Marion erzählt:

P. war damals als Kaplan in unserer Heimatgemeinde tätig. Durch Gespräche und Diskussionen lernten wir uns kennen, und keiner von uns hätte je gedacht, dass daraus einmal mehr werden könnte. Es gab ja schließlich ein großes Tabu zwischen uns. Das führte dann auch dazu, dass meine Gefühle bei unserem ersten körperlichen Kontakt massiv gespalten waren. Zuneigung, Liebe, aber auch Schuldgefühle, etwas zu tun, was ich nicht darf, berührten mich. Die zwiespältigen Gefühle sollten mich noch monatelang begleiten. Mit unserer engen Freundschaft begann auch das Versteckspiel. Ich hatte das Gefühl, unsere Freundschaft hätte etwas ganz Besonderes an sich. Es war belastend, sich ständig heimlich zu treffen, aber es lag auch etwas darin, was uns mehr und mehr zusammenbrachte.

... Unsere gemeinsame Zeit war immer knapp bemessen. Nur selten konnten wir uns für mehrere Stunden treffen. Es kam darauf an, ob ich mir die Zeit freihielt. P. konnte nur ganz kurzfristig sagen, wann er Zeit hatte. Also zog ich mich nach und nach von meinen Freundinnen zurück, um möglichst viel Zeit für P. zu haben. Wir verbrachten viele schöne Wochen und Monate immer verbunden mit dem Wunsch, einmal nicht mehr Versteck spielen zu müssen. Wie wunderschön müsste es sein, Hand in Hand im Wald einen Spaziergang zu unternehmen, gemeinsam ins Theater oder ins Kino zu gehen oder sich mit Freunden zu verabreden. All das konnten wir nicht. Die Wintermonate waren uns lieber als die langen Sommerabende, weil dann die Gefahr, gesehen zu werden, geringer war. Wir gingen immer erst spazieren, wenn es dunkel war. Der Druck in mir wurde größer und größer. Ich bekam immer mehr das Gefühl, dieses Versteckspiel nicht mehr aushalten zu können. Dennoch war mein fester Wunsch, dass P. Priester blieb.

Zu dieser Zeit fragte ich mich immer wieder, warum wir nicht beides haben konnten: P. seine Tätigkeit als Priester, die ihm so wichtig war, und wir unsere gemeinsame Zukunft, die uns ebenso wichtig war. Ich wusste, wie sehr sich P. nach einer Familie sehnte, Geborgenheit suchte, die er in der Kirche nicht fand.

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