Wolfgang Ambros

Interviews am Rande des Abbruchs


Zwei meiner Interviews mit Wolfgang Ambros („Da Hofa“, „Schifoahrn“, „Zentralfriedhof“) standen am Rande des Abbruchs. Und beide Male war ich schuld – mit meinen depperten Fragen …

Wolfgang Ambros
Wolfgang Ambros

In jener Zeit, als der Liedermacher Konstantin Wecker in eine Drogen-Geschichte verwickelt war, interviewte ich Wolfgang Ambros zum ersten Mal. Über Ambros ist bekannt, dass er bei Interviews ziemlich unterschiedlich sein kann. Wenn an ihn, seiner Meinung nach, „blöde Fragen“ gerichtet werden, steht er schon mal auf und verlässt ganz spontan den Ort des Gesprächs.

Auf Grund des damaligen „Anlassfalles“ Konstantin Wecker wollte ich Ambros unter anderem zum Thema Drogen befragen.
Ich sagte:

Herr Ambros, hat sich Ihre Beziehung zu Konstantin Wecker eigentlich verändert, seitdem bekannt wurde, dass er Drogen nahm?

Nun sah ich Zorn in Ambros aufkeimen. Er lehnte sich in seinem Sessel zurück, machte eine längere Pause. Sein Gesicht verfinsterte sich, er holte tief Luft: „Das würde mir ähnlich schauen ...“, pfauchte er. „Gell, das würde mir ähnlich schauen, wenn ich einen Menschen wegen so etwas fallen lassen würde?“, setzte er nun schon etwas lauter nach. „Gell, das würde mir ähnlich schauen ...!?“

Ich hoffte, Ambros würde das Interview jetzt gleich mit den Worten „Leck mich doch“ abbrechen, aufstehen und gehen. Insgeheim allerdings, rechnete ich, ehrlich gesagt, mit einer kräftigen Ohrfeige. Zeugen hätte es keine gegeben. Wir trafen uns in einer kleinen Künstlergarderobe im Wiener Theater „Ronacher“.
Doch dann machte Wolfgang Ambros etwas völlig Unspektakuläres.
Er redete einfach weiter!

Er sagte, dass er seine Gefühle für einen Menschen doch nicht davon abhängig machte, ob dieser zum Beispiel gerade in ein Kokain-Problem verwickelt sei oder nicht. Wahre Gefühle wie Liebe und Freundschaft lassen sich auch nicht einfach „abdrehen“ bzw. ausblenden. Wenn man sich zu einem Menschen bekannt hat, wenn man einen Menschen wirklich mag, so hat man einfach die Pflicht, diesem Menschen auch dann beizustehen, wenn er einmal einen Fehler macht oder sich in einer schwierigen Lage befindet.

„Es ist ganz leicht“, so Ambros damals, „auf jemanden hinzutreten, der ohnehin schon am Boden liegt. Wesentlich schwieriger hingegen ist es, dieser Person wieder auf die Beine zu helfen. Das erfordert mitunter nämlich wirklich Zeit, Kraft und Ausdauer.“

Viele Jahre später, nach Bekanntwerden seiner Prostatakrebs-Erkrankung – im Zuge dessen ihm ein Printmedium Leberzellenkrebs andichtete, was Ambros zutiefst empörte –, traf ich ihn erneut zum Interview.
Meine diesbezügliche Frage formulierte ich – unbeabsichtigter Weise – ziemlich flapsig. Ich sagte:

Herr Ambros, in den vergangenen Monaten waren Sie auf einige Journalisten ein bisserl grantig. Wie holen Sie sich vom eigenen Grant wieder runter?

Ambros: „Wieso …? Auf welche Journalisten war ich grantig …?“

Ich: Na, die G’schicht da, mit der Prostata …

Ambros: „Najo … wos haßt ,die G’schicht do mit der Prostata‘? Wos soll des haßen?!“

In diesem Moment hatte ich echt Schiss! Ambros‘ aufkeimender Zorn machte mir nämlich die Flapsigkeit meiner gestellten Frage so richtig bewusst. Das heikle Thema Gesundheit hätte ich wahrlich auch mit überlegteren Worten ansprechen können. Leider fielen mir keine ein.

Ambros weiter: „A Zeitung hat wos völlig Falsches geschrieben! Ja, ich hatte Prostata-Krebs. Aber in der Zeitung stand, dass ich praktisch tot bin. Und das ist halt schon ein Unterschied. Oder net? Für euch ist des ka Unterschied …“

Eigentlich wollte ich mich für meine unglückliche Wortwahl ja schon entschuldigen, aber jetzt, nach seinem Zusatz: „Für EUCH ist des ka Unterschied“, fühlte ich mich von ihm persönlich herausgefordert und sagte:
Na net mi in an Topf hauen …!

Daraufhin Ambros: „Doch, doch …!“

An dieser Stelle wollte nun ICH das Interview abbrechen, aufstehen und gehen.
Andererseits wäre ich dann um mein Interview-Honorar umgefallen, und dieser Gedanke ließ mich dann doch sitzen bleiben und das Gespräch fortsetzen. Ich sagte:
Ich meinte, wenn Sie grantig sind …

Ambros: „Ich war nicht grantig, sondern ich war entsetzt! In einem Nachrichtenmagazin stand fälschlicherweise geschrieben, dass ich Leberkrebs habe und praktisch tot bin. Ja, ich war entsetzt und aufgebracht. Weil, das rührt an meiner Existenz. Wer bucht denn jemanden, der todkrank ist? Ich meine, ich lebe von dem Job. Nur, das war denen, die das geschrieben haben, wurscht. Dabei ist das schon ein großer Unterschied. Aber das hat mit ,grantig‘, also in dem Sinn, nichts zu tun. Das sag‘ ich Ihnen ganz ehrlich. Ich habe mich nur gewehrt.“

Also war „grantig“ das falsche Wort in dem Zusammenhang …

Ambros: „Das glaub‘ ich auch.“

Verzeihen Sie mir das falsche Wort?

Ambros: „Ja. Weil das verharmlost und verniedlicht es, was nicht angebracht ist in dem Fall. Ich musste mich vor Gericht wehren und bekam Recht. Es ist wohl ein Unterschied, ob man, wie ich, ein Prostata-Karzinom im Anfangsstadium hatte, oder einen absolut tödlichen ,Killer-Krebs‘, der mir angedichtet wurde. Ich unterzog mich einer Strahlentherapie im Wiener Krankenhaus Hietzing, und jetzt bin ich den Krebs los. Nachdem ich alles überstanden habe, geht es mir eigentlich wieder gut. Wenn ich diesen Leberzellenkrebs, der mir angedichtet wurde, tatsächlich gehabt hätte, dann wäre ich vielleicht jetzt schon tot. Gegen derartige Falschmeldungen, gegen Ungerechtigkeiten werde ich jedenfalls bis zum Schluss kämpfen. Aber ich werde noch viele Jahre leben.“

Abschließend fragte ich ihn:

Geht die Öffentlichkeit der Gesundheitszustand eines Prominenten überhaupt etwas an?

Ambros: „Wenn Sie jetzt meine Gesundheit ansprechen, dann ist das, meiner Meinung nach, meine Sache allein. Denn ich trage ja jetzt keine Verantwortung in dem Sinn. Ich bin ja kein Politiker. Bei einem Politiker wäre es etwas anderes. Wenn jetzt, was weiß ich, der Innenminister Leberzellenkrebs hätte, dann wäre es durchaus eine Sache der Öffentlichkeit. Dann müssten wir das wissen. Weil ein Minister muss ja berechenbar sein.“

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