Christine Roth
Genau in dem Moment, als die Tür ins Schloss fällt, legt sich mein nervöses Zittern.
Die Inhaberin der Boutique kommt mir entgegen, als hätte sie schon den ganzen Tag auf mich gewartet. Ihr Lächeln ist warm, es umarmt mich. „Ah, die Frau Brandt! Schön, Sie zu seh'n.“
„Wollte wieder mal schauen, was Sie so Neues haben.“
„Die ersten Frühjahrsmodelle sind gestern eingetroffen. Tolle Kollektion.“ Frau Winter zeigt mit einer ausladenden Geste zum Kleiderständer im Fensterbereich, ihre silbernen Armreifen klimpern.
Meine Handtasche stelle ich auf dem Sessel ab, ich brauche freie Hände. Ich will die Teile anfassen, bevor ich sie auf meinem Körper spüre, bevor ich sie aus dem Laden trage.
Frau Winter reicht mir noch den gerade geschnittenen Rock und die türkisfarbene Georgettebluse in die Umkleide, dann wartet sie in meiner Nähe. Heute ist sie nur für mich alleine da. Kaum habe ich das rote Etuikleid übergestreift, geht es los: Mein Körper kribbelt, als wäre er von einer Ameisenarmee besetzt, und mir ist so heiß, als hätte ich das Gift der Biester schon im Blut. Zögerlich schiebe ich den Vorhang beiseite, trete ins Rampenlicht und präsentiere mich.
Sie nickt anerkennend. „Steht Ihnen ausgezeichnet.“
Ich genieße ihre Blicke, schreite vor dem Spiegel auf und ab, wiege mich dabei leicht in den Hüften. Dann breite ich die Arme wie Schwingen aus und drehe mich zu den Walzerklängen, die den Raum unvermittelt fluten. Ich kann fliegen. Ich schwebe, ich lebe, ich bin schön.
Wie durch Watte dringt die Stimme zu mir: „Fällt klein aus! Ich war so frei und hab mal die nächste Größe geholt.“ Sie will mir den Fummel aufdrängen, das Geklimper der Armreifen übertönt die Musik.
Vergiss es! Verräterin! Die achtundvierzig zieh' ich nicht an! „Nein, nicht nötig“, sage ich und ziehe den Bauch ein. „Ich mach gerade eine Diät.“
Frau Winter legt die Stirn in Falten und streicht fast liebevoll über den gespannten Stoff in meinem Rücken, als müsse sie das, was sie sieht, durch ihren Tastsinn bestätigen. „Wie Sie möchten, Sie entscheiden.“
Die zweite Tragetasche platzt gleich aus allen Nähten, während Frau Winter sich bemüht, den Pulli unterzukriegen, den sie mir vor wenigen Augenblicken noch ausreden wollte.
Etwas betreten sagt sie, nachdem sie die Summentaste gedrückt hat: „Ist ganz schön was zusammengekommen. Sie möchten sicher mit Karte zahlen?“
Die Ziffern auf dem Display verschwimmen vor meinen Augen, indessen fummle ich die ec-Karte aus meiner Börse und überreiche sie mit erhobenem Kopf. Wird schon gut gehen!
Mit einem Mal tobt ein Orkan in meinem Schädel. Mein Vater ist bei mir, er kommt immer mit dem Sturm. Er lächelt milde und flüstert, so dass Frau Winter ihn nicht hören kann: „Aber, aber Prinzessin, das kannst du doch nicht machen.“ Und ob! Du solltest mal sehen, wie souverän ich einkaufe.
Ich kaue auf der Unterlippe und hoffe darauf, dass das Brausen und Rauschen verschwinden möge, damit ich Frau Winters Worte verstehen kann. Aber das muss ich nicht, ich beherrsche die Kunst des Lippenlesens. „Zahlung nicht möglich.“ Bedauernd zuckt sie mit den Axeln.
Mit hängenden Schultern schleiche ich die Treppe zu meiner Mansardenwohnung hinauf. Mit jeder Stufe wiegen die Tüten schwerer und die Henkel ätzen sich wie Säure in die Handflächen. Oben empfangen mich leere, kalte Räume.
Sofort verstaue ich die Taschen im Kleiderschrank, schiebe sie weit nach hinten, dorthin wo es finster ist. Dorthin, wo sich andere Beutel und die ungeöffnete Post türmen. Dann schlurfe ich in die Küche, öffne den Kühlschrank, schließe ihn wieder.
Ohne zu wissen, was ich tue, trete ich auf den kleinen Balkon hinaus, umklammere das Geländer und schaue lange in die Tiefe, betrachte den kleinen trostlosen Innenhof. Lautlos legt sich die Abenddämmerung auf die Dächer der Altstadt.
Ich sollte froh sein, dass alles so gut funktioniert hat, aber es will sich keine Freude einstellen.
Frau Winter hat den Magnetstreifen meiner Karte gründlich poliert und gesagt: „Ich probier’s noch mal.“ Dann konnte sie den Zahlungsvorgang abschließen. Mit meiner Unterschrift besiegelte ich den Pakt, malte den Namen einer mir Fremden mit krakeligen Buchstaben aufs Papier: Gesine Brandt.
„Viel Freude an den neuen Sachen“, rief sie mir noch nach. „Und alles Gute für Sie.“
Mich fröstelt, der Kühlschrank fällt mir wieder ein. Da ist noch ein Rest Apfeltorte und Salamipizza von gestern. Ich reiße die Packung Schnittkäse auf. Stoße die Schale mit den Tomaten um, sie kullern über den Küchenboden. Ich lecke Thunfischsalat von den Fingern und schiebe mir Kochschinken in den Mund. Ich schmecke nichts, aber ich stopfe weiter. Es fühlt sich alles so unwirklich an. Mir ist, als würde ich neben mir stehen und einer Irren beim Fressen zuschauen.
Langsam lasse ich mich auf die Knie fallen, dann trommle ich mit den Fäusten auf die Fliesen.
Kein Schmerz.
Die alte Dame sieht mich provozierend über den Rand ihrer Brille an. „Drei Paracetamol bitte!“
Ich komme mir wie in einem Theaterstück vor, in dem jeder seinen vorgegebenen Text so überzeugend wie möglich herunterbetet. „Drei Packungen darf ich nicht aushändigen“, zische ich. Sie lächelt allwissend und schaut mich weiter eindringlich an. „Es ist Ihnen bekannt, dass das Mittel die Leber schädigen kann?“ Ich drücke meinen Rücken durch.
„Natürlich. Schließlich fragen Sie mich das ja jede Woche, Kindchen. Sie wissen doch, ich bin über achtzig. Was interessieren mich da Nebenwirkungen. Hauptsache, ich bin die Schmerzen los.“ Geduldig wartet sie, bis ich drei Packungen über den Tresen schiebe.
Im Gegenzug legt sie mir zwanzig Euro auf die Glasplatte und schmunzelt zufrieden. „Stimmt so! Bis bald.“ Während sie zur Tür humpelt, schüttelt sie ihr ergrautes Haupt und murmelt: „Leberschäden.“
Ich schaue nach hinten ins Labor, vom alten Wiegand keine Spur. Ich lausche. Die Gelegenheit bietet sich nicht alle Tage. Schnell lasse ich den Schein in meiner Kitteltasche verschwinden. Bis zur Jahresinventur muss ich hier weg sein.
Vater würde toben, sollte ich den Job hinwerfen, wo er sich doch so ins Zeug gelegt hat, um sein einziges Töchterchen in der Apotheke seines alten Schulfreundes Manfred Wiegand unterzubringen.
Kräftige Hände legen sich auf meine Schultern, fast hätte ich vor Schreck aufgeschrien. Ob er mich beobachtet hat? Der Druck verstärkt sich. Ich erstarre und denke an das Kaninchen, das im Angesicht der Schlange bewegungsunfähig wird. Ich will kein Kaninchen sein.
Die Hände beginnen zu wandern, mit kleinen kreisenden Bewegungen massieren sie meine Oberarme. Das ertrage ich kaum. Ich möchte den alten Grabscher ohrfeigen, stattdessen winde ich mich seitlich aus der Umklammerung und stottere: „Die Bestellung muss noch abgeschickt werden.“ Ich taumle zum Computer.
Wiegands Bass verfolgt mich: „Ich mag üppige Frauen.“
Ich spüre, wie mich seine Blicke langsam entkleiden und fühle mich so machtlos, seinen Klauen völlig ausgeliefert. Ich bin dick. Ich bin nackt, ich bin durchsichtig.
Die Schrift auf dem Monitor verschwimmt vor meinen Augen.
„Gesine, Gesine, rollt wie ’ne Lawine!“ Das Geschrei meiner Mitschüler donnerte über den Pausenhof. Am lautesten brüllte Heiko Töppel. Sein Grinsen werde ich nie vergessen. Obwohl er mich nie angefasst hat, haben mich seine Worte jedes Mal wie Schläge getroffen.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich mich gegen den Spott und die Verachtung dieser mutigen und selbstsicheren Kinder wehren sollte. Ich stand nur stumm und eingefroren und ließ die Anfeindungen zu. Zuhause verkroch ich mich hinter meinen Büchern und einem beharrlichen Schweigen. Irgendwann wurde es Mutter zu bunt und sie bohrte so lange, bis ich mit der Sprache herauskam.
Beim Abendessen berichtete sie Vater brühwarm von den Hänseleien. Mir häufte sie noch mal den Teller voll, reichlich Kartoffeln, Gemüse, Schweinebraten und Soße. Viel Soße.
Vater streichelte meine Wange, während ich mampfte. „Das werde ich für dich klären, mein Kind. Und morgen Nachmittag geht Mutti schön mit dir einkaufen.“
Wie ein Feldwebel ist er zum Schuldirektor vorgerückt. Ich erfuhr nie, was die beiden besprochen haben. Der Direktor hat persönlich dafür Sorge getragen, dass mich niemand mehr lautstark beschimpfte. Von diesem Zeitpunkt an wollte aber auch keiner mehr neben mir sitzen. Und auch nicht mit mir reden. Trotz meiner Fülle war ich unsichtbar.
Nur Heiko flüsterte mir bei jeder Gelegenheit zu: „Gesinelein, fett und klein wie ein Schwein.“
„Ach, Gesine, bevor ich es vergesse …“ Wiegand schiebt sich zwischen mich und meine Erinnerungen. „Die zwanzig Euro, die kannst du behalten."
Ich laufe, werde immer schneller, aber doch komme ich nicht vom Fleck. Die Absätze bleiben in den Fugen des Kopfsteinpflasters hängen. Mir ist, als müsse ich durch Sirup waten. Mein Gehirn arbeitet auf Hochtouren, aber die Tragweite der neuen Situation vermag es nicht zu erfassen. Der Sirup hat sich auch im Kopf ausgebreitet. Ich spüre genau, etwas Grundlegendes muss sich in meinem Leben verändern. Doch zuerst muss ich die quälende Unruhe loswerden. Dieses Fieber kann mir nur Frau Winter nehmen.
Vor wenigen Minuten bin ich Hals über Kopf aus der Apotheke gestürzt. Unter meinem Mantel trage ich noch die Arbeitskleidung, die zwanzig Euro in der Tasche. Mit jedem Zentimeter, den ich mich dem Geschäft nähere, wächst meine Vorfreude auf mein kleines Glück. Noch während ich die Tür öffne, fällt die Euphorie zusammen wie ein Käsesoufflé. Frau Winter ist im Gespräch mit einem jungen Paar und es sieht aus, als hätte sie so bald keine Zeit für mich.
„Komme gleich zu Ihnen“, raunt sie mir zu. Sicher bilde ich mir nur ein, dass sie heute ernster und nachdenklicher schaut.
In der Zwischenzeit streife ich an den Kleiderständern entlang. Meine Finger liebkosen die weichen Stoffe, graben sich in Seide und Baumwolle, wollen nicht mehr loslassen. Mit einem Mal glaube ich, die Gier des alten Wiegand zu begreifen. So muss es ihm in meiner Nähe ergehen, genauso will er sich in mein Fleisch vergraben. Drecksack! Die Hände sollen ihm abfaulen!
„Schön, dass Sie gleich gekommen sind.“ Frau Winter hat sich angeschlichen und ich zucke merklich zusammen. „Missverständnisse sollte man sofort aus der Welt schaffen.“
Ich muss ein ziemlich belämmertes Gesicht machen, an dem sie ablesen kann, dass ich nicht kapiere, wovon sie spricht. „Die Rückbuchung. Ist mein Schreiben nicht angekommen? Sie wohnen doch in der Klostergasse zwei?“
Von ihren Blicken fühle ich mich aufgespießt und mein Gesicht beginnt zu glühen. Krampfhaft fische ich nach einer Ausrede. Glaubwürdigkeit, das Rezept der Erfolgreichen. „Ach so, ja natürlich. Deshalb bin ich hier.“ Das kannst du besser! „Ich wollte Ihnen sagen, dass Sie das Geld bekommen. In bar. Nächste Woche. Ist dumm gelaufen, Überschneidungen auf dem Konto.“ Ich hoffe, sie hat mir die Nummer abgekauft, für weiteres Palaver hab ich keine Kraft. Die T-Shirts neben mir wollen endlich anprobiert werden, also zerre ich sie fahrig von den Kleiderbügeln und will mich auf zur Kabine machen.
Sie tritt mir in den Weg und da sind sie wieder, die Falten auf ihrer Stirn. „Frau Brandt, das fällt mir nicht leicht, aber …“ Sie seufzt vernehmlich. „Das bringt doch jetzt nichts, wenn Sie probieren.“ Etwas leiser spricht sie weiter, denn das Pärchen schaut bereits neugierig zu uns herüber. „Vielleicht habe ich kein Recht, mich in Ihr Leben einzumischen. Aber ich denke, Sie brauchen Hilfe. Professionelle Hilfe.“
Kümmere dich um deinen Scheiß!
Wie zufällig holt sie eine Visitenkarte vom Ladentisch. Für mich sieht es aus wie ein von langer Hand geschmiedeter Plan. Da höre ich auch schon das Heulen des Windes, der durch meine Gehirnwindungen fegt und alle klaren Gedanken wegbläst. Dunkle Wolken türmen sich zu einem unheimlichen Gebilde auf, das die Konturen von Vater annimmt, als es zu mir spricht: „Lass mich das mal klären! Du weißt doch, dass du das nicht kannst, Kind!“ Die Worte hämmern im Rhythmus meines immer schneller werdenden Herzens auf mich ein. Tatsächlich war ich die letzten Tage kurz davor, Vater zu bitten, meine Rechnungen zu begleichen.
Frau Winter redet weiter, ich kann gerade noch verstehen: „Eine gute Freundin von mir. Vielleicht können Sie sich ja entscheiden, einen Termin zu machen?“
Es kostet mich viel Kraft, ihr das Bündel T-Shirts in die Arme zu drücken. Widerwillig ergreife ich die Karte und erwarte, mir jeden Augenblick die Finger zu verbrennen. Ein flüchtiger Blick auf die Buchstaben. Gerade, selbstbewusste Schriftzüge: Dorothea Siebling, Psychotherapeutin, Einzel- und Gruppentherapie. Das gibt es nicht, eine Psychotante.
Ich stecke die Karte ein, obwohl ich sie Frau Winter am liebsten zusammen mit den zwanzig Euro vor die Füße werfen möchte.
„Und noch was, Frau Brandt. Die Sachen, die Sie vergangene Woche mitgenommen haben, dürfen Sie mir gerne wieder bringen. Sie haben doch sicher noch nichts davon getragen, oder?"
Ich schüttle den Kopf und murmle: „Keine Sorge, Sie bekommen Ihr Geld.“ Dann reiße ich meinen Blick gewaltsam von der Kleidung los und verlasse den Laden.
Die feuchten zitternden Hände verstecke ich in den Manteltaschen, während ich durch die Innenstadt hetze. Daumen und Zeigefinger zerreiben unablässig das Papier der Visitenkarte. Es ist so einfach, die Zellulose zu zerfasern. Als sich die Schiebetüren des Kaufhauses für mich öffnen, legt sich das nervöse Zittern endlich.
Versagen
Es ist Zeit, einen Kaffee zu trinken. Seit zwei Stunden bin ich auf der Piste und ohne wache Lebensgeister ist das Laufen eine Zumutung. Die verdammten Wolfskin-Wanderschuhe scheuern an den kleinen Zehen, der zentnerschwere Rucksack zieht heute besonders an den Schultern und ich befürchte, gleich in der Taille auseinander zu brechen. Aber was soll das, ich brauche keine Ausreden, um mir einen Kaffee zu gönnen. Ich muss niemandem Rechenschaft über meine Befindlichkeiten ablegen, nicht einmal mir selbst.
Die kleine Bar fällt mir nur auf, weil die roten Plastikstühle mitten auf dem Weg wie Signalbojen aus dem Meer der gelbroten Pflastersteine leuchten. Wie ferngesteuert peile ich einen der Tische an der Hauswand an. Mauern, Umzäunungen, Hecken geben mir die Illusion von Sicherheit. Immerhin habe ich so meine Flanken im Blick und bin für eventuelle Angriffe gewappnet. Angriffe, immer diese Übertreibungen. Aber seit ich diese Reise angetreten habe, überfallen mich oft solche bizarren Ideen. Man sagt, Pilgern mache den Kopf frei. Eine haltlose Behauptung, mehr nicht.
Umständlich winde ich mich aus den Trageriemen des Rucksacks, um bloß nicht den straußeneigroßen Bluterguss am Oberarm zu berühren. Ein Andenken an die Anfangszeit meiner Reise, als ich das Monster im freien Fall mit meinem Bizeps abfangen wollte. Ein Fall von fataler Selbstüberschätzung.
Auf dem Fußabstreicher kriecht eine winzige Nacktschnecke, achtsam steige ich über sie hinweg. Der Perlenvorhang klimpert leise, als ich mich in die düstere Bar schiebe. Dunkles Holz und Naturstein, schlicht und rustikal, eine archaische Höhle wie hundert andere auch.
„Buenos dias.“ Ich lächle den Mann hinter dem Tresen an. „Un café con leche, por favor.“ Ich sollte auch eine Kleinigkeit essen. „Y un bocadillo con queso“, füge ich schnell hinzu.
Er brummt etwas Unverständliches in seinen Schnauzer und macht sich mit schwerfälligen Bewegungen am Kaffeeautomaten zu schaffen. Ein verirrter Schafhirte, der die Rolle des Baristas nur mimt, genauso schlecht wie ich die Pilgerin. Ich trete von einem Bein aufs andere, es gibt jetzt nichts Wichtigeres für mich, als die Schnecke zu bergen. Ich habe Angst, sie könnte in der Zwischenzeit von groben Wanderstiefeln zerquetscht werden. Hätte ich mich nur gleich um sie gekümmert! Wie lange dauert das denn noch?
Mein Geld liegt schon lange auf dem Tresen, als ich Kaffee und Brötchen entgegennehme und nach draußen balanciere.
„Na, du Kleine, du lebst ja gefährlich“, spreche ich zur Fußmatte, nachdem ich die Teller abgestellt habe. Aus meiner Seitentasche angle ich ein Papiertaschentuch und breite es vor dem Winzling aus.
„Spielst du schon wieder den Schutzengel, mein Spatz?“, höre ich die warme Stimme meiner Mutter. So klar, dass ich glaube, sie stände neben mir.
Die Schnecke macht mir die Freude und bewegt sich in die Richtung, in der ich sie haben will. Anfassen wäre keine Option, ich ekle mich vor dem Schleim. Auf ihrem fliegenden Teppich lasse ich sie auf das angrenzende Mäuerchen schweben. Meine Mission ist geglückt und ich bin zufrieden, nun kann ich meinen Kaffee genießen, der allerdings in der Zwischenzeit kalt geworden ist.
Ich schiebe die Sonnenbrille auf die Nase, dann schließe ich die Augen und lasse meine Gedanken treiben. Sie landen bei Robert, sein Gesicht erscheint wie ein Zerrbild, aber sein mitleidiges Lächeln kann ich erkennen. „Wer weiß, wofür diese Reise gut ist? Vielleicht spricht man dich in Santiago heilig oder selig oder sonst was. Die heilige Klara, Schutzpatronin aller vergessenen und gequälten Wesen, aller Hinfaller-und-nicht-wieder-Aufsteher.“
Es macht mich traurig und unsicher, dass mein Mann nicht begreift, ich muss mich um Kreaturen sorgen, die sonst keiner wahrnimmt. Ich nenne es Achtung vor dem Leben. Vielleicht hätte ich ihm das klar und deutlich sagen müssen, um ihm seine Überlegenheit aus dem Gesicht zu radieren.
Wenigstens hat er mir keine Steine in den Weg gelegt, darauf kommt es an. Das Wortspiel gefällt mir: Steine in den Weg legen, da hätte er alle Hände voll zu tun, achthundert Kilometer Camino. Jetzt sitze ich hier, alleine, lasse mich von der Sonne wärmen.
Die Schnecke ist verschwunden. Der Nachbar wird sich freuen, wenn sie sich über den Salat in seinem Garten hermacht.
„Unnützes Viehzeug!“ Ich zucke zusammen. Oma? Noch während ich aufspringe, sehe ich einen Schatten über die Hauswand huschen, der augenblicklich mit ihr verschmilzt, selbst zu Stein wird.
Schwerfällig schultere ich den Rucksack. Buen camino!
Mit gesenktem Kopf trabe ich weiter, starre auf den roten Staub der Maragateria, als wäre unter ihm die Antwort auf die Frage verborgen: Wer bin ich wirklich? Ich müsse nur genauer hinschauen. Mit einem Mal erscheint mir das Pilgern wie eine Schnapsidee, lächerlich, sinnlos und dumm.
Was mir bleibt, weiterhin einen Fuß vor den anderen zu setzen und den gelben Pfeilen zu folgen, oder noch besser, wieder eine Pause einzulegen.
Ich nehme einen kräftigen Zug aus der Wasserflasche und schlucke die Zweifel hinunter. Wie aus dem Nichts erscheint ein Sandwirbel auf dem Pfad und tanzt wie ein verrückter Tornado. Ein Rotkehlchen flattert ein Stück neben mir her, lässt sich im Gestrüpp nieder und mustert mich mit dunklen Knopfaugen. Dann zwitschert es munter, einen Gruß oder ein Spottlied, ich verstehe die Botschaft nicht.
Nachdenklich beobachte ich eine einsame Wolke, die sich allmählich auflöst, so wie meine Hoffnung, jemals mein wahres Selbst zu erkennen. Mir ist, als wolle ich meinen Schatten fangen. Er ist so nah, doch immer wenn ich nach ihm greife, entwischt er.
Allmählich steigt der Weg an, vor mir erstreckt sich die Bergkette der Montes de León, sie ruft Erinnerungen an die Heimat wach, an Wanderungen durch dunkle Nadelwälder. Dahinter erwartet mich Ponferrada, wahrscheinlich die nächste Gelegenheit, um in den Fernbus nach Santiago zu steigen. Eine verführerische Idee, mich und meinen Rucksack die letzten zweihundert Kilometer über Schnellstraßen schaukeln zu lassen. Nur weg aus dieser Sinnlosigkeit. Irgendeinen Flieger würde ich finden, der mich nach Hause brächte. Endlich wieder im eigenen kuscheligem Bett schlafen, anstatt auf den durchgelegenen Matratzen in den Herbergen.
Der Anblick von Santa Catalina de irgendwas ist auch nicht geeignet, mein Stimmungstief zu heben. Im Glockenturm hat sich ein Storchenpaar niedergelassen. Die Idylle ist trügerisch, ich spüre es, das ist kein heiliger, sondern ein vergessener Ort.
Ich passiere Fassaden aus rotem Schiefer, die Fenster der Gebäude vergittert, die Türen geschlossen und ich frage mich, ob ihre Bewohner, Greise und Vergessene, das Licht der Mittagssonne scheuen. Die Werbetafeln und Blumenkübel vor dem Gasthaus und der Herberge sind die einzigen Farbtupfer, die die Eintönigkeit brechen. Irgendwo in der Ferne blafft ein Hund, die Luft flimmert über der gepflasterten Dorfstraße.
Auf den ausgetretenen Treppenstufen eines Bauernhofes sitzt eine dreifarbige Katze in der Sonne und putzt ihr glanzloses, struppiges Fell. „Hallo Miezi!“, begrüße ich sie. Unbeeindruckt schaut sie kurz zu mir auf, anscheinend hat sie keine Lust auf ein Gespräch von Frau zu Frau. Als ich sie streicheln will, huscht sie durch ein Loch des maroden Bretterzauns. Ich erhasche einen Blick auf ihren ausgemergelten Körper, auf ihren Bauch, der fast auf dem Boden schleift. Dann höre ich ihre Klagelaute, ihr jämmerliches Rufen. Wusste ich es doch, sie sucht ihren Nachwuchs.
Mir ist, als öffnete sich der Samtvorhang vor einer Kinoleinwand, bevor der Hauptfilm beginnt. Die erste Kameraeinstellung: Ein kleines Bauernhaus, weiß getünchte Wände, Geranien vor den Fenstern, gackernde Hühner im Garten. Ich sehe ein Mädchen aus der Haustür kommen und die Treppenstufen herunterspringen. Es summt ein Liedchen. Die leichten Sandalen sind viel zu groß und es rutscht in ihnen hin und her, als wären sie mit Schmierseife eingerieben. Die Frisur zum Schreien. Wahrscheinlich hat die Kleine selbst Hand angelegt.
Wie alt wird sie sein? Vier, fünf Jahre vielleicht?
Die Kleine legt den Kopf schräg, lächelt mich schüchtern an, nimmt mich bei der Hand und zieht mich mit. Bereitwillig folge ich ihr. Ich glaube zu wissen, was sie mir zeigen wird.
Wir schauen uns verstohlen um. Niemand hat gesehen, dass wir das Grundstück verlassen. Unser Weg führt zunächst am Zaun entlang, dann schlagen wir einen Haken zum nahe gelegenen Kornfeld. Am Rand des Feldes hat sich eine Katze im Gras ein Wochenbett gebaut. Nassglänzende Neugeborene drängen sich an ihren Leib und ringen mit piepsigen Stimmchen um die Milchdrüsen. So klein und schon so verfressen. Die alte Katze putzt und leckt die Feuchtigkeit vom Fell der kleinen Tiger.
Ein Schatten fällt auf das Gesicht des Kindes. Dann sehe ich das Entsetzen in seinen Augen.
Die Katze schleckt nicht. Sie frisst gerade ein Junges auf.
Beherzt, mit dem Mut der Verzweiflung rafft die Kleine ihr Schürzchen und packt ein Neugeborenes nach dem anderen hinein, um sie vor der Fressgier der Mutter zu schützen.
Ich schaue ihr noch nach, wie sie den Wurf ins Haus zur Mutti trägt. „Mama, Mama, die Miezi will ihre Babys fressen! Ich habe sie gerettet!“
Meine Mutter hatte über mich gelacht, mir zärtlich übers Haar gestrichen und mir erklärt, dass die Miezi niemals ihre Kinder fressen würde, dafür hätte sie sie viel zu lieb. Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Es kostete sie einiges an Überredungskunst, mich davon zu überzeugen, die jungen Kätzchen zurückzubringen. Aber irgendwann glaubte ich ihren Versprechungen, dass alles gut werde. Ich brachte die Schreihälse dorthin zurück, wo sie hingehörten. Dankbar und flink leckte die alte Katze die drei Entführten ab.
Dummköpfchen, denke ich. Aber woher sollte ich damals auch wissen, dass die Katze nur die Nachgeburt gefressen hatte, und soweit ich mich erinnere, hat mich niemand aufgeklärt, kein Wort über Bienchen und Blumen verlauten lassen und auch nicht über die anderen Dinge des Lebens.
Den ganzen Nachmittag war ich damit beschäftigt, mich immer wieder heimlich zum Bett im Kornfeld zu schleichen, um zu prüfen, ob meine Mutter die Wahrheit gesprochen hatte. Ich konnte mich überzeugen: Alles war gut. Die kleinen, wunderschönen Tiger saugten gierig und die alte Katze, erschöpft von der Geburt, schnurrte leise vor sich hin.
Was weiß eine Vierjährige schon vom Wunder des Lebens. Trotzdem muss ich das Besondere, das Großartige dieses Ereignisses erspürt haben. Still und verzaubert kauerte ich im Gras. Zaghaft streichelte ich die warmen, samtweichen Körper, darauf bedacht, ihnen nicht wehzutun.
Ich lächle glücklich. Die Erinnerung beflügelt mich, meine Schritte sind leicht und federnd. Der Duft von gemähtem Gras und weidenden Kühen liegt in der Luft. Ein Blitz zuckt durch mein Hirn: Meine Oma, braun gebrannt, mit hartem Gesichtsausdruck.
Geh’ weg!
Nein, ich will das nicht sehen! Aber ich bin wehrlos, die Erinnerung greift mit eisigen Fingern nach mir.
Großmutter nähert sich mit energischen, raumgreifenden Schritten dem kleinen Gehöft.
Freudestrahlend renne ich ihr in meinen viel zu großen Sandalen entgegen. Schon von Weitem rufe ich: „Oma, Oma, die Katze hat Junge!“
Sie lässt sich von mir zu der kleinen Familie am Feldrain führen. Ich hüpfte vor ihr her, die Grashalme kitzeln an meinen Beinen.
Plötzlich hat sie es sehr eilig. Ein kurzer Blick auf den Wurf, mit geübtem Griff reißt sie ein Katzenkind nach dem anderen von der Milchdrüse der Mutter und auch sie nutzt ihre geraffte Schürze als Transportmittel für die wimmernde Brut. Jetzt stolpere ich hinter ihr her und will sie um jeden Preis aufhalten, denn mir ist klar, hier läuft etwas falsch. Ich falle hin, rapple mich wieder auf, renne weiter.
Wie ein entschlossener Krieger postiert sich meine Großmutter vor dem Scheunentor, ihr Gesicht versteinert. Mit ihrer linken Hand hält sie den Schürzensaum umfasst, ihre Rechte greift sich das erste Kätzchen und schleudert es mit aller Kraft an das Tor. Ein dumpfes Geräusch, ein Leben ausgelöscht.
„Nein“, schreie ich wie am Spieß und laufe zu ihr, zerre an ihrem Rock, präsent, aber nicht hinderlich. Ehe ich mich versehe, fliegt das zweite Geschwisterchen durch die Luft, piepst entsetzlich, bevor der Aufprall seiner Angst und seinem Leben ein Ende setzt.
Vielleicht gibt es eine Möglichkeit für mich, wenigstens das letzte Kätzchen zu retten. Ich umklammere Omas Bein - sie soll ihren Halt verlieren - und flehe sie an: „Oma, Oma, bitte nicht!“
Sie hört mich nicht. Wieder das ängstliches Quieken, die hilflose Kreatur im Flug, der Laut, der den Tod bedeutet. Stille.
Oma hat entschieden. Ich habe versagt.
Sie nimmt mich endlich wahr, nur um mich wie ein lästiges Insekt wegzuschieben. Dann bückt sie sich nach den winzigen Kadavern und schmeißt sie achtlos auf den Misthaufen.
Meine Großmutter blafft: „Lass das Geflenne!“ Dann lässt sie mich stehen. „Unnützes Viehzeug.“
Ich schluchze, als könnte ich mein Leben lang niemals wieder damit aufhören. Meine Hände sind zu Fäusten geballt. Ein hilfloser Zwerg am Rande der Verzweiflung.
Eine erwachsene Frau Jahrzehnte später, die leise vor sich hin weint. Salzige Rinnsale des Schmerzes. Und obwohl ich weiß, es ist das Kind in mir, das unter dem Gefühl der Trauer leidet, kann ich nicht damit aufhören.
Ich erkenne, ich muss den Schmerz aus dieser vergangenen Zeit zulassen. Ich muss ihn akzeptieren, nur für eine Weile. Irgendwann wird er schrumpfen, dann kann ich mich befreien von allen Zweifeln an mir selbst.
Ich öffne die Fäuste. Ich muss weiter, muss meinen Weg gehen.
Schwarze Knopfaugen beobachten mich. Das Rotkehlchen legt sein Köpfchen schräg und singt sein Lied.
Schon im Flur höre ich die Männerstimmen. Ich könnte schwören, das verhaltene Lachen ist das von Frank. Nachdem ich leise Jacke und Schal abgelegt habe, fahre ich mit den Fingern durch die Haare, prüfe mein Spiegelbild und warte. Da ich nicht verstehen kann, worüber gesprochen wird, zwinge ich mich, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Die knarzenden Dielenbretter und mein hüpfendes Herz ignoriere ich. Als ich im Türrahmen erscheine, verstummt das Gespräch.
„Du bist spät dran, Schatz“, empfängt mich Joachim und nippt an seinem Bier.
Frank schnellt wie ein Springmesser vom Stuhl hoch und stößt gegen den Küchentisch, dabei schwankt die Flasche Radeberger bedrohlich. „Hey, Carla!“, ruft er eine Spur zu laut und schenkt mir einen Linksrechtskuss. Er tut so, als würde keine Mauer zwischen uns stehen. Keine Mauer aus Hoffnung und Enttäuschung, die nur durch Worte eingerissen werden könnte.
Ich bin verunsichert und befürchte, man sieht es mir an. „Was heckt ihr zwei da aus?“, will ich wissen, während ich ein Glas mit Leitungswasser fülle. Meine Kehle ist trocken.
„Wir haben Karten. Für den Faschingsball am Samstag. Jetzt geht’s drum, was zieh’n wir an.“ Frank zwinkert mir zu.
„Ach? Da freu’ ich mich für euch. Ihr gebt bestimmt ein schönes Paar ab.“
„Wenn du uns lieb bittest, nehmen wir dich mit“, wirft mir Frank den Ball zurück.
„Ich hab aber schon andere Pläne.“
„Carla, das Leben besteht nicht nur aus Arbeit. Amüsier dich mal!“
Wie es aussieht, haben die beiden Jungs soeben beschlossen, mich weich zu klopfen. „Wann war’n wir das letzte Mal weg, hm? Voriges Jahr ging es auch nicht, als du …“
„… schwanger warst. Genau. Warum sprichst du es nicht aus!“ Ich trinke einen Schluck Wasser, muss mein Gesicht hinter dem Glas verbergen. Die Narbe im Unterleib zieht. Ich atme tief durch. „Ringelpiez mit Anfassen. Was sagt denn Babs dazu?“
Frank räuspert sich. „Ja, doch, findet sie gut.“ Er greift sich in den Hemdkragen. „Jedenfalls hat sie nix gesagt.“
„Sie weiß es noch nicht, stimmt’s?“ Ich muss lachen, obwohl mir nicht danach zumute ist.
„Sie wird es erfahren, so bald ich daheim ankomme.“
„Ich wollt’ sie schon die ganze Zeit besuchen. Ich schaff’ irgendwie nicht.“ Der Satz bleibt mir beinahe im Hals stecken. „Wie geht’s ihr denn?“ Noch während ich spreche, erkenne ich, wie oberflächlich sich meine Frage anhören muss. So, als ob ich nicht wüsste, wie man sich fühlt, wenn man Abschied nehmen musste. Erst von einem Kind, dann von einer Idee.
„Sie hat alles gut überstanden.“ Er macht eine Pause, als müsse er jedes Wort genau abwägen. „Sie kommt klar, denk’ ich. Weißt doch, sie ist hart im Nehmen.“
„Na, du musst es ja wissen.“
„Ach, komm Carla, sei kein Spielverderber!“, sagt Joachim. Genau der schmachtende Singsang, wie er ihn anstimmt, wenn er meint, ich sollte wieder mal meinen ehelichen Pflichten nachkommen.
„Muss es ausgerechnet ein Maskenball sein? Ich würd’ mal wieder ins Theater oder Kino geh’n, dieses Remake mit Richard Gere, wie heißt das gleich noch? Betrug?“
„Untreu.“ Frank hat wieder diesen Blick aufgesetzt, von dem ich mich aufgespießt fühle. Er tänzelt auf mich zu, umfasst meine Taille und schiebt mich sanft, aber bestimmt durch die Küche. „Können wir ja später mal machen!“ Er lacht.
„Kindskopf, alberner!“ Ich kann dem Idioten nicht böse sein.
„So, Freunde. Ich muss!“ Frank wirft sein Sakko über die Schulter. „Bis Samstag dann.“
Wir begleiten ihn zur Tür und schauen ihm nach. Er überspringt jeweils eine Stufe, winkt uns flüchtig zu und verschwindet aus meinem Blickfeld, als hätte es ihn nie gegeben.
„Babs hat’s auch nicht leicht“, sagt Joachim mehr zu sich.
Was er damit meint, will ich nicht wissen.
„Hast doch bestimmt Hunger, hm?“
Ich nicke nur.
„Los komm! Ich hau’ uns schnell ’n paar Eier in die Pfanne!“
„Gute Idee.“ Nur zu gerne würde ich die Verlorenheit ausblenden, die sich wie ein leises Gift in jede Zelle stiehlt und mich lähmt.
Dunkelheit umgibt die Körper wie eine böse Vorahnung. Sie gibt nur ein paar Stellen nackte Haut preis, makellos und mit einem Leuchten, das von innen zu kommen scheint. Die Blondine hat den Kopf in seinen Schoß gelegt. Ihre Fingerspitzen berühren - zart wie Schmetterlingsflügeln - seinen muskulösen Bauch. Mit jedem Atemzug saugt sie seinen Geruch ein und genießt ihre Begierde.
Da bin ich mir sicher, je länger ich das Plakat betrachte.
„Könnte man direkt neidisch werden, stimmt’s?“, sagt jemand hinter mir, sodass mein Herz einen Schlag aussetzt. Ich wirble herum und blicke in Franks belustigtes Gesicht. „Soll wirklich ein guter Streifen sein, ’ne Paraderolle für die Lane … “
„Sag mal, hast du sie noch alle? Mich so zu erschrecken.“ In letzter Sekunde zügle ich meinen Impuls, ihm eine runterzuhauen.
„Sorry! Blöd von mir! Aber als ich dich da sah … Ich dachte halt … Hätt’ ich weiterlaufen sollen, oder was?“
„Und du bist ganz zufällig hier langgekommen. Weißt nicht, dass ich um die Zeit den Laden schließe?“ Wie auf Stichwort beginnt die Glocke der Rathausuhr blechern zu schlagen.
„War im Reisebüro.“ Er macht eine knappe Kopfbewegung. „Komm!“, sagt er und berührt vorsichtig meinen Arm. „Bis zur Kreuzung.“
Schweigend laufen wir nebeneinander. Die Köpfe gesenkt, die Hände tief in den Jackentaschen vergraben. Einer das Double des anderen. Und obwohl eisige Windböen um die Häuserecken fegen, wünsche ich mir, dass wir immer so weiterliefen, ohne Bestimmung, dass wir keine andere Wahl hätten.
„Ihr wollt in Urlaub fahren? In die südliche Sonne?“, frage ich.
„Mal seh’n. Wenn die Kinder Ferien haben. Babs muss auch mal raus. Is’ alles nicht so einfach. Im Moment.“
„Was? Der Winterblues?“
„Mensch, Carla, frag doch nicht so!“
„Wie soll ich denn …?“
Er bleibt stehen und sieht mich ernst an. „Kannst du dir vorstellen, dass ich unsere Gespräche, unsere Scherze vermisse? Ich komm mir vor wie ein verdammter Schuljunge. Du spukst in meinem Kopf.“ Seine Stimme ist rau und fremd. „Ich kann nix dagegen machen.“
Und plötzlich sehe ich die Szene wieder vor mir, glasklar und messerscharf. Die Geburtstagsfeier von Babs. Ich lehne am Fensterrahmen und beobachte tanzendes Laub. Das Lachen aus dem Nebenraum wird unerträglich. Frank hat mich im Halbdunkeln gefunden, tritt hinter mich, flüstert in mein Haar und küsst für einen Sekundenbruchteil meine Traurigkeit weg.
Er holt mich zurück in den frostigen Winterabend. „Ich frag’ mich oft, was wäre, wenn wir uns früher begegnet wären.“
Ich wünsche mir, dass er mich in den Arm nimmt und mich wärmt, aber ich sage: „Lass’ gut sein, Großer!“ Scharf ziehe ich die Luft durch den Mund ein, dann imitiere ich seine Stimme: „Meine Frau versteht mich nicht mehr!“
Er lacht.
„Ich kann das nicht, Frank!“, flüstere ich. Mit der Kälte kriecht die Angst in mir hoch. Die Angst, enttäuscht zu werden und alles zu verlieren. Meine Haut ist so dünn geworden. „Danke für’s Bringen!“ Der Wunsch, allein zu sein, wird übermächtig. Wer braucht schon Geständnisse, die in eine Sackgasse führen? Das mache ich mit mir aus. Meine Augen tränen vom scharfen Wind.
Babs schält sich als Erste aus ihrem Mantel. Eine Komposition aus Blau und Silber kommt zum Vorschein. Ausgesprochen geschmackvoll, sehr harmonisch, die kleine Meerjungfrau. Wenn es stimmt, dass eine Verkleidung die unterbewusste Sehnsucht danach ausdrückt, was wir sein wollen, dann wünscht sich Babs, die Frau ohne Unterleib zu sein. Verständlich, nach den Erlebnissen der letzten Wochen. Ich hätte ihr beistehen sollen. Ihr sagen müssen, dass man lernen muss, seine Gedanken zu steuern, weg vom Zentrum des Schmerzes hin zu anderen Aufgaben oder auch zu anderen Männern. Alles beginnt im Kopf. Auch das Ende des Kummers.
Wir könnten uns immer noch zum Kaffeekränzchen treffen, gegenseitig Händchen halten und unsere Herzen ausschütten. Besser nicht. Ich bleibe auf Distanz.
Mein Schweigen ist wenigstens ehrlich.
So ehrlich wie meine Verkleidung, weil sie keine ist. Ich trage mein kleines Schwarzes. Heute bin ich Verführerin und Trauernde, heute werde ich auf dem Vulkan tanzen. Der Augenblick, in dem ich glaube zu ersticken, ist schnell vorbei.
Frank hat ein Auge unter einer schwarzen Klappe versteckt, aber dafür spüre ich seinen Blick umso intensiver, der über meine bloßen Arme und Schultern spaziert und am Ausschnitt Rast macht. Meine Haut kribbelt. Der Gedanke, ich könnte das Schiff sein, das der Freibeuter der Meere heute entern will, erregt mich.
Nachdem Joachim von der Garderobe zurück ist, setzt sich unsere kleine Prozession in Bewegung.
Hitze schlägt uns entgegen, im Saal kann man sein eigenes Wort nicht verstehen. Ein Mönch und eine Nonne winken uns aufgeregt zu. Fast hätte ich die beiden nicht erkannt, die einen Sechsertisch für uns besetzt halten.
Die Masse tobt und grölt den Text mit, den Anton aus Tirol vorgibt. Er preist gerade seine Figur an, die angeblich ein Wunder der Natur ist. Ein Harlekin wirft eine Papierschlange nach Babs, nimmt sie bei der Hand und zieht sie auf die Tanzfläche. Als wir uns weiter durch die Tischreihen zwängen, bleibt Joachim mit dem wadenlangen Flanellnachthemd hängen. Er sieht so hilflos aus. Ein bisschen tut er mir leid, aber er wollte es ja so.
Bevor Joachim von der Ordensschwester entführt wird, zuckt er mit den Schultern und schenkt mir einen letzten verzweifelten Blick. Babs bleibt auch verschwunden. Unser Tisch ist verwaist. Frank nickt und malt Kreise in die Luft. Seine Aufforderung zum Tanz. Er geht vorneweg, schiebt sich durch das Gedränge, teilt für mich das Meer, mein verwegener Piratenkapitän.
Erst setze ich die Füße fest auf den Boden, dann springe ich, immer höher und höher, und wenn alles vibriert in mir, dann hebe ich ab. Ich habe beinahe vergessen, wie sehr ich diese Verwandlung mag und wie befreiend sie sein kann.
So geschmeidig, wie es mein knappes Kleidchen zulässt, schraube ich meinen Po auf den Barhocker. Frank steht neben mir und fächert uns mit der Getränkekarte Luft zu. „Was willst’n trinken? Sex on the Beach, Leuchtturm?“ Er entscheidet für mich: „Sex ist immer gut.“
In der Spiegelwand kann ich mich sehen, das Hütchen mit dem Tüllschleier verleiht mir etwas Lächerliches. Ich komme mir vor wie eine misslungene Mischung aus Vamp und meiner eigenen Großmutter. Wenigstens ist das Licht vorteilhaft, das, was vom Gesicht übrig ist, sieht jung und erhitzt aus. Die Schatten sind verschwunden.
Wir saugen schweigend an den Strohhalmen, der Cocktail ist klebrig süß. Ich weiß nicht, der wievielte es ist, ich habe nicht mitgezählt. Frank reibt sich an meinem Schenkel. Ich lasse mich nicht lumpen und erwidere den Druck, kein Blatt Papier passt zwischen uns. Er dreht mich schwungvoll zu sich und mir wird schwindlig, als ob ich Karussell fahren würde. Mit meinem Zeigefinger zeichne ich geheimnisvolle Muster auf seine nackte, verschwitzte Brust. Meine roten Krallen wirken billig und obszön und unecht, so wie mein Gekicher. Mir egal, ich amüsiere mich.
„Nimm doch mal die alberne Gardine weg.“ Im nächsten Augenblick hebt er den Schleier von meinem Gesicht. Unsere Blicke verhaken sich. „Warum versteckst’n deine Augen?
„Vielleicht hab ich Angst, dass du meine Gedanken liest.“ Ich bin nicht sicher, ob ich das ausgesprochen habe.
„Du hast schöne Augen, weißt du das? Blau und tief wie das Meer“, blödelt er. Dann wird er ernst, nimmt mein Gesicht in beide Hände und küsst mich.
Die Lippen sind weich, die Zunge fordernd. Es gibt nur uns beide, wir treiben in einem Raum, der nur aus Zärtlichkeit besteht. Hände streicheln mich, sind überall gleichzeitig, sogar in mir. Seltsam. Ich kann die Berührungen genießen wie schon lange nicht mehr. Ich lasse mich fallen. Das Bett unter mir ist weich, ein Wasserbett, es schaukelt sanft. Das Meer rauscht. Er drückt meine Schenkel auseinander, dringt in mich ein, es geht so einfach. Logisch, denke ich, ich bin klebrig süß und unersättlich. Und billig. Wer ist der Kerl eigentlich, dem ich mein Becken entgegenrecke? Ich öffne die Augen. Er trägt eine Maske, doch ich weiß mit einem Mal, es ist Richard Gere, ja genau, der junge Richard Gere. Er stöhnt, dann spricht er mit Franks Stimme: „Amüsierst du dich?“ Sein Gesicht zerfließt, bevor ich ihm sagen kann, wie sehr ich ihn liebe. Ich schließe die Augen wieder, das Gesicht ist nicht wichtig. Wichtig ist, dass ich alles, was geschieht, deutlich erspüre. Er treibt von mir weg, doch ich will, dass er härter zustößt, es darf ruhig wehtun, muss wehtun. Ich bin hart im Nehmen. Ich kralle mich in seinen Rücken, bis ein scharfer Schmerz meine Eingeweide durchzuckt. Das Boot schwankt und droht zu kippen, als der Mann die scharfe Klinge aus meinem Körper zieht. Er nimmt die Augenklappe ab und grinst. Blut läuft über Franks Hand. Dort wo mein Unterleib sein sollte, klafft eine offene Wunde. Ich schreie. Lautlos.
Das Bett neben mir ist leer.
Joachim ist frisch rasiert und geduscht, die Haare noch feucht. Er deckt den Frühstückstisch, als ich in die Küche schlurfe.
„Na du, du kommst gerade richtig“, sagt er aufgekratzt. „Siehst ein bisschen käsig aus.“
Jedes Wort von ihm gleicht einem Paukenschlag, mein Kopf dröhnt.
Er hat Brötchen aufgebacken, Salami hauchdünn geschnitten, Erdbeerkonfitüre und Joghurt auf den Tisch gestellt. Eine Kerze flackert. Er hat sich richtig Mühe gegeben. Beim Anblick des Rühreis dreht sich mir der Magen um.
„Mir ist schlecht.“ Ich lasse mich auf einen Stuhl fallen, meine Arme baumeln kraftlos an mir herab, als wären sie nur mit wenigen Stichen am Rumpf festgenäht.
„Mach, was du willst! Ich fang jetzt an. Schwofen macht hungrig.“
Es ist nicht mit anzusehen, wie gierig er schlingt. Ich hole mir einen Becher Kaffee aus der Maschine, die ein letztes Röcheln von sich gibt, trete ans Fenster und schaue in den Garten.
„War doch toll gestern, oder? Mal was anderes.“ Er spricht mit vollem Mund. „Weißt du, manchmal ist es ganz einfach: Hürde nehmen und zack …“ Das Brötchenmesser muss ihm aus der Hand gesprungen sein. „Ich bin richtig stolz auf dich, Carla. Ein guter Weg.“
Die Kalendersprüche nerven. Schon lange. Sicherheitshalber vergewissere ich mich, doch er liest nicht ab, er hat das wirklich auswendig gelernt.
„Achim?“, unterbreche ich den Exkurs in die Küchenpsychologie.
„Ja, Schatz?“
„Welche Augenfarbe habe ich?“
Er zögert. Zu lange. “Graublau.“
„Aha.“ Kann man gelten lassen, füge ich in Gedanken hinzu, aber nur, wenn das Meer aufgewühlt ist.
Es beginnt zu schneien. Plötzlich ist es ganz still. Auch in mir. Ich stelle mir vor, wie der Schnee alles zudeckt, die schmutzigen Kieswege, die Sehnsucht und die Scham.
Die Berührung glich einem Windhauch, doch ich war sicher, es war kein Zufall. Der Hospitalero stand viel zu dicht neben mir und ich spürte den Blick der dunklen Augen wie Nadelstiche auf meiner Haut. Mit ausgestrecktemg Arm beschrieb er einen Bogen durch den leeren Schlafraum, als wolle er mir ein Königreich zu Füßen legen. Dabei hatte ich in den letzten Wochen nichts gesehen, das an diese Schäbigkeit herangereicht hätte. Feuchtes Mauerwerk, wacklige Stapelbetten, fleckige Schonbezüge. Kurz musste ich dem Impuls widerstehen, sofort umzudrehen. Doch es gab eine Abmachung mit mir selbst: Pilgern mit allen Konsequenzen.
Als die Tür aufgerissen wurde, atmete ich erleichtert auf. Eine Naturgewalt auf zwei Beinen zwinkerte dem überraschten Spanier zu und sagte: „Wow, geiler Schuppen!“ Dann knallte sie ihren Rucksack auf die Fliesen, die Basecap auf das erstbeste Bett und drückte mir fest die Hand. „Bibi. Und wer bist du?“
Ich verzog mich in die Dusche, die mit modernen, blitzblanken Armaturen überraschte, und gab mich dem heißen prasselnden Wasser hin. Nachdem ich mir den nötigen Stempel in den Pilgerpass abgeholt und die fünf Euro Gebühr bezahlt hatte – wenigstens war es preisgünstig -, erkundete ich das Dorf. Hornillos del Camino, ein Ort wie viele am Weg, die ihr Siechtum hinter klangvollen Namen verbergen: eine Kirche, zehn Häuser, davon drei Herbergen, eine Bar, mehrere kläffende Hunde. Am Ortsausgang bog ich in einen Feldweg ab, setzte mich auf eine Steinmauer und ließ die müden Beine baumeln. Vor mir sanfte Hügel, Weiden, auf denen träge Kühe vergeblich versuchten, sich die Fliegen vom Leib zu halten. In die Stille des Nachmittages drängte sich das sonore Brummen eines Motors.
Zwischenzeitlich war in unseren Schlafraum eine Gruppe junger Männer, Iren oder Engländer, wie eine Horde Heuschrecken eingefallen und richtete sich lautstark häuslich ein. Rucksäcke und Kleidung lagen kreuz und quer auf dem Boden verstreut.
Bibi fläzte auf ihrem Bett, tippte angestrengt in ihr Handy. Ich schlängelte mich durch das Chaos und suchte ihren Blick.
Ein großer, kräftiger Bursche warf seinen Schlafsack auf das Bett über mir. Das Metallgestell quietschte und erzitterte, als er sich am Fußende nach oben hievte. Sprossenleiter Fehlanzeige.
„Das glaub ich jetzt nicht! Siehst du den Kerl?“, fragte ich Bibi.
„Ja, na und, is‘n mit dem?“
„Mensch, der ist halb so alt wie ich und mindestens dreimal so schwer. Was mach ich denn, wenn der heut Nacht runterkracht?“
Sie schaute mich an, als hätte sie meine Frage nicht verstanden, dann grinste sie schief. „Genießen?“
Der Morgen war noch jung und auf alle Fälle frischer als ich. Nach einer unruhigen Nacht war ich als Erste aus der Unterkunft geflohen. Jedes Mal, wenn sich der Bär über mir gedreht hatte, bebte das Doppelstockbett. Mit steifem Nacken stand ich auf meinem Wanderstock gestützt am Feldrand und schaute der Mannschaft Störche zu, die einem Traktor mit Pflugschar hinterherstakste. Sowie der Pflug die fette Erde aufriss, schnappten die Vögel nach ihrer Beute. Die vorwitzigsten unter ihnen wagten sich so nahe an die Maschinerie, dass ich befürchtete, sie würden gleich mit untergepflügt.
„Hallo Klara! Warum hast du denn nicht auf mich gewartet?“, fragte Bibi, die wie aus dem Boden gewachsen schien.
Die Antwort blieb ich ihr schuldig.
Eine Zeitlang schauten wir den Vögeln bei ihrer abenteuerlichen Nahrungsaufnahme zu, dann fischte Bibi ihren Pilgerführer aus der Bauchtasche und checkte unsere Chancen auf Frühstück.
„Komm, keine Müdigkeit vorschützen!“ Sie stupste mich mit der Schulter an. „Ein kleiner Schwarzer wird uns guttun. Ich lad dich ein.“
Der Weg verlief schnurgerade, wie mit dem Lineal gezogen, bevor er sich am Horizont in der Unendlichkeit verlor. Wiesen und Äcker erstreckten sich zu beiden Seiten. In den letzten Tagen hatten wir uns beschnuppert und einen gemeinsamen Trott gefunden. Mit jedem Schritt wirbelten wir Staub auf.
„Hast du eigentlich so was wie ’nen Mann, Klara?
„Nein.“
„Und warum?“, fragte sie. „Ist doch scheiße, so ganz ohne, oder nicht?“
„Bibi, bitte! Ich mag jetzt nicht.“
„Weißt du, ich wollt dir die ganze Zeit schon was erzählen.“ Sie machte eine Pause, doch als ich nichts erwiderte, sprach sie weiter: „Er ist ein ganz lieber Mensch.“
Ihre Stimme hörte sich mit einem Mal fremd und rau an.
„Und das Aber?“, fragte ich.
„Na ja“, fuhr sie fort, „ist ein bisschen kompliziert. Seine Kinder sind in einem schwierigen Alter.“ Sie druckste herum. „Er meint, wir dürfen nix überstürzen.“
Alles in mir wehrte sich. Ich wollte die Geschichte nicht hören von klebriger Liebe, die am Ende doch nur von Lügen und Schmerz verschüttet wird. „Ach Bibi, das ist jetzt nicht dein Ernst. Die klassische Dreiecksbeziehung.“ Ich konnte ein Seufzen nicht unterdrücken. „Lass die Finger davon!“
„Klingst wie meine Mutter. Da hab ich keinen Bock drauf.“ Ihre Augen funkelten.
„Möglich. Sicher ’ne kluge Frau.“ In Bibis Ohren musste ich mich wie eine Gouvernante aus Viktorianischer Zeit anhören, doch ich redete weiter: „Weißt schon, dass die Geliebte immer den Kürzeren zieht?“
„Glaub ich nicht. Er liebt mich wirklich“, sagte sie trotzig. Für einen Augenblick dachte ich, sie würde mit dem Fuß aufstampfen.
„Ist dein Leben. Wer’s mag. Du hockst an den Wochenenden und Feiertagen alleine zuhause und wartest, dass er es einrichten kann vorbeizukommen. Sei es nur auf eine schnelle Nummer.“ Ich war laut geworden und in meinen Worten lag eine Schärfe, wie ich sie von mir nicht kannte. „Willst du deine schönsten Jahre vertun? Ist es das wert?“
Bibi war stehen geblieben und sah mich verstört an. „Haste deine Tage, oder was?“
„Vergiss es! Geht mich ja nichts an.“ Staubkörner knirschten zwischen meinen Zähnen. Ich fischte die Wasserflasche aus dem Rucksack, spülte den Mund und spuckte aus. „Irgendwann wird er bereuen, seine Familie für dich verlassen zu haben, nichts, was du tust, wird ihn zufrieden stellen. Und dann, dann Bibi, dann wird er dich hassen.“
„Aber du kennst ihn doch gar nicht.“
Wütend wischte ich mir die Tränen weg. Verdammte Staubkörner! „Ich weiß, wovon ich rede“, flüsterte ich, doch Bibi hatte mich verstanden.
Sie streichelte meinen Arm.
„Ist lange her.“ Dankbar, dass sie nicht weiter bohrte, lächelte ich sie an und der Gedanke, wer liebt, hat schon verloren, war so lebendig wie niemals zuvor.
„Ich brauch jetzt ‘ne Pause!“, japste ich. „Meine Füße fühlen sich an, als würden sie in Salzsäure baden.“
Wir entkamen der Mittagssonne, indem wir es uns im Schatten einer Weißdornhecke bequem machten. Ich zog meine Wanderschuhe aus, die Socken legte ich zum Trocknen ins Gras. Die aufgequollenen Zehen boten einen grotesken Anblick, sie erinnerten an einen Wurf neugeborener Hamster, rosarot und verletzlich.
„Bist du deshalb unterwegs?“, fragte Bibi und biss in eine Birne. Sie ließ mich nicht aus den Augen.
Erst wusste ich nicht, was sie von mir wollte. „Frag nicht so viel!“
„Wer fragt, hält das Gespräch in den Händen.“
„Wo hast`n das wieder aufgeschnappt?“ Wider Willen musste ich schmunzeln.
„Was meinst’n zum Cruz de Ferro?“
„Was soll ich sagen? Prima Sache.“ Ich zuckte mit den Schultern. „Für die, die dran glauben.“
„Also, ich hab ja einen Stein von zuhause mitgebracht. Den leg ich ab.“ Sie drückte mir die Birne in die Hand und holte aus der Seitentasche ihrer Wanderhose einen Kieselstein, den sie mir unter die Nase hielt. „Solltest du auch tun.“
„Sagt wer?“
„Na ich.“ Sie wirkte unsicher.
„Toll! Und du glaubst ernsthaft, du solltest anderen gute Ratschläge geben?“ Wenn ich sie verletzt hatte, dann ließ sie es sich nicht anmerken.
„Jeder macht das, Klara“, sagte sie.
„Was? Gute Ratschläge geben?“
„Sei nicht albern! Ich mein, ist doch gut, man legt mit dem Stein seine Sorgen, Sünden oder Ängste nieder, in der Hoffnung, etwas Neues, Besseres dafür zu bekommen“, sagte sie überzeugt wie ein Kind, das an den Klapperstorch glaubt.
„Ja, Bibi, brauchst mir keinen Vortrag zu halten, ich hab darüber gelesen. Tut mir leid, mit so ’nem Hokuspokus kann ich nichts anfangen.“ Ich lachte auf. „Das hätte mir gerade noch gefehlt, dass ich einen Stein durch Nordspanien schleppe. Hab jedes Ding gewogen, bevor ich gepackt hab. Und trotzdem trag ich zu viel Gepäck mit mir rum. Bei aller Liebe, aber so bescheuert bin nicht mal ich.“
„Bin ich eben bescheuert. Na und? Immer noch besser als eine verbitterte alte Jungfer zu sein, die immer alles besser weiß.“ Bibi sprang auf und schrie mich an: „Der gesamte Camino ist voller Symbole. Und du siehst sie nicht. Was willst du überhaupt hier, hm? Wenn du auf alles und jeden nur spuckst?“
„Kann ich dir sagen: Laufen. Und meine Ruhe. Vor allem meine Ruhe“, sagte ich ruhig. Ein starker Drang, Bibi weh zu tun, überkam mich. Ich wollte sie schlagen oder den Hang hinunterschubsen.
„Ich muss mir diesen Stuss nicht länger anhören. Wird uns gut tun, wieder alleine zu sein.“ Sie schnappte sich ihre Sachen und ließ mich im Gras sitzen.
Die angefressene Birne warf ich ihr nach.
Der Grashalm, auf dem ich seit einer Ewigkeit herumkaute, war schon ausgefranst und schmeckte bitter.
„Smakelijk eten“, sprach mich jemand an.
Ich zuckte zusammen. Obwohl ich die ganze Zeit in die Richtung gestarrt hatte, aus der er gekommen sein musste, hatte ich den Pilger mit dem Dreitagebart nicht wahrgenommen.
„Wie geht es mit dir?“, fragte er und deutete auf meine nackten Füße. „Hast du etwas nötig?“
Der unverkennbar holländische Akzent hörte sich charmant an.
„Nein. Alles gut“, sagte ich. Jedenfalls mit den Füßen.
Er musterte mich noch eine Weile, öffnete den Mund, als wolle er noch etwas Wichtiges loswerden, doch dann hob er nur die Hand und rief: „Buen Camino!“ Lachfältchen wuchsen im sonnengegerbten Gesicht. Mit kraftvollen Schritten federte er davon.
Umständlich erhob ich mich, hüpfte durchs Gras beim Versuch, die feuchten Socken und Schuhe anzuziehen, und musste schmunzeln, weil mir spontan der spannenlange Hansel und die nudeldicke Dirn einfielen. Lauf doch nicht so närrisch, spannenlanger Hans. Ich verlier die Birnen und die Schuh noch ganz. Dämliches Kinderlied.
Gerade als ich die Schleife binden wollte, sah ich ihn liegen: Flach, abgeschliffen und glattpoliert in Jahrmillionen, dunkel mit weißer Maserung, die mich an Adern unter dünner Haut denken ließ. Und da war ich sicher, das ist mein Stein. Er hatte mich gefunden.
Der Aufstieg war anstrengend. Die Befürchtung, der Monte Irago könnte sich im Nebel verbergen, bestätigte sich nicht. Die Sonne hatte gesiegt, nur ein kalter Wind zerrte an meiner Kapuze. Als ich mir endlich eine Rast gönnte und mich auf den Rucksack setzte, ließ das Zittern der Beine nach. Vor mir breitete sich eine endlose Ebene aus, die von Hügelketten durchzogen und mit Schäfchenwolken garniert war. Stundenlang hätte ich schauen können. Irgendwo da unten verlief der Weg, den ich bis hierher gegangen war. Die große Ansiedlung konnte nur Astorga sein. Kaum zu glauben, dass ich erst vor zwei Tagen die eigenwillige Architektur des Palacio de Gaudi bestaunt hatte. Ein Dornröschenschloss für Arme hätte Bibi sicher gelästert. Ich fragte mich, wo sie wohl sein würde.
Zaghaft nahm ich den Stein aus der Jackentasche, legte ihn auf die flache Hand und betrachtete ihn, sowie ich es täglich getan hatte. Ich spürte, er würde mir fehlen. Genau wie Bibi.
Ich trabte den schmalen Sandpfad entlang, den Heidekraut und Ginster säumten, und der direkt zum Cruz de Ferro führte. Und dann ragte es in den Himmel - das Kreuz aus Eisen. Am Ende eines Baumstammes befestigt, inmitten einer von Menschenhand aufgetürmten Geröllhalde. Jeder Stein ein Seufzer. Mir schnürte es die Kehle zu beim Anblick von Fotos, Babyschuhen, zerfetzten Briefen und Tüchern, die am verwitterten Mast im Wind flatterten. Jemand hatte Blumen abgelegt. Den Stein hielt ich fest umschlossen, sodass er ganz durchdrungen war von meiner Körperwärme. Mein Stein. Ich hätte gerne ein paar feierliche, andächtige Worte gemurmelt. Genau wie man am offenen Grab Abschied nimmt von einem lieben Menschen, so wollte ich einen Lebensabschnitt beisetzen. Doch mir fiel nichts ein. Es war ganz still in mir, keine brodelnden Gefühle, keine wirbelnden Gedanken. Ich konnte es nicht fassen, ich war im Begriff, etwas zu tun, das ich als albernes Ritual verachtete. Bevor ich es mir anders überlegen konnte, bückte ich mich schnell und legte den Stein ab. Augenblicklich wurde er eins mit all den anderen.
Kaum hatte ich wieder festen Boden unter den Füßen, kam ein Asiate auf mich zu. Er wollte, dass ich ein Foto von ihm und seinen beiden Begleiterinnen machte. Ehe ich wusste, wie mir geschah, hatte ich das fremde Smartphone in der Hand. Er nahm die beiden Mädchen liebevoll in die Arme. Sie kicherten. Ich drückte ab. Und hörte Bibis Lachen. Und dachte an Lachfältchen im Gesicht eines Fremden. Die Hände tief in den leeren Taschen vergraben ging ich weiter, alleine und ohne mich noch einmal umzudrehen.
Die Bedienung räumte meinen Teller ab. Ich hatte den Rotwein ausgetrunken, meine Aufzeichnungen vervollständigt und klappte das Notizheft zu. Allmählich füllte sich die Bar. Es wurde Zeit für mich aufzubrechen.
„Mag ich mich bei dir setzen?“, sprach er mich an.
Was für eine Frage. Natürlich, wir waren doch Pilger oder taten wenigstens so. Da weist man niemanden ab. Erst recht keine Holländer mit Dreitagebart und einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. „Warum nicht? Setz dich!“ Man trifft sich im Leben angeblich immer zweimal. Und ich freute mich, ihn wiederzusehen.
„Trink noch ein lecker Schluck Wein mit mir“, bat er. „Ich bin Jan.“ Herrlich, wie die Worte erst eine Runde in seinem Mund drehten, bevor er sie aussprach. „Oder hast du noch etwas Belangreiches vor?“
„Na ja, die Wäsche muss …“
Er lachte und ich klinkte mich ein.
„Noch sieben Tage bis Santiago“, sagte er und schaute aus dem Fenster. Sein Blick flog in die Ferne. „Es war eine wunderbare Zeit.“ Das Piepsen des Handys holte ihn zurück an unseren Tisch. „Oh, es hat Saft nötig. Saft, ein interessantes Wort für Strom. Hab ich auf dem Camino gelernt.“
„Ja, ihr Holländer“, sagte ich. „Ihr seid richtige Sprachgenies.“
Eine Flasche Roter und das Pilgermenü wurden serviert, Huhn und Pommes, doch er kam nicht zum Essen. Wir hatten so viel Fragen, die aus uns herausdrängten: Seit wann bist du unterwegs, wer wolltest du sein, wenn du die Wahl hättest, kennst du ´Toto cambia´ von Mercedes Sosa, glaubst du an Zufälle, an Gott, an die Liebe?
Doch die wichtigste Frage stellte Jan, als wir auf dem Weg zur Herberge waren: „Gehen wir morgen zusammen laufen?“
„Wer weiß? Manchmal geschehen noch Zeichen und Wunder“, sagte ich und lächelte.
Die Sonne kroch hinter dem Berg hervor und ließ die Tautropfen auf dem Gras glitzern. Die Luft war kalt und klar.
Jan stand am Eingang der Herberge und schien auf mich zu warten. Er nickte mir zu. Ohne Worte machten wir uns auf den Weg.
Mein Rucksack hatte sein Gewicht verloren, meine Beine glichen Sprungfedern und ich hatte das Gefühl, mir wären über Nacht Schwingen gewachsen. Wenn ich wollte, könnte ich sie ausbreiten, mich vom Boden abstoßen und über die bewaldeten Hügel und schroffen Felsen Galiciens segeln. Doch ich wollte nicht. Ich blieb an Jans Seite, wärmte mich an seinen Blicken und trank seine Worte.
Unser Lachen hüpfte vor uns her.