Unterrichtsmaterialien zur

Menschlichen Evolution

Was bedeutet es, Mensch zu sein?

Unsere menschlichen Eigenschaften sind Ergebnis der Evolution (und unserer individuellen Entwicklung)

Evolution ist die Veränderung von Merkmalshäufigkeiten in einer Population. Diese sind das Ergebnis von Wechselbeziehungen zwischen Lebewesen und ihrer biotischen, abiotischen und sozialen Umwelt. Sie bewirken, dass sich Populationen, Arten und Ökosysteme über die Zeit verändern, indem einige Merkmale häufiger werden, und andere seltener werden.

Materialien nach Merkmalen und Themen

Die folgenden Merkmale und Themen sind zwar grob geordnet nach ihrer geschätzten zeitlichen Erscheinung im Laufe unserer Evolutionsgeschichte. Doch wie so oft in der Evolution von Lebewesen, haben sich viele Merkmale über längere Zeiträume und in enger Wechselwirkung mit anderen Merkmalen entwickelt. Auf den jeweiligen Seiten werden verschiedene Forschungsmethoden und -erkenntnisse der evolutionären Anthropologie einbezogen, welche die Entstehung und Entwicklung der verschiedenen Merkmale erklären helfen.

Evolutionsbiolog*innen und Anthropolog*innen setzen eine Reihe von Forschungsmethoden ein, um zu verstehen, welche Eigenschaften uns Menschen auszeichnen und wie, wann und warum sie im Laufe der Evolutionsgeschichte unserer Art entstanden sind. Wichtige Forschungsmethoden der evolutionären Anthropologie sind:

Populationsdenken

Viele verschiedene Hominidengruppen existierten im Laufe der Evolutionsgeschichte unserer Art. Sie alle unterschieden sich ein wenig in ihrem Verhalten, ihrer Wahrnehmung, ihrem Körper, ihrer genetischen Veranlagung, ihrem Sozialleben. Einige davon konnten besser überleben und hatten mehr Nachkommen als andere. Sie haben ihre Merkmale an ihre Nachkommen vererbt, z.B. durch die Vererbung ihrer Gene und durch Nachahmung von Verhaltensweisen. Ihre Populationen blieben bestehen und entwickelten sich weiter. Sie zählen zu unseren Vorfahren. Andere konnten nicht so gut überleben oder hatten nicht viele Nachkommen, und sind allmählich ausgestorben.

Wenn sich die biotischen und abiotischen Umweltbedingungen ändern, ändern sich auch die Vor- und Nachteile, die bestimmte Verhaltensweisen und andere Merkmale für das Überleben von Organismen haben. Man spricht von der Funktion oder Auswirkung von Merkmalen: Welche Funktionen oder Auswirkungen hat ein Merkmal unter gegebenen Umweltbedingungen für das Überleben und die Fortpflanzung eines Organismus, seiner Nachkommen, oder seiner Gruppe?

Je nach Umweltbedingungen sind zum Beispiel bestimmte Ernährungsweisen oder Fortbewegungsarten vorteilhafter als andere. Viele Lebewesen können ihr Verhalten zwar schnell ändern, oder neue Verhaltensweisen lernen, und können sich so zu gewissem Grad an veränderte Umweltbedingungen anpassen. Lebewesen können jedoch im Laufe ihres Lebens nicht ihren Körperbau, andere morphologische und physiologische Merkmale, oder ihre Gene verändern. Die Veränderung dieser Merkmale geschieht nur auf der Ebene einer Population - diejenigen, deren Merkmale bewirken, dass sie besser überleben und sich fortpflanzen können als andere, werden mehr Nachkommen haben, und das Merkmal wird so vermehrt in der Population auftreten.

Ursache-Wirkungs-Diagramme

Ursache-Wirkungs-Diagramme können helfen, die Wechselbeziehungen zwischen Umwelt, Verhalten, Körper, Gehirn, Gene, und anderen Faktoren in der Evolution zu veranschaulichen und zu verstehen. Mit deren Hilfe können wir gedanklich untersuchen, wie unterschiedliche Ursachen und Merkmale miteinander in Verbindung stehen.

Welche Wechselbeziehungen zwischen biotischer und abiotischer Umwelt, sozialer Umwelt, Verhalten, Kultur, Körper, Gehirn und Gene haben die Evolution und Entwicklung unserer menschlichen Merkmale geprägt?

In Ursache-Wirkungs-Diagrammen sind Merkmale, Bedingungen oder andere Variablen und Faktoren durch Pfeile verknüpft, die eine Art kausale Beziehung kennzeichnen - X führt zu, verändert, oder beeinflusst Y.

Diese Ursache-Wirkungs-Beziehungen können unterschiedlicher Art sein. Die konkrete Art einer Ursache-Wirkungs-Beziehung kann angegeben werden, wenn sie bekannt ist oder vermutet wird, oder sie kann allgemein bleiben, wenn es darum geht, sie zu erforschen, zu diskutieren oder zu reflektieren.

"Natürliche Selektion" ist eine besondere Art von Ursache-Wirkungs-Beziehung, bei der eine Bedingung ein Merkmal “selektiert”, das heißt, sie “führt zu einer Erhöhung der Merkmalshäufigkeit in der Population".

Je nach Merkmal können unterschiedliche Selektions- und Vererbungsmechanismen wirken - z.B. biologische Fortpflanzung oder Nachahmung. So sorgt natürliche Selektion dafür, dass sich Populationen verändern.

Organismen haben viele verschiedene Eigenschaften, und diese Eigenschaften stehen oft in Wechselwirkung miteinander.

Körper, Verhalten, Gehirn, Gene und andere Eigenschaften beeinflussen sich gegenseitig. Sie können sich gegenseitig in der Entwicklung oder natürlichen Selektion begünstigen oder verhindern. Zum Beispiel können bestimmte Merkmale des Körpers bestimmte Verhaltensweisen ermöglichen oder leichter ausführbar machen als andere. Bestimmte Gene können die Entwicklung bestimmter Körpermerkmale und anderer Merkmale begünstigen. Wenn umgekehrt ein Verhalten bestimmte Vorteile für den Organismus hat und seine Häufigkeit in der Population durch natürliche Selektion zunimmt, können andere Merkmale, die dieses Verhalten ermöglichen, ebenfalls durch natürliche Selektion häufiger in der Population werden.

Oft entstehen im Laufe der Evolution auch positive Rückwirkungen zwischen Umwelt und den Merkmalen von Organismen oder zwischen Arten.

So führen Bedingungen in der biotischen und abiotischen Umgebung zur natürlichen Selektion eines Merkmals in einer Population. Das Merkmal - insbesondere Verhaltensmerkmale - kann wiederum dazu führen, dass sich die Umweltbedingungen ändern. Dies kann wiederum die natürliche Selektion des Merkmals beeinflussen, z. B. durch eine noch stärkere Selektion des Merkmals usw.

Durch solche Wechselwirkungen können lang anhaltende, ökologische Wechselbeziehungen zwischen der Umwelt und Lebewesen oder zwischen verschiedenen Arten entstehen.

Derartige evolutionäre Wechselwirkungen werden oft Koevolution genannt.

Beispiel: Domestizierung

Ursache-Wirkungs-Diagramm: Beispiel Aufrechter Gang

Vor ca. 6 Mio Jahren begannen die Umweltbedingungen, unter denen unsere Vorfahren lebten, sich zu verändern. Die Landschaft, Tier- und Pflanzenwelt veränderten sich allmählich und über viele Generationen, von einem tropischen Regenwald, hin zu einer Baum- und Strauchsavanne.

Die Umweltbedingungen der Savanne bewirkten, dass ein aufrechter Gang viele Vorteile für das Überleben und den Fortpflanzungserfolg (Fitnessvorteil) hatte.

So wirkten diese Bedingungen als Selektionsdruck für den aufrechten Gang. Hominide, die aufrecht gingen (unabhängig davon, ob sie sich der Vorteile "bewusst" waren oder dieses Verhalten "mit Absicht" ausführten), würden einen Fitnessvorteil gegenüber denjenigen in ihrer Population haben, welche dieses Verhalten nicht ausführten. Sie hatten im Durchschnitt mehr Nachkommen als andere. Unter denen, die vermehrt aufrecht gingen, hatten wiederum diejenigen einen Fitnessvorteil, deren Körper dieses Verhalten ermöglichte, erleichterte, oder effizienter machte. Sie hatten mehr Nachkommen als andere. Unter denen, die die besten körperlichen Voraussetzungen für den aufrechten Gang hatten, hatten diejenigen wiederum einen Fitnessvorteil, deren unterschiedliche genetische Veranlagung diesen Vorteil ermöglichte. Ihre Merkmale würden an ihre Nachkommen vererbt werden, welche ebenfalls einen Fitnessvorteil aufgrund der verbesserten Fähigkeit für den aufrechten Gang erfahren würden.

All dies bewirkte die natürliche Selektion des Verhaltens "aufrechter Gang", der Körperstrukturen, die den aufrechten Gang ermöglichen, und der Gene, die an der Ausbildung dieser Körperstrukturen beteiligt sind, in den Populationen unserer Vorfahren. Wir haben diese Merkmale von ihnen geerbt.

Gegenwart und Zukunft

Geht die menschliche Evolution weiter? Und wenn ja, wie? Wie wird unsere Zukunft aussehen? Wie werden die Ursache-Wirkungs-Beziehungen, die die Evolution unserer Art geprägt haben, unsere Gegenwart und Zukunft prägen?

Werden wir womöglich, so wie die anderen Homini, irgendwann aussterben, oder werden wir, so wie viele andere Arten, noch über viele Jahrmillionen Jahre fortbestehen, oder wird sich unsere Art in eine andere Art verwandeln, oder gar in mehrere Arten aufspalten?

Inwieweit können wir unsere eigene Evolution selbst in die Hand nehmen, und in eine Richtung lenken, die wir alle wollen?