Kapitel 2

Kapitel 2

Die Hitze war nicht gewichen in den letzten Tagen und Nächten und hielt Blutgard und ihre Bewohner wie in einer glühenden Faust gefangen. Die Sonne stand schon morgens als gleißende Scheibe am Himmel und über den roten und schwarzen Ziegeldächern Blutgards flimmerte die Luft. Die beiden großen Hauptstraßen, die die Stadt längs und quer durchschnitten, waren deshalb tagsüber leer gefegt und sämtliche Aktivität hatte sich auf die Abendstunden verlegt. Mensch und Tier suchte verzweifelt nach schattigen Orten. Und so waren die öffentlichen Gärten mit ihren mächtigen Bäumen und die hallenartigen Gebäude, die Plätze in den dunkleren Nebengassen und in der Nähe der Siofra, des Flusses, der die Stadt durchquerte, überfüllt mit Menschen, die herumlagen und versuchten sich möglichst wenig zu bewegen. Das bunte Treiben, das so charakteristisch für die Stadt der hundert Gesichter war, war praktisch zum Erliegen gekommen.

Als Larania am Aisthetikon ankam, stand eine große Traube von Menschen vor dem verschlossenen Eingangstor mit den zwei Flügeln. Leute in den hinteren Reihen reckten die Köpfe, versuchten etwas zu sehen und blickten fragend umher. Ein Raunen und leises Murmeln war zu hören. Sie drängte sich durch die Reihen der Menschen, die wissen wollten, warum sich nicht eintreten durften, und konnte sehen, dass einer der Hilfskuratoren vor dem Tor stand. Er redete beruhigend auf die Leute ein. Der junge Mann wirkte überfordert, ließ aber dennoch niemanden an sich vorbei und die Halle betreten. Als er Larania sah, winkte er ihr zu. "Zum Glück, sind Sie endlich da. Der Kurator wollte schon nach Ihnen rufen lassen", sagte er. "Was den los?", wollte sie von ihm wissen. "Das soll Ihnen Duces besser zeigen", meinte er und ließ sie passieren. Als sie an das Tor klopfte, stieg ein ungutes Gefühl in ihr auf. Normalerweise war um diese Uhrzeit die Basilika schon für Publikumsverkehr geöffnet und angesichts der Hitze, die momentan über der Stadt lag, nahmen die Bewohner Blutgards das Angebot, sich in die kühle Halle im Erdgeschoss des Aisthetikons zurückzuziehen, dankend an. Heute aber wurde keiner eingelassen. Ein Gehilfe öffnete auf ihr Klopfen hin die Tür einen Spalt breit und blickte nach draußen. Als er Larania sah, öffnete er den Torflügel soweit, dass sie eintreten konnte. Im Inneren der dreischiffigen Halle, herrschte Aufregung. Die meisten der Gehilfen des Kurators hatten sich vor dem Tor versammelt, als ob sie sich nicht weiter vor in die Halle trauten, und redeten und gestikulierten durcheinander. Der verängstigte Ausdruck, den viele der Männer und Frauen im Gesicht trugen, verstärkte das ungute Gefühl noch weiter, das Larania beschlichen hatte. Als die Gehilfen in ihren schwarzen Kutten sie erblickten, legte sich die allgemeine Aufregung jedoch ein wenig. Der ängstlich Gesichtsausdruck verschwand bei den meisten und machte Erleichterung platz. Sie ging an ihnen vorbei und wollte Duces suchen, als dieser in Begleitung seines Stellvertreters Finan, den sie vor einem Monat vor einer Gruppe betrunkener Söldner gerettet hatte, auch schon aus dem hinteren Bereich der Basilika auf sie zukam. Beide wirkten sehr besorgt, aber nicht aufgescheucht oder gar ängstlich, wie die anderen. Als Duces sie sah, hob er grüßend die Hand. "Endlich sind Sie da. Ich wollte gerade einen meiner Leute losschicken, Sie zu holen. Kommen Sie schnell", sagte er. Sie nickte Finan grüßend zu und folgte Duces. "Was denn los?", fragte sie besorgt. Es musste etwas schlimmes passiert sein. "Heute Nacht ist jemand in unseren Hallen ermordet worden", rückte er endlich mit der Sprache raus. Larania beschleunigte ihre Schritte noch weiter, so dass nun Duces und Finan sich anpassen mussten. Die Schritte ihrer genagelten Stiefel hallten wieder, als sie durch die Skulpturenhalle eilten. "Einer von hier?", wollte sie wissen. "Wenn Sie meinen, jemand von meinen Leuten, dann lautet die Antwort wohl nein, aber wenn Sie meinen, eine Einwohnerin Blutgards, dann vermutlich ja", antwortete er ihr gewohnt genau und sie musste trotz der Spannung, die sie ergriffen hatte, innerlich grinsen. Sie kannte Duces nun seit etwas über einem Monat und das erste, was sie über ihn gelernt hatte, war, dass er in allem was er tat, äußerst präzise war. Diese Präzision verlangte er nicht nur von seinen Untergebenen, sondern auch von den Menschen in seinem Umfeld. Dass die meisten Menschen seine Genauigkeit nicht erreichten, erreichen wollten oder darüber hinweg sahen, war ihm zwar bewusst, aber auch herzlich egal. Häufig rieb er diesen dann ihre Schludrigkeit unter die Nase. Dies war ein Charakterzug, der manchmal etwas anstrengend war. Allerdings meinte der alte Kurator dies nie besserwisserisch, auch wenn es Außenstehenden so vorkam, sondern es ging ihm schlicht darum, genau zu sein, damit aus Weglassungen keine Fehlinformationen und daraus keine Fehlschlüsse erwuchsen. Duces war eben ganz Gelehrter.

Die Leiche lag im hinteren Teil der Basilika vor einer Gruppe aus drei weiblichen Bronzekriegerinnen. Die Tote lag auf dem Bauch, das Gesicht zur Seite gedreht, in einer großen Blutlache, die sich auf dem Steinboden ausgebreitet hatte. Fliegen umschwirrten den Körper, obwohl sie noch nicht lange tot sein konnte, und ein beißender Gestank nach Kot stieg Larania in die Nase. Im Moment des Todes erschlafften alle Menschen und beschmutzten sich, egal ob edler König, großer Krieger oder einfacher Bettler. Das gab dem heldenhaften Sterben, anders als in den Liedern der Barden immer besungen, einen wenig heldenhaften Beigeschmack. Larania lief langsam um die Leiche herum. Die Tote trug ein graues, leicht schimmerndes Kleid aus Seide, das ein Stück weit hochgerutscht war und die Seidenstrümpfe preisgab, die sie darunter trug. Die Perücke aus rotem Haaren war vom Kopf verrutscht und bedeckte das Gesicht der Toten. Irgendetwas kam Larania aber seltsam oder vielmehr ungewöhnlich vor. Sie konnte nur noch nicht den Finger darauf legen. Sie sah sich weiter um, versuchte zu erfassen, was sie hier geschehen war. Zu dem großen roten See aus Blut führte eine Schleifspur von einer kleineren Pfütze aus Blut nahe Hauptganges, der die ganze Länge der Haupthalle im Erdgeschoss durchlief . Dort stand auch eine Bank neben einer kleineren Skulptur. Solche Sitzgelegenheiten gab verteilt im ganzen Aisthetikon. Besucher ließen sich dort normalerweise nieder, um die Kunstwerke in Ruhe zu betrachten und die Eindrücke des Statuenwaldes mit all seinem Spiel von Schatten und Licht auf sich wirken zu lassen. Neben der Bank lag ein kleines Beutelchen. Bei beiden Blutlachen waren Fußabdrücke zu sehen. Sie sah sich dort um und entdecke Spritzer roten, getrockneten Blutes an der Lehne der Bank und dem Sockel der weißen Marmorstatue, die ein Mädchen zeigte, das sich keck lächelnd vornübergebeugt auf eine Säule lehnte. Larania sah fragend zu Dulces und Finan. "Wer hat sie gefunden?" "Ich", antwortet Finan einsilbig. Der blonde Mann sah ihr offen in die Augen. Er wirkte gefasst, trotz des grausamen Fundes. "Wir haben, als Finan hier die Leiche vorhin entdeckte, sofort alle anwesenden Gehilfen in den Eingangsbereich gescheucht und halten das Aisthetikon seitdem geschlossen", sagte Duces in fast entschuldigendem Ton. Finan nickte bestätigend. Das war schlau gewesen, dachte sich Larania. "Gab´s abgeseh´n hiervon", Larania deutete auf die Leiche, "sonst noch was auffälliges?" Finan nickte. "Das hintere Tor war unverschlossen und stand, als ich heute morgen ankam, einen Spalt breit offen. Der Schlüssel steckte noch. Aus Sicherheitsgründen habe ich es dann geschlossen, bin aber noch nicht dazu gekommen, mich weiter umzusehen." Larania nickte wie zur Bestätigung, dann ging sie in die Hocke und sah konzentriert auf die Leiche. Was stimmte hier nicht, fragte sie sich erneut. Sie vermutete, dass dort bei der Bank der todbringende Angriff stattgefunden hatte. Zumindest ließen die Blutspritzer und die kleinere Blutlache sie dies vermuten. Dann hatte das Opfer sich vermutlich ein paar Meter weitergeschleppt, um zu sterben. Die Schwertgesellin richtet sich wieder auf und ging zu der anderen, kleineren Blutlache. Sie nahm vorsichtig das Beutelchen, das immer noch dort lag, und öffnete es. Darin befanden sich Fettfarben in einer kleinen Schatulle, sowie einige Pinselchen, eine Pinzette, ein kleiner Spiegel, sowie ein weiters Beutelchen mit Kupferstücken. Von Schminken hatte Larania zwar keine Ahnung, aber sie hatte solch eine Schatulle schon bei einigen weiblichen Kameraden gesehen und wusste, wozu die Farben darin genutzt wurden. Sie ging wieder zurück zur Leiche, ging erneut in die Hocke. Finan und Dulces standen schweigend da und beobachteten sie gespannt. Mit einer Fingerbewegung winkte sie die beiden zu sich. "Die arme Frau wurde, glaub´ ich zumindest, dort umgebracht und schleppte sich dann hierhin. Und ich denk´, das hier und dort sind die Fußabdrücke von zwei verschiedenen Leuten", sagte sie. Duces und Finan beugten sich vor und sahen angestrengt auf die Fußspuren. "Die Spuren führen in unterschiedliche Richtungen", sagte sie, "und bei diesen hier handelt es sich um Abdrücke von genagelten Stiefeln. Führen in diese Richtung." Sie deutet zum kleineren Tor auf der Rückseite der Halle. Finan nickte erkennend, während Duces ein Monokel, das an einer Silberkette um den Hals hing, sich vor sein linkes Auge klemmte. Nun nickte auch er zustimmend. Man konnte eindeutig die Köpfe der Nägel in den Sohlen der Schuhe sehen. "Die anderen Abdrücke", sagte Larania während sie sich erhob und zur der kleineren Lache zurückging, "stammen von einer Person, die kleinere Füße hat und deren Schuhe keine genagelten Sohlen haben." Sie deutete auf die anderen Fußabdrücke, die eindeutige kleiner waren. "Die führen nach dort", sagte sie und deutete vage tiefer in den Statuenwald auf der gleichen Seite des Ganges. "Doch die wichtigste Frage ist: Wer ist die Tote und warum musste sie sterben?" Larania wollte eine Antwort. Sie blickte die beiden Gelehrten an und schürzte die Lippen. Dann ging sie zum Kopf der Toten, zog die Perücke weg und sah das Gesicht. Da konnte sie endlich sagen, was sie an der Leiche gestört hatte. Dulces und Finan, die neben ihr standen und gespannt zugesehen hatten, sogen beide erstaunt die Luft ein. Die Tote war ein Mann. Und er gehörte zu den Angestellten des Aisthetikons.

"Sandro!", rief Duces und sah zu Finan hinüber. "Wussten Sie davon, Finan?", wollte er von seinem Stellvertreter wissen. Der Angesprochene wirkte aber ebenso verblüfft. "Nein. Ich glaube, davon wusste niemand", gab der Hilfskurator zur Antwort. Larania war ebenfalls erstaunt, auf ihrem Gesicht zeigt sich jedoch keine Regung. In der Lebendigen Hand kümmerte es eigentlich niemanden, welche Spielchen man in seinem Bett man trieb, solange man seine Pflicht erfüllte. Noch freier ging es im Tross und in in der Zuflucht selber zu. Das Erstaunen der Anwesenden kam also eher daher, dass der Ermordete seine Vorliebe geheim gehalten hatte, als damit offen umzugehen. Allerdings war man nicht überall tolerant, auch in Blutgard nicht. Das galt vor allem für einzelne Personen und Gruppierungen, nicht für die Stadt als Ganzes. Konnte es also sein, dass es sich um einen Mord aus Hass handelte? Jemand, der ihn umgebracht hatte, weil er sich gerne als Frau kleidete? Vorstellbar war dies jedenfalls. "Wer er ist, wissen wir jetzt", sagte sie mehr zu selbst, als zu ihren Begleitern. "Sandro von Knessfeld hieß er", ergänzte Finan. "Er war ein eher unauffälliger Kerl, meistens gut gelaunt. Einer unserer Zeichner." "Ich brauche jemanden, der mir eine Zeichnung von dem Toten anfertigt", sagte sie. "Das werde ich tun", bot sich Finan an. "Gut", sagte sie, "tut das." Larania sah wieder auf die Fußabdrücke. Sie beschloss diesen zu folgen, die tiefer in das Gewimmel aus Statuen führten. Duces und Finan folgten ihr, waren aber so wie Larania, peinlich darauf bedacht nichts zu verändern oder eigene Spuren zu hinterlassen. Die Abdrücke aus klebrigem, roten Blut wurden schnell undeutlich, Larania konnten ihnen aber weiterhin mit Leichtigkeit folgen. Nach zehn Schritt erreichten sie die Längsmauer. Dort führten sie nach rechts und verschwanden vor einem der Fenster, die etwa alle drei Meter die Mauer durchbrachen ab. Die großen Rundbogenfenster waren von Innen mit Eisengittern versehen, ließen sich aber mit einem Schlüssel öffnen. Hier war das Gitter nur angelehnt. "Hierdurch bist du also rein und raus gekommen", murmelte Larania undeutlich. Sie drehte sich zu ihren Begleitern um. "Wer hat alles einen Schlüssel hierfür?", fragte sie Duces. "Eigentlich nur ich", antwortete dieser. Larania sah ihn fragend an. "Doch ich gebe sie immer abwechselnd an einen der Gehilfen, die dann kurz bevor wir die Halle verlassen nachsieht, ob alle Gitter verschlossen sind", sagte er ohne Furcht in der Stimme und sah Larania offen an. Nein, sie glaubte nicht wirklich, das Duces oder Finan hinter dem Einbruch oder dem Mord steckten. "Und wer war gestern dran?" "Andelmar", antwortete er. Sie kaute auf ihrer Unterlippe. "Das bleibt vorerst unter uns", sagte sie dann, "ich werde ihn später befragen." Die beiden nickten. "Und niemand verlässt Aisthetikon", sagte sie. Ihre Begleiter nickten wieder zustimmend und der Ernst in ihrer Stimme ließ die beiden frösteln .


Die Leiche wurde kurze Zeit später von einigen Männern und Frauen in schwarzen Roben abgeholt, die Larania hatte rufen lassen, und auf einen einfachen Karren geladen. Sie brachten den Toten in das Spital in der Oberstadt, das in der Mitte des Heiler- und Mysterienviertels aufragte und weithin sichtbar war. In dem Gebäude befand sich nicht nur das Spital der Stadt, das von den O Kosh not Un geleitet wurde, sondern auch deren Hauptquartier. Sie selbst nannten es die Exklave Blutgard, was technisch gesehen korrekt war, da es sich lediglich um eine Dependance der Zuflucht in der Stadt des Blutpaktes handelte. Auch wenn eine ständige und immer weiter anwachsende Abordnung der O Kosh in der Blutgard lebte, so blieb ihre eigentliche Heimat die Zuflucht, ein Stadtstaat in den sogenannten Südlanden, einem Kontinent jenseits der magischen Grenzen Mitrasperas. Als sie im Spital angekommen waren, hatten die Gehilfen aus dem Spital den Leichnam in einen kühlen und düsteren Raum im Keller des turmartigen Gebäudes gebracht, die Frauenkleidung ausgezogen und ihn gewaschen. Larania hatte sie begleitet und stand nun mit Feldschermeister Abdul al-Azziz vor einem großen Holztisch. Sie sahen auf den nackten Leichnam, der vor ihnen lag. Als man große Laternen angezündet hatte, deren Leuchtkraft mit Spiegeln auf deren Rückseite vervielfacht wurde, kam Larania der Raum, in dem noch zwei weitere Körper lagen, die mit weißen Laken bedeckt waren, gar nicht mehr so düster vor. Das helle Licht ließ die grässlichen Wunden, die dem jungen Mann vor ihnen den Tod gebracht hatten, jedoch in fleischigem Rot auf der weißlichen Haut leuchten. Es roch leicht nach Eisen, was vom Blut herstammte, das hier öfter floss, und nach einer Substanz, die die Gelehrten Formaldehyd nannten. "Der Tote heißt Sandro von Knessfeld, ist männlich, 24 Jahre alt", sagte al-Azziz an den Gehilfen gerichtet, der an einem Tisch saß und mit einer Feder alles niederschrieb, was sein Vorgestzter ihm diktierte. Der Feldschmeister trug eine speckige Lederschürze über seiner schwarzen Robe mit dem aufgestickten Baum. "Todesursache durch Hypovolämie durch Penetrationen mit einem spitzen und scharfen Gegenstand in Thorax und Abdomen", sagte der schwarzhaarige Mann. Dann steckte er mit seinen Fingern prüfend in die Wunden. "Die Penetrationen sind jeweils mehrere Finger tief, Ruptur mehrerer Arterien, aber nicht der Aorta", diktierte er weiter, dann an Larania gerichtet: "Der Exitus muss relativ schnell eingetreten sein, da einige Adern durch die Stiche verletzt wurden. Lange wird es nicht gedauert haben - vielleicht ein bis zwei Minuten - aber er dürfte dennoch ziemliche Höllenquallen dabei erlitten haben." Sie nickte und verschränkte ihre Arme hinter dem Rücken, als sie interessiert näher an den Tisch herantrat, um die Wunden etwas genauer zu betrachten. Die Stiche konzentrierten sich im Bauchbereich und in der oberen Brust. Der Mörder hatte mehrmals schnell zugestochen, dabei aber die Klinge nicht gedreht. "Wegen der linsenförmigen Form der Wunden, war das ein Dolch?", fragte Larania und der Feldschmeister nickte anerkennend. "Ja, mit großer Wahrscheinlichkeit. Solche Wunden hat es häufiger derzeit." Er grinste und spielte auf die Zustände in Blutgard die öffentliche Ordnung betreffend an. "Auch wenn es meistens eher Platzwunden, ausgeschlagene Zähne und blaue Augen sind, die wir behandeln, so kriegen wir manchmal auch schwerere Verletzung rein. Meist sind das recht ähnliche Stichwunden, wenn auch nicht so tödlich. Vor allem in den Nächten, nachdem der Sold ausbezahlt wurde und die Soldaten, Söldner und Wilden in der Unterstadt feiern." Larania grinste kurz mit einem schiefen Lächeln zurück. Das konnte sie sich gut vorstellen. Eines gab es noch in Erfahrung zu bringen. Verlegen sah sie den Feldschermeister an. "Sagen Sie, Feldschermeister, gibt es Anzeichen dafür, dass der Tote gegen seinen Willen genommen wurde? Also hinten rein", fragte sie etwas verschämt. Al-Azziz stutzte und zog fragend seine Augenbrauen hoch. "Nun, Sie hab´n ja gesehen, wie er ausgesehen hat, als Ihre Gehilfen ihn hierher gebracht haben", sagte sie und machte eine entschuldigende Geste. Sie wollte nur ganz sicher gehen. Al-Azziz zuckte mit den Schultern und setzte die Obduktion fort. "Nun, die typischen Anzeichen von stuprum gibt es nicht, keine Hämatome – blaue Flecken - oder ähnliches", sagte er. Er winkte einen seiner Gehilfen herbei und gemeinsam drehten sie den Toten auf den Bauch, um ihn vollständig untersuchen zu können. "Es gibt zwar Anzeichen von häufigem Analverkehr, aber keine einer gewaltsamen Penetration", sagte er mit professioneller Distanz, als er die Untersuchung abgeschlossen hatte. Larania zuckte nochmals entschuldigend mit den Schultern und nickte. "Könnten Sie mir noch eine Zeichnung von dem Toten anfertigen? Vor allem von dem Gesicht?", fragte sie den Feldschermeister. "Das sollte kein Problem sein", antwortete dieser. "Sie können sie in einer Stunde abholen." "Danke, werd´ ich machen", sagte die Schwertgesellin. Sie bedankte sich nochmals für dessen Arbeit und verabschiedete sich dann. Da es hier aber anscheinend nichts weiter in Erfahrung zu bringen gab, beschloss sie in einer Stunde die Zeichnung abzuholen und dann in das Aisthetikon zurückzukehren um nach weiteren Hinweisen zu suchen. Außerdem wollte sie ja noch die Angestellten befragen, zumindest diesen Andelmar. Um die Wartezeit zu überbrücken wollte sie zuvor jedoch kurz bei Schwertmeister von Tanas vorstellig werden und ihn über die Vorfälle unterrichten. Denn eigentlich überschritt sie hiermit ihren Auftrag, der sich ja eigentlich auf Kunstraub und Vandalismus beschränkte.

Larania klopfte und öffnete die Tür der Amtsstube im zweiten Stock des Spitals. Domhal von Tanas saß an seinem Tisch. Vor ihm stand ein Schwertjunker, der Stubendienst hatte. Der Schwertmeister blickte an dem Junker mit dem Stapel Akten in den Armen vorbei und bedeutete ihr einzutreten. "Herein, herein, Schwertgeselle", forderte der Schwertmeister sie auf. Dann sah er zu dem Schwertjunker. "Das wäre alles, Rodrigo." "Jawohl, Schwertmeister", antwortete dieser und verließ den Raum. Beim Rausgehen nickte er Larania höflich zu. Sie nickte zurück. Dann salutierte sie dem Schwertmeister, der den militärischen Gruß erwiderte, aber sitzen blieb. Er deutete auf den leeren Stuhl vor seinem Tisch. "Setzen Sie sich doch", forderte er sie auf. Sie nahm das Angebot dankend an und ließ sich auf dem Stuhl nieder. Der braunhaarige Mann mit sdem äuberlich gestutzten Kinnbart hatte sein Livree abgelegt und über die Lehne seine Stuhls gehängt. Das weiße Halstuch, das zur Uniform der Offiziere und Unteroffiziere der Lebendigen Hand gehörte und normalerweise nie abgenommen wurde, lag zusammengelegt am Rande des Tischs. "Ich habe sie schon erwartet. Es geht bestimmt um den Toten, der heute morgen im Aisthetikon gefunden wurde?", fragte er und lehnte sich zurück, die Hände auf die Lehnen seines Stuhls seines gelegt. Man hatte ihm und sicherlich auch seinen Vorgesetzten also schon davon berichtet. Larania räusperte sich. "Genau. Es handelt sich bei dem Opfer um einen Zeichner, der in unseren Diensten stand. Er hieß Sandro von Knessfeld", sagte sie. "Bevor ich Ihnen aber die Fundumstände und meine bisherigen Erkenntnisse näher erläutere, wollt´ ich eine Frage klären", sagte sie. Der Schwertmeister forderte sie mit einer Geste auf, weiterzureden. "Das Ganze überschreitet ja deutlich den Rahmen meines Auftrags. Und ich wollt´nur klären, ob ich weitermachen soll." Sie sah ihn fragend an. "Nun, das ist eine gute Frage. Ich habe darüber vorhin schon mit der Eminenz Chattras gesprochen. Und wir sind zu der Antwort gekommen: Wer soll´s denn sonst machen?", sagte er. "Es gibt in diesem verdammten Irrenhaus von Stadt ja keine städtischen Ordnungskräfte, sieht man von der A.U.A. einmal ab. Nicht einmal einen Profos gibt es. Also übernehmen wir das. Wieder einmal." Mit funkelnden Augen sah der Schwertmeister sie über den Tisch hinweg an. "Jemand muss sich um darum kümmern. Das führt doch nur zu noch mehr Mord und Totschlag, von dem es in diesem Moloch eh schon mehr als genug gibt, wenn wir soetwas durchgehen lassen. Außerdem haben wir eine eigenes Interesse an der Aufklärung dieses Mordes, schließlich handelte es sich bei dem Opfer um einen der unseren.", sagte von Tanas bestimmt.

Eines der vielen bisher ungelösten Probleme Blutgards an dem sich die Verantwortungsvolleren unter den Paktlern bisher die Zähne aus bissen, bestand nämlich darin, Recht und Ordnung in einer Stadt durchzusetzten, die zur Hälfte von Barbaren, Wilden, Söldnern und anderem, wie mancher es nennen würde, zwielichtigem Gesindel bewohnt wurde, die ihr Zusammenleben völlig anders organisierten als die zivilisierteren Bewohner der Stadt. Was nähmlich in Atthagar, der alten Heimat der Bracar Keltoi funktioniert hatte, war in Blutgard mehr schlecht als recht möglich. Auf einem Landstrich von mehreren tausend Quadratkilometern konnte jedes Volk, das sich damals entschieden hatte, mit dem Pakt auf dem Gebiet der Bracar zu siedeln, einfach seine eigenen Rechtsnormen in seinem eigenen Gebiet umsetzen. Durch die schiere Größe kam es viel seltener zu Kontakt untereinander, zumeist eigentlich nur auf den Feldzügen. Ein gewichtiger Teil des Problems Blutgards lag nun in der Verfassung des Blutpaktes begründet, die man der Einfachheit halber auch der Stadt übergestülpt hatte. Der Pakt war nämlich eher ein lockerer Zusammenschluss vieler Völker aus vielen verschiedenen Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein konnten, und die sich zu einem guten Teil nur für die Feldzüge in die Holdh und zum Feldzug im Sommer zusammenfanden. Diese Völker hatten nun aber teilweise völlig verschiedene Vorstellungen von Recht. Die Verfassung sah jedoch vor, dass Streitigkeiten untereinander geklärt werden sollten, bevor man sich an die Blutmarschalle und zuletzt an den Blutbannerträgerrat wendete, die eigentlich so etwas wie die militärische Führung darstellten. Für die Feldzüge reichte diese Form der Rechtsdurchsetzung aus, ja sogar in einem riesigen Territorium wie Atthagar ließ sich so etwas umsetzten, doch sobald unterschiedliche Kulturen im beengten Raum Blutgards aufeinander trafen, führte dies unweigerlich zu noch größerem Streit und Chaos. Hinzu kam, dass die Marschalle völlig überlastet gewesen wären mit den täglichen Streitigkeiten und Problemen in Blutgard und der Rat zu langsam in seiner Entscheidung. Also hätte jeder klar denkende Mensch, Elf oder Zwerg einen Magistrat und untergeordnete Institutionen eingesetzt, die für die Belange der Stadt und ihrer Bewohner zuständig gewesen wären. Aber als der Blutpakt sich das ehemalige Heolysos genommen hatte, war man zwar mit großen Worten über die ehemaligen Herren im Süden hergezogen und hatte viel von Freiheit geredet, aber sich keinerlei Gedanken darüber gemacht, wie das Zusammenleben auf solch einem beengten Raum überhaupt ablaufen soll und schnell hatten die üblichen Verdächtigen, die das große Wort geführt hatten, das Interesse an der Organisation eines Unternehmens von solcher Größenordnung verloren. Und so hatten die Vernünftigeren der Paktvölker im Rat durchsetzten können, dass die Anarchis eingesetzt wurden. Diese waren damit die offiziellen Stadträte, denen man folgen konnte oder nicht, ganz wie man wollte, und sollten dennoch versuchen, halbwegs so etwas wie Struktur in die Stadt zu bringen. Das war ihnen auch ganz gut gelungen, angesichts der Widerstände mit denen sie zu kämpfen hatten. Blutgard konnte ihre Einwohner mit dem wichtigsten versorgen, die Stadtmauern waren in Stand gesetzt und die Verteidigung durch die Garde und den Sturm organisiert worden. Viele Viertel sahen mittlerweile wohnlich aus und die Straßen waren nutzbar. Man dachte langsam sogar an Überschußproduktion, denn der Handel war durch die Arbeit der Silberzungen, die offiziellen Handelsvertreter Blutgards, ins Rollen gebracht worden. Deshalb hatte mit dem Bau einer Großschmiede in der Neustadt begonnen. Dennoch zog es noch an allen Ecken und die Stadt war weit davon entfernt zu funktionieren.

"Dies heißt letztlich, dass wir auf Weisung des Generalsekretärs des Stadtrates, Chattras, ihren Auftragsrahmen erweitern und Sie die Aufklärung dieses Falles übernehmen." Der Schwertmeister setzte sich aufrecht hin. Bewusst hatte er die Titel den die Eminenz in der Stadt trug gewählt, denn damit wurden die Befugnisse der Sonderkommission Stupor Mundi stark ausgeweitet. "Die Anarchis unterstützen uns bei diesem Ansinnen. Und vor dem Blutbannerrat und den Marschallen können wir das damit rechtfertigen, dass einer von unseren Leuten Opfer eines Mordes wurde. Auch wenn es sonst vermutlich niemanden interessiert, dass wir hier eine Vermischung von Ämtern und Interessen begehen, bleiben wir korrekt. Deshalb gilt die Ausweitung ihrer Befugnisse vorerst nur für diesen Fall." Larania nickte. "Wir werden Ihnen noch zwei Helfer zur Verfügung stellen, die sie unterstützen sollen", sagte der Schwertmeister und grinste. "Sie sind damit so etwas wie ein kommissarischer Profos der Stadt, wenn auch ohne offizielles Amt und ohne Titel."

(2018 / 1. Jahr der Neubesiedelung)

(Boris Mijat)