Morgen ist Weihnachten

Фаст (Гамм) Елена Корнеевна

06.05.1914-07.10.1991
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Unruhig wälzte er sich von einer Seite auf die andere. Aber er konnte keine bequeme Lage finden. Wie denn auch? Wenn er sich auch nur ein bißchen bewegte, stieß er rechts und links an seine Nachbarn, denen es ähnlich erging. Außerdem war ihr Lager so hart und bei jedem Ruck schlug er mit dem Rücken oder mit dem Kopf hart auf. Er hätte gerne gewusst, wohin sie fuhren. Aber Mama hatte es ihm nicht gesagt. Vielleicht fuhren sie ja zu Papa. Er würde seinen Papa gerne kennenlernen. Bestimmt war er groß und stark, denn das waren Papas immer. Natürlich nur, wenn man einen hatte. Er kannte einen Jungen, dessen Papa zu Hause war. Dieser Junge gab immer damit an. Aber die anderen Jungen, mit denen er zu Hause gespielt hatte, hatten auch keinen Papa. Zumindest nicht einen der da war. Manchmal fragte er seine Mama, ob sie ihm was von seinem Papa erzählen könnte. Dann weinte Mama und er verstand nicht so ganz warum. Er konnte sich gar nicht daran erinnern, wie es gewesen war, als Papa noch zu Hause war. Und jetzt waren sie selber auch nicht mehr zu Hause. Sie hatten ein schönes Haus gehabt und mit den anderen Kindern im Dorf konnte man gut spielen. Wo die jetzt wohl waren? Ob die wohl auch irgendwo hin fuhren? Einige von ihnen hatte er an der Verladestation gesehen, als sie am Bahnhof Pagrusnaja in diese furchtbar engen dreckigen Züge steigen mussten.

Eigentlich war Reisen aufregend. Wenn es hier nur nicht so eng wäre und nicht so hart. Sein ganzer Rücken tat ihm weh und auch der Kopf. Er war müde, aber er konnte nicht einschlafen. Außerdem stank es in diesem dunklen Viehwaggon mittlerweile ganz fürchterlich. Manchmal blieben sie stehen und dann räumten Mama und Tante Anna und Tante Tina ein bißchen Dreck aus dem Wagen. Aber es stank trotzdem. Und er war so schrecklich hungrig. Sie waren jetzt schon ganz viele Tage unterwegs, er hatte gar nicht gezählt wie viele. Bestimmt würden sie bald ankommen.

Au! Jetzt war er wohl doch kurz eingeschlafen. Ein Soldat war an sein Bett gekommen und hatte ihm mit einer großen Pistole auf den Kopf gehauen. Er rieb sich die Augen. Aber plötzlich war der Soldat weg. Und der dicke Mann neben ihm stöhnte laut und stieß einen Fluch aus. Ach so, das mit dem Soldat war nur ein Traum gewesen. Aber der Zug stand jetzt und die vielen Leute im Wagen waren unruhig geworden. Schade, dass es hier kein Fenster gab. Er hätte gerne gesehen, wie es draußen aussah.

Er hörte, dass Mama und Tante Anna sich leise unterhielten, aber er konnte ihre Worte nicht verstehen. Oma und die anderen Tanten saßen still in der Ecke zusammengekauert. Tante Tina, die Nachbarin schaute andauernd um sich und fragte: „Wo sind wir jetzt?“ Aber niemand antwortete ihr. Plötzlich hörten sie von draußen laute Schläge an die Wand ihres Wagens. Eine tiefe, ganz ungemütliche Stimme schrie irgend etwas, aber er verstand es nicht genau. Die erwachsenen Leute begannen sich langsam aufzurappeln. Großmama stöhnte und Mama half ihr, aufzustehen. „Was werden sie mit uns machen?“ „Ich weiß nicht, Mama. Vielleicht sind wir ja bald in Deutschland.“ Er wußte nicht, was Deutschland war, aber es musste etwas Gutes sein. Jedenfalls hatte Mama gesagt, wenn sie nach Deutschland kommen würden, dann wäre es gut. Vielleicht war ja Papa in Deutschland.

Er fröstelte und zog sein Jäckchen enger ums seinen dünnen Leib. Mama legte den Arm um ihn und drückte ihn ganz fest an sich. Mit der anderen Hand stützte sie Großmama, die auch ganz arg zitterte. „Hu, hier ist es ja noch viel kälter als drinnen,“ sagte sie, als sie ihre Füße auf den weißen harten Boden setzte. Zuhause hatte Mama es auch schon nicht gemocht, wenn es kalt war, und im Wagen war es immer sehr kalt gewesen. Aber hier draußen wirklich noch viel mehr. Er versuchte seinen großen Zeh zu bewegen, aber es ging nicht. Er spürte nichts.

Die Männer, welche sie damals zu Hause abgeholt hatten, waren wieder da und schrien laut etwas. Aber er konnte ihre Sprache immer noch nicht verstehen.

Dann mussten sie alle irgendwohin gehen. Die Großen gingen so langsam und die Männer schrien immer irgend etwas Böses. „Wo werden sie uns nur hinjagen?“, jammerte Tante Anna. „Und morgen ist Weihnachten“, flüsterte Mama leise.

Weihnachten! Weihnachten war etwas Gutes. Zu Weihnachten gab es einen Tannenbaum und Plätzchen. Und Geschenke. Er freute sich immer auf Weihnachten. Er erinnerte sich noch daran, wie Mama und Großmama mit den Tanten „Stille Nacht“ und „O du fröhliche“ gesungen hatten. Also wenn morgen Weihnachten war, dann freute er sich.

Der Klubraum, in dem sie sich jetzt auf den Boden setzten, war nicht beheizt. Aber sie blieben nicht lange. Hier wurden sie verteilt, immer wieder brüllte ein Mann in Uniform irgendetwas, das er nicht verstehen konnte. Bald kamen auch sie an die Reihe – Mama, Großmama, Tante Selli, Onkel Hans, Tante Anni, Tante Gustchen, Tante Mimi und er. Sie kamen auf einen großen Schlitten und ein Mann mit schmalen Augen und glänzendem schwarzen Haar trieb das magere Pferd zur Eile an. „Ein Kasach“, sagte Mama. Er sah mit neugierigen Augen durch die fremde Welt, durch die sie fuhren. Hier sah es ganz anders aus, als zu Hause. Der Himmel war ganz hoch und hatte viele Sterne. Und die Erde ging ganz weit und war ganz weiß. Und dazwischen ging ein langer Strich, das war der Weg, auf dem der Zug gekommen war. Der Wind war hier so kalt und tat so weh, gar nicht so, wie zu Hause.

Jetzt waren sie an einem kleinen Dorf angelangt. Aber die Häuser hier waren seltsam. Nicht so schön wie zu Hause. Sie waren klein und schief und hatten Türen aus altem Holz. „Erdhütten“ sagte Tante Tina.

Eine Frau öffnete die Tür. Sie sah seltsam aus, hatte schwarze Haare und ganz kleine Augen. Sie jammerte und stotterte irgendwas. Es waren schon ganz viele Leute da, die alle so ähnlich aussahen wie diese. Er war schon furchtbar müde und bekam vieles nicht mit. Aber irgendwann saßen sie alle in so einem kleinen Häuschen auf dem Boden, wo die dunkle Frau Decken hingelegt hatte. Im Ofen brannte ein bißchen Feuer und langsam tauten die erstarrten Glieder etwas auf. Die Frau brachte ihnen kleine Schüsselchen, aus denen es dampfte. Es war Suppe. Glücklich schlurften sie die heiße Flüssigkeit. Dann streckten sie sich alle nebeneinander auf dem Boden hin. Und einen Augenblick war ihnen, als hätten sie es noch nie so warm und gemütlich gehabt, wie in dieser niedrigen Erdhütte auf den dünnen Decken, mit einer warmen dünnen Suppe im Magen unter den fremden Leuten, deren Sprache sie nicht verstanden. Aber sie waren kilometerweit von ihrem Zuhause entfernt, wussten nichts über den Verbleib ihres Vaters, hatten nichts als die wenigen Sachen, die sie am Leibe trugen und hatten keine Ahnung, wie es weitergehen würde. Morgen war Weihnachten und statt wenigstens ein Stück Brot zu bekommen, wurden sie zum Arbeiten geschickt. Bevor sie hinter den anderen die niedrige Tür in die kalte Steppe hinaus folgte umarmte die junge Mutter ihren kleinen Sohn und sang leise:„Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue, freue dich, o Christenheit!“
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