlich, silberige Grau dieser kleinen Strähne widerspiegelte, glitten seine Fingerspitzen über ihre Wangenknochen.

„Deine Haut ist so zart. Ich kann gar nicht aufhören, sie zu streicheln“, sagte er. „Ich kann es gar nicht glauben. Was ist das? Womit hast du dich eingecremt? Es fühlt sich an, wie seidenes Puder…“

„Als ich ein Mädchen war, benutzte meine Oma Glycerin-Creme“, sagte sie. „Ich kann mich noch daran erinnern. Also habe ich Glycerin gekauft. Einen Teelöffel voll gebe ich in einen kleinen Braunglas-Flacon, dazu einen halben Teelöffel Kollagen und Vitamine, obendrauf ein paar Tropfen Kamillentinktur. Kamillentinktur ist immer gut“, lachte sie, „und es macht die Creme flüssiger. Dann klebt sie nicht, sondern sie fühlt sich auf der Haut wie ein öliges Puder an“.

„Wo hast du das her?“, fragte er ungläubig. ‚Was schmiert sie sich da ins Gesicht‘?

Bevor er diesen misstrauischen Gedanken zu Ende denken konnte, plauderte sie ihm leichthin die Antwort entgegen: „…Vom Naturwaren-Händler. Er verkauft es als ‚Drachen-Gewürz‘“.

„Dragon Spice“, lachte er, aber der gewollt spöttische Unterton misslang. Sein Blick sagte, ‚Süß! Dieses gestrenge Weib ist eine kleine Kräuterhexe‘. Seine Stimme klang hell und zärtlich.

Er streckte die Brust heraus und sagte streng: „Hör‘ auf mit dem Unsinn, Baby! Am Ende kriegst du davon noch Schuppen…“.

Sie lachte. So unwillkürlich, wie es erscheinen sollte, war ihr Lachen aber nicht. Vielmehr bedeutete es: ‚Ach, ich bin doch keine Idiotin, die sich mit diesem Mann streitet‘.

„Also gut. Wenn du meinst…“, sagte sie zurückflirtend, „Beim nächsten Mal gieße ich davon halt ein bisschen ins Badewasser rein und ein bisschen von dem Parfüm-Öl, das ich im kalten Keller stehen habe. Ich muss ja nicht immer Chemie-Bade-Zeug benutzen. Das Drachengewürz ist pflanzlich…“.

In Gedanken sah er sie zwischen duftenden Dampf-Schwaden in einer milchigen, öligen, trüben Brühe sitzen. Er spürte, wie die Wärme dieses imaginären Badewassers pulsierend in ihm hoch kroch, während er sie mit leicht geöffneten Lippen sekundenlang anstarrte. ‚Was mache ich denn jetzt‘? dachte er. Er spürte Angst. Da war etwas, das ihn zurückhielt, das seinen Mund verstummte, so dass er nicht mal ein leises Lächeln zustande brachte.

„Na! Ich dusche lieber. Nassmachen, einseifen, abspülen, rubbeln, fertig. Ich mag kein Parfüm und keine teure Kosmetik“.

Er schob sich die aufgekrempelten Ärmel seines Flanellhemdes weiter hoch. Seine sehnigen, behaarten Unterarme waren zu sehen, ebenso das dunkelbraune lederne Armband mit der Edelstahl-Schnalle. Bikerschmuck. Unwillkürlich strich er sich durchs Haar - und da vernahm sie es, einen Hauch von Patchouli, der über einer kaum wahrnehmbaren balsamisch salzigen Basisnote zu stehen schien. Sie lächelte. ‚Aha, Patchouli‘, dachte sie, ‚aber dieser Hippie gibt sich rau‘.

Er aber missverstand ihre Mine. ‚Na, endlich‘, dachte er und atmete auf. ‚Beinahe wäre ich ihrem Hexenzauber auf den Leim gegangen. Das hätte mir gerade noch gefehlt‘!

„Ich habe morgen eine lange Tour vor mir“, sagte er beinahe schwungvoll und wirkte dabei sehr entschlossen, wäre da nicht dieses Nesteln und Zupfen an seinen aufgekrempelten Hemdsärmeln gewesen. „Morgen nicht, aber übermorgen rufe ich dich an. Ok?! Am Freitag“.

Durch seinen Kopf indes ratterten die Termine fürs Wochenende. Wie sehr sehnte er sich doch nach einer Verschnaufpause, nach Einkehr und Ruhe in den innersten Räumen einer Felsenburg im Sturm.

Sie antwortete mit einem breiten Lächeln, während sie sich verbot, ihn dabei anzusehen. Stattdessen lenkte sie ihren Blick zur Tür.

„Ok“, sagte sie und nickte.

Erst dann sah sie in seine Augen. Ihr Blick währte nicht eine, sondern drei Sekunden lang. Er stutzte. Sie bemerkte es zu spät und wusste nun, vor dem Wochenende würde sie nichts von ihm hören.

Patchouli macht keinen Hippie und ein Hippie bewegt keinen 40-Tonner.


Also packte sie ein paar Sachen in die Reisetasche, die sie aus dem roten Gobelinstoff mit dem Tulpenmuster genäht hatte, und warf sie eilig ihn ihren kleinen Wagen. Noch bevor die Sonne unterging, hinterließ sie nur eine kleine, unscheinbare Staubwolke auf dem geschotterten und mit kurz gemähtem Bewuchs bedeckten Hof neben ihrem Haus. Auf dem mageren Boden im Vorgarten blühten orangefarbene Taglilien, gelbe Ringelblumen und, in Lila, Phacelia – Gründung, wunderschön anzusehen, vor dem Feldsteinsockel der kleinen Kate, die einst das Heim einer Bauernfamilie war. Sie hatten sich auf dem nunmehr längst verlassenen Gutshof im Dorf als Tagelöhner verdingt.

Die Zeiten ändern sich. Noch immer blühen erst blaue Vergissmeinnicht und dann duftender Lavendel zwischen den Steinen. Aber wo früher der Duft von Geräuchertem und Gesalzenem über Kindergeschrei, Alltagsgeklapper und Hundegebell hing, riecht es heute sauber, pudrig und kalt nach ihren Rezepturen aus Vanille, Lotus und Hölzern, die sie in imaginären Landschaften zusammengetragen und gemeinsam mit fiktiven Kräuterfrauen auf deren Wohlgeruch hin geprüft hat. Das Telefonat hatte nicht lange gedauert und nun verließ sie ihren Hof und fuhr zu ihrer Freundin.


Als sie die schmale Kappstraße hinter sich ließ und auf die Landstraße einbog, wurde es langsam dunkel. Die Sonne versank apricot-farben über den weiten Feldern am hellblauen Horizont. Im Radio lief „Take it easy“ von den Eagles aus dem Jahr 77. Sie drehte das Radio lauter. Im Dunkel der Nacht flog die Landschaft unbemerkt an ihr vorbei. Vergessen waren Vergissmeinnicht und Lavendel. Aus dem Autoradio tönte „Free me“ von Uriah Heep. Sie trat aufs Gaspedal und rockte vorbei an Polzow, Rossow, Löcknitz und Plöwen. Der Grenzübergang Linki wirkte wie ausgestorben. Aus dem Radio ertönte jetzt klassische Musik. Die Markthallen, bei Tag Ort pulsierenden Treibens, lagen jetzt verlassen da. Im spärlichen Licht einer einzigen kleinen Laterne konnte man sie kaum erkennen.


Welecka, Mierzyien: Die Freundin hatte die Lampe auf dem Hof angelassen. Bei Tag hatte sie das Flair stets genossen, das sie als südländisch empfand. Bei Nacht wirkte es trostlos. Das änderte sich schlagartig, als eine Frau in beigen Leggings und buntem, kurzen Kleid die Tür öffnete. Hanna. Sie kam ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen.

„Och, Miłość!“, rief sie. „Ja, die Liebe!“

Lena sank ihr in die Arme. Wie eine Last fiel die Courage, mit der sie ihren Weg stets geradeaus ging, von ihr ab. Sie spürte, wie sich in ihr eine seltene Weichheit wie eine kostbare Blüte entfaltete. Sie genoss die Geborgenheit. Frieden. Heimat. Sie sog dieses Gefühl in sich auf. Rockmusik hilft gegen Sehnsucht und Heimweh, eine Freundin wie Hanna ist unbezahlbar.

„Ich bin so froh…“, seufzte Lena.

„Kocham cię. Moja dziewczyna. Niech cię pocieszyć.“ – ‚Ich liebe dich. Meine Freundin. Lass dich trösten‘.

„Pociecha.“ - ‚Trost‘, flüsterte Lena, während sie sich aus Hannas Umarmung löste, „Dziękuję“. – ‚Danke‘.

Sie stemmte die Hände in den Rücken, holte tief Luft und stieß beim Ausatmen ein hohes „Haaach“ hervor. Sie lächelte blinzelnd und schaute zur Haustür, die weit geöffnet war. Tomasz lehnte lässig am Türrahmen und nickte einladend ins Haus. Sein freundliches Zwinkern sagte: ‚Powitanie‘ – ‚Herzlich willkommen‘.

Hanna ging zum Wagen, nahm die rote Gobelintasche heraus, „Oh, wie schön! Du bist ein Künstler“, sagte sie und schleppte das Gepäckstück die schmale Treppe hoch, während Lena ihr in ein kleines, liebevoll hergerichtetes Gästezimmer folgte. Sie schloss das Fenster. Dann ließen sich die Frauen auf das Bett plumpsen. Lenas Bericht indes fiel kurz aus.

„Hilfst du mir ab Montag in der Markthalle, für ein paar Tage?“, fragte Hanna, verzog dabei ihre Mundwinkel nach unten und die Augenbrauen nach oben, so, als wolle sie sagen, ‚Vergiss ihn‘!

Lena verstand sofort und lachte: „Ja! – Dann lerne ich auch ein bisschen Polnisch“.

„Oh, Lena!“, lachte sie und stupste sie freundschaftlich an die Schulter, während es beinahe so klang, als würde sie ihren Namen singen: „Lena…!“

„Ja-ha“, sang Lena mit hoher Stimme zurück.

Die Frauen lachten. Tomasz, der sie durch die offen stehenden Türen im Wohnzimmer hören konnte, lachte kopfschüttelnd vor sich hin. Er liebte Hanna, und auch Lena, ihre skurrile deutsche Freundin hatte er längst in sein großes Herz geschlossen. Sie hatten sich bei einer dieser typischen Shopping-Touren in der Markthalle kennengelernt und, trotz aller Ressentiments, sofort Freundschaft geschlossen.

Nun hatte dieser Patchouli-Kerl Lena den Kopf verdreht: ‚Alter Schwerenöter‘, dachte Tomasz, ‚die wilden Jahre sind vorbei. Die Frauen sind auch nicht mehr das, was sie mal waren; Entweder sind sie dick und selbstgefällig geworden, oder langweilig, oder – noch schlimmer, beides. Aber meine Hanna ist stolz und schön. Lena ist auch eine schöne Frau und stolz, die Einsamkeit hat sie nicht gebrochen‘. Er wollte nicht daran denken, wie es dazu gekommen war, dass eine Frau wie Lena alleine durch das Leben ging. ‚Vorbei ist vorbei. Sie hat das Vergangene hinter sich gelassen‘, dachte Tomasz, ‚Hanna würde ebenso handeln‘.

Es war sehr spät geworden. Als Hanna sich endlich neben ihn ins Bett legte, nahm er sie in die Arme. Seine Stirn berührte die ihre.

„Lena ist immer noch eine schöne Frau und dieser alte Hippie gefällt ihr. Aber seine besten Zeiten liegen wohl hinter ihm. Nun wird er, wie jeder andere Mann, um seine Taube auf dem Dach kämpfen oder sich mit dem Spatz in der Hand begnügen müssen“, sagte Tomasz.

Hanna indes, von der Plauderei mit ihrer Freundin noch aufgekratzt, fing zu lachen an. Hatte sie dieses alte Sprichwort doch wohl allzu wörtlich genommen. Tomasz, der seine Frau aber gar nicht tadeln wollte, zog sie näher an sich heran.

„Sch....“, gebot er liebevoll, zu schweigen, bevor sie sich in dieser Nacht ganz ins Reich der Sinne fallen ließen.


Am nächsten Tag machten sich die Freundinnen in der Küche zu schaffen. Lena putzte das Gemüse. Hanna filetierte Entenfleisch. Als alles nacheinander in der großen Eisenpfanne angebraten und in den Bräter gefüllt war, schoben sie es in den Ofen, wo das Gericht bei geringer Hitze langsam vor sich hin schmorgelte, während die Frauen die Beilagen vorbereiteten.

„Gut Ding will Weile haben“, seufzte Lena vieldeutig, die sich schon auf den Abend freute, an dem es ein opulentes Festmahl geben sollte.

„Aber ich kann es noch! Ich habe es nicht verlernt“, fügte sie scherzend hinzu, während sie von ihrer Freundin sorgenvoll und mitfühlend beobachtet wurde.

‚Sie kocht nicht für sich alleine‘, dachte Hanna. Sie nahm ihre Freundin beiseite.

„Stell‘ dir vor, du kochst für zwei und dann frierst du dir die Hälfte ein“, sagte sie, „Du musst etwas anständiges essen, Lena!“.

„Ach, wenn ich großen Hunger habe, koche ich mir etwas Schnelles“, wiegelte sie eilig ab, „und du weißt doch, dass ich Salate liebe…“. Sie drehte sich im Kreis herum und verharrte dann in einer grazilen Pose: „…das ist gut für die Taille!“.

„Ja, ja, die Taille…“, lachte Hanna und kniff ihr in die Seite: „Oh! Lena! Ich spüre Schokolade…“.

Beide lachten. Lachen und Weinen, manchmal liegt es ganz nah beieinander, und wer nicht weint, lacht oft Tränen. Lena wischte mit dem Handrücken über ihre Wange, während sie ihre mehligen Finger von sich spreizte.

„Ich wünsche dir ein Happy End“, lächelte Hanna.

„Oh!“, rief Lena. „Nein, ich will kein happy Ende. Das Leben ist ein Weg!“

„Nix, Kuss und Schluss“, unterbrach Hanna lachend. „Wohin gehst du?“ Ihre Frage klang bitter.

„Geradeaus, Hanna. Ich will über einen duftenden, moosbedeckten Waldboden gehen, im Halbschatten von großen Bäumen, die weit genug auseinander stehen, dass ich den Himmel sehen kann. Ich will das Meer sehen und das Salz in der Luft schmecken. Ich will barfuß am Strand entlang gehen. Dann will ich arbeiten und dann weitergehen. Ich will durch die Stadt gehen und die Menschen betrachten. Dann will ich mich in meinem Baumhaus in einer riesenhaften Douglasie verkriechen und ausruhen. Dann will ich wieder arbeiten und dann weiter gehen. - Und ich will kein Ende.“

„Träume!“, rief Hanna. „Du hast keine Kinder mehr. Du hast keinen Mann. Aber du hast viele verrückte Ideen. - Meine Lena!“

Sie umarmten sich. Hanna seufzte und dachte an die vergangene Nacht mit Tomasz. Auch sie hatten, ins Reich der Sinne versunken, auf einem weichen Moos-Bett unter duftenden Douglasien gelegen, während Lena oben, im Gästezimmer, schlief.


Lena half Hanna in der Markthalle. Polnische Worte wirbelten ihr um die Ohren, die sie nicht verstand. Doch sie verstand die Gesten. Sie verstand die Minen. Sie waren offen und freundlich. Nach ein paar Tagen verstand sie auch die ersten Worte und Sätze. Der Abschied fiel schwer. Doch die Dankbarkeit für ihre Liebe und ihre Gastfreundschaft hoben den Schmerz auf. Ein baldiges Wiedersehen war beschlossene Sache.


Der Kleinwagen verließ Mierzyien in Richtung Linki. Lenas wehmütiger Blick streifte im Vorbeifahren noch einmal die Markthallen. Hinter der Grenze drehte sie das Radio an.

Wie bestellt, ertönte der „China Grove“ der Doobie Brothers, während eine kräftige Männerhand den Kaffeebecher vorsichtig zurück in die Ablage stellte und anschließend das Lenkrad regelrecht umklammerte. Die aufgekrempelten Hemdsärmel waren hochgeschoben und das dunkelbraune Lederarmband mit der Edelstahlschnalle wirkte an dem behaarten Unterarm ziemlich cool und passte so gar nicht zu den klammen Gedankenfetzen, die sich unter dem weichen Flanellhemd in der Brust des Patchouli-Mannes stapelten. Lena schien wie vom Erdboden verschluckt. Eine Mischung aus Angst und Schmerz kroch in ihm hoch. Er fühlte Sehnsucht, Heimweh. In zwei Stunden würde er Hamburg erreichen, wo Nina auf ihn wartete.

‚Nach elf Monaten hat sie sich wohl bei ihrer Tante eingelebt‘, wünschte er sich, wenngleich er wusste, dass dieses starke, tapfere Mädchen mit seinen siebzehn Jahren sich stets hastig die Tränen aus dem Gesicht wischte, wenn er unerwartet das Zimmer betrat. Sie pflegte dann zu lächeln. Es war dieses Lächeln, das ihm das Herz brach.

„Ich bin jetzt erwachsen“, sagte sie dann. „Du musst dir wegen mir keine Sorgen machen“.

An seinem Rückspiegel hing schaukelnd ein kleiner silberner Rahmen mit Ninas Bild. So war sie ihm etwas näher, wenn er ihr fern war, unterwegs, irgendwo auf der Autobahn. Seit elf Monaten war sie niemandes Kind mehr und sie ging beinahe trotzig und gerade ihren Weg, wenn die Tante sich auch noch so sehr bemühte, ihr Freundin und Mutter zu sein. Nina blieb hart. In seiner Brieftasche schwieg dazu ein zerschlissenes Bild von Maria. Wie sehr wünschte er sich in solchen Stunden Marias Worte.

‚Maria, lass mich doch jetzt nicht alleine‘, dachte er, ‚Was soll ich Nina nur sagen‘?

Es war, als habe Nina einen Panzer um sich gelegt, den er nicht zu durchdringen vermochte. Er fand nicht die Worte dazu. Maria hätte die Worte gewusst. - Maria. - Sie war still von ihnen gegangen, der Krebs hatte sie besiegt.

Er trat aufs Gaspedal, während er mit dem Kopf im Rhythmus der Musik nickte. „The people of the town are strange. – And they’re proud of where they came. – Well, you’re talkin bout china grove. – Oh, china grove…“

„…Oh, china grove…“, sang Lena lauthals mit, während ihr Kleinwagen den Weg nach Hause fand, wo eine imaginäre Hausgemeinschaft auf sie warten würde.

„Well, the preacher and the teacher, - Lord, they’re a caution. – They are the talk of town. – When the gossip gets to flyin. – And they ain’t lyin: - When the sun goes fallin down… They say that the father’s insane…“

‚Tja, die Prediger und die Oberlehrer, - Mein Gott, sie sind eine Warnung. – Von ihnen ist die Rede in der Stadt. – Wenn ihr Geschwafel verbreitet wird. – Und das ist keine Lüge: - Wenn die Sonne herunterfällt… Dann sagen sie, es sei Gottes Wille…‘

‚Yeah! China Grove‘! Während sie auf das Gaspedal traten, während sie rockten und rasten, bemerkten sie den Zynismus hinter diesen Worten nicht. Sie feierten. „Das Leben geht weiter, immer geradeaus, und es bleibt nicht stehen“, so die Devise der Einsamen, die so zu Gehetzten werden. Auf ihrer dunklen Straße dreht sich die Welt nicht; Sie rockt.

Zuhause angekommen, knallte sie ihre rote Gobelintasche auf den Herd. ‚Erstmal einen Kaffee…‘, dachte sie, goss heißes Wasser über den Instantkaffee und den Zucker in ihrer großen, roten, bauchigen Lieblingstasse. Sie goss Milch hinzu und schlürfte genüsslich von dem Getränk. ‚Braun und süß‘, dachte sie, ‚so mag ich es‘. Café Latte. Sie fühlte sich stark, ja, unsinkbar in der Abgeschiedenheit ‚ihrer Burg‘; denn so empfand sie ihr Zuhause in der kleinen ehemaligen Bauern-Kate.

Im Spiegel tauchte ihre imaginäre Kameradin auf. Als es Zeit für die Nachrichten war, hatte sie das Autoradio ausgeschaltet und sich eine Gutenachtgeschichte ausgedacht, in welcher sie selbst zu gerne die Hauptrolle gespielt hätte.

„Bewahre deine Geschichte auf. Schreibe sie nieder“, forderte die imaginäre Kameradin, „Denn du bist nicht alleine. Wir sind viele. Einsame Menschen gibt es überall. Gebe deinen Worten Gestalt und bedenke: Gott lässt sich gar nichts nehmen. Es muss erbeten sein“.

Da setzte Nina sich auf das Friesen-Sofa, das am Esstisch stand, legte ihre Hände aufeinander, schloss die Augen und dachte: ‚Zebaoth, lieber Gott, Vater und Mutter! Hier knie ich vor dir nieder und bitte dich, nimm mein Gebet an, aus den Händen deines Sohnes Jesus Christus, meines Herren. Ihm will ich gehorchen. Jehova, lieber Vater, liebe Mutter, daher gib mir doch ins Herz, was du von mir wünschst und erhöre meine Bitten, solange sie deinem Willen nicht zuwider laufen mögen‘. Dann goss Nina vor der Göttlichen ihr Herz aus. Sie schloss ihr Gebet mit den Worten: „In Jesu Namen, Amen“. Danach trank sie einen Schluck Kaffee und begann zu schreiben:



Das Moos-Bett



Da sind der Sturmwind und sein Werkmeister, der im Dunkel schmiedet. Er hat sie zu dem gemacht, was sie sind: Rastlose Seelen, stark und von herber Schönheit. In Öl hat er sie gehärtet und in den kalten Regen gestellt. Unvergänglich ist der, welcher aus der dunklen Schmiede des Schicksals kommt.

Aber wo ist die Seele, welche dem Sturm für sein Werk zu danken vermag, während sie auf die Menschen herabschaut, welche die Freude gleich am frühen Tag hinweg geführt hat, auf eine Wiese im Tal. Wie bunte Schmetterlinge sind jene, die frei und leicht über den Herbstastern schwirren. Es sind so viele, ein ganzer Schwarm.

Wer im Dunkel steht, vergeht, weil das Herz verblutet; Aber wer sein Herz dem Werkmeister anvertraut und sich seiner Schmiede überlässt, wird vorwärts gehen. Am Ende des Weges ist Licht. Gehe diesen Weg, während die Schmetterlinge auf der Wiese über Astern schwirren.

Dann wird du, starke Seele, den hohen Berg sehen, auf dem eine schwarze Fee die Herzen aufbewahrt und behütet hat. Geduld ist Kür aller Weisheit. Bist du weise, dann wird sie dir eine Strickleiter herunterlassen, die sie aus ihrem Haar geflochten hat.

An der rauen Felsenwand entlang, wirst zu ihr hochklettern. Sieh' nicht nach unten. Schau' auf deine Hände und achte auf deinen Tritt. So wirst du ankommen und sehen, dass sie da oben, im Schutz ihrer Felsenburg, nackt ist. Sodann knie vor ihr nieder, sie wird dir dein Herz zurückgeben, das du dir im Sturmwind entrissen hast. Wird sie dir Nektar geben, so richte dich auf. Du wirst mit ihr im Reigen tanzen, bis sie auf ein weiches Moos-Bett sinken wird. Bald kniest du dann über ihr, zwischen Douglasien und Räucherschalen, in der Sonn‘ der schönsten Freud‘. Geraunte Worte, wie Elfengesang. Du übernimmst den Takt, sie kommt dir entgegen. Sie macht dich unsterblich.

Bist du aber müde oder zu schwach, um den Felsen zu erklimmen, dann wird sie dich von deinen Qualen erlösen, mit ihrer Armbrust.

Begreife das Leben als einen Weg. Ist es dunkel und schwer, so gehe doch ganz langsam weiter, aber bleibe nicht stehen. Angst ist eine Fessel am Fuß.

Nur wenn der Sturmwind des Lebens weht, suche Halt an dem Felsen, der unvergänglich in der Brandung steht. Denn dies ist der Felsen, auf welchem die Douglasien über dem Moos-Bett stehen und dort weht der süß-balsamische Hauch von Vanille, Lotus und Patschouli, während die Luft salzig schmeckt, von der Gischt, wenn sich unten die Wogen am Felsen brechen.

Die imaginäre Kameradin schmunzelte, als sie die Geschichte las. „Eine schöne Gutenachtgeschichte“, sagte sie. „Nun schließe dein Heft und lege dich ins Bett, damit du ein wenig Schlaf findest“.

Nina rollte sich in ihre Decke ein, doch ihr Herz pochte und in ihrer Stirn begannen sich Schmerzen auszubreiten. Sie schloss die Augen und konzentrierte sich auf ihren Schmerz. Wie eine dunkelgraue, sehr dickflüssige Masse sah sie ihn in ihrer Stirn. Während sie auf der Seite lag, zwang sie sich, in Gedanken zu sehen, wie diese dunkle Masse auf die rechte Seite ihres Kopfes zu fließen beginnt, an ihrer Schläfe vorbei, um dann aus ihrem rechten Ohr heraus, in das Kissen zu fließen. Der Schmerz gehorchte. Dann legte sie ihre Hand zwischen ihre Brüste und stellte sich vor, wie apricot-farbige Wärmestrahlen aus ihrer Hand fließen und ihr rasendes und pochendes Herz sanft umschließen und zur Ruhe bringen. Das Herz aber zeigte sich widerspenstiger, als der Schmerz, der aus ihrem Kopf herausgeflossen war. Da tauchten vor ihrem inneren Auge plötzlich die Douglasien auf, unter denen sich das Sinnlichkeit verheißende Moos-Bett befindet. Sie glaubte, pastellfarbige Nebel zwischen den riesenhaften Bäumen zu sehen, bevor sie in den Schlaf fiel. Ihr Herz kam zur Ruhe. Ihre Muskeln entspannten sich. Ihr Atem wurde gleichmäßig und ruhig. Tiefer Schlaf umfing sie. Unbemerkt verschmolzen ihre Gedanken, um sich dann wieder zu ordnen. Dabei tauchte ein dunkelgraues Auto vor ihrem geistigen Auge auf, welches hastig links vor ihr einparken wollte und das sie, im Schlaf, mit Schreck bemerkte. Vom Fahrer war nichts zu erkennen. Das Fahrzeug schien leer zu sein. Sie wollte nachschauen. Doch der Schlaf nahm das Bild wieder von ihr weg. Alsbald tauchte ein anderes Bild vor ihrem inneren Auge auf. Ein weißes Auto mit roten Sitzen und gehäkelten Spitzen an den oberen Rändern Fenster, kleinen kitschigen Gardinen gleich, hatte links vor ihr eingeparkt. Der Fahrer schien ausgestiegen zu sein. Sie betrachtete das Innere des Wagens durch das heruntergelassene Fahrerfenster und fand sich dann plötzlich im Gespräch mit der Mutter einer Freundin ihrer Tochter aus längst vergangenen Tagen wieder. Nina war so, als hadere sie damit, ihr weiches Mutterherz aus den Händen der Frau wieder anzunehmen. Auch haderte sie damit, dem Fahrer des weißen Wagens zu folgen, weil sie sich doch daran gewöhnt hatte, ihren Weg alleine zu gehen. Zu gerne hätte sie gewusst, wie dieser Traum weiterging. Doch der Schlaf nahm die Bilder wieder von ihr weg.

Als sie aufwachte, erinnerte sie sich an das weiße Auto mit den roten Sitzen. Doch ihre imaginäre Freundin vermochte ihr nicht zu sagen, wer der Fahrer war. Lena hatte ihr die Vision vom glücklichen Ende, das ein Weg ist, verschwiegen, von der sie Hanna in Mierzyien erzählt hatte. Sie hatte die Vision vergessen. - Nein, die Wut hatte sie aus ihrem Gedächtnis gerockt, während sie auf der Landstraße nach Hause raste. So konnte sie die Antwort nicht finden. Die Prophezeiung in diesem Traum blieb im Dunkeln.


Die Hallen Maru und Teresa wirkten trostlos in dem nassen, verregneten Herbstgrau. Nur wenige Fahrzeuge standen auf dem Parkplatz. Der Herbst nahte und die Kauflustigen fragten jetzt nach Winterjacken. Vor allem die in kräftigen, leuchtenden Farben verkauften sich gut.

‚So schrecklich, dass es schon wieder cool aussieht‘, muss er wohl gedacht haben, als er seinen behaarten Arm nach einem flaschengrünen, winddichten Exemplar mit orange-farbigen Details und grünem Fleece-Futter ausstreckte.

Dabei rutschte der Ärmel seines gefütterten Flanellhemdes hoch und ein dunkelbraunes Lederarmband mit einer derben Edelstahlschnalle war zu sehen. Hanna schob Tomasz zur Seite, welcher den Fremden misstrauisch beäugte. Dann aber hielt sie inne und blieb wortlos neben ihrem Mann stehen. Jan griff in den Ärmel und in die Taschen der Jacke und sie ließen ihn unbehelligt das Teil prüfen. Schließlich ging der Mann zögernd weiter. Überall in der Halle waren Jacken zu sehen und die Händler priesen ihre Waren an. Aber diese Flaschengrün-Orangefarbige war so weich, nicht sehr dick, aber offenbar sehr warm... Jan drehte sich auf dem Absatz herum und ging eilig zum Stand von Tomasz und Hanna zurück. Die hatte die Jacke bereits abgenommen und unter dem Tisch verstaut. Jan blieb abrupt stehen. ‚Wo ist die Jacke!? Hat sie in dieser kurzen Zeit bereits ein anderer gekauft‘?

Tomasz griff sich ans Kinn, doch Hanna lächelte offen und unbefangen, während sie ihm die Jacke entgegenhielt. Jan kaufte sie, ohne zu handeln.

Geistesgegenwärtig drehte Hanna den Kopf herum und rief über ihre Schulter in die Menschenmenge: „Lena! Lena? Pracuje!“ – ‚Arbeiten‘!

Jan schaute erstarrt in die Richtung, in welche Hanna gerufen hatte. Sein Herz schlug plötzlich kräftiger. Tomasz Blick haftete auf Jans Gesicht. Er bemerkte es. Für eine Sekunde trafen sich die Blicke der Männer, und sie wussten beide Bescheid. Jan presste die Jacke an sich und floh aus der Markthalle.

Als er den Parkplatz verließ, hatte er den Blinker bereits links gesetzt, dann aber riss er den Lenker nach rechts, in Richtung Mierzyien. Er folgte der Autostrada 10 in Richtung Stettin. Ziellos. Eigentlich hatte er keine Zeit, zum Spazierenfahren... Doch er genoss das Wohlbehagen, das ihn plötzlich ausfüllte.

„Dziś jest szczęśliwy dzień…“, er verstand nicht, was die Stimme aus dem Autoradio sagte. Er ließ sie reden, wusste und fühlte er doch: ‚Heute ist ein glücklicher Tag…‘. Dann ertönte klassische Musik. Er genoss die naturschöne Landschaft.

‚Hier irgendwo muss Lena sich aufhalten…‘.

Er verwarf den Gedanken. ‚Diese Frau am Marktstand wusste genau, dass Lena nicht in der Nähe war…‘

Er musste herzhaft darüber lachen, dass er ihr in die Falle gegangen war. Sein Entschluss stand nun fest. Er fuhr nochmals zur Markthalle zurück und kaufte eine kitschige, schnörkelige kleine Tisch-Uhr mit albernen kleinen Figürchen und Ornamenten und mit einem polnischen Etikett.

„Nun gehört die Zeit uns“, sagte er, „lass uns heute anfangen, sie gemeinsam zu nutzen“. Lena musste von Herzen lachen, als er sie ihr auf den Tisch stellte.

…Sie nahm die kleine Uhr in die Hand und drehte sie vor ihren Augen. Lächelnd betrachtete sie die Figürchen, strich mit dem Finger über die Ornamente und ließ dann das polnische Etikett durch ihre Finger gleiten.

„Solche Tischuhren kenne ich“, sagte sie, „Die habe ich in Polen gesehen, in der Markthalle hinter der Grenze.“.

„…Bei Linki“, fügte er hinzu und betrachtete Lena von der Seite, sah wie ein sanftes Lächeln noch immer auf ihrem Gesicht lag.

„Du warst plötzlich weg“, sagte er. „Ich dachte erst, du gehst nicht ans Telefon, aber du warst nicht da…“.

„Ja, das hat sich plötzlich so ergeben“, unterbrach sie, während sie die Figürchen an der Uhr mit ihren Fingerspitzen zu streicheln schien, „Ich war in Mierzyien bei meiner Freundin. Sie verkauft in der Markthalle Bekleidung. Im Sommer ist da immer viel los…“.

Ihr Blick schweifte von der kleinen Uhr herüber zur Küche.

„Ich mache uns Kaffee“, sagte sie schließlich und verließ den Raum. „Setz‘ dich“, rief sie ihm mit einem fröhlichen Unterton über die Schulter zu.

„So! Bitteschön.“

Sie stellte den großen Pott so schwungvoll vor ihn, dass er zurück wich.

„Danke“, sagte er. „Kennst du das Greifenschloss und die Jakobskathedrale in der Stettiner Altstadt?“, fragte er.

„Nein…“

„Wir können ja mal hinfahren…“, fuhr er fort, ohne ihre Antwort abzuwarten.

„Ja. Nein. Aber jetzt wird es ja erst mal Winter und da macht eine solche Fahrt doch nicht so viel Spaß“, unterbrach sie, „aber vielleicht im Frühjahr. – Mal sehen…“.

„Ja. Erst mal kommen die Weihnachtsmärkte…“.

„Ja, genau!“

Sie schien es nicht eilig zu haben, ihn wiederzutreffen. Sie war freundlich. Offenbar freute sie sich über seinen Besuch. Sie plauderten. Jan erzählte von seinen Touren und sie hörte interessiert zu. Seinem Blick aber schien sie auszuweichen. Dennoch wurde es spät, bis Jan sich verabschiedete. Gemeinsam besuchten sie in dieser Zeit die bekannten reizvollen Plätze der Region und als schließlich die Vorweihnachtszeit begonnen hatte, stießen sie im Innenhof des herzöglichen Schlosses von Szczecin zwischen Kunsthandwerk und kulinarischen Leckereien zusammen an. Sie wunderte sich, über sein Talent für die polnische Sprache und sie scherzten in einem deutsch-polnischen Kauderwelsch, den wohl nur sie beide verstanden, so als schien die Welt sich nun wirklich zu drehen und sie „rockte“ nicht. Ein ungewohnter Einklang schien sich unbemerkt zwischen ihnen auszubreiten, den sie als eine Art Reigen empfanden, der sie schwerelos zu erscheinen schien.

Was sie nicht wusste: Immer wieder hatte Jan Touren nach Warschau und Stettin besetzt. Sie wusste nur: Um diesen Tag genießen zu können, hatte er im Hotel Radisson Blu eingecheckt, wo sie schließlich erschöpft, aber glücklich und auch ein wenig angeheitert aufs Bett sanken.


Good Vibrations:

Ganz langsam bewegte er sich auf sie zu. Vorsichtig strich er ihr das Haar aus dem Gesicht. Sie lächelte zustimmend. Ihre Blicke trafen sich. Ihre Augen glichen kleinen, kühlen Seen und seine kräftigen Augenbrauen waren wie der Wald, welcher die Seen zu umgeben schien; Ihre Blicke verschmolzen. Sie spürte nicht, wie sein Herz pochte, denn er vermied es, ihr die Intensität seiner Gefühle in einer intimen Umarmung zu offenbaren. Jedoch versank er förmlich in ihrer Aura. Ihre schweren Atemzüge synchronisierten sich. Ihre und seine Aura gingen ineinander über und ihr kühles, helles Violett veränderte sich in kräftiges Rot-Orange. Sie genossen diesen Augenblick überwältigender Gefühle. Er wollte sie jetzt küssen, zum ersten Mal, doch er hielt sich noch zurück. Seine Stirn berührte die ihre, er drückte seine Wange gegen ihre Wange, presste seine Nase an ihre rechte Schläfe. Sie schob ihre rechte Hand auf seine Taille und legte den linken Arm auf seine rechte Schulter. Er stöhnte auf und griff mit beiden Händen nach ihren Hüften. Sie schlossen die Augen, umschlangen einander, wiegten sich in einem stummen Lied, das ihre Gefühle komponierten, rhythmisch und entrückt in einem langsamen Walzer. Nun küssten sie sich leidenschaftlich. Auch als sie sich eilig entkleideten, hörten sie damit nicht auf. Als sie endlich nackt waren, spürte er, wie ihre Brüste in seinen Händen prall wurden und wie zart ihre Haut war, wenn sie, über ihn gestützt, immer wieder ihren Bauch, an seinem entlang, auf und ab gleiten ließ. Langsam wurden die gleitenden Bewegungen kürzer, sie kamen nunmehr aus ihren Huften heraus. Stöhnend gaben sie sich ihrer Intimität hin, bis sie schließlich Eins waren. Dann umgriff ihr Leib ihn mit weichen Fellfingern, während sie bei jeder seiner Bewegungen vibrierte, während sich ihre Hände fest ineinander krallten, bis sie sich dann beide aufbäumten, um sich sogleich von einem Gipfel, um den herum sich alles drehte, gemeinsam herabzustürzen. Wo es kein Halten mehr gab, nur noch leidenschaftliche Hingabe, breitete sich nun liebevolle Glückseligkeit aus. Für einen wundervollen Moment schien für sie die Welt tatsächlich still zu stehen. Nun drehte sie sich langsam weiter.

Der Winter schmolz schließlich schnell dahin, kurz nachdem die ersten Krokusse zu sehen waren. Der Reigen, in dem sie sich im Einklang bewegten, wurde schneller, doch ihre Welt rockte nicht mehr. Sie drehte sich nun geradezu in Windeseile. Nicht weit vom Stettiner Haff, oberhalb der Hauptstadt der polnischen Woidschaft Westpommern, Szczecin wartete ein kleines Haus darauf, von einem deutschstämmigen Paar bezogen zu werden, das sich irgendwo im Sturmwind des Lebens lieben gelernt und in Stettin schließlich gefunden hatte.

Rocker - Wohin wird deine Straße dich führen?

Diese Geschichte von einem kleinen Jungen und seiner bewegenden Begegnung mit einem Templer erklärt, warum wir uns so oder anders entscheiden. Leon litt unter dem Mobbing auf dem Schulhof. Aber was hatte Leons Mutter zu Rockern hingezogen?

Die Kurzgeschichte, ein Rocker-Märchen:

Lena beugte sich hinter der Liguster-Hecke vor, welche den Garten vor fremden Blicken schützte. So konnte sie unbemerkt die Straße beobachten, auf der Leon bald kommen würde. Sie war aufgeregt.

„Heute habe ich eine Überraschung für dich. Du wirst staunen!“, hatte sie ihrem Sohn zum Abschied aufmunternd hinterher gerufen, als er sich, wie in letzter Zeit so oft, unwillig und zögernd auf den Weg zur Schule machte.

Leon hatte nur gelangweilt „Ok“ gerufen, ohne sich dabei nochmal zu seiner Mutter umzudrehen. Nass bohrte sich auch an diesem Tag die immer wiederkehrende Frage aus seinen Augen:

„Sag‘ mir, warum sie mich hassen“.

Der Vormittag war quälend langsam vergangen und nun war es soweit. Von weitem konnte sie einen Mann erkennen, der vor Leon stand und ihn ansah. Der Junge stand einfach nur da. Desinteressiert. Dann schien der Mann in der schwarzen Kutte offenbar etwas zu ihm zu sagen. Was, das konnte sie nicht hören. Leon schaute zu ihm auf.

Ein klammes Gefühl breitete sich in Lenas Brust aus. Würde ihr Plan gelingen?

‚Was reden die denn so lange‘, fragte sie sich, während sie zum Haus zurückging, ‚Ich dachte, Leon würde sich freuen, wenn er ihn wiedersieht…‘.

Sie musste ein paar Mal tief durchatmen, dann fühlte sie sich ein wenig besser. Ihre Zuversicht kehrte zurück, während Leon mit dem Fremden sprach, den er nur ein einziges Mal zuvor getroffen hatte.

In der Schule sagen sie: „Er hat es nicht leicht, zu Hause“. Dann erzählen sie mir, dass er, wie auch einige andere Mitschüler darunter litten, dass Vater oder Mutter zu viel Alkohol trinken, oder dass die Eltern keine Arbeit haben und deswegen hätten sie kein Geld für das warme Mittagessen in der Schulkantine. „Das macht ihn traurig“, sagen sie, „und deshalb sei er oft so wütend.

Leon hob ratlos die Schultern, während er seinen Blick zu Boden senkte. Wie ein armer Tropf stand der Junge vor dem Mann mit der schwarzen Lederkutte. Der Mathe-Test, bei dem er als Einziger 58 von 60 Punkten erreicht hatte, nur um Haaresbreite an der Note Eins vorbei geschrammt war, glitt aus seiner Hand und schwebte auf unsichtbaren kleinen Serpentinen zu Boden, wo er unbeachtet liegen blieb.

„Ist das der Mathe-Test“, fragte der Mann, den sie Mike nannten.

Wieder hob der Junge die Schultern. Sein Blick klebte auf Mikes Stiefeln. Dieser Anblick verschmolz in den Gedanken des Jungen zu einer formlosen Masse, aus der sich plötzlich das weiße „N“ der schwarzen, ausgelatschten Sneekers formte. Diese Turnschuhe trugen die Jungs der Spider-Gang, welche die anderen Schüler schon seit geraumer Zeit terrorisierten. Sie sahen so ähnlich wie die schwarzen Addidas-Originals mit den drei weißen Streifen aus, die er trug. – Addidas-Schuhe, Note Zwei Plus, warmes Mittagessen in der Schule, ein aufgeräumtes Wohnzimmer, Tulpen im Vorgarten und sogar ein kleines Baumhaus im Garten: Nein, das sah nur danach aus, aber es war keine unbeschwerte Kindheit. Es war bestenfalls eine kleine Insel, auf die Leon sich zurückzog, so gut es ging, wenn nicht die Angst vor den Pausen in der Schule und auf dem Heimweg seine kleine heile Welt in ein imaginäres Schlachtfeld verwandelte. Mom und Dad sahen seine blauen Flecke. Sie bemerkten, dass ihm in letzter Zeit oft übel war. Sie hatten mit dem Klassenlehrer gesprochen, mit dem Elternbeirat, mit der Jahrgangsstufenleiterin. Nun wussten sie einiges über die häusliche Situation seiner Mitschüler, über Anti-Aggressionstraining und De-Eskalation. Aber sie wussten nicht, wie sie den Schikanen und der Gewalt gegen ihren Sohn und gegen andere Kinder entgegen wirken konnten. Einen guten Rat, so schien es, wussten nur diejenigen, die sich ungefragt in die Gespräche mit Nachbarn und Kollegen einschalteten. Doch wussten sie auch aus den Gesprächen, die Erwachsene hinter vorgehaltener Hand führen, dass die Jugendbehörden schnell und effektiv eingriffen, wenn Mütter oder Väter den Wettkampf von Gewalt und Gegengewalt eröffnen würden. Ihre ratlose Zurückhaltung vergeben Schulleitung und Jugendamt den Eltern, aber nicht den Eröffnungspfiff zum fatalen Spiel mit der Gewalt. Jeder wusste es.

„Kannst du nicht in den großen Pausen im Klassenraum bleiben?“, fragte die Mutter und registrierte sein Kopfschütteln mit stiller Verzweiflung. „Das Beste wird sein, wenn du nicht mehr zu Fuß zur Schule und wieder nach Hause gehst. Anni, also Leas Mama und ich, wir wechseln uns ab. Wir werden euch mit dem Auto fahren.“ Sie sah aus dem Fenster atmete dabei tief durch. Nach einer kleinen Pause erzählte sie: „Der Vater von Kim macht vielleicht auch mit. Er sagte, dass er uns nochmal anruft... Dann wären wir schon zu dritt und könnten uns wochenweise abwechseln“. Die Stimme von Leons Mutter hatte nun einen erleichterten Klang angenommen.

„Hey, du sagst ja gar nichts, kleiner Sportsfreund!“. Mikes Stimme riss ihn aus seinen Gedanken. „Willst du deinen Test nicht aufheben und in die Schultasche stecken?!“

Der Junge bückte sich widerwillig und hob das Blatt Papier auf. - Stolz wegen einer guten Zensur? Freude? Nein, Leon spürte nur, dass er traurig war und irgendwie sehr müde. Es war ihm egal.

„Scheiß Schule!“, sagte er und es war ihm egal, was dieser Mann von ihm dachte.

Am liebsten hätte er diesen blöden Zettel zerknüllt, auf den Boden geworfen und darauf herum getrampelt. Hastig stopfte er das knitternde Papier in seinen Schultornister. Er fühlte den Blick des Mannes.

‚Das ist der Anfang vom Ende einer verheißungsvollen, guten schulischen Laufbahn‘, dachte Mike.

Leon aber war es egal. Plötzlich zuckte er zusammen. Angst durchströmte seinen Körper. Er spürte eine feste Hand, die ihm - wenn auch sanft - auf den Oberarm boxte.

Er wusste: So fängt „es“ meistens an. ‚Jetzt zählt der mich auch an‘, dachte Leon verzweifelt.

Doch die Erlösung kam in dieser Sekunde.

Mikes Stimme drang mit freundschaftlichem Klang an sein Ohr: „Schon mal auf einem Motorrad gesessen?“, fragte er und seine Augen blinzelten, während er ihn dabei prüfend von der Seite ansah.

„Nö!“, rief Leon.

Jetzt glühten seine Wangen. Weg war die bleierne Traurigkeit. Leon trippelte auf der Stelle.

„Mama würde das nie erlauben...“, erwiderte er aufgeregt.

Doch in Gedanken sah er sich schon hinter Mike auf der Harley sitzen. Er sah sich mit seinem Freund am Schulgelände vorbei fahren, auf dem die Spider-Gang auch nach der Schule oft herum hing. In Gedanken hörte er bereits das laute Dröhnen der silberfarbenen, glänzenden V-Zylinder.

„Boah!“, stieß er unwillkürlich aus und dachte: ‚Wenn die mich so sehen würden, dann trauten sie sich nicht mehr, mich zu dreschen‘.

„Hey, wir fragen Mama“, schlug Mike vor.

‚Die haben schon gefragt, wann die Aktion läuft. Die wollten den Lütt erst mal in Ruhe drauf vorbereiten, damit er keine Angst vor den Motorrädern hat‘, dachte Mike und lachte, während er sich an das verdutzte Gesicht von Kims Vater erinnerte, als Leon, mit Kim im Schlepptau, geradewegs auf ihn zu gestiefelt kam. Sie hatten sich an der Raststätte Pomms-Peer an der A10 bei Berlin getroffen. - ‚Tja, Zufälle gibt es,…‘, dachte Mike und schüttelte grinsend den Kopf, ‚das sind keine Zufälle. Nein, diese Begegnung war kein Zufall…‘.

„Cool! - Na, die wird Augen machen…!“, rief Leon, während er Mike mit wippendem Gang folgte. Der schwang sich auf seine Maschine, hob den Arm zum Gruß und rief: „Bis gleich, Kurzer!“

„Ok, bis gleich“, antwortete Leon darum bemüht, so lässig wir nur irgend möglich zu wirken. „Weißt du, wo meine Mom wohnt?“, fragte er und seine Stimme klang nun eine Oktave tiefer als sonst.

Mike stützte sich lässig mit dem Unterarm auf den Chrom glänzenden Lenker. Irgendwie glänzte alles an dieser Maschine. Er schaute den Jungen mit erwartungsvollem Gesichtsausdruck an und ließ sich geduldig die ihm längst bekannte Wegstrecke zu Leons Haus erklären. Der Junge ging zu Fuß, doch, so schien es, war er plötzlich um einige Zentimeter gewachsen. Von dem traurigen Tropf war nichts mehr zu erkennen, da ging ein stolzer, aufrechter Junge festen Schrittes nach Hause.

Die nächsten Tage verliefen, für die Verhältnisse an dieser Schule, relativ ruhig. Erhobenen Hauptes lies Leon die beleidigenden Äußerungen und Drohungen an sich abprallen. Wenn sie ihm den Weg verstellten, ging er gerade hindurch und wenn sie ihn schubsten, achtete er darauf, sofort wieder seine gerade Haltung anzunehmen. Irgendwie war es ihm gelungen, ohne größere Blessuren durch die letzten Tage zu kommen. Als das Pausensignal wieder ertönte, marschierte er Seite an Seite mit seinem Freund über den Schulflur und so gelangten sie schließlich auf den grauen, asphaltierten Pausenhof. „Danke, dass du in der achten Stunde noch da bleibst, obwohl du eigentlich schon Schulschluss hast“, bedankte sich Leons Freund und klopfte ihm kameradschaftlich auf die Schulter. Plötzlich brach ein ohrenbetäubender Motorenlärm über sie herein. Die beiden Jungen zuckten zusammen. Es roch nach Benzin. Da blitzte etwas vor ihren Augen. Es waren die Sonnenstrahlen, die von poliertem Chrom reflektiert wurden.

„Da sind ja Rocker!“, kreischten einige Schüler.

Der Freund freute sich, boxte Leon in die Seite und sagte lachend: „Auf! Geh‘ schon. Die kommen wegen dir. Los! Beile dich. Heute komme ich auch ohne dich heil nach Hause“.

Leon drehte sich auf dem Absatz herum, hechtete die Treppe hoch, hetzte über den Flur zum Klassenraum, schnappte sich seinen Schultornister und rannte, wie von einer Tarantel gestochen, wieder hinunter zum Pausenhof.

‚Sind sie noch da‘?, dachte er angstvoll und sah dann: Ja, sie sind noch da. Sie warteten auf ihn.

Über seinem Gesicht breitete sich ein offenes Lächeln aus. Jetzt sah er, wie viele Motorräder und Männer in ledernen schwarzen Kutten, sich da versammelt hatten. - Ein martialischer Anblick. Das Emblem mit dem roten Tatzenkreuz und den zwei gekreuzten Schwertern war ihm vertraut. Es war ihr Zeichen: Sie waren die Knappen der nunmehr namenlosen Biker, nicht wie einst im 13. Jahrhundert, Reiter. Kims Vater, sowie Mike und auch seine Mutti hatten ihm in den letzten Tagen viel davon erzählt.

„Das sind meine Freunde“, rief er und rannte auf sie zu. Mike stieg von seiner Maschine ab und ging ihm entgegen. Sie begrüßten sich, indem sie ihre rechten Fäuste aneinander stießen. Nun drehte Mike sich herum - jetzt sahen alle Kinder das Zeichen auf seinem Rücken - legte seinen Arm über die Schultern seines kleinen Kumpels und ging auf die Männer zu. Zum Entsetzen der anderen Schüler, die das beobachteten, stieg Leon zu „dem Rocker“ auf die Maschine, setzte einen Helm auf und hob dann seinen rechten Arm. Die Kuttenträger erwiderten seinen Gruß, indem sie ebenfalls ihren Arm hoben. Unter den Schülern herrschte Fassungslosigkeit. Nur Tim, Leons Freund, grinste amüsiert, während er die Spider-Gang beobachtete. Dann schwollen die Motorengeräusche wieder an. Die Bikes setzten sich in Bewegung und die Kinder schauten der sich entfernenden Meute hinterher, bis sie nicht mehr zu sehen waren. Die Schüler waren beeindruckt, die Lehrer und Pädagogen entsetzt.

Der kleine Rastplatz lag ein wenig abseits der Autobahn. Mike hatte sich einen Coffee-to-go geholt und hockte nun neben seinem Motorrad im Gras und schaute versonnen in den Horizont, vor dem nur die abendliche Silhouette eines kleinen Windparks der Enercon zu erkennen war. In seinen Gedanken vermischte sich das Summen des in einiger Entfernung vorbei fließenden Fernverkehrs mit dem Rauschen des kleinen Bachs, der hinter dem Haus seiner Eltern geflossen und schon lange verrohrt worden war. Lange ist es her, dass Mike ein Junge war, so wie Leon. Er trank einen Schluck Kaffee. Seine Schule war ein Backsteingebäude mit hohen Decken, das neben der Kirche stand. Wie oft stand Lehrer Osthorft vor der dunkelgrünen Tafel und wusste nicht, über die Mädchen zu herrschen, die sich gegenseitig in Lachkrämpfen übertrafen. Doch während er die Jungs für ihre Scherze nacharbeiten ließ, verzieh er den Mädchen jedes Mal. Irgendwann beschloss Mike daher, es den „Weibern“ mal so richtig zu zeigen. Kurzerhand schlich er sich abends in das Schulgebäude und nagelte die Tür zur Mädchentoilette zu. Am folgenden Tag mussten alle Mädchen in der großen Pause im Pfarrhaus gegenüber der Kirche ihre Notdurft verrichten.

Der Direktor ließ alle Jungs auf dem Schulhof antreten.

„Wer ist es gewesen?“, brüllte er wütend.

Mike schwieg. Er war zu feige, vorzutreten und sein Vergehen zuzugeben.

„Gut“, konzertierte der Schulleiter, „dann muss ich euch alle bestrafen“.

Wieder schwieg Mike. Also wurde den Jungs gesagt, dass sie am Sonntag alle zur Strafe zur Frühmesse erscheinen müssen. Dann schickte man sie wieder in den Klassenraum. In der Pause stellten sich seine Mitschüler vor Mike auf. Alwin, der größte von ihnen, trat zwei Schritte auf ihn zu und knurrte mit mürrischer Stimme: „Mike, du bist ein Kameradenschwein. Aber du hast es den Weibern und dem Pfaffen mal so richtig gezeigt. Also nehmen wir gerne deine Strafe mit in Kauf. Wir halten zu dir. Du hast ein gutes Werk getan und wir halten zusammen“.

Mike konnte sich nicht daran erinnern, sich danach jemals so sehr geschämt zu haben, wie an diesem Tag. Mit hängenden Schultern schlich er nach Hause und legte schließlich am Familientisch sein Geständnis ab.

Die Antwort des Vaters war knapp: „Sohn, du bist zu weit gegangen! Für deine Feigheit haben deine Schulkameraden dich beschämt. Das soll dir eine Lehre sein! Du kannst dich ärgern, du kannst wütend sein, aber übertreibe nichts“.

Die Mutter sah ihn an: „Du wirst am Sonntag früh aufstehen, dich ordentlich waschen und kleiden, dein Frühstück essen und dann wirst du zur Kirche gehen. Du wirst es tun. - Und nun hadere nicht und sitze nicht da, wie ein Tropf. - Hole jetzt deinen Schulranzen und setz‘ dich an deine Hausaufgaben“.

Dann stand sie wortlos auf und räumte den Tisch ab. Bis zum Sonntag verlor niemand mehr ein Wort über den Vorfall. Der kam mit Sonnenschein und einer leichten Briese. Es war ein guter Tag, um mit den Freunden im Wald herum zu streifen und ein Abenteuerland der Fantasie zu erleben, das nur den Kindern und ganz wenigen Erwachsenen Einlass gewährt.

„Was hat der Pfarrer gesagt?“, fragte die Mutter, als Mike aus der Kirche zurückgehrt war.

„Er sprach von der Vertreibung aus dem Paradies und dass Kain Abel erschlug. – Eva war schuld…“, sagte Mike. „Seitdem herrscht Mord und Totschlag auf der Erde…“.

„So!“, zischte die Mutter, „...und zur Strafe sollte der Mann dann über die Frau herrschen. Zur Strafe genügt nicht mehr, was die Mutter Natur freiwillig wachsen lässt und wir plagen uns täglich, um möglichst viel von allem zu besitzen. Wer am meisten besitzt, herrscht“.

Mike hatte seine Mutter selten so wütend erlebt.

„Jetzt herrschen die Menschenschinder“, folgerte der Vater zynisch. Er schaute seinen Sohn an: „Jetzt nageln wir den Mädchen die Toilettentür zu, Sohn. - Währet den Anfängen“, postulierte er, „Soll also der Mann über der Frau stehen, bis sie nicht mehr aufstehen kann, und was dann? Wiederholt sich dann die Vertreibung aus dem Paradies für die Mächtigen? Die Schwachen sind ja jetzt schon in der Hölle! Sieh dich in der Welt um, mein Sohn….“.

Die Eltern verließen den Raum und gingen ihren Beschäftigungen nach.

Diese Worte von Vater und Mutter begleiteten Mike seit jenem Tag und sie ließen ihn nicht mehr los. – Ein erschreckender Gedanke: Wenn wir einem Menschen begegnen, der einen anderen quält, wissen wir, dass wir alle alles verlieren werden. Es ist schon einmal so geschehen. Wir können nicht verhindern, dass es wieder passiert, solange Einer über den Anderen herrscht. - Sie hassen nicht, sie wollen herrschen.

So wurde Mike zu einem „Protector oft he weak“, zu einem Beschützer der Schwachen, zu einem Kämpfer für Gerechtigkeit. Er ist ein treuer Knappe. Es ist sein Bekenntnis. Wir alle müssen uns ein jeder für sich selbst entscheiden, ob wir Kain dienen wollen, oder Jesus. Wir müssen Stellung beziehen, jeden Tag durch unser Wort und durch unser Handeln. Gott will es.

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Das Geräusch der Luftdruckbremsen eines polnischen Sattelschleppers, der hinter ihm einparkte, riss Mike aus seinen Gedanken. Er trank die letzten zwei Schlucke Kaffee, der schon lange kalt war, stand auf und setzte sich auf seine Harley. Er freute sich auf das Ausklingen eines guten Tags und die Erinnerung an den kleinen Leon war für ihn wie ein Geschenk Gottes, welches sein Herz noch lange erfreuen würde. Nach ein paar Autobahn-Kilometern bog er auf eine kleine, kurvige Landstraße ab. „On the road again“. Freiheit. Was gibt es schöneres für einen Biker, als auf einer einsamen Straße der sinkenden Sonne entgegen zu fahren.

Doch da war etwas Dunkles, das hatte sich an ihn geheftet. In das süße, langsam dunkel werdende Rot-Orange der Abendsonne mischte sich das bittere Anthrazitgrau seiner Gedanken. Zu Hause würde er das rot-weiß-schwarze Patch der Crusaders, das ihm so viel bedeutete, von seiner Kutte abtrennen.

Er wollte nicht den Frevel begehen, die Hoffnung des kleinen Leon zu beschädigen, also hatte er ihm nichts von seinen Sorgen erzählt, kein Wort über seinen Club, kein Wort über seine Kumples, seine Bro’s, wie er sie nannte, Brüder.

In Deutschland ist es einem Templer nicht gestattet, den Englisch lautenden Namen „Crusader“ für „Kreuzfahrer“ zu tragen. - Namensrecht: Es gibt Football-Spieler und andere Biker, welche diesen, für deutsche Ohren ziemlich „cool“ klingenden Namen schon tragen, wenn auch mit anderem Namenszusatz – etwa „MC“ statt „for Justice“ (MC = Motorradclub, „for justice“ = für Gerechtigkeit). Er beneidete seine Brüder in Holland, in Belgien, in der Ukraine, in Schweden… welchen dies nicht verwehrt ist.

„Wir sind raus“, das war das bittere Fazit für Mike. Der gut gemeinte Rat und der aufmunternde Ton der belgischen und niederländischen Great Commanders klang wie Häme in seinen Ohren: „Es ist doch egal, wie ihr euch in Deutschland nennt, dann macht ihr halt unter einem anderen Namen einen Suporter-Club auf (einen Unterstützer-Club) und dann ziehen wir unser Ding halt so durch. „Riders Of Freedom“ wäre doch cool… (Reiter der Freiheit) Aber wir können jetzt nicht alle unseren Namen ändern, nur wegen der deutschen Behörden. Wir bleiben Freunde“.

„Freunde“, hatten sie gesagt, nicht „Brüder“, so wie es unter Templern üblich ist. Mike war nicht wütend, nicht gekränkt, nicht verzweifelt, er fühlte gar nichts.

Es war Nacht geworden. Mike hatte sich entschlossen, einen Umweg zu fahren. - Eine nächtliche Ausfahrt. So rissen seine Gedanken nicht ab.

Was hatte Lena zu den Crusaders hingezogen?

‚Braucht ein Club, dessen Mitglieder gemeinsam ausfahren, die manchmal ein Fest feiern und die, wenn sie gerufen werden, immer wieder Gutes tun, die etwa Kindern helfen, wenn sie in der Schule ein Opfer von Mobbing geworden sind, einen Suporter-Club‘?

Die Antwort ist: Nein. Unterstützung würden sie benötigen, wenn sie bereit und in der Lage wären, an die Wurzel des Übels zu greifen.

‚In den vereinigten Staaten‘, so dachte Mike, ‚gibt es Suporter-Clubs. Dort vereinen sich die Clubs mit der Losung: „Bikers Against Radical Islam“‘.

Seine Gedanken schweiften wieder zurück nach Deutschland, und blieben nur ganz kurz an der Idee einer deutschen Lodge eines anderen europäischen Crusader-Clubs hängen. Mike seufzte und ließ den Gasgriff ein wenig nach vorne gleiten, bis er etwas langsamer wurde.

Mit derartigen juristischen Finessen hatte er nicht viel am Hut. Doch seine Gedanken ließen ihn nicht los. Sie verfinsterten sich zunehmend: ‚Hier, in Deutschland, erhielt der radikale Islam indirekt Duldung und Unterstützung von den nach Ruhm und Bedeutung strebenden Handlangern der Herrschenden. Wollten sie das Volk wieder so beherrschen, wie in den Zeiten von Martin Luther? …wie zu Zeiten der Inquisition? Anno 1307 war das Jahr des Endes der sagenumwobenen Tempelritter.

Der Mann hieß Guillaume de Nogaret. Er verhaftete alle Mitglieder des Templerordens auf Befehl des französischen Königs „Phillip der Schöne“. In einer Urkunde für „wichtige Rechts-Akte des Papstes“, einer sogenannten „Bulle“, hatte Papst Clemens V. die weltlichen Herrscher Europas dazu aufgefordert, die Templer allesamt zu verhaften und deren Eigentum zu beschlagnahmen. Diesen päpstlichen Erlass nannte man die „Pastoralis praeminentie“.

Aber wie kam es dazu? Einer Legende nach soll ein bis heute nicht gefundener Schatz der Templer in der Normandie nahe der französischen Stadt Gisors, oder in Schottland, oder in Oak Island (Nova Scotia) versteckt worden sein.

Die Tempelritter hatten ein Bank-System entwickelt und es damit zu Reichtum gebracht. Das war ihnen schließlich zum Verhängnis geworden. Erste Geld-Verleihgeschäfte sind aus dem Jahr 1135 bekannt. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts sollen die Templer damit angefangen haben, Geldanleihen zu machen. Sie waren darin so erfolgreich, dass – trotz der vorausgegangenen blutigen Kreuzzüge, auch Muslime ihre Dienste in Anspruch genommen haben sollen. Es waren die Templer, welche den Vorgänger des heutigen Reiseschecks, eine Art Kreditbrief, sowie ein modernes Buchführungssystem erfunden haben. Offenbar hatten die alten Templer mit ihren ganz weltlichen und sehr erfolgreichen Geldgeschäften das Begehren der religiösen und weltlichen Herrscher ihrer Zeit geweckt.

Moderne Templer, Crusaders, fühlen sich ihnen verbunden. Sie verbindet heute meist eine Abneigung gegen die Kirche, eine Kirche, deren Amts- und Würdenträger mit weltlichen Herrschern und deren Vorgehensweisen vergleichbar scheinen.

Lena fühlte sich zu diesen, vielleicht etwas skurrilen Crusader-Bikern hingezogen. Aber es war viel mehr, als ihr Habitus, also mehr als ihre skurile, coole, rockige Ausstrahlung. So war auch Mike von dieser Rebellin fasziniert, wegen ihrer Wut auf ein, wie sie es immer nannte, „patriarchales doppeltes P“ – das steht für: „Politiker und Pfaffen“.

Auch heute, so hatte sie ihm erzählt, gäbe es tatsächlich noch eine Inquisitions-Behörde, die sogenannte Glaubenskongregation, welche im Jahr 1542 von Papst Paul III eingesetzt wurde. Damit wollte er gegen den „Protestantismus und seine Druckwerke“ kämpfen. Diese Behörde war unter Joseph Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI, auch gegen den Befreiungstheologen Leonardo Boff vorgegangen. Lena ereiferte sich gerne, sie redete sich in Rage, wenn sie über solche Dinge sprach.

Mike musste während dieser Fahrt immer wieder an Leons Mutter und deren Wut denken:

Aus ihrer Sicht steht dem „radical Islam“ aus der Losung der sich vereinenden amerikanischen Biker die katholische Kirche mit ihrer Inqusisition in nichts nach, welche vor allem zu Lasten von Juden und Heiden, aber viel mehr noch zu Lasten der Frauen ging. Lena war eine sehr freiheitsliebende und selbstbewusste Frau. Umso mehr tat sie Mike leid, nachdem sie ihn so ohnmächtig und hilflos dreinschauend um Hilfe für ihren jungen Sohn Leon hatte bitten lassen.

Freiheit war und ist ein hohes Gut, so hoch, dass sie keine Rücksicht und kein Mitgefühl mehr zu kennen schien. Aber wer war es, welcher den freiheitlichen Menschen heute noch aufzuhalten vermochte‘?

Mike legte sich in die Kurve, schaltete dann runter und beschleunigte.

‚Nein, sie hassen nicht, sie wollen herrschen‘, dachte Mike, ‚und sie stellen Weichen‘.

Plötzlich wusste er, wohin die Reise geht. Er hob sich aus der Kurve und lenkte seine Maschine weiter ins Dunkel der Nacht.


Wütend dachte er: ‚Diese Personen sind mehr als ein Prozent der Volksvertreter‘.

Zynismus breitete sich nun ungehindert in seinem Herz aus: ‚Wären sie Träger einer Biker-Kutte, würde möglicherweise das „1%-Patch“ auf einigen dieser Westen prangen‘. Es steht für „Outlaws“ – Gesetzlose.

Sie folgen ihren eigenen Regeln (wie die Biker) oder dem Wort eines Phantoms (einer geheimen Elite ohne Legitimation). - Sogar die Richter…‘. Mike schluckte bitter.


Seinerzeit hatte in den USA ein Staatsvertreter festgestellt, dass „nur“ ein Prozent der in Clubs organisierten Motorradfahrer kriminell und dass die anderen 99 Prozent völlig „normale“ Leute seien. Seit dem tragen sogenannte „1%-er“ und einige um dies nicht wissende Free-Biker diesen Aufnäher.

Mike lachte böse auf, bei diesem Gedanke. Die Strecke führte nun geradeaus über den Asphalt. Unter ihm dröhnten die V-Zylinder. Der Fahrtwind säuselte an seinen Ohren. Die milde Luft roch nach dem frischen Grün der im Dunkel der Nacht verborgenen Wiesen. Der Himmel war sternenklar und von der Ferne konnte er die Umrisse einer kleinen Ortschaft auf sich zukommen sehen. Doch das Gefühl von Freiheit, das so viele Biker verbindet, wollte sich auf dieser Strecke nicht einstellen. Er hatte das Gefühl, als hätte die Dunkelheit die Form einer Magnet-Kraft angenommen und nach ihm gegriffen. Ihm war so, als hielt sie ihn fest und wollte ihn nicht mehr loslassen. Mike gab Gas. Er fuhr schneller. Er legte sich tief in die nächsten Kurven und, ja, es war beinahe so, als habe er das Dunkel, das ihn nicht loslassen wollte, abgehängt. – Mike hatte ja keine Ahnung... Er wusste nicht, dass Lena, die vor Aufregung keinen Schlaf finden konnte, aufgestanden war und für ihn betete, in diesem Moment.

‚Halte deine Hand über ihn und schütze ihn, wo auch immer er ist, große Göttin Mutter Erde, du Gott in dem alles ist und aus dem alles kommt‘. Mit diesen Worten und einem geflüsterten „Amen“ hatte sie ihr Gebet schließlich geschlossen.

Mike lenkte seine Maschine sicher in Richtung Zuhause, während sich in seinem Templer-Herz noch immer zwei Seelen stritten. Noch waren sie sich nicht einig. Es waren die Seelen von Mönch und Soldat.

Auf dem Wappen der Templer prangen, als Symbol einer Symbiose, zwei Reiter, Mann an Mann, auf einem Pferd. Wer würde von nun an die Zügel in Mikes Herz in die Hand nehmen, Soldat oder Mönch? Mike ahnte von diesem inneren Kampf nichts, er fühlte sich nur zerschlagen und ausgelaugt, als er schließlich in die Hofeinfahrt einbog und seine Maschine in der Garage abstellte. Müde und bleiern legte er sich aufs Bett. Während er alsbald im Reich der Träume versunken war, legten der Mönch und der Krieger in seinem Herzen ihren Streit bei und einigten sich schließlich, so dass Mike in einen tiefen, erholsamen Schlaf fallen konnte.

Obwohl er nur wenige Stunden geruht hatte, erwachte er zur gewohnten Zeit und der Mühlstein, der schwer auf seinem Herzen gelegen hatte, war verschwunden. Beinahe erleichtert machte er sich daran, das Crusader-Patch vom Rücken seiner ledernen Weste abzutrennen. Nach einer langen, einsamen Nacht war der Tag der Entscheidung gekommen. Dieses Mal wollte Mike, der Templer, nicht sagen „Deus vult“ – „Gott will es“. Er sagte: „Der Mensch will es!“.

Mike trat vor die Haustür und schaute hinaus über die taufrischen Wiesen, streckte sich und holte tief Luft, so dass sein Brustkorb weit wurde. Er brauchte die Weite, die Freiheit und manchmal auch ein wenig Einsamkeit, wenn er auf seiner oft dunklen Straße fuhr. Denn in seinem Herzen wohnten zwei Seelen, die sich nicht immer einig waren. Es waren die Seelen von Mönch und Soldat. Mal bestimmt der eine die Richtung, mal der andere.