Leben mit anderen Gruppen

Die Evolution und Geschichte unserer Art ist nicht nur geprägt von einem Zusammenleben in isolierten und kleinen Jäger-und-Sammler-Gruppen, in der sich alle kennen und persönlichen Kontakt haben. Unsere menschlichen Eigenschaften wurden auch durch Konkurrenz und Kooperation zwischen Gruppen, und schließlich vom Zusammenschluss zu immer größeren Gruppen geformt.

Kooperativer Tauschhandel zwischen Gruppen

Es gibt Anzeichen, dass unsere Vorfahren vor ca. 300 000 Jahren zunehmend mit anderen Gruppen vernetzt waren. Sie tauschten scheinbar wertvolle Ressourcen untereinander aus - der Beginn des Tauschhandels. Durch unsere sozialen Fähigkeiten ist unsere Art in der Lage, auch mit fremden Artgenossen Beziehungen aufzubauen, die nicht von Konkurrenz sondern von Kooperation geprägt sind, mit gegenseitigem Vorteil. Die komplexeren Werkzeuge der Mittleren Steinzeit wurden zunehmend aus regionalen Materialien hergestellt. Bei einigen Ausgrabungen in Kenia wurden z.B. Werkzeuge gefunden, deren Material zu 50 % aus bis zu 90 km Entfernung stammte. Einige Archäologen vermuten, dass diese soziale Vernetzung bei den damaligen starken Umweltschwankungen überlebenswichtig war.

Konkurrenz und Zusammenarbeit zwischen Gruppen: Von Sozialität zu Ultrasozialität

Wenn Gruppen aufeinander treffen und miteinander konkurrieren, z.B. weil natürliche Ressourcen begrenzt sind, werden diejenigen im Vorteil sein, welche sich zu einer Einheit zusammenschließen und innerhalb der Gruppe kooperieren können.

Konkurrenz zwischen Gruppen gibt es in vielen Arten. Doch nur bei uns Menschen führte diese Konkurrenz scheinbar dazu, dass wir evolutionsgeschichtlich innerhalb kurzer Zeit andere “in unser Boot holen” konnten, und so die Größe unserer Gruppen immer weiter zunahm.

So wie in einer Bootregatta diejenigen Teams im Vorteil sein werden, die mehr Ruderer in ihrem Boot haben, so sind in der Konkurrenz zwischen Gruppen oft diejenigen Gruppen im Vorteil, die eine größere Anzahl von Gruppenmitgliedern vereinen können.

Die Tatsache, dass Zusammenhalt in der Konkurrenz mit anderen vorteilhaft ist, finden wir in alltäglichen Sprüchen und Bildern unterschiedlicher Kulturen. “Gemeinsam sind wir stark” - wir Menschen scheinen ein intuitives Gespür dafür zu haben.

“Stöcke in einem Bündel sind unzerbrechlich.”

kenianisches Sprichwort

Vergleich der Prosozialität gegenüber Artgenossen in verschiedenen Primatengruppen. Quelle: verändert nach Burkart, Hrdy, & van Schaik (2009)

Als Prosozialität bezeichnen Biologen Verhaltensweisen, die Anderen zugute kommen. Spontane Prosozialität ist die Fähigkeit und Motivation, ohne “Bedrohung” oder “rationale Kalkulation”, sondern spontan oder “aus freien Stücken” anderen Artgenossen gegenüber freundlich gestimmt zu sein, ihre Anwesenheit zu tolerieren, oder Dinge und Informationen mit ihnen zu teilen. Wenn Biologen das Ausmaß von Prosozialität in verschiedenen Tierarten vergleichen, stellen sie fest, dass diejenigen Arten ein ausgeprägtes prosoziales Temperament haben, die in Gruppen leben und ihre Nachkommen gemeinsam versorgen. Scheinbar ist ein prosoziales Temperament für das dauerhafte Leben in Gruppen, in denen alle “in einem Boot” sitzen, vorteilhaft.

Wir Menschen scheinen ein besonders hohe Prosozialität aufzuweisen, und zwar selbst gegenüber unbekannten Gruppenmitglidern. Einige Anthropologen nennen diese Eigenschaft "Ultrasozialität".

Dieser Zusammenschluss zu größeren sozialen Netzwerken und Gruppierungen wurde in unserer Art auch durch die Fähigkeit für Sprache und symbolisches Denken ermöglicht. Diese Fähigkeit erlaubte unseren Vorfahren, mit anderen Menschen eine gemeinsame Identität aufzubauen und mit ihnen zusammenzuarbeiten, selbst wenn sie ihnen nie persönlich begegnen würden.

So ist die Geschichte der Menschheit auf der einen Seite geprägt von Auseinandersetzungen zwischen Gruppen, welche aber auf der anderen Seite langfristig dazu führten, dass sich Gruppen von Menschen in immer größere Gemeinschaften zusammenschlossen.

Die Tatsache, dass heute viele Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen leben, sich gemeinsam für globale Ziele, allgemeine Menschenrechte und für das Wohlergehen von Menschen und Lebewesen einsetzen, denen sie nie begegnen werden, ist das Ergebnis dieser Entwicklung.

Aufgrund unserer Fähigkeit für symbolisches Denken können wir Menschen eine gemeinsame Identität mit tausenden und Millionen von Menschen aufbauen, selbst wenn wir sie nie näher kennenlernen würden. Ob Nationalität, Religion, Marktbeziehungen durch Geld, politische Bewegungen, oder sonstige durch Symbole oder abstrakte Ideen gekennzeichnete Vereinigungen, sie alle führen dazu, dass Menschen sich einer großen Gruppe zugehörig fühlen, sich gegenüber den Mitgliedern der Gruppe kooperativ verhalten, und sich für die Gruppe einsetzen.

„Die Fähigkeit zu symbolischem Denken war die letzte große evolutionäre Innovation, die die Ultrasozialität des Menschen möglich machte. Menschen brauchten eine andere Person nicht mehr persönlich zu kennen, um zu entscheiden, ob sie mit ihm zusammenarbeiten oder ihn als Feind behandeln sollten. Die symbolische Abgrenzung der Gruppe ermöglichte die Zusammenarbeit mit Fremden, welche eindeutig als „einer von uns“ gekennzeichnet waren. Symbole ermöglichten es, sich mit sehr großen Gruppen von „uns“ zu identifizieren, Gruppen, die viel mehr Personen als der kleine Kreis umfassten, in dem jeder Einzelne sich treffen und persönlich kennenlernen konnte. Mit anderen Worten, die Entwicklung des symbolischen Denkens ermöglichte die Definition einer Gruppe von beliebiger Größe als „uns“.”

“Natürlich sind große Nationen mit zig Millionen Menschen nicht auf einen Schlag entstanden. Der Prozess verlief schrittweise. Mehrere Dörfer, von einem mächtigen Feind bedroht, konnten sich zu einem Stamm zusammenschließen und mithilfe von Symbolen ihre Vereinigung markieren und betonen. In der nächsten Phase konnten sich mehrere Stämme in eine regionale Gemeinschaft vereinigen, dann diese Gemeinschaften in Nationen und diese schließlich in supranationale Einheiten. Bei jedem Schritt wurden neue Symbole erfunden, um die ethnischen Grenzen abzugrenzen, oder alte Symbole wurden ausgedehnt, um die größere Gesellschaft zu erfassen.”

“Als eine neue Ebene sozialer Komplexität entstand, wurden die unteren Organisationsebenen nicht vollständig untergraben. Infolgedessen haben Menschen im Allgemeinen koexistierende Identitäten, die ineinander verschachtelt sind. Sie fühlen sich ihrer Heimatstadt, ihrer Region, ihrem Land und sogar überstaatlichen Organisationen verbunden und loyal. Der Grad der Identifikation mit und Loyalität gegenüber Identitäten auf unterschiedlicher Ebene kann sehr unterschiedlich ausfallen. “

Peter Turchin (2006), eigene Übersetzung

Der Historiker Yuval Harari über die Bedeutung von symbolischem Denken und Sprache in der außerordentlichen Kooperation in unserer Art.

Transkript Deutsch, Transkript Englisch

Ted Talk mit deutschem Untertitel

Mögliche Reflexionsfragen:

  • Wodurch unterscheidet sich laut Yuval Harari die menschliche Fähigkeit für Kooperation von der Kooperation in anderen Tierarten?
  • Welche Gruppierungen gibt es in eurer Schule, in eurer Gemeinde, in eurem Land? Welche Rolle spielen Symbole und unsere Fähigkeit für symbolisches Denken für diese Gruppierungen und für die Identität ihrer Mitglieder? (Gibt es Fahnen, Wappen, Slogans, bestimmte Kleidungsstile, Musikgruppen, Aufnäher oder sonstige Symbole, durch welche sich die Anhänger dieser Gruppen kennzeichnen?)
  • Beeinflussen diese Abgrenzungen durch Symbole auch das Verhalten der Gruppenmitglieder gegenüber anderen Gruppen? Inwiefern?

Ursache-Wirkungsdiagramm: Zusammenarbeit zwischen Gruppen

Dies ist nur eine Darstellung der möglichen Faktoren und Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die die Kooperation zwischen Gruppen im Laufe unserer Evolutionsgeschichte abbildet.

Ungleichmäßige Verteilung von Ressourcen (Nahrung, Werkzeugmaterial,...) in einer Region war möglicherweise einer der Selektionsfaktoren, unter denen Kooperation zwischen Gruppen vorteilhaft war.

Wenn auf der anderen Seite Ressourcen begrenzt waren (z.B. aufgrund von wachsender Populationsdichte), stieg die Konkurrenz zwischen Gruppen, und somit die Gefahr, die von anderen Gruppen ausging.

Unter diesen Bedingungen waren diejenigen im Vorteil, die sich zu größeren Gruppen zusammenschließen konnten, um in der Konkurrenz mit anderen überlegen zu sein.

Ethnozentrismus

Aufgrund der Geschichte der Auseinandersetzungen zwischen Gruppen haben wir Menschen jedoch auch eine Tendenz, unsere soziale Umwelt nach wie vor schnell in Gruppen einzuteilen - “Wir” und “die Anderen”. Wir erkennen automatisch und relativ unbewusst Ähnlichkeiten und Unterschiede in unserem Verhalten, Aussehen, Sprache, Überzeugungen und in symbolischen Markierungen. Unter bestimmten Bedingungen, insbesondere wenn wahrgenommen wird, dass von “den Anderen” eine Gefahr oder Konkurrenz ausgeht, kann diese Wahrnehmung Aggressionsbereitschaft gegenüber anderen Gruppen fördern.

So zeigt uns die Geschichte unserer Art, dass unsere Fähigkeit, mit anderen Artgenossen friedlich zusammen zu arbeiten, nicht etwa bedingungslos ist.

Unser Sinn dafür, wer zu "uns" gehört, und welche Haltungen und Beziehungen wir zu anderen Gruppen haben, scheint höchst flexibel und wandelbar zu sein. Gruppen, die über Jahrhunderte von gewaltsamen Auseinandersetzungen geplagt waren, leben nun friedlich zusammen und kooperieren zum gemeinsamen Nutzen. Gruppen, die über Jahrhunderte friedlich zusammen lebten, fangen plötzlich an, sich gewaltsam zu bekriegen.

Welche Bedingungen und Mechanismen führen zu diesen unterschiedlichen Wahrnehmungen und Verhaltensweisen gegenüber anderen Gruppen? Anthropologen und Verhaltensforscher untersuchen diese Fragen. So scheinen wir schon im Kleinkindalter diejenigen zu bevorzugen, die uns ähneln. In Experimenten scheinen Menschen Vertreter "ihrer Gruppe" bevorzugt zu behandeln, auch wenn die Einteilung manchmal recht willkürlich ist und man sich gar nicht kennt.

Schon ab dem Alter von neun Monaten bevorzugen wir Menschen bereits diejenigen, die uns in ihren Vorlieben, Sprache und Aussehen ähneln.

Doch Feindseligkeit oder Aggression gegenüber solchen, die uns weniger ähneln oder die der "anderen Gruppe" angehören, entsteht dadurch nicht unbedingt. Anscheinend kommt es darauf an, ob die "andere Gruppe" als Gefahr oder Konkurrenz wahrgenommen wird. Sitzen wir alle in einem Boot - und sind wir somit alle Gewinner oder Verlierer? Oder sitzen wir in unterschiedlichen Booten, und "Der Sieg der Anderen" ist "Unsere Niederlage"?

Ethnozentrismus steht für die Überzeugung, dass die "eigene Gruppe" und deren Verhaltensweisen und Normen "gut", "richtig", "gerechtfertigt" und "normal" sind, und die von anderen Gruppen "schlecht", "falsch", "irrational"und "unnormal" sind.

Ethnozentrismus hat viele Gesichter - Rassismus, Antisemitismus, oder jegliche ideologische radikale Bewegung, die eine bestimmte Gruppe von Menschen als die Ursache für wahrgenommene Probleme identifiziert.

Ursache-Wirkungs-Diagramm: Ethnozentrismus

Dies ist nur eine Darstellung der möglichen Faktoren und Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die die natürliche Selektion unserer Tendenz für Ethnozentrismus im Laufe unserer Evolutionsgeschichte abbildet.

Mögliche Reflexionsfragen:

  • Welche Faktoren (außer begrenzten natürlichen Ressourcen) könnten im Laufe der Geschichte noch dazu beigetragen haben, dass Gruppen miteinander konkurrierten oder Aggression gegeneinander ausübten?
  • Welche Ereignisse in der Geschichte oder aus der Gegenwart fallen euch ein, in denen Konkurrenz zwischen Gruppen und/oder Ethnozentrismus eine Rolle spiel(t)en?
  • Wie könnten wir diese geschichtlichen bzw. aktuellen Ereignisse in einem Ursache-Wirkungs-Diagramm darstellen?

Literaturangaben

  • Brooks, A. S., Brooks, A. S., Yellen, J. E., Potts, R., Behrensmeyer, A. K., Deino, A. L., … Clark, J. B. (2018). Long-distance stone transport and pigment use in the earliest Middle Stone Age. Science, 2646(March), 1–11. https://doi.org/10.1126/science.aao2646
  • Burkart, J. M., Hrdy, S. B., & van Schaik, C. P. (2009). Cooperative Breeding and Human Cognitive Evolution. Evolutionary Anthropology, 18, 175–186. https://doi.org/10.1002/evan.20222
  • Turchin, P. (2006). War and Peace and War. The rise and fall of empires. New York, NY, USA: Penguin.