Anna erzählt:

Wenn ich auf mein Leben zurückschaue, ist es in manchen Augenblicken wie ein Traum, dass ich mit meinem Mann doch noch zehn Jahr verheiratet war. Vierundvierzig Jahre lang war er Priester bis ins 74. Lebensjahr.

Als junge Frau mit 22 Jahren lernte ich ihn kennen. Beim Besuch einer krebskranken Lehrerin wurde ich ihm im Garten eines großen Krankenhauses vorgestellt, wo er nach seinem zweiten Herzinfarkt bis zum Bezug des neuen Stadtpfarrhofs wohnte. Er bot sich an, mich in seinem Auto zur Finanzschule zurückzufahren. Ich bereitete mich dort auf mein Berufsexamen vor. Zum ersten Mal in meinem Leben saß ich neben einem Mann im Auto, der dazu noch Priester war. Als er seinen Hand auf meine Hand legte, um mich schonend auf den nahen Tod der geliebten Lehrerin vorzubereiten, war mir das etwas völlig Fremden, Unbekanntes. Aber bei dieser rein seelsorgerlichen Zuwendung verspürte ich eine Geborgenheit, wie ich sie in dieser Intensität noch nie erlebt hatte. Die wollte ich um keinen Preis verlieren.

Als ich nach München versetzt wurde, begann ein Briefwechsel. Er rief auch manchmal in der Wohnung an, in der ich zur Untermiete wohnte. Ich begann in meiner Sehnsucht nach seiner Nähe an manchen Sonntagen mit dem Zug in seine Stadt zu fahren, um ihn in der Kirche wenigstens aus der Ferne zu sehen. Später waren Besuche in seinem Stadtpfarrhof nur selten möglich, weil er total in die Familie des Bruders integriert war, die in seinem Dorfpfarrhof lebte, und mit der er auch in Urlaub fuhr. Die Mutter seiner Schwägerin, eine krampfhaft eifersüchtige Frau, führte den Haushalt im Pfarrhof und bewachte jeden seiner Schritte. Der Zölibat mit seiner Eingrenzung war da sehr hilfreich. In den zweiundzwanzig Jahren unseres Getrenntseins, die hin und wieder von Begegnungen, kurzen nächtlichen Telefongesprächen, und nach dem Tod der Haushälterin von kleinen Reisen durchbrochen waren, wuchs eine große verzweifelte, ziellose Liebe.

Der geliebte Mann versuchte anfangs mit allen Mitteln, mich von sich fern zu halten, obwohl ich spürte, wie innerlich zerrissen er war und litt. Immer wieder schrieb er beschwörende Briefe, um mich auf einen Weg zu bringen, der in die Erfüllung einer Ehe münden sollte. An seiner Seite konnte mein Platz wegen des Pflichtzölibats ja nicht sein. Aber ich konnte nicht von ihm lassen. Hin und wieder wagte ich einen Besuch im Pfarrhof. Es ist mir unmöglich, hier die traumatischen Erlebnisse, die unbeschreibliche Einsamkeit und die herzzerreißenden Abschiede dieser vielen Jahre zu schildern. Nur dies: sie haben mich geprägt bis heute.

Es kamen anonyme Briefe an meinen Vater. Auch der geliebte Mann, der leidenschaftlicher Pfarrer war, litt unsagbares. Er konnte nicht gehen, konnte seine Pfarrkinder nicht verlassen. Er glaubte, sie würden am Glauben irre werden, weil damals noch viele die Ehelosigkeit der Priester mit unserem katholischen Glauben koppelten. Und ich denke auch, er wäre schwermütig geworden, hätte er seinen Dienst nicht mehr ausführen dürfen.

Als mein Mann nach 44 Jahren um die Dispens zur Eheschließung bat, leitete der Bischof sein Laisierungsgesuch nicht nach Rom weiter mit dem Hinweis, „er sei einer der besten Priester der Diözese gewesen.“ Um unser Zusammensein wenigstens vor der Öffentlichkeit zu legalisieren, heirateten wie standesamtlich. Mein Mann teilte das sofort dem Bischof mit und bat ihn, nun doch das Laisierungsgesuch nach Rom weiterzuleiten. Stattdessen verhängte der Bischof über ihn die Strafen der Suspension, der Exkommunikation und den Entzug der Pension. „Weil aber die Kirche nach staatlichem Recht verpflichtet ist, Ihre Altersversorgung sicherzustellen, werden wir Sie in Berlin zu einer Rente nachversichern.“ Später wurde unter Papst Paul VI. die Laisierung ausgesprochen, und wir konnten auch kirchlich heiraten.

Nun liegt das Sterben meines Mannes schon 28 Jahre zurück. Ein Jesuit, sein ehemaliger Beichtvater, schrieb: „Er hatte eine eigene und große Berufung und ich bin ganz sicher, wenn ich so an ihn denke, dass Gott ihn mit offenen, liebenden Armen an der Schwelle zur anderen Welt, die auch auf uns wartet, aufgenommen hat.“

Mich erfüllt große Dankbarkeit ihm gegenüber. Ich spüre oft seine Hilfe.

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