Schriften / Entsprechung zu Sprachen

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Dieser Artikel stammt aus der Wikipedia

http://de.wikipedia.org/wiki/Schrift


Schrift als Entsprechung zu Sprachen

In der Schriftlinguistik wird zwischen dem übersprachlichen Zeicheninventar, der Schrift oder dem Skript (engl. script), einerseits und der einzelsprachlichen Ausgestaltung, dem Schriftsystem (engl. writing system), andererseits unterschieden. Zum System gehört mindestens ein Regelapparat (Orthographie) und seine Basiseinheit ist das Graphem, während die Konstituente des Skripts das Schriftzeichen (engl. character) oder auch Symbol ist.

Die Terminologie ist allerdings nicht ganz einheitlich. So verwendet Coulmas „Schriftsystem“ auch für das, was Dürscheid u.a. „Schrifttyp“ nennen; diese werden traditionell dreifach unterschieden, wobei meist weder nach Analyse- und Interpretationsebene der graphischen Zeichen noch nach Skript und Schriftsystem getrennt wird:

Buchstabenschrift (Alphabetschrift, Segmentalschrift)

    Wenige dutzend arbiträre, segmentale, oft geometrisch einfache Grapheme korrelieren mit Phonemen.

Silbenschrift (Syllabographie)

    Einige dutzend bis hunderte Suprasegmentale, teilweise systematische Grapheme korrelieren mit der Sprechsilbe oder wenigstens mit Komplexen aus einem Silbenrand und dem -kern.

Wortschrift (Logographie)

    Tausende komplexe Grapheme eines oft offenen Repertoires korrelieren mit Morphemen, die Wortstatus haben können.

Alphabet- und Silbenschriften beziehen sich auf Laute (phonographische Schrift). Das Maß des Bezugs hängt von der Sprache, welche niedergeschrieben wird, ab. Logogrammschriften sind hingegen zu gewissen Teilen semantographisch, also bedeutungsbasiert: das Schriftzeichen hat eine bestimmte Semantik, möglicherweise ohne feste Aussprache, wenn es die sichtbare Welt abbildet (Piktogramm) oder ein abstraktes Konzept darstellt (Ideogramm).

Bei den Alphabet- oder Segmentalschriften unterscheidet man zwischen Alphabetschriften im engeren Sinne und Konsonantenschriften. Diese werden wiederum danach unterschieden, ob die Vokale nicht, nicht notwendigerweise oder nicht auf gleicher Ebene wie die Konsonanten realisiert werden. Dazwischen – und entsprechend mal dem einen, mal dem anderen Typ zugerechnet – stehen solche, in denen Vokale als obligatorische Hilfszeichen von Konsonanten auftauchen, wie in indischen Schriften. Diese sind also in gewisser Weise das Bindeglied zwischen Alphabetschriften im engeren Sinne und Konsonantenschriften, in gewisser Weise auch zu den Silbenschriften.

Bei den Silbenschriften kann danach unterschieden werden, ob ihre Syllabogramme nach einem gemeinsamen Muster oder völlig arbiträr gebildet werden, und danach, ob sie ausreichen, um in einem Schriftsystem alle Sprechsilben der betreffenden Sprache ohne orthographische Kombinationsregeln darzustellen.

Manche Sprachen nutzen gemischte Schriften, die Züge von zwei oder allen drei Schriftsystemen haben, oder mehrere Schriften nebeneinander.

Eine Besonderheit bilden die Geheimschriften, die zur verschlüsselten Informationsübertragung verwendet werden, sowie die Kurzschriften.


Entwicklung

Vor der Entwicklung der Schrift war jahrtausendelang die mündliche Überlieferung von wesentlichen Inhalten üblich. Eine mögliche Sinnentstellung des ursprünglichen Quelleninhaltes und das Weglassen oder Hinzufügen von Inhalten sind in der mündlichen Vermittlung des jeweils einzelnen Erzählers immanent enthalten. Psychologische, soziale und kulturelle Faktoren spielen bei der mündlichen Überlieferung eine wesentliche Rolle. Weltweit wurden von jeher überlebenswichtige Informationen, aber auch geheimes Wissen, Rituale, Mythen, Legenden und Sagen mündlich weitergegeben (wie u. a. die Geschichte von der großen Sintflut), die einen ähnlichen Kern aufweisen, in ihren Details aber beträchtlich voneinander abweichen können.

Auch heute noch existieren Kulturen, in denen die mündliche Überlieferung von Traditionen und Wissen üblich ist. Bei den Aborigines in Australien steht das mündliche Zeugnis sogar im Vordergrund, obwohl sie in engem Kontakt mit einer schreibenden Kultur stehen. Die wortwörtliche Wiedergabe an nachfolgende Generationen trägt dazu bei, eigene Kultur und Werte zu bewahren, und charakterisiert zugleich eine Besonderheit dieser Kultur.

Gemeinsam mit der Fähigkeit des Lesens bilden Schreiben, Schrift und Rechnen in den Industrieländern einen wesentlichen Teil von Tradition, Kultur und Bildung. Die Erfindung der Schrift gilt als eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation, da sie die Überlieferung von Wissen und kulturellen Traditionen zuverlässig über Generationen hinweg erlaubt, und deren Erhaltung (je nach Qualität des beschrifteten Materials und natürlich auch der Umstände) über einen langen Zeitraum garantiert. Alle bekannten frühen Hochkulturen (Sumer, Ägypten, Indus-Kultur, Reich der Mitte, Olmeken) werden mit der Verwendung der Schrift in Verbindung gebracht.

Traditionell wird Sumer als die Kultur genannt, in der die Schrift erstmals verwendet wurde. Die wohl ältesten Schriftfunde stammen von dem Fundort Uruk aus Abfallschichten unter der sogenannten Uruk-III-Schicht. Sie werden somit ins 4. Jahrtausend vor Christus datiert. Es handelt sich dabei um Wirtschaftstexte. Die verwendete Schrift lässt allerdings keine Rückschlüsse auf die Sprache zu, es ist daher falsch, diese Schrift im strengen Sinne als sumerisch zu bezeichnen. Nur wenige Forscher glauben, dass es sich bei den Symbolzeichen der Vinča-Kultur in Südosteuropa, die in das 5. Jahrtausend v. Chr. datiert werden, um eine tatsächliche Schrift handelt. Die ägyptischen Hieroglyphen werden oft als eine aus Vorderasien importierte Idee angesehen; neuere Funde von Günter Dreyer in Ägypten stellen diese Lehrmeinung allerdings in Frage, und er vermutet eine eigenständige Erfindung. In China und Mittelamerika (Maya) wurde die Schrift ebenfalls unabhängig entwickelt. Beim ersten bekannten Schriftzeugnis Mittelamerikas handelt es sich um einen in Veracruz entdeckten Steinblock, in den insgesamt 62 Symbole eingeritzt sind; einige dieser Zeichen fanden sich auch auf Funden, die Forscher der Kultur der Olmeken zuordnen. Derzeit geht man davon aus, dass die zwölf Kilogramm schwere Schrifttafel rund 3000 Jahre alt ist.[1]

Der durch Belege abgesicherten Lehrmeinung über die Entstehung von Schriftsystemen in geografisch weitgehend getrennten Kulturen wird von einzelnen Wissenschaftlern und Privatgelehrten immer wieder in verschiedenen Varianten die These entgegen gehalten, die ältesten bekannten Schriftsysteme seien aus einer älteren, teils gemeinsamen, global verbreiteten Zeichenschicht entwickelt worden (Herman Wirth, 1931–1936, Die Heilige Urschrift der Menschheit, siehe auch Kate Ravilious, 2010, über Genevieve von Petzinger, in The writing on the cave wall[2], u.a.). Belege dafür, die der wissenschaftlichen Kritik standhalten, sind dafür bisher jedoch nicht vorgelegt worden.[3]

Ausprägungen von Schrift können direkte Übertragungen von einer Kultur zu einer anderen sein, etwa die Entwicklung des lateinischen aus dem griechischen Alphabet. In einigen Fällen hat die Beobachtung, dass eine fremde Kultur eine Schrift besitzt, die Entwicklung einer eigenen Schrift bewirkt (z. B. die koreanische Schrift oder die Silbenschrift der Cherokee).

Die Geschichte der Schrift ist nicht nur als eine Geschichte der Fixierung von Sprache zu sehen. Es ist damit zu rechnen, dass es auch eine eigene Geschichte der Symbole, Zeichen und Schriftzeichen gibt. Der uns heute bekannten Schrift gehen Felszeichnungen, z. B. in der Höhle von Lascaux, vor ca. 20.000 Jahren voraus. Auch dort wurden bereits abstrakte Zeichen verwendet, die wohl magischen und symbolischen Charakter hatten. Seit zehntausenden von Jahren benutzen Menschen diese Zeichen und Bilder, um Botschaften zu hinterlassen. Von Schrift kann allerdings erst gesprochen werden, wenn ein festgelegtes Zeichensystem zum Ausdruck für verschiedene Informationen zur Verfügung steht. Bereits in der Jungsteinzeit (Neolithikum) wurden Steine mit geometrischen Linien hergestellt, von denen die Forschung mit einiger Gewissheit sagen kann, dass sie zum Zählen dienten, der wahrscheinlich wichtigsten Grundlage einer echten Schriftentwicklung. Diese Steine wurden entsprechend lateinisch calculi genannt, woraus sich das französische calcul (Rechnen, Rechnung) und das deutsche kalkulieren ableiten.


Schriftanordnung und andere graphische Klassifikationen

Man kann Schriften anhand der Richtung, die ihnen beim Schreiben zugrunde liegt, unterscheiden, und zwar waagerechte in linksläufige (sinistrograd, zum Beispiel das Arabische und Hebräische), rechtsläufige (dextrograd, das Lateinische) und bustrophedone (zeilenweise wechselnd) Schriften, sowie senkrechte in abwärts (Schriften des chinesischen Kulturkreises, mongolisch) und aufwärts (einige philippinische Schriften, historische Notation für Militärtrommel) geschriebene. Bei den senkrechten Schriften ist wiederum zu unterscheiden zwischen solchen, bei denen die Spalten von rechts nach links verlaufen (Chinesisch und andere) und solchen, bei denen die Spalten von links nach rechts verlaufen (Mongolisch). Bei waagerechten Schriften verlaufen die Zeilen in der Regel von oben nach unten. Die Seiten in Büchern werden so geblättert, dass bei linksläufigen Schriften von rechts nach links, bei rechtsläufigen von links nach rechts geblättert wird. Bei senkrecht geschriebenen Schriften entscheidet die Richtung der Spalten analog über die Richtung des Blätterns.

In den meisten Schriften dehnen sich die Zeichenkorpora in einem festen Bereich zwischen zwei (oder mehr) gedachten oder vorgezeichneten Linien aus. So lassen sie sich danach einteilen, ob die Grundlinie oben (zum Beispiel Devanagari), unten (Kyrillisch), mittig (frühes Griechisch) oder oben und unten (Chinesisch) verläuft. Hinzu kommt die Unterscheidung nach Zeichen mit variabler (Arabisch) und fester Breite (Chinesisch).

Eine andere Unterscheidung, die gelegentlich verwendet wird, ist die zwischen Linearschriften, also solchen, deren Zeichen aus Linien bestehen, und anderen (zum Beispiel Punkt-/Brailleschrift oder Keilschrift).


Schriftklassifikation

In der westlichen Welt gibt es verschiedene Schriftklassifikationsmodelle, die voneinander teilweise erheblich abweichen. Davon sind in Deutschland insbesondere zwei Modelle gebräuchlich.

ISO 15924

Die Norm ISO 15924 „Information und Dokumentation – Codes für Schriftennamen“ (Ausgabe 2004–02) enthält eine Unterteilung in acht Hauptgruppen [1]:

    000–099 Hieroglyphen und Keilschriften (z. B. sumerisch-akkadische Keilschrift, Ugaritisch, ägyptische Hieroglyphen, Maya-Schrift)

    100–199 Alphabetschriften, von rechts nach links (z. B. Hebräisch, Syrisch, Arabisch)

    200–299 Alphabetschriften, von links nach rechts (z. B. Griechisch, Lateinisch, Kyrillisch, Hangeul)

    300–399 (z. B. Devanagari und andere indische Schriften, Thai)

    400–499 Silbenschriften (z. B. Linear A/B, Hiragana/Katakana, Äthiopisch, Cherokee, Cree)

    500–599 Ideographische und Symbolschriften (z. B. Han, Braille)

    600–699 Unentzifferte Schriften (z. B. Indus, Rongorongo)

    900–999 Proprietäre Schriften

DIN 16518

Die Norm DIN 16518 „Klassifikation der Schriften“ (Ausgabe 1964–08) teilt Bleisatzschriftarten in elf Gruppen ein:

    Venezianische Renaissance-Antiqua (Stichwort Antiqua)

    Französische Renaissance-Antiqua

    Barock-Antiqua

    Klassizistische Antiqua

    Serifenbetonte Linear-Antiqua (Egyptienne)

    Serifenlose Linear-Antiqua (Grotesk)

    Antiqua-Varianten

    Schreibschriften

    Handschriftliche Antiqua

    Gebrochene Schriften

    Fremde Schriften

Die Schriftklassifikation entspricht dabei der historischen Entwicklung und berücksichtigt besonders detailliert die im deutschen und westeuropäischen Sprachbereich üblichen lateinischen Schriften. In anderen Ländern gibt es vergleichbare Einteilungen.

Da das DIN-Modell nicht perfekt ist, gibt es viele weitere Versuche einer Schriftklassifikation. 1998 stellte Indra Kupferschmid ihre Klassifikation nach Formprinzip im DIN-Ausschuss vor. Diese Einteilung wurden später von Max Bollwage und Hans-Peter Willberg in ihre Bücher übernommen. Sie unterscheidet die Schriften nach ihrem Formprinzip (Stil) in dynamische, statische, geometrische und dekorative Schriften und ihrer Ausstattung mit Serifen und Strichkontrast. Der Willberg-Schüler Ralf de Jong hat eine darauf aufbauende, weiterführende Matrix entwickelt.