Wie kann man Freunden

in suizidalen Krisen helfen?


Freunde sind mitunter die wichtigsten Menschen in unserem Leben. Sie wissen in der Regel mehr von uns, als das restliche Umfeld und manchmal kennen Sie uns sogar besser, als unsere Eltern. Wenn es uns nicht gut geht wenden wir uns an Freunde und nicht selten sind sie so eine Art Rettungsleine, wenn es uns so richtig dreckig geht. Aber wisst Ihr auch, wie man sich verhalten kann, wenn eine Freundin oder ein Freund Suizidgedanken äußert? Nachfolgend einige Tipps.


1. Anzeichen und Warnsignale erkennen

Nur selten kann man auch den besten Freunden in den Kopf sehen. Deshalb sind suizidale Gedanken auch nicht sofort erkennbar. Wenn der Gegenüber nicht darüber redet, gehen Warnhinweise unter. Vor allem dann, wenn man die Signale nicht kennt. Erst wenn die Verhaltensmuster extrem werden, fällt es uns auf und dann reagieren wir aus Unkenntnis nicht wirklich vorteilhaft. „Der oder die ist so komisch und geht ja auch nicht mehr ans Telefon, deshalb sehen wir uns auch nicht mehr“, ist eine der gängigen Reaktionen. Man fühlt sich irgendwie vor den Kopf gestoßen, fallen gelassen und ist wütend auf das Schwinden der Freundschaft. Die Gründe hierfür werden oft nicht hinterfragt. Im Falle von Depressionen ist der Rückzug ein Alarmsignal und Folge der Krankheit und keineswegs ein Signal, das zum Ausdruck bringen soll: „du bist doof“. Nachfolgen eine Auflistung an Warnsignalen, die hellhörig machen sollte, und die helfen kann zu erkennen, ob Hilfe gebraucht wird:

Die Freundin oder der Freund:

• macht über die meiste Zeit hinweg einen traurigen und deprimierten Eindruck. (Depressionen sind der Hauptgrund für Suizide)

• redet plötzlich immer öfter über den Tod und fragt sich, wie es wohl sei zu sterben. Auch Suizid-Phantasien oder konkrete Vorgehensweisen, werden geäußert.

• googelt nach Themen, die mit Suiziden in Verbindung stehen oder sucht nach „schmerzfreien Suizidmöglichkeiten“.

• igelt sich mehr und mehr ein, bis es schließlich fast gänzlich zu einem Rückzug aus dem kompletten Freundes- und Familienkreis gekommen ist.

• äußert Gefühle der Hoffnungs- und Hilflosigkeit.

• leidet unter starken emotionalen Schwankungen. Besonders plötzlich auftretender Zorn und heftige Wutausbrüche zeigen an, dass etwas nicht in Ordnung ist. Aber auch der Wechsel von extrem euphorischen Stimmungen, hin zu extremer Niedergeschlagenheit, sollten Anlass zur Sorge geben.

• beklagt zunehmend die Ausweglosigkeit bestimmter Situationen und äußert immer weniger Hoffnung, die Sache doch noch auf die Reihe zu bekommen.

• Missbrauch von Drogen oder Alkohol (Vor allem dann, wenn weder das Eine noch das Andere in der Vergangenheit eine Rolle gespielt haben).

• gravierende Persönlichkeitsveränderung aufweist.

• impulsiv handelt und im Nachgang oftmals nicht erklären kann, was eigentlich geschehen ist.

• das Interesse an den meisten Aktivitäten verliert.

• eine Veränderung der Schlafgewohnheiten erlebt und immer weniger bis gar nicht schläft.

• eine Veränderung der Essgewohnheiten auftritt (hier gelten vor allem die Extreme. Kaum noch etwas isst oder so ziemlich alles in sich reinstopft)

• bei der Arbeit oder in der Schule nicht mehr bei der Sache ist und die Leistungen so schlecht werden, dass ein Verlust des Arbeitsplatzes droht oder die Versetzung gefährdet ist.

• plötzlich einen „letzen Willen“ schreibt.

• Gefühle der Schuld oder der Schande übermächtig werden.

• Rücksichtslos handelt

• Selbstverletzungen, wie zum Beispiel schneiden mit Rasierklingen (Cutting) oder Branding, das Brennen mit Zigaretten zugefügt werden. Das deutet auf extreme emotionale Störungen hin. „Nur so kann ich mich spüren“, hört man oft als Erklärung für dieses Verhalten.

• Der Wille fehlt, Pläne für die mittelfristige oder langfristige Zukunft zu machen.

• Es keinerlei Wünsche oder Sehnsüchte mehr gibt und die persönliche „bucket list“ der Perspektivlosigkeit und einem „ach macht doch eh keinen Sinn“ geopfert wird.

Selbstverständlich sind einzelne Anzeichen noch lange kein Hinweis auf eine mögliche suizidale Störung doch in der Summe, kann das Auftauchen einiger Anhaltspunkte, durchaus als Warnsignal gewertet werden.


2. Direkt nachfragen ob an einen Suizid gedacht wird

Wenn entsprechende Warnsignale auftauchen und die Vermutung naheliegt, dass die Freundin oder der Freund, tatsächliche Suizidgedanken hat, dann frage direkt nach:

"Denkst Du über einen Suizid nach?"

"Denks Du darüber nach Dich selbst zu töten?"

"Möchtest Du sterben?"

Wenn die Antwort „Ja“ lautet, dann solltest Du bei der Person bleiben. Bitte mache nicht den Fehler diese Aussage als dummes Geschwätz abzutun. Nimm es ernst und versuche nicht mit abgedroschenen Phrasen zu erklären, dass morgen die Welt bestimmt wieder ganz anders aussieht. Setzt Euch zusammen und besprecht was zu tun ist. Sucht zusammen einen Arzt oder einen Psychologen auf. Sprecht mit den Eltern. Wenn die Frage eine Art Nervenzusammenbruch auslöst, dann ab in die Notfallaufnahme der Klinik (Psychiatrie). Es ist keine Schande in eine Klinik zu gehen. Dort weiß man, wie man mit solchen Fällen umgeht.

Aber was tun, wenn die Antwort „Nein“ lautet und Du das Gefühl hast, Dein Gegenüber lügt?

Dann solltest du Dir einen Art Plan machen und schauen, dass du in ständigem Kontakt mit der Person bleiben kannst. Du könntest noch andere Freunde mit ins Boot holen. Aber bitte nicht drangsalierend überwachen. Macht einfach ab und an klar, dass die Freundschaft wichtig ist, dass man immer füreinander da ist. Bietet Hilfe, bei Tag und bei Nacht, an. Signalisiere, dass Du als Gesprächspartner jederzeit da bist. Die Clique kann untereinander einen Notfallplan schmieden und dafür sorgen, dass in extremen Krisen der Freund oder die Freundin nicht alleine gelassen wird und abwechselnd bei jemand anders übernachten kann.

3. Sei ein wirklicher Freund

Sei der Freund, der immer da ist. Du musst das Problem nicht lösen. Das kannst Du auch nicht. Aber ihr könnt zusammen durch die schwere Zeit gehen. Es ist wichtig, dass Du bereit bist zuzuhören und, dass offen über Gefühle gesprochen werden kann. Bitte verurteile die geäußerten Gedanken oder Gefühle nicht, auch wenn es schwerfällt, auch wenn du sie nicht nachvollziehen kannst. Es gibt in solchen Phasen kein gut oder schlecht, kein richtig oder falsch. Es nützt auch nicht über den Wert des Lebens zu sinnieren oder gar eine Lehrstunde ich Sachen Religion, Himmel und Hölle oder ähnliches zu halten. Nimm ernst, was gesagt wird. Zeige Interesse und sei eine Stütze. Hinterfrage was gesagt wird, bis ins letzte Detail. Das zwingt die Person zum Nachdenken und bringt andere Gedanken ins Rollen. Hinterfrage aber bewerte nicht die Antworten.

Eine solche Auseinandersetzung fordert natürlich das gemeinsame Zeit verbringen. Das ist wichtig. Wenn es irgendwie geht, dann nimm Dir die Zeit. Versucht nicht nur über die Gefühle zu sprechen, sondern macht auch Dinge, die ablenken. Klar, dazu musst Du den Kumpel oder die Freundin erst mal aus dem Haus bekommen. Ein kleiner Spaziergang kann schon genügend. Bloß nichts mit allzu viel Aufwand.

Das Thema Suizid darf kein Tabu mehr sein und suizidale Gedanken sollten nicht geheim gehalten werden müssen, weil man Angst haben muss, verurteilt zu werden. Wenn Du falsch liegst und die Freundschaft darunter leidet, weil Du Dir Sorgen gemacht hast, dann ist es nie eine richtige Freundschaft gewesen. Es ist besser einen Freund durch ein Missverständnis zu verlieren, als eine Freund durch Suizid zu verlieren, weil man keine Zeit für Ihn hatte oder weil einem eine Geburtstagsparty wichtiger war, als ein Notruf.


4. Hilf mit, Hilfe zu bekommen

Manchmal kann professionelle Hilfe auch beängstigend oder überwältigend sein, wenn man in Not ist. Man wird förmlich erschlagen, weil man nicht weiß womit man beginnen soll, was das Beste ist oder welches der erste Schritt ist. Deshalb ist es wichtig, wenn man einen „ruhigen“ Freund an der Seite hat, der umsichtig und bestimmend handelt und eine Stütze und Begleitung ist. Lass Dich nicht abweisen. Vor allem in Notfallsituationen. Es ist besser, die ganze Nacht vor der Tür zu sitzen und so lange zu klopfen, bis man dich reinlässt, als am anderen Tag die Todesnachricht zu bekommen, weil man einfach gegangen ist und sich hat wegschicken lassen. Vertraue im Zweifel immer auf Dein Bauchgefühl.

Wenn Not am Mann ist, dann findest du auf nachfolgendem Link eine umfassende Liste an Beratungsstellen, nach Bundesländern geordnet: https://sites.google.com/trees-of-memory.org/treesofmemory/suicide-prevention


Die Website „Freunde fürs Leben“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche. Dort findest du zahlreiche Informationen, wenn es um suizidale Krisen bei Kinder und Jugendlichen geht. https://www.frnd.de

Der Suizid ist bei Kindern und Jugendlichen unter 25 Jahren die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Nehmt es deshalb ernst.


5. Suizidandrohung in den sozialen Netzwerken? Sag etwas!

Es kommt oft vor, dass Suizid-Androhungen auch über die sozialen Netzwerke getätigt werden und das ist ganz sicher keine Frage des Alters. Wenn man etwas Entsprechendes liest, sollte man handeln und auf keinen Fall denken, dass die Person gerade mal wieder durchdreht und morgen die Welt schon anders aussehen wird. Die Welt könnte eine andere sein. Eine ohne diese Person.

Facebook hat das Problem erkannt und bietet deshalb Unterstützung an. Wie das Funktioniert und was man tun kann, zeigt dieses PDF (englisch): http://save.org/wp-content/uploads/2017/01/FB-One-Pager-for-AAS-3-1.pdf Es erklärt, wie du einen besorgniserregenden Post melden kannst. Mitarbeiter von Facebook werden sich dann mit der Person in Verbindung setzen. Menschlich schön wäre es aber auch, wenn Du selbst das Telefon in die Hand nimmst und nachfragst, ob alles in Ordnung ist oder Du helfen kannst. Die Wahrnehmung, dass es Menschen gibt, die sich kümmern und die sich Sorgen machen ist extrem wichtig für denjenigen, der oder die Suizidgedanken hat. In einer Welt, in der alles scheißegal ist und sich keiner um den anderen kümmert, will man in einer Krise erst recht nicht länger sein. Warum auch? „Man wird eh nicht vermisst und es kümmert niemanden“, ist ein Gefühl das sehr stark und mächtig ist und mit jedem Schweigen von außen, an Mächtigkeit zunimmt.

Schau Dir das Video an, wie Facebook im Falle suizidaler Krisen helfen kann: https://vimeo.com/160565004

Auch auf Twitter kann man Postings melden, wenn man den Verdacht hat, dass es sich um Suizid-ankündigungen handeln könnte: https://support.twitter.com/forms/suicide

Auch auf Instagram drohen Menschen Suizide an und deshalb nimmt auch Instagram das Problem sehr ernst. Über diesen Link hier, kannst du entsprechende Postings melden, damit Instagram sich bei den betroffenen Personen melden kann: https://help.instagram.com/553490068054878