Die Oberstadt

„Ach, welch Wunder in dieser Stadt zu finden sind. Alleine die Oberstadt. Ein Meisterwerk der Baukunst. Folgst du dem Decumanus, der leicht Bergan durch die Unterstadt führt, gelangst du am nördlichem Ende an eine breite Rampe, die in exakt einem sechzehntel Kreis angelegt ist. Flankiert wird diese an den Seiten von zwei gewaltigen Treppen, die mit schönen Skulpturen geschmückt ist. Geht man hinauf, tritt man durch ein großen freistehendes Tor auf die Kreuzung von Decumanus, der bis an die nördliche Limitatio der Stadt durchläuft, und dem Kardo. Dieser liegt auf einer Terrasse, die etwa fünf Schritt höher als das mediane Nivellement der Unterstadt liegt und von Ost nach West führt. Sie bildet die physische Limitatio zwischen Ober- und Unterstadt. Neben der großen Rampe auf dem Decumanus, gibt es noch eine Unmenge an kleineren Rampen und Treppen hinauf. Auf dieser Promenade lässt es sich abends jedenfalls wunderbar flanieren, falls einem der Sinn nach sowas steht, und man kann auf das Treiben der Unterstadt herunterblicken. Hier stehen auch große Lampen auf hohen Pfosten. Diese findest du auf fast allen Straßen der Oberstadt. Sie würden die Straßen des Nachts erleuchten. Allerdings scheint hier keiner bisher Interesse oder Zeit zu haben, sich darum zu kümmern. Außer im Heilerviertel. Dort sorgen die Eminenzen dafür, dass der Bereich um das Spital, welches sie dort eingerichtet haben, immer hell erleuchtet ist.

Hinter dem Kardo erhebt sich die erste Häuserreihe. Diese sind noch aus Backstein errichtet, haben teilweise bis zu 5 Stockwerke und sind gänzlich mit reliefiertem Marmor verkleidet, der entweder von Natur aus farbig ist oder bemalt wurde. Je weiter du in die Oberstadt vordringst, desto steiler werden die Straßen, bis sie ganz von Treppen und Stiegen abgelöst werden. Auch die Häuser, so kann selbst das unkundige Auge erkennen, sind nun zum Teil aus dem dunkelgrauen Fels des Berges, in dessen Flanke sich die Oberstadt eingräbt, herausgeschlagen. Zumindest die unteren Stockwerke. Darauf haben die Lona, das sind die Erbauer der Stadt Heolysos, weitere Stockwerke mit Türmchen, außen liegenden Arkadengängen, Erkern und überhängenden Balkonen errichtet. Und alles wunderbar verziert mit Skulpturen, Reliefs, Bemalung. Die Lona müssen eine Vorliebe für ein zartes Rosa gehabt haben. Denn der in diesem Bereich der Stadt ist nahezu alles mit feinem Marmor in dieser Farbe verkleidet, so er nicht bemalt oder aus dem Fels gehauen wurde.

Manche der Häuser, eigentlich müsste man hier von Stadtpalazzi reden, sind mit Brücken verbunden. Diese überspannen die Straßen, Treppen und Steigen, in luftiger Höhe. Manche sind aus dem Felsen geschlagen, andere aus Stein gebaut oder aus einem seltsamen, grau-braunen Material verfertigt. Dieses Material begegnet einem hier in der Stadt überall. Es erinnert an Stein, zumindest ist es genauso hart, allerdings ist es an einigen Stellen eindeutig gegossen worden – wie sollte man sonst einen Bogen damit hinbekommen?

Es gibt auch eine Menge Gärten, die erst langsam von ihrem Wildwuchs der letzten Jahre befreit werden. Und eine Therme hat´s hier oben auch. Allerdings funktioniert diese nicht, wegen des akuten Wassermangels. Ebenso wenig die Springbrunnen, verzierten Wasserbecken und Nymphäen. Deshalb lässt sich auch nicht von einer für den Unbedarften wohl wundersamen Einrichtung Gebrauch machen, nämlich dem fließenden Wasser, das sich wahrscheinlich in jedem Haus der Oberstadt finden würde. Mir scheint, dass selbst die Aborte dies aufwiesen. Wie das Leitungssystem verläuft und wie die Versorgung von statten ging, kann ich dir noch nicht genau sagen. Aber ich habe mehrere große und hohe Becken aus diesem steinartigen Material gesehen. Ich vermute, dass das Ganze damit zusammenhängt. Jedenfalls nutzen wir diese jetzt als Zisternen. …“

Aus einem Brief von Ilhilde, Tochter des Brogosch, Agrimensorin, an einen Architekten-Freund in der Heimat, 15 n. d. E.

(2018 / 1. Jahr der Neubesiedelung)

(Boris Mijat)

„Freundchen, geh da bloß nicht rein. Und wenn du unbedingt musst, dann nimm dir einen von unseren Zauberzauseln mit… oder einen der Druiden von den Barbaren.“

„Wieso? Dachte, die haben die Gegend von allem Bösen gesäubert. Haste Angst?“

„Nein, niemals. Allerdings sind diese Häuser schon unheimlich. Riesige Gräber sind das.“

„Warst du schon in einem?“

„Jep. Hab heute erst wieder mit meinem Zug eines gesichtet. Genauso verlassen wie alle anderen.“

„Ja, und?“

„Und innen drinnen war eine ganze Familie auf gebart. Schon lange verrottet, aber die Skelette haben noch immer ihre Klamotten angehabt. Und waren mit allem möglichen Gold und Silber behangen.“

„Hab gehört, dass da oben alles voller Gold ist.“

„Da hast du richtig gehört. Aber, was nutzt all das Gold, wenn es verflucht ist. Sei froh, dass du hier unten Dienst tun darfst.“

„Die Zauberer können den Fluch bestimmt brechen.“

„Hoffen wir´s. Wär´ ja Schade drum.“

Gespräch zweier Schwertjunker der O Kosh not Un, kurz nach der Landnahme durch den Blutpakt, 14 n. d. E.

(2018 / 1. Jahr der Neubesiedelung)

(Boris Mijat)

"Das Lachen war so laut, dass es den gesamten Platz erfüllte", sprach der Barbier. "Ernsthaft?"m fragte der junge Kelte dessen prächtiger Bart gerade zurechtgeschnitten wurde. "Aye. Der Büttel rannte ganz wild hin und her. Und es wurden Flaschen von Met und Wein herumgereicht." "Tatsächlich? Weiß man, wer es gewesen ist oder wann es passiert sein soll?" "Während der Pakt auf dem Feldzug an der Weltenschmiede war, nehme ich an", sagte der Barbier und wetze seine Klinge. "Hast du was gesehen?", fragte der Kelte. "Nein. Das war als ich gerade draußen am Gehöft geschlafen habe. Die müssen das scheinbar gewusst haben". antwortete der Alte und stutze die Koteletten. "Aber es ist ein Jammer. Die Statue hat mir immer Schatten gespendet." "Muss wohl jemand sein, der diesen Tharus, Thorus oder wie der hieß, nicht mochte. Oder warum sonst sollte jemand sich die Mühe machen, seine Statue zu stürzen und in dutzende Teile zu zerhacken." "Vielleicht war es ja eine Erdbeben ... der Vulkan ... oder die Erschütterung, als die Weltenschmiede selbst hoch ging ..." "Nein", sagte der Barbier, und wischte die Klinge ab. "Alles andere drum herum blieb unversehrt." "Sucht man nach dem Schuldigen?" "Die O Kosh haben Flugblätter aufgehängt aber mir scheint das eher halbherzig als wirklich gewissenhaft." "Wer war dieser Thorus überhaupt?", fragte der Kelte. "Keinen Schimmer. Aber er scheint irgendwie wichtig gewesen zu sein, sonst hätten die ihm ja nicht so ein klobiges Denkmal gesetzt." "So wichtig wohl auch nicht." "Aha, und wieso?" "Zu wenige Apostrophen im Namen ..."

(2018 / 1. Jahr der Neubesiedelung)

(Rafael Selzer)