Der Bergmannsbrunnen 'Neuer Anbruch'

Zum 1. Bergstreittag nach über 20jähriger Pause, am 22. Juli 1935 wird in Schneeberg der Bergmannsbrunnen „Neuer Anbruch“ eingeweiht. Vier Jahre zuvor bat der Stadtrat Schneeberg die Staatsregierung in Dresden, ihr anlässlich des 450jährigen Stadtjubiläums ein Zeichen an Schneebergs Vergangenheit zu stiften. Die Regierung erklärte sich bereit, einen Brunnen zu schenken. Der dafür zuständige akademische Rat veranstaltete unter sächsischen Künstlern einen Wettbewerb. Im Sächsischen Volksblatt Nr. 211 vom 10. September 1931 erscheint folgender Artikel:

Eingegangen sind 99 Entwürfe. Hier der Artikel aus dem Erzgebirgischen Volksfreund (Bild):


Den Zuschlag, erhielt der Bildhauer Anton SCHULER (* 19. Januar 1898; † 25. Februar 1989 in Passau) der zu dieser Zeit in Dresden wohnt. Seine Brunnenfigur „Der barmherzige Samariter“ musste allerdings noch einmal überdacht werden und so gab er einen zweiten Entwurf ab, den er „Der Wettermann“ nannte. Doch auch dies entsprach nicht ganz den Vorstellungen der Stadtväter. Ein weiteres mal saß man zusammen und überdachte den Entwurf. Jetzt war aber allen Beteiligten klar, die neue Brunnenfigur muss ein Bergmann sein. Anton SCHULER überarbeitete seinen „Wettermann“ und schickte eine neue Zeichnung. Doch welch ein Schreck, der dargestellte Bergmann war ein Steinkohlenbergmann! Es sollte doch aber den Schneeberger Bergleuten ein Denkmal gesetzt werden. Es wurden dem Bildhauer noch weitere Details geliefert: eine geschnitzte Bergmannsfigur, ein originaler Bergkittel und die dazugehörigen Utensilien bekam Anton SCHULER zu geschickt. Nun konnte mit der Fertigstellung der neuen Brunnenfigur zu aller Zufriedenheit begonnen werden. Für die Gesamtherstellung wurden ihm 11.500 RM zur Verfügung gestellt.

Erzgebirgischer Volksfreund Nr. 41 vom 17. Februar 1932
Blick zum Markt vom Kälberbrunnen
Ansicht Kälberbrunnen am 09.08.1930

„Neuer Anbruch“, das ist der Sinn der überlebensgroßen Bergmannsfigur. Mit Blick zur St. Wolfgangskirche erhebt der Bergmann in seiner Arbeitstracht die Bergmannsblende, während die linke Hand die Haue umfasst. „Neuen Anbruch“ hoffen alle, die an diesem Tage im schlichten und historischen Kleide des Bergmanns im Bergbau tätig sind. Einen „Neuen Anbruch“ hat es für die Bewohner der Bergstadt gegeben, in der Zeit die zwischen dem letzen Bergaufzug vor dem 1. Weltkrieg und dem 22. Juli 1935 liegt.

Der alte Kälberbrunnen
Schmeilhaus & Kälberbrunnen vor 1935
historische Postkarte
Umbauarbeiten des Kälberbrunnens ...
... zum Bergmannsbrunnen
Veranstaltungstermine zur Brunnenweihe am 19.07.1935

Die Erzförderung wurde in Schneeberg ab 1932 eingestellt, darüber hinaus kurzzeitig 1935/36 durch die Sachsenerz AG Bergbau im Schneeberger Kobaltfeld mit ca. 100 Mann Belegschaft fortgeführt. (3)

Die Brunnenfigur ist 2,20 Meter hoch und 726 Pfund schwer und aus Bronze gegossen. Hergestellt wurde sie in der Kunstgießerei MILDE in Dresden.

Mit der Herstellung der Granitumrandung wird die Granit-Union Dresden beauftragt. Am 5. Juli 1935 wurde mit dem Bau begonnen. Baumeister Fritz EMMERLICH aus Schneeberg erhält nach einer Ausschreibung den Auftrag zum Brunnensetzen.

Ein Standort wurde schnell gefunden:

Der in die Jahre gekommene „Kälberbrunnen“ musste dringend repariert werden. 1930 berieten die Stadtväter wie dies mit dem knappen Haushalt noch vor der 450–Jahr–Feier zu schaffen sei. Da kein Geld da ist muss auch die Jahr-Feier von 1931 auf 1934 verschoben werden. Der neue Bergmannsbrunnen „Neuer Anbruch“ löst dieses Problem.

Einweihung Bergmannsbrunnen am 22.07.1935
Feierliche Enthüllung

„Der Bergmannsbrunnen ist ein künstlerisches Erzeugnis ersten Ranges und wird neben der St. Wolfgangskirche ein weiteres Wahrzeichen der Stadt Schneeberg werden.“ dokumentiert der Erzgebirgische Volksfreund am 11. Juli 1935.

Der Schwarzenberger Industrielle Friedrich Emil KRAUß (* 29. März 1895 in Neuwelt; † 7. April 1977 in Stuttgart) textete um 1935 für den Bergmannsbrunnen ein Lied: „Neuer Anbruch“ was auch heute noch gerne gesungen wird. Die Noten dazu komponierte unter anderem Emil Richard WAGNER (1) (* 14. März 1871 in Marienberg, † 21. April 1950 in Annaberg-Buchholz), er war Kantor und Kirchenmusikdirektor in Buchholz – die noch heute gängige Singweise.

Des Weiteren gab es Vertonungen von Christian LAHUSEN und von Karl MARX. (2)

Alfred KUNZE (* 13. März 1866; † 25. März 1943 in Chemnitz) – ein bekannter Chemnitzer Maler hält in einem Werk das „neue“ Stadtbild fest.

Liebe Leser, vielleicht kommen auch Sie einmal in unsere schöne Bergstadt Schneeberg, kaufen sich ein leckeres Eis und setzten sich an den Bergmannsbrunnen. Dann würde ich mich freuen, wenn sie an die Geschichte des Brunnens denken und den Blick, wie es der Bergmann tut, über die Stadt streifen lassen.

Quellen: Erzgebirgischer Volksfreund 22.Juli 1935Stadtarchiv Schneeberg Akte 2585(1) Kaden, Werner: „Musikkultur im Erzgebirge“ Schneeberg und Chemnitz 2001 S. 131(2) Heilfurth, Gerhard: „Das Bergmannslied“ Kassel und Basel 1954 S. 77, 104, 178(3) Otfried Wagenbreth/Eberhard Wächtler/Andreas Becke: „Bergbau im Erzgebirge“ Leipzig 1990 S. 211 Fotos: Sammlung Stadtarchiv Schneeberg
Gemälde von Alfred KUNZE
Neuer Anbruch 1935, Foto: Magirius
Fensterblick 1950
Blick zum Markt
Bergaufzug zum Bergstreittag 1935

Der Erzgebirgische Volksfreund berichtet: Zur Weihe des Bergmannsbrunnen in Schneeberg

Mit der am Montag, dem 22. Juli, erfolgenden Weihe des Bergmannsbrunnens geht ein jahrelang gehegter Wunsch Schneeberger Heimatfreunde, neben der St. Wolfgangskirche noch ein weiteres sichtbares bergmännisches Symbol zu besitzen, in Erfüllung.

Der Ruhm Schneebergs ging Jahrhunderte lang durch die Lande, und der Silberreichtum der Stadt und ihr bergmännischer Fleiß ließen einst gewaltige künstlerische Bauten in Dresden, Leipzig, Chemnitz und Zwickau erstehen. In Erinnerung an jene Zeit bat der Stadtrat die verflossene Staatsregierung, ihr anlässlich des 450jährigen Stadtjubiläums ein Zeichen an Schneebergs Vergangenheit zu stiften. Die Regierung erklärte sich bereit, einen Brunnen zu schenken. Der dafür zuständige akademische Rat veranstaltete unter sächsischen Künstlern einen Wettbewerb.

Eingegangen waren 99 Entwürfe, von denen einer, einen Bergmann darstellend, mit dem ersten Preis ausgezeichnet wurde und zur Ausführung kommen sollte. nach der Fertigstellung des Modells stellte sich heraus, dass dem Künstler insofern ein Irrtum unterlaufen war, als er anstatt einen Erzbergmann einen Kohlebergmann mit moderner Grubenlampe geschaffen hatte. Auf Wunsch des Stadtrates wurde der Entwurf geändert, und nach mancherlei Hemmnissen auch durchgeführt.

Bergstreittag 1938 am Bergmannsbrunnen

Am heutigen Sonnabend in aller Frühe wurde die neue Brunnenfigur auf dem in wochenlanger Arbeit völlig neu erstandenen Kälber-Brunnen aufgestellt, damit sie am Montag feierlich enthüllt werden kann. Die neue Brunnenfigur ist 2,20 Meter hoch und 726 Pfund schwer und aus Bronze gegossen. Hergestellt wurde sie in der Kunstgießerei von MILDE-Dresden. „Neuer Anbruch“, das ist der Sinn der überlebensgroßen Bergmannsfigur. In hoffnungsvollem Aufblick zum höchsten Bergfürsten erhebt der Bergmann in seiner Arbeitstracht die Bergmannsblende, während die linke Hand die Haue umfasst. Es ist ein glücklicher Zufall, dass die Weihe des neuen Bergmannsbrunnens am Tages des ersten Bergaufzuges nach dem Kriege erfolgt. „Neuen Anbruch“ hoffen alle, die heute noch oder wieder im schlichten und historischen Kleide des Bergmanns im Bergbau tätig sind.

„Neuen Anbruch“ hat es gegeben in der Zeit, die zwischen dem letzen Bergaufzug vor dem Kriege und heute liegt. Jetzt ist ein anderes Volk aufgebrochen und hat sich von den Fesseln, die ihm auferlegt worden waren, befreit. Ein Mann hat wieder in den Herzen der Deutschen neuen Anbruch gefunden, nämlich die Treue, die Tüchtigkeit und den Glauben an die Nation. Wie der Bergmann in der Grube sein Licht voranstellt, so hat Adolf HITLER seinem Volke seine Liebe, seine Geistesschärfe und sein blindes vertrauen, aber auch seinen unerschütterlichen Mut vorangestellt, und dieses Volk ist ihm gefolgt. Neuer Abbruch! Möge uns die Bergmannsfigur, die ein neues Wahrzeichen und eine Erinnerung an große und stolze Zeiten ist, auch für die Stadt wirtschaftlichen neuen Anbruch bringen.

C. Unger, 20. Juli 1935

Bergstreittag, Berggottesdienst und Brunnenweihe in Schneeberg

Nach zwanzigjähriger Pause sollte 1935 ein alter Brauch der Bergknappschaft des Grubenreviers Schneeberg-Neustädtel wieder aufleben. Gleichzeitig sei festgestellt, dass das Problem der Arbeitsbeschaffung - in den beiden Bergstädten ab es 1100 Arbeitslose!! - die Erzgruben unterhalb des Filzteiches, die bis dato nur mit drei Bergleuten besetzt waren, wieder voll in Betrieb genommen werden.

Dem Bergstreittag ging ein viel besuchter Heimatabend voran, der in der „Goldnen Sonne“ stattfand. Die Schneeberger Berg- und Stadtkapelle in ihrem schmucken Festhabit spielte Bergparademärsche und Bergmannslieder. Bergdirektor FOCKE - der Revierchef ‑ hielt einen sehr interessierten Vortrag über die Geschichte des Schneeberg-Neustädtler Bergbaugebietes und zeigte dann eine wertvolle Reihe Lichtbilder aus dem Berufsleben des Bergmanns. Der Männergesangsverein „Liedertafel“ brachte die DOST’schen „Bilder aus dem Erzgebirge“ zum Vortrag. Die von der hiesigen Volkskunstwerkstatt hergestellten Festab­zeichen (kleine Bergblenden) fanden reißenden Absatz.

Am Montagmorgen (22.07.1935) war die Bergstadt reich beflaggt. Gegen 10 Uhr bewegte sich der Zug der Bergleute, denen sich die Blaufarbenwerker und die Schüler der Bergschule Zwickau angeschlossen hatten, zur St. Wolfgangskirche.

Die Straßen, durch die die Habitträger zum Gotteshaus marschierten, waren dicht mit Zuschauernassen besetzt. In der Bergmannskirche war eine Fülle, wie sie selten zu sehen ist. Herr Pfarrer LEYN hatte eine besondere Liturgie verfasst und Kantor PFLUGBEIL hatte seine Orgelbegleitung ganz auf das Bergmännische abgestimmt.

Nach dem Festgottesdienst führte die Bergparade hin zum Bergmannsbrunnen und der von der Sächsischen Regierung aus Dresden anwesende Oberregierungsrat Dr. GROß nahm die Weihe des Brunnens vor, der den Namen „Neuer Anbruch“ erhielt und Bürgermeister Dr. LURTZ nahm ihn in die Obhut der Stadt. Bergdirektor FOCKE brachte die Glückwünsche der Knappschaft dar. Mit einem „Sieg-Heil“ fand der Festakt seinen Abschluss. Darauf setzte sich die Bergparade nach Neustädtel in Bewegung.


Quelle: Wochenzeitung „Wochenend-Rundschau“, Schneeberg, Nummer 29 vom 10. Juli 1935

Weihe des Bergmannsbrunnens

Nun ist das, was seit Jahren erhofft wurde, wieder Wirklichkeit geworden: die Bergstadt Schneeberg hat Ihren Bergaufzug wieder. Heute, nach über 20jähriger Pause, zogen die Bergleute und Blaufarbenwerker in ihrer kleidsamen Tracht und den Klängen der lieben, alten Märsche von Neustädtel aus nach St. Wolfgang. Wie früher, so wurde auch der „Streittag 1935“ wieder ein Ehrentag für die gesamte Knappschaft, für die Stadt und ihre bergmännisch gesinnte Einwohnerschaft.

Bereits in den frühen Morgenstunden setzte eine Völkerwanderung zur Bergstadt ein. Lange vor der Zeit des Bergaufzuges stauten sich die Heimatfreunde zu Tausenden in dichten Reihen auf den Straßen, die der Zug berührte. In tiefer Ergriffenheit grüßten die Tausende die Bergparade. Für die Jungen war sie ein ernstes Erlebnis. Mit dem uralten Tuch der Fahren grüßte uns die stolze bergmännische Vergangenheit.

Auch unsere St. Wolfgangskirche war lange vor Ankunft des Zuges mit Tausenden von Menschen besetzt, die Zeugen sein wollten vom ersten Berg- und Dankgottesdienst im Dritten reich. Den Bergaufzug führte Bergdirektor Focke – Neustädtel, in Reih und Glied nahmen teil: Geheimer Bergrat WÜNSCHE – Schneeberg, Generaldirektor der Hüttenwerke Freiberg, Dr. SCHÜTZ, als Vertreter des Blaufarbenwerks Generaldirektor SCHMIEDER – Radiumbad Oberschlema, Oberbergrat ANDRÄ, von der Berginspektion Zwickau, Oberbergrat SCHOTTE – Zwickau, ferner mit ihren fahnen Belegschaften des Reviers, eine Abordnung des staatlichen Blaufarbenwerkes und die Bergschule Zwickau mit ihrem Leiter, Bergrat HILGENBERG. Bergmännische Weisen brausten dem Zug, als er das Gotteshaus betrat, von Kantor PFLUGBEIL improvisiert, entgegen. Für den Berggottesdienst war von Pfarrer LEYN eine besonders verfaßte Liturgie aufgestellt worden, die eine glückliche Erinnerung an die Vergangenheit und ein stolzes Hoffen auf die künftige Gestaltung des Bergbaus im neuen Deutschland war. Seiner Predigt legte Pfarrer LEYN das Wort Jesaja 40,31: „Die den Hirten hören, kriegen neue Kraft…“, zugrunde. Freude und Dankbarkeit sprach aus der Predigt. Nach ihr sang die Liedertafel den Bergmannschoral „Herr, der du meine Pfade lenkst“. Mit Gebet und Segen endete der Berggottestdienst. Der Zug formierte sich, nachdem die Tausende von andächtigen des Gotteshaus wieder verlassen hatten, zum Marsch nach dem zu weihenden neuen Bergmannsbrunnen.

Wiederum standen Menschenmauern auf dem kurzen Wege zum Rathaus. Wie zum Einzug in die Kirche, ging auch beim Auszug ein leichter Regen nieder. Der Marktplatz war ein wogendes Meer von Regenschirmen. Auf dem Brunnenvorplatz hatten ein Ehrensturm der SA, die PO, sowie Kyffhäuserkameradschaften Aufstellung genommen. Ferner waren u.a. erschienen der stellv. Kreisleiter JANTZEN – Aue, Oberregierungsrat Dr. GROß – Dresden als Vertreter der Staatsregierung, Amtshautmann Dr. von CRAUSHAAR – Schwarzenberg, sowie die Bürgermeister der benachbarten Bergstädte Neustädtel und Eibenstock und Stadtrat SEIBOLD – Aue und der Vorsitzende des Erzgebirgsvereins Oberstudienrat GRUNDMANN – Eibenstock. Die Bergparade nahm am Goethehaus Aufstellung vor der noch verhüllten Brunnenfigur. Ortsgruppenleiter UHLIG entbot Dank und Gruß den erschienenen Gästen und führte weiter aus, dass der historische Bergaufzug erst unter der nationalsozialistischen Regierung wieder seine Daseinsberechtigung erlangt habe. Dies und die heute erfolgende Weihe des neuen Bergmannsbrunnens, die die traditionelle Verbindung der Stadt Schneeberg mit dem Bergbau bekunde, danken wir schließlich nur dem Führer und Kanzler. Oberstudienrat Dr. GROß – Dresden vom Volksbildungsministerium nahm sodann die Weihe des Brunnen vor, der ein Werk des Bildhauers Anton SCHULER – Dresden ist. Bürgermeister Dr. LURTZ übernahm den Brunnen in die Obhut der Stadt, Bergdirektor FOCKE – Neustädtel übermittelte die Glückwünsche des Bergbaus und gedachte der Schneeberger bergmännischen Überlieferung. Mit einem Siegheil auf den Führer und nationalen Weiheliedern ging die Feier zu Ende. Der Bergaufzug rückte nach Neustädtel ab.

Quelle: Erzgebirgischer Volksfreund, 22.07.1935

© Ina GEORGI, Heimatforscherin, im Oktober 2018