Christina erzählt:

Konrad war seit Jahren ‚Freund des Hauses‘, aber als Priester für mich völlig tabu, ebenso wie ich als Ehefrau für ihn tabu war. Und in dieser Illusion des Tabu-Seins sehe ich mit einen Grund, warum sein und mein Warnsystem, das sonst immer früh einsetzte, nicht funktionierte, warum wir schon eine sehr tiefe Beziehung hatten, bevor uns dies überhaupt klar war.

Zur Freundschaft gehörte für mich das Teilen des Erlebten, das Mittragen von Schwierigkeiten, gemeinsame Unternehmungen - eben der Wunsch, ein Stück Leben zu teilen. Ich hatte das Gefühl, wir verstehen uns, schwimmen auf einer Wellenlänge.

... Für mich spielte er als Freund, nicht als Mann, eine wichtige Rolle. Irgendwann begannen wir auch kleine Zärtlichkeiten auszutauschen, hier mal ein leichtes Streicheln, da ein Küsschen auf die Wange. Das waren Zeichen unserer Nähe. Erst viel später merkte ich, dass sich etwas verändert hatte. Er fing an, mich bei verschiedenen Anlässen in den Arm zu nehmen, und mir wurde klar, welche Wichtigkeit dies für mich bekam. Ich genoss seine Wärme, seine Nähe, und ich begann, mich darauf zu freuen - und bald, mich danach zu sehnen. Das machte mir viele Schuldgefühle und Konrad auch.

Vor meinem Mann Franz hielt ich diese Entwicklung nicht geheim, das konnte ich gar nicht - ich wollte auch diesen Teil meines Lebens mit ihm teilen - ebenso wie seine Probleme, die aus dieser Situation erwuchsen.

... Und diese Situation ist offen, das heißt für sie gibt es keine gesellschaftlichen Rezepte; die gibt es wohl in Richtung auf Zweierbeziehung - ‚Für einen musst du dich entscheiden!‘ usw. - aber nicht für den Fortbestand einer Dreierbeziehung.

Und so haben wir uns aufgemacht, neue Wege zu suchen. Dafür haben wir lernen müssen und haben es in Jahren gelernt, mit unseren Gefühlen (Liebe, Eifersucht, Schuldgefühle) und mit denen der anderen zu leben. Das war möglich durch ganz viele Gespräche, durch gegenseitiges Einlassen auf den anderen und Verständnis für ihn, aber auch durch offenes Mitteilen der eigenen Gefühle und Grenzen. Das war ein sehr schmerzhafter Prozess und hat Franz und mich in eine tiefe Ehekrise gestürzt. Aber auch mit Konrad gab es eine schwere und lange Beziehungskrise. Der Druck durch die Situation, von außen oder durch andere war doch sehr groß. Für mich war es schwer, keine neutrale Gesprächspartnerin zu haben, die sich vorurteilsfrei auf meine Probleme einließ. Ich fürchtete, von allen verurteilt zu werden, da ich gleich gegen mehrere Moralvorschriften verstoßen hatte: Ein Verhältnis zu haben als verheiratete Frau, und dann auch noch mit einem Priester.

Das erste Mal, als ich mich aus meiner Isolation herauswagte, war in der Initiativgruppe, und ich war überrascht über die einfühlende Reaktion der anderen Frauen.