Der erste Eindruck

Blutgard – Stadt der Widersprüche

aus den Reiseberichten des Mythodeafahrers Kh‘arl Blütenmond

Segelt man von Porto Armatio aus nach Süden die Küste hinab, sieht man sie zumeist am siebten Tag in der Ferne in der Morgensonne glänzen: Blutgard, die Stadt des Blutpakt. In der Hafenstadt Bogenwald angelandet, muss man aber noch einige Stunden die schmale Siofra hinaufrudern, bevor man sie in ihrer ganzen Pracht erblicken kann. Über dem kaum bebauten Marschland, an endlosen Steilklippen hinauf, sieht man noch immer die gewaltigen Kolossalbauten der Lona in rosa Marmor glänzen. Doch dazwischen kontrastieren schmale Fäden aus Rot und Schwarz das Bild – Blutgard ist eine Stadt im Wandel.

Zelte und Blockhütten, Weidengatter und Weizenfelder, Olivenhaine und Weinberge säumen, so nicht von Sumpfland durchbrochen, das Bild bis zur Stadtmauer. Hinter diesem schier übermenschlichen Monumentalbau stehen zwar immer noch, wie einst, die endlosen Häuserreihen der alten Planstadt. Doch dazwischen, darum und darüber hat sich der Pakt eingenistet. Da stehen Jurten in alten Lustgärten, Bretterbauten hängen aus dem vierten oder fünften Stockwerk eines Mehrstöckers und zwischen den Torflügeln der Höfe wurden luftige Nester gespannt.

Die Kontraste sind überall. Schon das Volk auf der Straße ist eine bunte Durchmischung: Grell bemalte Barbarenkrieger gehen gleich neben nüchtern gewandeten Rittersleuten und wilde Tierwesen leben nur eine Gasse weiter von würdevollen Magiermogulen. Lautes Freudengetrommel hört an diesem Ort man direkt nach den Minnegesängen aus derselben Jurte. Die Stadt ist reich – Gold und Juwelen kann man noch immer säckeweise aus den alten Palästen bergen – doch Wasser ist rar in der Stadt Ignis‘, und man legt Äcker und Weiden auch mitten in die Stadt, wenn am Ort welches vorhanden ist. Die alten Bauten achten die Blutgarder kaum, leben sie doch zumeist viel lieber in Zelten und Hütten – aber die Thermen und die Kanalisation haben sie mühsam wieder instantgesetzt. Allen Arten von Göttern und Kulten bietet Blutgard Heimstatt, und auch die Elemente werden geachtet – aber für ihre Gesandten haben sie kaum etwas übrig und folgen weder Archon noch Nyame.

Politisch ist die Stadt paradox: Gesetze haben sie nur wenige, ein jeder lebt frei nebeneinander her. Die Anarchis, der Rat der Herrenlosen, regelt zumeist nur Streitigkeiten zwischen den Fraktionen, ansonsten aber hat jede Gruppierung ihre eigenen Gesetze. Doch wer Wasser verschwendet oder gar besudelt, den erwarten grausame Strafen (von denen das Latrinentunken nur die kleinste ist). Und wird die Stadt bedroht, stehen wieder alle einig auf der Mauer, auch wenn sie sich noch am Abend zuvor im Durstigen Wurstfisch die Köpfe eingeschlagen haben.

Es ist eine seltsame, spröde Siedlung. Auf den ersten Blick ein kaum beherrschbares Durcheinander – zweifelsohne voller Gefahren und Unannehmlichkeiten. Doch wer sich auf sie einlässt, der mag sie schätzen lernen, und sie vielleicht sogar irgendwann sein Zuhause nennen.

(2018 / 1. Jahr der Neubesiedelung)

(Simon Faber)