Wie lässt sich Raum entwerfen, wenn nicht Planung, sondern Handlung im Vordergrund steht?
Die Bachelorarbeit “Die illegale Raumpraxis der Berliner Rave-Kultur – radikale Impulse im Umgang mit Bestand” untersucht, wie subkulturelle Formen der Aneignung zu architektonischen Strategien werden können. Sie liest die Berliner Rave-Kultur (BRK) als Modell einer räumlichen Praxis, die vorhandene Strukturen umdeutet, temporär aktiviert und damit den Begriff des architektonischen Entwerfens grundlegend verschiebt.
Aus Überzeugung und Negierung von Vorschriften bespielt die BRK ungenutzten und zum Teil versteckten Bestand, nutzt seine räumlichen Qualitäten und macht ihn temporär wieder sichtbar. Ihre Praxis beruht auf Improvisation, Gemeinschaft und Mut. Damit wird sie zu einem Spiegel für eine Architektur, die sich zunehmend der Frage stellen muss, wie Bestand nicht nur physisch erhalten, sondern durch Handlung weitergeschrieben werden kann.
Im Zentrum der Arbeit steht nicht das Entwerfen eines Objekts, sondern das Erfassen einer Haltung und die Rückkopplung dieser auf die architektonische Praxis. Gespräche mit Akteur*innen der Szene bilden die Grundlage für eine forensisch angelegte Recherche, die die räumlichen Strategien dieser Praxis sammelt, ordnet, verortet und analysiert. Die Untersuchung arbeitet mit denselben Werkzeugen, die auch Architekt*innen einsetzen: Kartierungen, Bildmaterialien, Skizzen und Modelle. Doch sie wendet sie nicht zur Planung des Neuen, sondern zum Sichtbarmachen des Vorhandenen an.
Das physische Medium der Arbeit ist eine freistehende, vierteilige Wand von 3,8 mal 1,9 Metern. Sie fungiert als analoges Arbeitsinstrument und als Präsentationsfläche zugleich. Die Wand ermöglicht es, den großen Informationsfluss der Recherche in einem Blick zu erfassen und Zusammenhänge unmittelbar zu erkennen. Durch ihre Struktur werden analoge und digitale Formen der Darstellung verbunden. Spuren, Texte, Modelle und Diagramme verschränken sich zu einer lesbaren räumlichen Komposition.
Die Tiefe der Forschung erlaubt es, aus den Beobachtungen fünf Impulse herauszuarbeiten, die den architektonischen Umgang mit Bestand erweitern.
Erstens: Transformation beschreibt die Fähigkeit, vorhandene Räume mit minimalen Mitteln in neue Kontexte zu überführen. Die BRK zeigt, dass räumliche Qualität nicht aus Neubau, sondern aus Neuinterpretation entsteht.
Zweitens: Perspektivische Revisionierung benennt das bewusste Umkehren planerischer Abläufe. Der Raum entsteht aus Handlung, nicht aus Entwurf. So wird das Finden wichtiger als das Erfinden.
Drittens: Reproduktion erkennt Nutzung als Form der Erhaltung. Kurzzeitige Aktivierung ersetzt den Stillstand und schafft Kontinuität durch Bewegung.
Viertens: Plurale Wissensproduktion verweist auf die kollektive Intelligenz der Szene, in der Wissen geteilt, ausprobiert und transformiert wird.
Fünftens: Subversivität als Strategie schließlich zeigt, dass Regelbruch zu einem notwendigen Werkzeug werden kann, wenn institutionelle Prozesse blockieren. Die Umgehung von Hindernissen missachtet hier den Verstoß und definiert sich als eine Form der Selbstermächtigung.
Raum(re)produktion ist mit all ihren physischen, sozialen und kulturellen Komponenten die Essenz der Architektur, somit ist die illegale Raumpraxis schon immer auch Teil des architektonischen Diskurses und bereichert ihn durch diese radikalen Handlungsstrategien. Sie sind Beitrag zu einem Denken, das Bestand nicht als Grenze, sondern als Möglichkeitsraum versteht.
“Die illegale Raumpraxis der Berliner Rave-Kultur – radikale Impulse im Umgang mit Bestand” ist keine Entwurfsarbeit im klassischen Sinn. Sie zeigt deutlich, dass Forschung ein architektonisch schöpferischer Prozess sein kann, der aus der räumlichen Verknüpfung von Begriffen, Bildern und Informationen entsteht, ähnlich zu einem Gebäudegrundriss: ohne festgelegte Leserichtung, in unterschiedlichen Maßstäben aufschlussreich und offen für neue An- und Verbindungen. So wird die Arbeit selbst zu einem Raum, in dem Denken, Handeln und Gestalten zusammenfallen.
Die größtenteils theoretische Auseinandersetzung im Architekturstudium mit Raum gemeinsam mit dem eigenen Wahrnehmen der sich wandelnden Stadt Berlin entfacht das Interesse für Diversität in der Raumproduktion. Inspirierend sind originelle Nutzungen und ein praktischer Umgang mit Raum. Welche eigenartigen aber allgegenwärtigen Raumpraktiken verstecken sich im unmittelbaren Umfeld? Auf der Suche nach stadtgestaltenden Akteur*innen fasziniert die kompromisslose Aneignung von Bestand durch die Berliner Rave Szene nachhaltig. Es folgt ein Erforschen der illegalen Raumpraxis der Berliner Rave Kultur (BRK) und die Absicht ihre Strategien zu verstehen.
Mit ihrem besonderen Blick auf städtische Zwischenräume schafft sie temporäre (Um-)Nutzungen. Dafür geht sie in eine subversive Auseinandersetzung mit der Stadt und schafft außergewöhnliche Raumerlebnisse in bestehenden Strukturen. Dieser pionierhafte Umgang mit Bestand bereichert architektonische Prozesse mit radikalen Impulsen.
Definition Rave: (englisch (to) rave = „rasen, schwärmen, toben, fantasieren“) bezeichnet einmalige Tanzveranstaltungen („One-off-Events“) mit elektronischer Musik in eigens dafür präparierten Locations wie zum Beispiel leerstehenden Lagerhallen oder draußen („out- door“), deren konzeptioneller Schwerpunkt auf ekstatischem Tanz liegt.“¹
¹ Wikipedia Artikel, https://de.wikipedia.org/wiki/Rave (14.08.2024)
Abb. 19.5
Das Format dieser Arbeit, eine zusammengesetzte freistehende Wand mit den Maßen 3,8 Meter in der Breite und 1,9 Meter in der Höhe, dient als Arbeitsmedium und Präsentationsfläche gleichzeitig. Ihre Konstruktion zum autonomen Objekt verkörpert die ortsungebundene Natur der illegalen Raumpraxis der BRK, die sich immer wieder in verschiedenen, temporär genutzten Räumen manifestiert. Im Zuge der Recherche wurde eine Vielzahl an Beweisen für die Existenz dieser illegalen Raumpraxis gesammelt, was die Wahl der Wandgröße beeinflusste. Die Dimensionen der Wand wurden an die Informationsfülle angepasst, um ausreichend Platz für die visuelle Darstellung und Verknüpfung der gesammelten Hinweise zu bieten. Als solche ist die Wand ein Objekt der analogen Vergegenwärtigung des Arbeitsprozesses und ist Werkzeug, um das temporäre und weitgehend unsichtbare Geschehen der illegalen Raumpraxis der BRK langfristig sichtbar zu machen.
Dabei fungiert die Wand als Ermittlungstafel, die nicht nur Raum für das umfangreiche Material schafft, sondern durch ihre modulare Bauweise – sie besteht aus vier gleich großen Teilen – auch Flexibilität gewährleistet. Trotz ihrer Größe bleibt sie leicht beweglich und transportierbar, was die Sprunghaftigkeit der BRK widerspiegelt, die sich ebenfalls flexibel an verschiedenen Orten manifestiert. Die sichtbaren Fugen zwischen den Segmenten markieren zwar die Unterteilung der Wand, stellen jedoch keine inhaltliche Trennung dar. Sie stören nicht bei der Aufnahme der Informationen, sondern erlauben eine fließende Betrachtung des gesamten Materials.
Die freistehende Konstruktion bietet die Möglichkeit, die verschiedenen Ebenen der Arbeit zu integrieren. Die Arbeit füllt zwei Seiten und einen Zwischenraum: Auf der einen Seite und im Zwischenraum befindet sich die Forschung, während die andere Seite der Analyse der illegalen Raumpraxis gewidmet ist. Diese räumliche Trennung symbolisiert die unterschiedlichen Perspektiven der Arbeit: Den Überblick über das große Ganze aber auch detaillierte Einblicke. Der Zwischenraum, eine Metapher für die Fähigkeit der BRK, auch den unscheinbarsten Raum zu nutzen, verweigert den Leerstand. Er bietet Platz für Modelle und erlaubt ein „Eintauchen“ in die Atmosphäre, was eine immersive Erfahrung der Forschung und Analyse unterstützt. Die freistehende Wand wird so zum aktiven Bestandteil der Auseinandersetzung mit der Raumproduktion und Raumaneignung.
Freistehende, autonome Wand
Forschungsseite mit Ermittlungskarte
Grundlage für die Erforschung der illegalen Raumpraxis der BRK sind Gespräche mit ihren Initiator*innen und Unterstützer*innen. Ausgehend von diesen Auskünften wurden Raves und dazugehörige Informationen gesammelt und durch das Anbringen an der Wand maßstablos verortet. Dabei enthüllt die fragmenthafte Zusammenstellung ein collagiertes Abbild Berlins.
Die Wandseite der Forschung ist eine Ermittlungstafel, die den Arbeitsprozess des Anordnens, ein stetes Weiterentwickeln und das schnelle Überblicken der Sammlung ermöglicht. Kartenausshnitte, Zeichnungen, Modelle, Bild- und Videomaterialien sind Instrumente, die Aufschlüsse über Raves liefern. Ihr Anbringen und Verorten bereitet die Beziehung zwischen Raves und ihrer illegalen Raumpraxis auf und bringt sie in räumliche Zusammenhänge.
Anzumerken ist die Überschneidung von Instrumenten planerischer Tätigkeiten und der Forensik. Sie beide zeigen ähnliche Wesenszüge, die sich aber in anderer Wirkung entfalten. Während die Forensik diese Werkzeuge nutzt, um Vergangenes aufzuarbeiten, setzen Architekt*innen sie auch für planerische, also zukunftsorientierte Zwecke ein. Die Vertrautheit in der Handhabung der Instrumente aber lässt ein Übertreten zum anderen Fach zu. Dies bildet einen gemeinsamen Forschungsraum, der die Aufarbeitung zu architekturproduzierender Praktiken erlaubt.
Die forensische Untersuchung ist traditionell auf den Nachweis von Beweisen ausgerichtet. Dabei konzentriert sich die Analyse auf gesetzwidrige Handlungen und zieht dabei Gesetzestexte als Ausgangspunkt sowie Prüfmittel heran. In dem hier vorliegenden Fall jedoch geht es nicht darum, Beweise gegen die illegal agierenden Akteur*innen zu sammeln, sondern vielmehr um die anteilige Legitimation ihrer Raumproduktion. So ergibt sich eine Rückkopplung zum Gesetz, die dieses nicht als Prüfmittel, sondern als zu prüfende Regel ansieht.
Kartenfragmente
Alle gesammelten Raves erhalten einen Kartenausschnitt, sofern der Standort bekannt ist. Angeordnet sind sie maßstabslos ausgehend vom Berliner Fernsehturm.
Rote Markierung
Durch eine rote Schraube erfolgt die genaue Markierung der Standpunkte auf der Karte.
Verschleierung
Ist nur ein ungefährer Standort bekannt oder soll der genaue Standpunkt geheim gehalten werden, wird die rote Markierung auf einem grauen Kreis platziert.
Steckbrief
Jeder Rave erhält seinen eigenen Steckbrief auf dem Daten gesammelt werden. Dazugehörige Abbildungen und QR-Codes zu Videomaterial sind um den Steckbrief platziert.
Kennzeichen
Jeder Rave erhält seine eigene Nummer und wird wie folgt gekennzeichnet:
Laufende Nummer - Innen/Außen. Gebiet. Jahreszahl
Abbildungen erhalten die laufende Nummer ihres Raves und werden in den Nachkommastellen durchnummeriert.
Hotspot
Orte, an denen verhältnismäßig viele Raves stattfanden, erhalten den Titel „Hotspot“. Diese werden mit einem Zusatz zum Steckbrief gekennzeichnet. Das Kennzeichen wird um den Buchstaben H anstatt der Jahreszahl erweitert.
Zeitungsartikel
In Zeitungen gefundene Veranstaltungen werden, soweit nicht schon zu bekannten Raves dazugehörig, grob durch eine rote Markieren kartiert und erhalten ein eigenes Kennzeichen.
Modelle
Raves mit unkonventioneller Raumproduktion sind repräsentativ durch Modelle nachempfunden. Die Modelle befinden sich im Zwischenraum der Wand nahe den dazugehörigen Markierungen. Über Gucklöcher werden die Modelle einsichtig.
Wörter
Besonders herausstechende Wörter sind nach Zusammenhängen gruppiert auf der Wand platziert.
Fäden
Verbindungen von Wörtern zu Veranstaltungen werden über rote Fäden gezeigt. Durch sie ist eine Verhältnismäßigkeit und die Anhäufung von dessen Vorkommnissen visualisiert.
Veranstalter*innen Steckbrief
Am rechten Rand der Karte sind Steckbriefe der veranstaltenden Kollektive und Künstler*innen angebracht.
Quellen
Die Informationen sind durch Gespräche mit Initiator*innen und Unterstützer*innen zusammengetragen worden.
Detailaufnahme einer roten Schraube mit Verbindungen
Analyseseite mit Ablaufdiagramm
Die Auswertung der Forschungsergebnisse, ermöglicht es, Vorgänge, Strategien und Umstände der illegalen Raumpraxis der BRK in einem zusammenhängenden Ablaufdiagramm zu visualisieren. Durch das Sortieren, Ablegen und Verflechten der Informationen in Form von Kernbegriffen werden diese in räumliche Beziehungen zueinander gesetzt und funktional und symbolisch verknüpft.
In der ersten Phase der Evaluierung konnten einzelne Handlungsphasen zu Clustern zusammengeführt werden: Ideologie+Motivation, Die Suche nach Raum, Raumanalyse+Konzept, Durchführung+Risiken. Diese Handlungsfelder fusionierten mit zunehmendem Informationsfluss zu einem vielschichtigen Netz von Kausalitäten und resultieren in einem umfassenden Blick hinter die Kulissen einer illegalen Raumpraxis.
Innerhalb des entstandenen Wissenskosmos können zukunftsorientierte und teilweise radikale Anregungen für den zeitgenössischen Architekturkontext extrahiert werden.
Mit ihrem Vorgehen erschafft der rebellische Teil der BRK temporäre (Frei)Räume und kritisiert damit unter anderem die Regulation der Berliner Clubkultur und den kontinuierlichen Ausverkauf der Stadt. Dabei wird eine einzigartige Radikalität in der (Um-)Nutzung von bestehenden Räumen gelebt.
Die im Diagramm vernetzten Vorgänge dieser illegalen Raumpraxis werden mit konventionellen Architekturprozessen verglichen und direkt übersetzt. Dabei wird herausgearbeitet, an welchen Stellen Adaptionen möglich sind und wie diese als Impulse wirksam werden. Denn die Spiegelung von Mechanismen der illegalen Raumpraktiken auf parallele Prozesse in der konventionellen Raumproduktion birgt eine kritische Auseinandersetzung, nicht nur mit der Rolle der Architekt*innen, sondern auch mit den Denkweisen, Einstellungen und Überzeugungen eines Systems, das als Architektur zum Ausdruck kommt. Gleichzeitig eröffnet die Gegenüberstellung lösungsorientierte Handlungswege, die den Wert des Bestands ebenso schätzen wie die Freude am leeren Baugrund. Es soll sowohl das Auge als auch der Verstand sensibilisiert werden, um die vorgefundene Ästhetik entschlossener anzunehmen und sie nicht mit einer Neuproduktion zu überkompensieren. Ebenfalls ist zu erkennen, dass in Zeiten des Wandels subversive Strategien in betracht gezogen werden müssen, sobald lösungsorientierte Handlungen blockiert werden. Dabei sind Selbstermächtigung und Aneignung entscheidende Prozesse räumlicher Reproduktion, die sich in einem Zugeständnis pluraler Lebensabschnitte von Bestand manifestieren. Um diese komplexen Aufgaben der Kontinuität und Fürsorge bewerkstelligen zu können, bedarf es interdisziplinäre Zusammenarbeit in gleichberechtigten Konstellationen.
Analysediagramm und Impulse
Es muss anerkannt werden, dass die Strategien der illegalen Raumpraxis, wie sie die BRK ausübt, architektonische Relevanz haben. Kollektive und andere Veranstalter*innen von illegalen Raves sind heimliche Gestalter*innen der Stadt. “Ohne Raum kein Rave”. Es besteht eine unabdingbare Koexistenz zwischen räumlicher Struktur, Realisation und Atmosphäre. Der Raum ist ausschlaggebender Bestandteil der Identität eines Raves. Ihre Räume findet die BRK vornehmlich im Bestand, wobei ein illegales Vorgehen es ermöglicht, sich an einem weitaus größeren räumlichen Spektrum zu bedienen.
Die forensische Untersuchung offenbart die verschiedenen Potenzialräume in unsichtbaren, vergessenen, ruinösen, abgelegenen, obsolet gewordenen oder zumindest temporär ungenutzten baulichen Strukturen. Gleichzeitig wird der teilweise unbewusst pionierhafte Umgang mit diesen Strukturen beleuchtet.
Ihre Aneignung durch die BRK ist ein Akt der Raumreproduktion, ein transformativer Teil der Raumproduktion, in dem nicht die reine Neu- sondern Wiedererschaffung von Bestand durch Erhalt und Reformation deutlich wird.
Raumproduktion ist mit all ihren physischen, sozialen und kulturellen Komponenten die Essenz der Architektur. Sie aber sollte sich mit wachsender Dringlichkeit vom Pathos des Neubaus lösen und sich die raumreproduzierenden Tätigkeiten der BRK zum Vorbild nehmen.
Umnutzung, Wiederaneignung, Reparatur, Weiterentwicklung und Fürsorge müssen sich zu fundamentalen Elementen der architektonischen Disziplin etablieren, ganz gleich wer sie durchführt. Wissen für diese Art der Erhaltungsarbeit ist dringend auch in vergessenen und aktuellen Alltagskulturen zu suchen. Nur mit der Bündelung von Wissen und daraus resultierenden Vorgehensweisen kann dieser nachgekommen werden. Das Sichtbarmachen von verborgenen Strategien, wie die der illegalen Raumpraxis der BRK, forciert diesen Wissensaustausch zwischen Alltagskulturen und muss als ernstzunehmendes Werkzeug gegen die überwiegend profitorientierte Stadtentwicklung eingesetzt werden. Denn die Ignoranz gegenüber den vielseitigen sozialen und ökologischen Potenzialen von Bestand, führen kontinuierlich zu einem porenfreien Hochglanz- Stadtbild, indem eine plural-gestalterische Partizipation weitestgehend ausgeschlossen ist. Gegensätzlich zur BRK scheitert die ökonomisch geprägte Baukultur an den ästhetischen und praktischen Fragen, die mit dem Erhalt von bestehenden Strukturen einhergehen, denn diese können nur durch die Anerkennung der Dringlichkeit, einer facettenreichen Kombination von Werkzeugen und der Revisionierung vom räumlichen Qualitätsanspruch beantwortet werden.
Die illegale Raumpraxis der BRK ist nun sichtbarer Teil im architektonischen Diskurs und ergänzt ihn durch radikale Handlungsstrategien.
Diagrammauschnitt Impuls 1
Die illegale Raumpraxis der Berliner Rave Kultur (BRK) zelebriert durch ihre radikale (Um-)Nutzung Bestand. Dabei schafft sie in der Planung und Umsetzung kreative und raumreproduzierende Konzepte, die einen möglichst hohen Nutzen mit knappen Mitteln erzielen. Die schon vorgefundene Ästhetik wird nicht nur hingenommen, sondern scheint auch gesucht und geschätzt zu werden. Dem zugrunde liegt eine der BRK scheinbar angeborene Suffizienz, die Bestand kreativ und ressourcenschonend in eine neue Nutzung überführt. Dabei ist das ressourcenschonende Handeln nicht unbedingt eine Absicht und mehr eine Konsequenz aus finanziellen und zeitlichen Mitteln. Nichtsdestotrotz gewinnt diese Konzeption an Charme und Atmosphäre, indem sie eben die As- Found-Ästhetik zelebriert und von einer Suffizienz bis hin zu einer Subsistenz geprägt wird.
Das Erstellen und auch die Umsetzung der Konzepte wird grundsätzlich kollaborativ und ganz im Sinne der im Impuls vier beschriebenen Pluralität vollzogen. Hierbei ist das Open Source Prinzip also eine transparente und zugängliche Zusammenarbeit allgegenwärtig. Der Open Source Gedanke ist auch bei der Beschaffung von Baumaterialien zu finden, wobei die Stadt als eine Quelle gesehen wird und aus ihr nötige Ressourcen geschöpft werden.
Schließlich sind die illegalen Transformationen der BRK ein Praxistest und Praxisbeweis dafür, dass alternative Formen der Raumproduktion funktionieren. Die BRK ist damit Vorbild im Raumreproduzieren.
Diagrammausschnitt Impuls 2
Die regelmäßige Suche nach Raum im Bestand ist Indikator für das Wissen über sein vielseitiges Potenzial. Diese Erkenntnis entsteht primär aus der Not heraus, ein Teil der Stadt sein zu wollen. Hierbei wird das Suchen im Bestand zur Notwendigkeit und ist mit der illegalen Nutzung die Lösung für die Knappheit von zur Verfügung stehenden Räumen. Die aus Mangel entstandene Wiederverwertung wächst zu einer neuen Ästhetik heran. Ihre Anerkennung ist die Grundlage dafür, die Stadt mit ihren schon existierenden Räumen als eine Ressource zu betrachten, die gefunden und aktiviert werden will. Die Suche nach Raum innerhalb bestehender Strukturen ist somit Ausdruck für Antiwachstum der Stadt, der nicht die Weiterentwicklung vom Raumpotenzial sondern die Neubau-Agenda kritisiert.
Es fällt auf, dass die Beziehung von Funktion und Form kaum mehr zum Tragen kommt. So kann vorerst jede Typologie das räumliche Potenzial aufweisen, eine Rave-Location zu werden. Die temporäre Nutzung hat zwar einen geringeren räumlichen Anspruch als eine Langfristige, dennoch ist die Transferierbarkeit Beweis für eine Flexibilität von Bestand und eine Zumutbarkeit der Nutzer*innen, sich an gegebene Raumparameter anzupassen. Nutzer*innen beweisen sich als mündig, eigenverantwortlich zu handeln.
Die Suche nach Zugang ist eine Absicht zum und das Verständnis auf den Erhalt des bestehenden Raumes. Für diesen Erhaltungszyklus sind baukulturelle Konventionen und planerische Dogmatismen Hindernisse, die es durch die Nutzung von Werkzeugen, Hilfsmitteln und Tarnung zu überwinden gilt. So liegt dem Impuls eine Handlungsüberzeugung inne, die mithilfe der Illegalität Bürokratie ausblendet und sofort ins Machen übergeht.
Wenn nun also das Hindernis die Konvention ist und dessen Überwindung im Handeln selbst liegt, dann ist dies auch das beste Werkzeug, um neue Wege und konkrete Gegenbeispiele aufzuzeigen. Dabei sind Hilfsmittel jegliche Unterstützungen, die zur Handlung führen.
Das Nutzen einer Tarnung ist oft ein ausschlaggebender Umstand für das erfolgreiche Schaffen von Zugang. Die Tarnung ist Mittel der Täuschung und rekontextualisiert raffiniert Tatsachen zugunsten der rebellierenden Akteur*innen. Letztlich ist dies ein Deckmantel zum Verbergen von Straftaten und damit eine blendende Kommunikation des subversiven Vordringens. Kommunikation bestimmt, wie Bestand und Raumreproduktion dargestellt und empfunden werden. Dabei muss es ein Ziel sein, diese anziehender und mitreißender als die Neuproduktion von Raum zu kommunizieren, um einen nachhaltigen Erhaltungszyklus zu etablieren.
Diagrammausschnitt Impuls 3
Nicht nur die Wiedererschaffung durch Bestandstransformationen fällt unter den Begriff der Raumreproduktion, sondern auch die dynamische Nutzung und Erhaltung von Raum.
Die fluktuierende Nutzung gibt dem Bestand so kontinuierlich neue Lebensphasen und trägt positiv zum Erhaltungszyklus bei. So ist die Nutzung selbst eine nachhaltige Pflegestrategie und wird Mehrwert, sobald sie mit Verantwortungsbewusstsein einhergeht. Die betrachteten Aneignungen beweisen oft eine größere Sorgfaltspflicht gegenüber dem Bestand als die Eigentümer*innen selbst, die ihn meist spekulativem Leerstand aussetzen.
Letztlich besteht die Nachhaltigkeit in der Flexibilität, immer wieder neu auf Bestand einzugehen, ihn zu erschaffen und nicht obsolet werden zu lassen.
Diagrammausschnitt Impuls 4
Architektur und Gesellschaft stehen in einer Wechselwirkung zueinander, räumliche Strukturen können einen sozialökonomischem Wandel prägen oder sich diesem anpassen.
Die Rolle der Architekt*innen kann sowohl pionierhaft als auch nachahmend sein. Sie ist also fluide und kann zwischen Initiator*in und Unterstützer*in wechseln, steht jedoch in beiden Funktionen weit oben in der Hierarchie. Mit ihrer Expertise halten sie die planerischen und gestalterischen Werkzeuge fest in der Hand und damit einen essentiellen Teil des Bausektors. Dieser Einfluss muss jedoch angesichts wachsender Herausforderungen und gleichzeitig sinkender Ressourcen geteilt und gleichwertig mit anderen Fähigkeiten kombiniert werden. Denn monoperspektivische Lösungen reichen nicht aus, um komplexe Probleme zu bewältigen, sie sind selten nachhaltig und oft ausgrenzend.
Trotz der zwanglosen Strukturen des untersuchten Teils der BRK entwickelt sich innerhalb der Kollektive eine gemeinsame Verantwortlichkeit bei der Umsetzung anspruchsvoller Projekte. Die BRK zeigt, dass die Verwirklichung gemeinsamer, teils utopisch wirkender Ideologien nur durch den Zusammenschluss multipler Fähigkeiten möglich ist. Die Motivation, Grenzen zu testen, und die daraus resultierenden positiven Erfahrungen werden zu Schlüsselmomenten, stärken den Zusammenhalt und fördern den Tatendrang.
Architekt*innen können sich hier in einer Rolle als treibende Kräfte eines unumgänglichen neuen Konsenses wiederfinden, der den nachhaltigen Umgang mit Bestand in den Fokus rückt – vergleichbar mit der Ideologie der BRK. Dieser Konsens muss kommuniziert und entschlossen umgesetzt werden, um auch in der Architektur ähnliche Schlüsselmomente zu schaffen. Dadurch können die ästhetischen, wirtschaftlichen und konzeptionellen Herausforderungen im Umgang mit Bestand überwunden werden. Ähnlich zur BRK, wo temporäre Hierarchien nach Motivation und Kapazität entstehen, müssen auch in der Architektur Hierarchien variabler werden, um das gesamte Wissen und die vorhandenen Fähigkeiten zu nutzen.
So entsteht eine plurale Wissensproduktion, bei der Wissen aus vielen Quellen und praktischen Disziplinen zusammenfließt. Dies fördert die Selbstbestimmung der Menschen und ermöglicht kreatives Gestalten von Nicht-Planer*innen auf Augenhöhe mit Architekt*innen. Bereits das Atelier Bow-Wow fordert mit „Tools to the People“4 eine Rückeroberung von Gestaltungsspielräumen für die Gesellschaft. Die BRK zeigt, dass die Aneignung von Werkzeugen ein mächtiges Mittel in der Umsetzung von Wünschen und Bedürfnissen vielfältiger Gruppen im städtischen Raum ist und ihnen eine Stimme verleiht.
4 Yoshiharu Tsukamoto, Siena Hirao, Lernen im Feld: Die Satoyama School of Design, ARCH+ 249: Learning Spaces, September 2022, S. 196-203
Diagrammausschnitt Impuls 5
Zeiten des Umbruchs sind geprägt von einem subversiven Tatendrang, der bisherige Strukturen hinterfragt und im Ungewissen der Unordnung abgetrennt von Regulation handelt. Vor allem das Vakuum der Nachwendezeit zog Hausbesetzungen an, die sich der leerstehenden Gebäude annahmen und so zum Erhalt des Altbaus beitrugen.5 Die nun anstehende Bauwende ist eine Zeit des Umbruchs, die neue Herausforderungen bringt. Kaufhäuser werden leerer, Parkhäuser sind nicht mehr zeitgemäß und veraltete Anlagen fallen brach. Immer mehr Strukturen scheinen obsolet zu werden.
Als ein mutiges Vorbild geht die BRK mit ihrer illegalen Raumpraxis ans aktive Gestalten von obsoleten Strukturen ungeachtet von bürokratischen Prozessen. Ihr Fokus auf die Umsetzung von Raves zieht subversive Strategien in Betracht, wenn lösungsorientierte Handlungen blockiert werden. Resultat ist eine Befreiung aus der bürokratischen Zwangsjacke und ein gelöstes Agieren im und mit (Frei-)Raum.
Der Umstand, dass es illegale Raves gibt, zeigt einen Gebrauchsbedarf, der durch Gesetze erschwert ist. Subversivität ist hier als Forderung zu verstehen, (Frei-)Räume verfügbar zu machen, und treibt die Transformation von obsoleten Strukturen an.
Zumindest teilweise scheint die BRK aber absichtlich im Unsichtbaren und Illegalen zu handeln und strebt selbst keine Legalisierung an. Sie genießt dabei den Nervenkitzel und die Atmosphäre, die die Illegalität mit sich bringt. Aus dem ergebnisorientierten Blickwinkel ist für eine Legalisierung auch kein Bedarf, denn Raves finden schon statt. Der illegale Rave negiert Gesetze.
Akteur*innen der Transformation müssen tatkräftig werden und risikobereit für die Umsetzung einstehen. Anders zur BRK müssen ihre Absichten aber in einem nachhaltigen Wandel also der Etablierung transformativer Praktiken liegen. Sie müssen sich dem marktwirtschaftlichen Druck zum Neubau und konventionellen Praktiken widersetzen, um diese wirksam zu ändern.
Denn Gesetze prägen eine Gesellschaft und andersrum prägt Gesellschaft die Gesetze.
5 Klaus Farin, Hausbesetzer 2, Bundeszentrale für politische Bildung , https://www.bpb.de/themen/zeit-kulturgeschichte/jugendkulturen-in-deutschland/36244/hausbesetzer-ii/ (19.09.2024)