Biographie Carl Bruns
Wolfgang Schreiber - Amsterdam

Biografie Carl Bruns - Fortsetzung

Am 1. April 1933, kurz nach Beginn der NS-Diktatur, bezogen Carl und Otto gemeinsam mit Carls Mutter (meiner Urgroßmutter) eine großbürgerliche 8-Zimmer-Wohnung in der Papenhuder Straße 32, 2. Stock, gegenüber der vorherigen Wohnung. Meine Mutter, Hannelore Schreiber, geb. Busse, (1922-1966) und meine Tante Ursula (geb. 1924) kamen als Kinder oft zu „Onkel Carl und Onkel Otto“ zu Besuch. Carl war nicht politisch aktiv und kein Mitglied der NSDAP.

1929 hatte Carl Bruns den Fotografen Heinrich (Heinz) Roth (19071945) in einem Homosexuellen-Lokal (Die Goldene Dreizehn) kennengelernt und mehrere Jahre lang ein Verhältnis mit ihm gehabt. Wie die Fotos bezeugen, besuchte Heinz Roth gemeinsam mit Carl und Otto Familienangehörige Carls (hier mit seiner Schwester Käthe und ihrem Mann Julius). 

Heinz Roth kam im Mai 1945, nach vielen Jahren Haft in verschiedenen Lagern, u.a. im KZ Neuengamme, beim Untergang der „Cap Arcona“ um.

Nachdem die vom nationalsozialistischen Regime verschärfte Fassung des Paragraphen 175 am 1. September 1935 in Kraft trat,  ist Carl am 9. Juni 1936 zum ersten Male „wegen fortges. widernat. Unzucht in zwei Fällen zu 4 Monaten und 2 Wochen Gefängnis“ verurteilt worden. Heinz Roth wurde wegen seines Verhältnisses zu Carl Bruns im April 1936 zu 8 Monaten Gefängnis verurteilt. Carl Bruns und Heinz Roth hatten dieselben Anwälte: Karstens & Wehner, Hermannstr.31.

Nach einer erhalten gebliebenen Justizakte (Staatsarchiv Hamburg 213-11 Staatsanwalt Landgericht – Strafsachen, 5209/42) wird Carl Bruns am 27.3.1942 von Paul Abele (1907-?) in einem Verhör als homosexueller Kontakt genannt und daraufhin am 3.4.1942 vom zuständigen Kriminalkommissariat 24 (B.K.1) verhört und noch am selben Tag festgenommen. Er streitet alle Beschuldigungen ab, gibt lediglich einen Sexualkontakt mit einem Unbekannten im Sommer des Jahres 1941 zu. Bis zum 13.4.1942 befindet er sich in Polizeigewahrsam (d.h. im Gestapogefängnis Fuhlsbüttel), dann soll er nach Haftbefehl in U-Haft gekommen sein. Während Paul Abele seine Aussage am 30.4. widerruft, trifft am 29.4. bei der Staatsanwaltschaft ein Brief ein, in dem die Anwälte Karstens & Wehner erklären, dass Carl Bruns seine Aussage widerruft und alles zugeben will, was er dann tragischerweise am 8.5. auch tut: Er habe dreimal, und zwar 1933 und 1934 und dann wieder Ende 1940 sexuellen Kontakt mit Paul Abele gehabt. Seinen Partner Otto Schildt kann er offensichtlich aus den Ermittlungen heraushalten.

Am 6.7.1942 wird Carl Bruns vom Amtsgericht Hamburg, Abt. 131, zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wegen Unzucht zwischen Männern nach § 175 (er galt als vorbestraft). Die Strafe hat er in den Haftanstalten Hamburg-Stadt, -Fuhlbüttel und  -Altona verbüßt. Doch sein Leidensweg ist damit noch nicht zu Ende: Am 9.3.1943 wird er nicht entlassen, sondern gleich wieder der Polizei überstellt, die seine erneute Vorbeugehaft veranlasst...

7. Juli 1940: Erlass HimmlersAlle Homosexuellen, die mehr als einen Partner "verführt" haben, sind nach ihrer gerichtlich angeordneten Strafverbüßung in "Vorbeugehaft" zu nehmen (= Konzentrationslager).

Carl Bruns kommt dann in das Konzentrationslager Sachsenhausen und ist laut Mitteilung eines Mithäftlings auf dem Todesmarsch Ende April 1945 ums Leben gekommen. Sein Partner - Otto Schildt – war im Juli 1943 verstorben.

Mehr Informationen zum KZ Sachsenhausen

auf der Website www.gedenkstaette-sachsenhausen.de:

>  idealtypisches Modelllager

> "Konzentrationslager der Reichshauptstadt"

> Häftlingsgesellschaft

> Zwangsarbeit

> Opfer

> Evakuierung, Todesmärsche und Befreiung: Die Räumung des KZ Sachsenhausen begann in den Morgenstunden des 21. April 1945. 33.000 der noch verbliebenen 38.000 Häftlinge wurden in Gruppen von 500 Häftlingen nach Nordwesten in Marsch gesetzt. Bei nasskaltem Wetter starben viele Häftlinge an Entkräftung oder wurden von der SS erschossen. Auf unterschiedlichen Strecken gelangten die Kolonnen inden Raum Wittstock. Im nahen "Belower Wald" wurden ab dem 23. April 1945 in einem großen Lager mehr als 16.000 Häftlinge zusammengezogen(> Museum des Todesmarsches).

 

Die Links der Jahreszahlen verweisen zum "Lebendigen virtuellen Museum Online", einem gemeinsamen Projekt des Deutschen Historischen Museums (DHM), des Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (HdG) sowie des Fraunhofer-Institut für Software- und Systemtechnik (ISST).

 

Im Schwulen Museum Berlin und in der Gedenkstätte Sachsenhausen fand vom 26. 3. 2000 bis zum 30. 7. 2000 die Ausstellung Verfolgung homosexueller Männer in Berlin 1933 - 1945 statt. Carl Bruns wurde in der Ausstellung und im Katalog gewürdigt.

 

Mehr zur Verfolgung Homosexueller auf der Website Persecution of Homosexuals des United States Holocaust Memorial Museum und zum ‚Rosa Winkel’.

 

Paragraph 175
Ein Film über homosexuelle KZ-Opfer von Rob Epstein und Jeffrey Friedman, USA 1999

 

„Totgeschlagen, totgeschwiegen?“ – Artikel von Klaus Müller in: Nationalsozialistischer Terror gegen Homosexuelle. Verdrängt und ungesühnt Hg. von Rüdiger Lautmann und Burkhard Jellonek. Paderborn 2002.

 

Bernhard Rosenkranz mit Gottfried Lorenz: "Hamburg auf anderen Wegen - Die Geschichte des schwulen Lebens in der Hansestadt" mit vielen Fotos und Zeitzeugen-Interviews. Das Buch mit 383 Seiten ist im November 2005 in der Lambda-Edition erschienen und kostet 29,80 Euro.

Mit Ulf Bollmann gründete Rosenkranz die Initiative "Gemeinsam gegen das Vergessen - Stolpersteine für homosexuelle NS-Opfer". Interessenten für eine Stolperstein-Patenschaft können im Internet Informationen erhalten unter www.hamburg-auf-anderen-wegen.de/stolpersteine


CD-Tipp: Schwule Lieder“ Historische Aufnahmen aus den Jahren 1908 bis 1933 - Perlen der Kleinkunst - mit Künstlern wie Otto Reutter, Gustaf Gründgens, Claire Waldoff und Marlene Dietrich.


Liste der Toten & Stolpersteine

der bisher namentlich bekannten Homosexuellen des KZ Sachsenhausen 


> Carl Bruns