Regina erzählt:

Ostern 1990: Ich, damals 35, seit 8 Jahren Witwe und Mutter einer 10-jährigen Tochter, verbrachte die Ostertage bei einer Freundin in der Nachbarstadt. Wir gingen zusammen in die Auferstehungsfeier und im Anschluss zum Osterfrühstück ins Pfarrheim.

Dort traf ich auf einen attraktiven Mitvierziger (ohne Ehering!), mit dem ich einige belanglose Sätze wechselte. Trotzdem - 'wenn mir in diesem Leben noch ein zweites Mal eine große Liebe bestimmt ist, dann der'! - 10 Minuten später der Knall: Warum musste dieser Mann ausgerechnet Priester sein! Und warum ich! Auch Georg, der zwar nie ein Verfechter des Zölibats war, der bis dahin aber auch kein "Problem" damit hatte, ihn hatte es genauso erwischt wie mich. 

Sehr bald schon ging es um die Frage, ob und wie es ein gemeinsames Leben für uns geben könnte. Georg klärte seine Chancen bei einem - weit entfernten! - Arbeitsamt - gegen Null. Außerdem liebte er seine(n) Beruf(ung) - aber das gilt wohl für alle Priester, auch in dieser Situation - und der Gedanke, das alles aufgeben zu müssen, belastete ihn sehr.

Herbst 1991: Die erste gemeinsame Urlaubswoche. Irgendwann standen wir Hand in Hand in einer kleinen Bergkirche vor dem Altar, und ich fragte in Gedanken: 'Gott, was hast du dir dabei nur gedacht.' In diesem Moment wurde mir zum ersten Mal schlagartig klar: 

Wenn Gott in seiner übergroßen Liebe zwei Menschen aneinander verschenkt und diesen Bund segnet, interessiert es Ihn überhaupt nicht, ob der eine seinem Bischof ein Zölibatsversprechen gegeben hat. 

Seit diesem Augenblick weiß ich mich mit Georg in einem von Gott gesegneten Bund vereint. Wir sahen uns an, ich spürte, dass er das genauso fühlte, und ganz spontan gaben wir uns ein Versprechen auf Liebe und Treue - für uns ein Eheversprechen.
Was Gott verbunden hat, sollen Menschen nicht trennen.
Wir sind bis heute sehr glücklich miteinander - obwohl wir uns damals entschieden haben, auf ein gemeinsames Familienleben zu verzichten.

Es sollte aber durchaus kritisch angemerkt werden, dass wir dadurch zu denen gehören, die ein absolut falsches System stützen, statt es zusammenbrechen zu lassen. Denn würden sich alle Priester mit ihren Lebensgefährtinnen oder auch Lebensgefährten öffentlich bekennen und in der daraus folgenden Konsequenz suspendiert - die Bischöfe müssten viele, viele Pfarren endgültig schließen - und der Papst manchen Bischofsstuhl neu besetzen.

Georg ist immer noch im priesterlichen Dienst tätig. Ich suchte mir nach diesem Urlaub eine neue Arbeit - außerhalb des kirchlichen Dienstes. So war wenigstens, falls wir verpetzt würden, unser Unterhalt gesichert. Denn soviel ist klar: Im Fall, dass... würde er zu mir stehen und gehen! Obwohl mir der Abschied von der Gemeindearbeit sehr schwergefallen ist, war es mir doch leicht, mich von einer Arbeitgeberin zu trennen, mit deren Auffassung ich in einen für mich unlösbaren Konflikt geraten war: Für eine Kirche, deren Gesetze in meinen Augen so massiv göttlichem Willen widersprechen, konnte und wollte ich nicht mehr in offizieller Funktion auftreten. 

Wie stark eine "heimliche Beziehung" allerdings ins Alltagsleben einwirkt, hatte ich anfangs nicht erwartet. Das ging soweit, dass bis auf die enge Freundschaft zu einem Ehepaar, das seit über dreißig Jahren im gleichen Haus wohnt, alle Freundschaften mit der Zeit zerbrochen sind. Der Grund war - wie ich von einer ganz vertrauten Freundin kurz vor deren Krebstod noch erfahren hatte - das Misstrauen, das die anderen mir gegenüber entwickelten. Selbst die beste Freundschaft verträgt eben auf Dauer keine Heimlichkeiten.
Man spürte genau, da war etwas ober besser einer, aber man erfuhr nichts darüber... warum macht sie so ein Geheimnis daraus... bringt ihn nie mit? Darauf kann es eigentlich nur eine Antwort geben: er ist verheiratet, und die Ehefrau darf nichts erfahren... wahrscheinlich... möglicherweise hat sie einer Frau aus unserem Freundeskreis den Mann ausgespannt, sonst könnte sie uns doch vertrauen...
Diese Unterstellung hat mich sehr getroffen. Obwohl ich sie nachvollziehen kann, hatte ich das alles in meinem Glück mit Georg zunächst gar nicht wahrgenommen. Das Problem ist halt auch, dass du meistens 'mit Partner' eingeladen wirst - bei deinem Priester-Mann kommt niemand auf die Idee, 'mit Partnerin' einzuladen. Manchmal entstehen dann Situationen z.B. an Feiertagen, wo er eine Einladung beim besten Willen nicht absagen kann, und du hast keine Möglichkeit, deiner Umwelt zu erklären, warum du mal wieder alleine bist statt mit ihm zu feiern. Als wäre es nicht schon schlimm genug, dass du dich in dem Moment unendlich einsam fühlst, gerätst du obendrein noch in Erklärungsnot...
Und du beginnst wie von selber, dich zurückzuziehen in dein schützendes Schneckenhaus, erst ganz unmerklich, dann immer stärker.

Rückblickend muss ich ehrlich sagen: Müsste ich nicht durch meinen Beruf im Kulturbereich ständig offensiv nach außen gehen und hätte dadurch einen großen, aber eben auch eher lockeren und 'unverfänglichen' Bekanntenkreis, ich wäre wahrscheinlich in eine soziale Isolation geraten, von der ich nicht weiß, ob ich sie ausgehalten hätte.

Was aber bleibt, ist eine Beziehung, die in einer totalen sozialen Isolation stattfindet, wie sie für „Nicht-Betroffene“ kaum vorstellbar ist: Kein gemeinsamer Theaterbesuch, keine gemeinsamen Treffen mit Freunden, kein gemeinsames Abendessen in einem netten Restaurant… gemeinsames „Außer-Haus-Leben“ findet fast nur im Urlaub statt.
Und auch morgens gemeinsam in einem Bett aufwachen gibt es nur am Ferienort.
Da kommt bisweilen eine ganz schöne Wut auf - und ich muss mir immer wieder auch heute noch bewusst machen:
Es ist nicht der Mann an meiner Seite, der mir weh tut, sondern eine gnadenlos harte und unbarmherzige Kirche, die uns beide verletzt.

Bis heute gibt es nur ganz wenige Menschen, die von uns wissen: meine Eltern und Geschwister, meine Schwiegereltern, die immer überglücklich waren, wenn meine Tochter, das Kind ihres verstorbenen Sohnes, im Sommer drei, vier Wochen bei ihnen 'Ferien auf dem Bauernhof' machte - Zeit für Georg und mich, gemeinsam in Urlaub zu fahren. Meiner Tochter selber, die Georg zunächst nur als gelegentlichen Besuch kennengelernt hatte, sagte ich erst nach dem Abitur, als sie zum Studium wegzog, die Wahrheit. Ich wollte ihr, die so unverkrampft locker und offen auf andere Menschen zugehen kann, ersparen, mit dem Druck eines 'Geheimnisses' leben zu müssen. Georg ist ja auch - zum Glück und *Gott-sei-Dank* - nicht ihr Vater. Sie hat die 'späte Beichte' sehr gut aufgenommen und nur gemeint, Georg wäre unter anderen Umständen ein wunderbarer Ersatz-Papa gewesen. Und dann wissen es noch die Freunde im Haus, denn von denen war immer eine/r da, wenn ich bei Georg war. Die beiden haben selber drei Kinder im Alter meiner Tochter und waren froh, dass ich dann zuhause war, wenn sie mal zusammen ausgehen wollten... ihnen gilt mein größter Dank, sie haben uns durch ihre liebenswerte Art in den ersten Jahren sehr geholfen.


Herbst 2016: Wieder in der kleinen Bergkirche unserer ersten gemeinsamen Urlaubswoche. Überglücklich und dankbar haben wir - so heimlich wie damals unsere Eheschließung - vor Gott unsere "Silberne Hochzeit" gefeiert.

Was ich mir wünsche?

Dass Georg und ich die nächsten 25 Jahre so glücklich miteinander sind, wie wir es die ersten 25 Jahre waren.

Ach ja, zwei wichtige Antworten noch:

Schuldgefühle hatten wir beide nie!
Wem gegenüber auch. Es gab keine/n Partner/in, dem/der eine/r von uns durch ein Versprechen verpflichtet gewesen wäre.
Der Zölibat ist außerdem nur das notgedrungen erforderliche "Versprechen des ehelosen Lebens" - vor dem Bischof
abgelegt vor der Diakonenweihe - ohne das es keine Zulassung zu der ersehnten Weihe gibt. Es ist eine Vorbedingung, kein Bestandteil des Weihesakraments - im Gegensatz zu dem fälschlicherweise immer damit verglichenen Treueversprechen in der Ehe, das zentral zum Ehesakrament gehört.
Unsere Lebensgemeinschaft verstößt nicht einmal gegen das Zölibatsgesetz, denn das verbietet dem Priester lediglich die offizielle Heirat.

Keuschheit ist nicht nur Verzicht auf Sex!
Laut kath. Katechismus ist auch das Ausleben der Sexualität innerhalb einer von Gott gesegneten, auf lebenslange Dauer angelegten und von gegenseitiger bedingungsloser Liebe und Treue getragenen Partnerschaft als keusch anzusehen (sonst würden ja alle in treuer Liebe verbundenen Ehepaare 'unkeusch' leben!).


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