Erwin erzählt:

"Wir standen momentan vor dem Nichts"

Claudia und ich kannten uns schon einige Jahre und wir liebten uns. Da mir aber der Beruf des Priesters so wichtig war, schob ich eine endgültige Entscheidung immer wieder hinaus. Im Jahr 2009 ging ich mit 70 Jahren in den Ruhestand. Jetzt schien mir die Zeit reif zu sein für eine endgültige Entscheidung.

Am 11. April 2010 schrieb ich einen persönlichen Brief an Erzbischof Marx, der es nicht für nötig fand, darauf zu antworten: "Ich möchte Ihnen heute mitteilen, dass ich mich zu einer Frau hingezogen fühle und diese Liebe bisher verborgen hielt - nur weil ich diesen Beruf überaus liebte und Seelsorge mir ein Anliegen und Erfüllung war... Jetzt, da ich im Ruhestand bin, möchte ich ehrlich dazu stehen. So habe ich mich entschlossen, diese Frau zu heiraten. Ich möchte damit auch ein Zeichen setzen, dass eine Frau, die einen Priester liebt, kein unwürdiges Schattendasein leben muss, nur weil sie einen Priester liebt." Etwa 4 Wochen später kam ein Brief des Generalvikars Dr. Peter Beer, wo mir die Suspension, d.h. der Entzug der Weihe-und Leitungsgewalt angedroht wurde, außerdem die Streichung des Ruhestandsgehalts. Da wir am 17. Mai 2010 vor dem Standesamt Tutzing geheiratet haben, kam endlich ein Lebenszeichen von Herrn Erzbischof Marx, die Suspension. Sofort wurde das Ruhestandsgehalt eingestellt und auch die Beihilfeversicherung. Wir standen momentan vor dem Nichts.

Zehn Weihekurskollegen  haben sich in einem Appell an den Priesterrat gewandt, da sie es nicht verstehen können, wie unbarmherzig das Ordinariat mit verdienten Mitbrüdern umgeht. Es half nichts. So mussten wir ein Darlehen von 7000 € in Anspruch nehmen, da ich durch die Diözese bei der Deutschen Rentenversicherung erst nachversichert wurde. Wir mussten auch die Wohnung wechseln, weil die Höhe der Miete nicht mehr aufzubringen war. Als ich meinen Rentenantrag stellte (das Geburtsdatum war gleich auf dem ersten Bogen vermerkt), schaute mich eine junge Angestellte fragend an: "Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?" Und nach rückwärts zu den anderen Kolleginnen gewandt sagte sie: "Da kommt einer mit 71 Jahren und beantragt die Rente - das haben wir ja noch nie gehabt!" Im November kam dann die erste Rate der Rente und wir konnten dann zunächst aufatmen.

Um diese Rente aufzubessern, entschloss ich mich, als Trauerredner noch ein Zubrot zu verdienen. Ich besuchte die vier Bestatter in Rosenheim und bot meine Dienste an. So habe ich jetzt im Monat ca. drei Trauerfeiern. In den Vorgesprächen mit den Angehörigen stelle ich immer wieder fest, dass die "Nichtkirchlichen" keineswegs Ungläubige sind und eine tiefe Dankbarkeit für eine Begleitung in ihren schweren Stunden zeigen. Das gibt mir eine innere Zufriedenheit und auch eine tiefe Dankbarkeit. Großen Ärger gab es noch im Herbst. Ich bat die Diözese, im Amtsblatt zu vermerken, dass ich geheiratet habe und deswegen suspendiert wurde (das Ausscheiden von Priestern aus dem Amt wird ja immer stillschweigend übergangen).

Und genau an dem Tag, an dem die Missbrauchsfälle der Erzdiözese München und Freising veröffentlich wurden, stand im Amtsblatt folgender Eintrag:

17.05.2010  Erwin Wild, Eintritt der Tatstrafe der Suspension.

Ich war wütend. Meine Frau rief sofort den Weihbischof an, der setzte sich auch massiv in der Ordinariatssitzung dafür ein, dass dieser Eintrag in der nächsten Ausgabe des Amtsblattes geändert wird und die Diözese sich entschuldigt - nichts ist geschehen!

Meine Frau trat daraufhin aus der Kirche aus. Von allen Behörden (z.B. Einwohnermeldeamt, Rentenversicherung, KFZ-Zulassungsstelle) wurden wir sehr freundlich behandelt, obwohl sie kein Schild mit der Aufschrift "christlich" führen, nur von der eigenen "Behörde" nicht.

Wir haben diesen Ärger und alles andere jetzt hinter uns gelassen, wir fühlen uns sehr glücklich und befreit. Erst jetzt merke ich, in welcher Zwangsjacke ich Jahrzehnte lebte und wie frei ich jetzt bin. Wir fühlen uns auch vor Gott verbunden (auch ohne die sog. Laisierung, die ich entschieden ablehne, denn ich will Priester bleiben). Bei einem Einkaufsbummel in Weilheim, wo meine Frau beim Einkaufen war, während ich auf sie in der Kirche  wartete, geschah es. Als sie mich - die Hände voller Einkaufstaschen - abholen wollte, sagte ich zu ihr: "Setz Dich her zu mir, gib mir Deine Hand, wir wollen uns vor Gott jetzt das Ja-Wort geben!" (Das Sakrament der Ehe spenden sich ja die beiden selbst, der Priester oder Diakon ist ja nur der Assistent der Kirche). Nach alledem können wir allen Priestern und ihren Freundinnen nur raten:

"Auch wenn es momentan schwer ist, habt den Mut, das Versteckspiel zu beenden.
Die Kirche hat kein Recht, Euer Leben kaputt zu machen. Befreit Euch, Ihr werdet es nicht bereuen!"

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