Eine überaus positive Überraschung!
Eine Legende erzählt von einem Wesen namens Mondwandler, das alle, die nachts den Nachtschattenwald betreten, in einem ewigen Schlaf versetzt. Sechs Jahre nachdem Finns Schwester Hanna verschwand und ihr scheinbar genau dieses Schicksal widerfahren war, tauchen plötzlich Hinweise nach ihr auf. Mit seiner langjährigen Freundin Samira und einer weiteren, neu gewonnenen Weggefährtin, macht er sich auf dem Weg in den Nachtschattenwald, um das Geheimnis zu untersuchen. Dabei erfährt er etwas, womit niemand gerechnet hat - Ich auch nicht!
Dieses Buch steht seit einigen Jahren in meinem Regal rum. Eines Nachmittags kam dann spontan die Idee auf, es zu lesen. Keine Fehlentscheidung.
Beginn des Buches
Schnell wird das Wichtigste klargestellt: Das Buch spielt einige hundert Jahre in der Zukunft, zu einem Zeitpunkt, zu dem fast die ganze Erde von der Natur überwachsen ist und es nur noch vereinzelte Siedlungen gibt. Wenn über die Vergangenheit gesprochen wird, wird sie "die Zeit, zu der es noch Städte gab" genannt. Dies wird jedoch nicht extra erklärt, sondern sinnvoll in den Beginn des Buches mit eingebunden. Generell wird die Vorstellung von allem Wichtigen sehr ausführlich, aber nicht zu langsam angegangen. Es fühlt sich ein bisschen an wie die erste Szene eines Filmes (auf diesen Vergleich werde ich später nochmal eingehen).
Einstieg in die Geschichte
Die Idee, wie Finn auf das Geschehnis aufmerksam wird, das die Geschichte ins Rollen bringt, ist gut. Jedoch ging sie mir ein bisschen zu schnell. Die Reaktion auf den Hinweis, nachdem die eigene Schwester seit sechs (!) Jahren spurlos verschwunden war, habe ich mir doch ein bisschen emotionaler vorgestellt. Ab diesem Zeitpunkt geht es jedoch nur noch bergauf mit der Story. Schnell kommt es zu einigen, sehr brenzlichen Situationen und immer seltsamer werdenden Ereignissen, die bis zum Schluss keinen Sinn ergeben zu scheinen, sich jedoch schließlich in ein Gesamtpuzzelbild einfügen. Aber ich greife schon wieder vor.
Schreibstil
Normalerweise ist der Schreibstil für mich ein sehr wichtiger Punkt, der für die Bewertung einer Geschichte entscheidend ist. Jedoch war ich in diesem Buch so gefesselt von der Story, dass ich den Schreibstil gar nicht wirklich wahrgenommen habe. Somit ist absolut nichts an ihm auszusetzen. Es ist ok, wenn gewisse Aspekte in den Hintergrund rücken und andere dafür in den Vordergrund. Ein sehr guter Schreibstil wäre mir jedoch auch als solcher aufgefallen, was ich bei diesem Buch, wie gesagt, nicht behaupten kann. Das einzige, was ich eventuell anders gemacht hätte, wäre, das Buch aus der Ich-Perspektive von Finn zu schreiben, da sehr viel auf ihn eingegangen wird und der Erzähler nicht allwissend ist, sondern ausschließlich Finns Gedanken begleitet. Dies wäre mit einer Ich-Perspektive vielleicht noch besser gelungen. Aber grundsätzlich tut der Schreibstil das, was er soll, und nicht mehr: Er führt fließend durch die Geschichte, ohne jeden Satz fünf mal lesen zu müssen. Bonuspunkte bekommt er aber nicht.
Charaktere
Die meiste Zeit des Buches funktioniert die Harmonie zwischen den Charakteren wirklich gut. Finn als Hauptfigur ist zwar eine relativ einfache Person ohne viele charakteristischen Merkmale oder Fähigkeiten, aber genau das macht ihn zu einer interessanten Figur, in die man sich gut hineinversetzen kann. Im Laufe des Buches und besonders am Ende stellt sich aber heraus, dass Finns Charakter mehr Tiefe hat, als man zunächst glauben mochte. Auch einige der Antagonisten, die nur kurz vorkamen, hatten für mich das gewisse Etwas, das sie brauchten, um als mehr als eine Nebenfigur zu gelten. Bei einer dieser Figuren, die eine etwas prominentere Rolle hatte, fand sogar eine ziemlich krasse Charakterentwicklung statt, die auch zu ihr passte. Hier kann ich jedoch wegen Spoilern nicht weiter drauf eingehen. Mein absolutes Highlight der Figuren war jedoch Samira. Sie ist einfach eine total liebevolle und sehr mutige Person, die mir von Anfang bis Ende durchgehend sympatisch war.
Finale und Abschluss der Geschichte
Um es kurz zu machen, da ich sonst sowieso nur darum herum schwärmen würde: Dieses Finale ist das beste, das ich seit langer Zeit gelesen habe. Der große Showdown zog sich ewig hin, aber überhaupt nicht auf die negative Art. Es wurde so lange auf psychischer Ebene Spannung aufgebaut, dass ich die ganze Zeit auf diesen einen Wendepunkt gewartet habe - doch dieser Punkt kam nicht. Das Finale ging auf eine völlig andere Art aus, mit der ich am allerwenigsten gerechnet habe. Ich brauchte einige Zeit danach, um mich mit mir selbst zu einigen, ob das ein befriedigendes oder ein unbefriedigendes Ende war. Aber eines war es auf jeden Fall: überraschend. Die Geschichte ist zwar abgeschlossen und war meines Wissens nach auch nur als ein einziges Buch geplant, dennoch hätte sie so viel Potenzial für einen zweiten Teil wie kein anderes Buch, bei dem das nicht beabsichtigt war. Außerdem regt es sehr zum Nachdenken an.
Storyline
Das, was dieses Buch so genial macht, ist, dass sich größtenteils überhaupt nicht an die "Standardregeln" einer Spannungskurve gehalten wird, sodass man nie weiß, was kommt. Schon ziemlich am Anfang wusste ich, dass die Autorin vor keinem, unvorhergesehenen Wendepunkt zurückschreckt. Dies macht die Geschichte zwar hin und wieder etwas chaotisch, funktioniert aber insgesamt besser als gedacht. Mehr als einmal konnte ich mir die Geschichte direkt beim ersten Lesen als Film vorstellen: mit Kameraeinstellung, Schnitt und Allem. Und allein dafür hat die Storyline definitiv etwas richtig gemacht.
Abschließende Bewertung
Hinweis: Da dies das erste Mal ist, dass ich ein einzelnes Buch bewerte, das nicht teil einer Reihe ist, habe ich das Kriterium "Ist man nach diesem Teil sofort im Hype, den nächsten Teil zu lesen?" zu "Findet die Geschichte ein würdiges Ende?" geändert. Mit einem würdigen Ende kann sowohl ein befriedigender, als auch ein nachdenklicher Schluss gemeint sein - wichtig ist, das man kein Problem damit hätte, wenn die Geschichte hier zu Ende ist. Dieses Schema werde ich ab sofort sowohl bei einzelnen Büchern als auch be letzten Teilen von Buchreihen anwenden.
Somit erhält "Nachtschattenwald - Auf den Spuren des Mondwandlers" von mir eine sehr gute Bewertung mit insgesamt 87 / 100 Punkten. Vor allem für ein Buch, das in erster Linie ein Kinderbuch sein sollte, hat mich dieses Buch überzeugt, es dringend weiterzuempfehlen.