Wir haben uns ganz bewusst für dieses Werk als polyvalentes (vieldeutiges) Anschauungsmaterial (Hänel, 2024) entschieden, weil es mit unseren gewohnten Richtig-oder-Falsch-Schablonen bricht und eine einzige, gewaltige Demontage von scheinbaren Uneineindeutigkeiten ist. Dadurch kann die hohe Relevanz der Aisthesis, der sinnlich-leiblich, ganzheitlichen Wahrnehmung ideal vermittelt werden, insbesondere mit dem folgenden Unterrichtskonzept.
Der Film verweigert jede „glatte“, harmonische Lösung und konfrontiert die Lernenden mit einer zutiefst widersprüchlichen Signalen und Eindrücken. Es gibt kein eindeutiges Gut oder Böse, sondern nur menschliche Dynamiken, in denen die bürgerliche Fassade und die aggressive Körpersprache permanent kollidieren. Damit ist die Anbahnung von Ambiguitätstoleranz das implizite Lernziel dieser Einheit – also der Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, Spannungen und ungelöste Konflikte professionell auszuhalten.
Diese Metakompetenz ist für die Pflegepraxis überlebenswichtig, denn Pflegende bewegen sich täglich in unauflösbaren Widersprüchen (Antinomien) und Uneindeutigkeiten (Ambiguitäten), sei es bei pflegeethischen Dilemmata oder bei der täglichen Aushandlung von professioneller Nähe und Distanz – Themen, die auch in der theoretischen Ausbildung thematisiert werden (Rahmenausschuss für die pflegerischen Ausbildungsberufe, 2019)
Die Funktion des digitalen Scaffolding und der rexlexiven Irritation
Um bei den Lernenden Ambiguitätstoleranz anbahnen zu können, arbeitet dieser Unterrichtsentwurf im Sinne der Ermöglichungsdidaktik (Arnold, 2017) mit dem Prinzip der reflexiven Irritation. Doch um eine Irritation auslösen zu können, muss eine Erwartungshaltung aufgebaut werden, die im Anschluss gestört werden kann. Genau diese Funktion übernimmt die vorliegende Homepage.
Um diesem komplexen Beziehungsdrama methodisch begegnen zu können, stellt die Homepage strukturierte digitale Beobachtungsmasken bereit. Dieses digitale Scaffolding (unterstützendes Lernen durch ein temporäres Gerüst) leitet den Blick gezielt an, um das beobachtete Verhalten den klassischen Eskalationsstufen nach Glasl (2020) zuzuordnen und die flüchtigen Beziehungsdynamiken rational greifbar zu machen.
Die Homepage fungiert hier als ein digitales Tool, als ein digitales Tool, das starr in vorgegebenen Grenzen agiert und über keinerlei emotionale Intelligenz verfügt.
Während die Auszubildenden hier Optionen abklicken und Muster nutzen, um menschliches Verhalten in feste Kategorien zu pressen, entsteht die trügerische Illusion der Kontrolle über einen Sachverhalt. Die Lernenden verwechseln das digitale Verwalten und Sortieren des Problems mit der realen Kompetenz, einen Konflikt im analogen Raum zu lösen (Mühlhoff, 2020).
Es setzt ein problematisches Cognitive Offloading (Auslagern von Denkarbeit an externe Werkzeuge ein: Die anstrengende, interpretative (auslegende und deutende) Denkarbeit wird an die Software ausgelagert (Mühlhoff, 2020).
Dies führt nach Mahadevan (2021) direkt in eine problembasierte Kompetenzillusion, welche die „Ironie der Automatisierung“ beschreibt: Die glatte digitale Oberfläche und das abgehakte, eingeordnete Problem gaukelt den Schülern vor, handlungsfähig in dem Bereich zu sein. Eine sich deutlich abzeichnende Tendenz, welche die Idee des technologischen Solutionismus (Morozov, 2013) widerspiegelt, der davon ausgeht, jede komplexe gesellschaftliche und zwischenmenschliche Krise ließe sich durch den Einsatz technologischer Hilfsmittel lösen (Mahadevan, 2021, Morozov, 2013).
Um bei den Lernenden eine nachhaltige Lernerfahrung hervorzurufen wird die Kompetenzillusion im Scaffolding gefördert, um dann beim Wechsel in den analogen Raum eine gezielte reflexive Irritation (das bewusste Verunsichern und In-Frage-Stellen von eigenen Denkmustern) im Sinne von Arnold (2017) auszulösen. Dieser Moment des Wechsels in die physische Fishbowl-Arena soll als nachhaltige disruptive Konfrontation mit der Komplexität der Realität die problembasierte Kompetenzillusion unsanft platzen lassen. Den Lernenden muss klar werden, dass msnschlichem Verhaltenen nicht durch das Pressen in starre Kategorien begegnet werden kann und Cognitive Offload vorschnell zu der Illusion der Kontrolle führt (Arnold, 2017, Mahadevan, 2021, Mühlhoff, 2020).
Der Irritationsmoment bricht die rein technische Mediennutzung auf und überführt sie in den realen, leiblichen Erfahrungsraum, in dem auch die Frustration der ungelösten Situation am eigenen Leib erfahren wird und ihrer Aisthesis und dem Pendant in der Pflege – der klinischen Intuition – wieder mehr Vertrauen zu schenken (Arnold, 2017).
Medienkritik
Beim Einsatz des Mediums des Spielfilms kommt es zu einer dramaturgisch begründeten Verdichtung der Erereignisse und zu einer zuspitzendenden Darstellung. Im pflegerischen Alltag stellen sich menschliche Signale oft flüchtig und leise dar. Durch die filmische Darstellung könnte die Gefahr drohen, dass die Auszubildenden Krisen erst erkennenen, wenn sie derart konfrontativ ablaufen. Zum anderen müssen sie eine hohe Denkleistung aufbringen, um einen Transfer auf den Pflegealltag herzustellen und die beobachteten Dynamiken auf ihr Berufsleben zu übertragen. Auch sind sie im Beruf oft verantwortlich für einen Sachverhalt, während ein Spielfilm zum reinen Konsum einlädt.
Digitale Lehr-Lern-Umgebungen bergen strukturell die Gefahr der Depersonalisierung, indem hochkomplexe menschliche Emotionen in ein Menü gepresst werden. Das Medium suggeriert schnelle, einfache Lösungen für komplexe Situationen. Im pflegerischen Handeln sind Situationen selten eindeutig und es wird immer eine hermeneutische Betrachtung erforderlich.
Unsere Unterrichtseinheit nutzt das digitale Medium ganz bewusst, um es in der analogen Fishbowl-Phase an der menschlichen Realität scheitern zu lassen. Die Auszubildenden sollen lernen, dass digitale Tools effiziente Werkzeuge sein können – aber auch ihre Grenzen erkennen.
Fishbowl
Die Fishbowl-Metgode unterteilt Teilnehmende physisch in die Diskutanden im inneren Kreis und die Beobachter im äußeren Kreis.
Um die Lernenden nicht derart zu überfordern, dass die angestrebte Reflexion in eine Abwehrhaltung umschlägt, müssen der subjektive Kontrollverlust und das Gefühl der Überforderung bei den Diskutanden permanent unter Beobachtung und Abwägung der Lehrenden stehen. Bei drohendem Abgleiten des inneren Kreises in die Frustration und nachlassender Aufmerksamkeit des äußeren Kreises muss der Lehrende die Dynamik wieder in produktive Ufer lenken.
Aber die wichtigste „Einschränkung“, die es bei der oben genannten Methode zu bedenken gibt ist, dass das Training im Aushalten von Mehrdeutigkeiten in einem geschützen Raum nur dann als positives Erlebnis wahrgenommen wird, wenn der/die Lehrende den Raum wirklich schützt und eingreift, wenn die Dynamik destruktiv wird.
Literaturverzeichnis
Arnold, R. (2017). Entwicklung durch Einwand: Das Prinzip der reflexiven Irritation in der Erwachsenenbildung. Carl-Auer-Systeme Verlag.
Glasl, F. (2020). Konfliktmanagement: Ein Handbuch für Führung, Beratung und Mediation (12. Aufl.). Haupt Verlag.
Hänel, Jonas (2024): Zum Einsatz von Spielfilmen im Pflegeunterricht. Theoretische Begründungen, praktische Anwendungsfelder und didaktisch-methodische Empfehlungen, S. 197–228.
Mahadevan, J. (2021). Die Ironie der Automatisierung und die Kompetenzillusion in digitalen Arbeitswelten. Zeitschrift für Arbeitswissenschaft, 75(2), 112–125. https://doi.org/10.1007/s41449-021-00251-w
Morozov, E. (2013). To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. PublicAffairs.
Mühlhoff, R. (2020). Mensch-Maschine-Interaktion und kognitives Offloading: Eine kritische Medienphilosophie. Phänomenologische Forschungen, 2020(2), 45–68.
Rahmenausschuss für die pflegerischen Ausbildungsberufe (GAP). (2020). Rahmenpläne der Fachkommission nach § 53 PflBG. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.