Kindheit, Lernen, Lehren

Primaten und insbesondere Menschenaffen haben im Vergleich zu anderen Säugetieren eine lange Entwicklungsphase (im Vergleich zur gesamten Lebensdauer). Dies scheint unter anderem mit der Notwendigkeit für soziales Lernen zusammenzuhängen. Denn je mehr lebenswichtige Fähigkeiten im Laufe der Entwicklung gelernt werden müssen, desto länger dauert es bis zur Selbständigkeit, und desto länger sind Nachkommen von ihren Eltern und anderen in ihrer Gruppe abhängig. Deswegen können wir unter den Arten, die hohe Fähigkeiten für soziales Lernen haben, auch eine relativ lange Phase der Entwicklung beobachten.

Verglichen mit anderen Primaten investieren wir Menschen besonders viel in unseren Nachwuchs - für einen sehr langen Zeitraum sind Kinder von den Erwachsenen um sie herum abhängig, und sie haben viel Zeit zu lernen. Und nicht nur die Eltern, sondern viele andere Menschen in ihrem Umfeld kümmern sich um sie, bringen ihnen Dinge bei, und versorgen sie. Kindheit und Jugend, soziales Lernen und Lehren spielen scheinbar eine wichtige Rolle in unserer Art.

Verglichen mit anderen Primaten, haben wir Menschen eine sehr lange Kindheits- und Jugendphase. Quelle: verändert nach Zimmerman, E. & Radespiel, E. (2007). S. 1166.

Die Psychologin Alison Gopnik forscht über die Lernfähigkeiten von Kleinkindern.

In diesem Video spricht sie über die Evolution von Kindheit, die Beziehung zwischen Kindheit, Lernen und Flexibilität, und über die Art und Weise, wie Kinder lernen.

Nachahmung bei Menschen und anderen Menschenaffen

Menschenaffen (und viele andere Tierarten) eignen sich viele Verhaltensweisen im Laufe ihres Lebens durch soziales Lernen an. Doch wie sehr unterscheidet sich die Fähigkeit für soziales Lernen zwischen Menschen und ihren nächsten Verwandten? Haben wir ähnliche Fähigkeiten wie andere Menschenaffen? Oder hat sich diese Fähigkeit im Laufe der menschlichen Evolution weiter verändert? Und wenn ja, warum? Viele Anthropologen beschäftigen sich mit diesen Fragen.

In einer Reihe von Experimenten wollten Forscher der Universität von Texas herausfinden, ob Kinder und Schimpansen auch Aktionen eines Anderen imitieren, wenn diese offensichtlich für die Lösung eines Problems irrelevant sind.

Ergebnisse dieser Experimente liefern und Hinweise auf die Bedeutung von Nachahmung und Lehren in unserer Art.


“Wenn man ein Kind auf einer einsamen Insel ohne sozialen Kontext, ohne jemandem, der ihm Dinge beibringt, ohne Kontakt zu anderen Menschen aufwachsen lassen würde, dann wäre seine Intelligenz der von anderen Menschenaffen sehr ähnlich. Sie wäre zwar ein bisschen anders, aber Kinder sind daran angepasst, um von anderen zu lernen, mit anderen zu kommunizieren und mit anderen zusammenzuarbeiten. Und wenn es niemanden gäbe, keine Kultur, keine Werkzeuge und keine Sprache, dann würde sich diese natürliche menschliche Intelligenz einfach nicht entwickeln.

Fische werden geboren, und erwarten Wasser - sie haben Flossen und Kiemen. Menschen werden geboren, und erwarten Kultur.”

Michael Tomasello (2014), eigene freie Übersetzung

Kindheit, soziales Lernen und menschliche Evolution

“Unser einzigartiger Trick in unserer Evolution, unsere zentrale Anpassung, (...) ist ganz klar unsere ungeheure Fähigkeit, zu lernen wenn wir Babys sind, und zu lehren, wenn wir Erwachsene sind.”

Gopnik, Meltzoff & Kuhl (2000), S. 8, eigene Übersetzung

Im Laufe der menschlichen Evolution verlängerte sich die für Primaten typische lange Entwicklungsphase noch weiter. Die Funktionen der Großhirnrinde, insb. das Lernen und Flexibilität, wurden für das Überleben unserer Vorfahren immer wichtiger. Ein großes Gehirn hatte trotz seines hohen Energieverbrauchs also einen immer größeren Nutzen. Ein größeres Gehirn erforderte wiederum einen größeren Hirnschädel. Dies führte zu Herausforderungen bei der Entwicklung und Geburt des Fötus: die Entwicklung des Fötus im Mutterleib dauerte länger, verlangte viel mehr Energie von der Mutter, und der Geburtskanal wurde immer enger für die Geburt. Das Becken konnte sich daran jedoch nicht anpassen, das es im Verlauf der Evolution als Anpassung an den aufrechten Gang schmal bleiben musste - in der Evolution gibt es viele Beispiele derartiger Zielkonflikte zwischen Merkmalen.

Einige Anthropologen vermuten, dass eine Möglichkeit, diesen “Engpass” zu umgehen, sozusagen eine Kompromisslösung, eine frühere Geburt darstellte. Die Säuglinge, deren Kopf durch den Geburtskanal passte, die in den ersten Lebensjahren dennoch ein großes Gehirn entwickelten, und die sich wichtige Verhaltensweisen durch soziales Lernen schnell und effizient aneignen konnten, hatten höhere Überlebens- und Fortpflanzungschancen als andere Kinder, und gaben diese Merkmale an ihre Nachkommen in der nächsten Generation weiter.

Vergleich von Geburtskanal und Kopfumfang des Neugeborenen in verschiedenen Primatenarten. Der menschliche Geburtskanal ist, verglichen mit dem anderer Primaten, sehr eng für den Kopf eines Neugeborenen. Bildquelle: Trewathan (2015) https://doi.org/10.1098/rstb.2014.0065

Eine verfrühte Geburt von Kindern führte dazu, dass Nachkommen einen längeren Abschnitt ihrer Entwicklung außerhalb des Mutterleibs fortführen mussten. Außerdem mussten immer mehr lebenswichtige Fertigkeiten, wie die Herstellung komplexerer Werkzeuge und die Nahrungssuche, von Kindern erst erlernt werden. All dies erforderte eine Verlängerung der Kindheits- und Jugendphase, welche bei Menschen viel länger dauert als bei anderen Primaten. In dieser Phase musste dem Kleinkind, und auch der stillenden Mutter, ausreichend Energie zugeführt werden, insbesondere für die Entwicklung eines relativ großen Gehirns in den ersten Lebensjahren. Dies machte eine intensivere und längere Kinderbetreuung notwendig (ein typisches Merkmal von K-Strategen), an der sich neben den Eltern mehrere andere Erwachsene aus der Gruppe beteiligten. Während dieser Zeit war es wichtig, dass Kinder schnell und effizient von den Älteren um sie herum lernen konnten. Diejenigen Gruppen, in denen Kinder schneller, effizienter, und von mehreren Vorbildern, lebenswichtige Verhaltensweisen lernten und somit schneller unabhängig waren, hatten alle Mitglieder höhere Überlebens- und Fortpflanzungschancen als in anderen Gruppen. Fähigkeiten und Motivationen für soziales Lernen und Lehren breiteten sich so ebenfalls durch natürliche Selektion in den Populationen unserer Vorfahren aus.

siehe auch: Zeigegeste und geteilte Aufmerksamkeit, Kumulative Kultur

Geschätzte Dauer der Lebensphasen in verschiedenen Homininen. Die Kindheit und Jugend (Adoleszenz) haben sich im Laufe der menschlichen Evolution als Entwicklungsphasen herausgebildet. Quelle: verändert nach Bogin (1997)

Ursache-Wirkungs-Diagramm: Soziales Lernen, Kindheit und kooperative Kinderfürsorge

Kindchenschema

Wenn wir uns Gesichter von Babys und Jungtieren anschauen, überkommt uns in der Regel ein wohlig-warmes Gefühl und ein Drang zum Knuddeln und In-die-Arme-nehmen.

Dies passiert automatisch in unserem Körper, ohne unseren bewussten Willen. Unser Körper reagiert auf den Reiz bzw. äußeren Umwelteinfluss “Babygesicht”, indem er bestimmte Hormone (Botenstoffe) ausschüttet, welche den Körper auf bestimmte Handlungen vorbereiten. Wir nehmen diese körperlichen Reaktionen als bestimmte Empfindungen, Gefühle und einen Handlungsdrang wahr. Biologen nennen diesen Reiz und die damit verbundene Reaktion “Kindchenschema”.

In einem Experiment haben Forscher Fotos von Kleinkindern in bestimmten Faktoren verändert. Dann fragten sie Erwachsene, zu bewerten “Wie süß/niedlich ist das Kind?” und “Wie sehr bewirkt es in Ihnen ein Gefühl, es umsorgen zu wollen?”
Bildquelle: Glocker et al. (2009), https://dx.doi.org/10.1111%2Fj.1439-0310.2008.01603.x
Das Kindchenschema wirkt auch auf uns in den Gesichts- und Kopfformen anderer Tiere und Zeichnungen. Dies wird in der Filmindustrie und anderen Branchen ausgenutzt, wie z.B. im japanischen Manga-Comic-Stil.

Aber warum gibt es dieses Kindchenschema überhaupt - warum sehen ausgerechnet Babygesichter niedlich für uns aus, und warum reagiert unser Körper auf diese Weise auf sie? Um diese Fragen nach dem warum zu beantworten, müssen wir auch in diesem Fall wieder betrachten, ob dieses körperliche Aussehen und die Reaktion darauf für das Überleben und die Fortpflanzung unserer Vorfahren bestimmte Funktionen (oder zumindest keine negativen Konsequenzen) gehabt haben könnten.

  • Welche Funktion für das Überleben und die Fortpflanzung könnte es für Jungtiere gehabt haben, eine äußerliche Erscheinung zu haben, die in den Erwachsenen um sie herum einen Drang nach Fürsorge weckt?
  • Welche Funktion für das Überleben und die Fortpflanzung könnte es für Erwachsene gehabt haben, eine fürsorgliche Reaktion auf bestimmte äußerliche Erscheinungen ihrer eigenen und der Nachkommen von anderen zu zeigen?

Aufgrund dieser Funktionen haben sich beide Merkmale - sowohl das äußerliche Erscheinen von Jungtieren, als auch die Reaktionen von anderen auf diese - im Laufe der Evolution in Säugetierarten, inkl. in uns Menschen, ausgebreitet. Die natürliche Selektion des Kindchenschemas wird weniger von biotischen und abiotischen Umweltbedingungen verursacht, als durch die soziale Umwelt, d.h. die Reaktionen der Anderen in der Gruppe auf das Merkmal. In diesem Fall spricht man von sozialer Selektion, welche eine Sonderform der natürlichen Selektion ist.

Eine Besonderheit des Kindchenschemas beim Menschen ist es, dass wir nicht nur unsere eigenen Babys, sondern auch die Babys von anderen, fremden Menschen, niedlich finden, und einen Drang zur Fürsorge empfinden (dies ist natürlich unter Menschen mehr oder weniger stark ausgeprägt). Der Vorteil davon ist, dass Nachkommen nicht nur von Eltern, sondern auch von anderen in der Gruppe versorgt und beschützt werden - die kooperative Kinderfürsorge.

Ursache-Wirkungs-Diagramm zum Kindchenschema

Literaturangaben

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