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Unter schweren Schatten


Prolog

Zu Beginn, ganz am Anfang, war er nicht allein gewesen. Das wusste er genau. Aber an diese Zeit erinnerte er sich nicht mehr, so sehr er sich auch bemühte. Er fühlte, dass sie ihm etwas Lebensnotwendiges genommen, etwas aus ihm herausgerissen hatten.

Besonders schlimm fühlte es sich an, wenn er nicht brav gewesen war und Mama ihn bestrafen musste. Dann war dieses Gefühl übermächtig und er bekam üble Bauchschmerzen.

Erst gestern hatte Mama ihn wieder bestrafen müssen. Denn er war sehr böse gewesen.

Er war mit der ersten Morgensonne aufgewacht und hatte sich kräftig die blauen Augen gerieben, bevor ihm bewusst wurde, dass heute ein ganz besonderer Tag war – sein Geburtstag.

Das war aufregend. Es gab ein Geschenk von der Geburtstagsfee, wie zu Weihnachten vom Christkind.

Sein kleines Herz begann schneller zu schlagen. Vielleicht hatte Mama Kuchen und Kerzen für ihn besorgt.

Er schlug die Bettdecke ordentlich zurück, so, wie Mama es ihm gezeigt hatte, und schlüpfte in die vor seinem schmalen Kinderbett im Wohnzimmer stehenden abgewetzten Mickey Mouse-Pantoffeln, die er mit Mama auf dem Flohmarkt gekauft hatte. Während er dem Vogelgezwitscher vor dem Fenster lauschte, tapste er noch ein wenig schlaftrunken durch die Diele mit dem alten, knarrenden Holzboden und anschließend über die kalten, grauen Küchenfliesen in das angrenzende Schlafzimmer seiner Mama.

Neben ihr räkelte sich ein Mann. Mama hatte häufig Besuch, fast jede Nacht. Viele Männer kannte er, doch diesen hatte er noch nie gesehen.

Er hätte sich gern an Mamas warmen, weichen Körper gekuschelt, den Daumen in den Mund gesteckt, obwohl er jetzt schon vier Jahre alt war, und einfach nur friedlich dagelegen, bis Mama wach wurde. Aber Mama hatte ihm verboten, zu ihr ins Bett zu kommen, wenn ein Mann bei ihr lag.

Daher schloss er leise die Schlafzimmertür, schlurfte in die Küche und kletterte auf seinen Stuhl am Tisch. Er stützte seinen Kopf in die kleinen Hände, baumelte mit den Beinchen und musterte neugierig den in Geschenkpapier gewickelten Karton mit der riesigen dunkelblauen Schleife.

Was mochte die Geburtstagsfee ihm wohl gebracht haben? Vielleicht das knallrote Feuerwehrauto, das neben der schwarzglänzenden Eisenbahn im Spielwarengeschäft stand? Oder den orangefarbenen Müllwagen, den er im Schaufenster zwischen den vielen bunten LKW entdeckt hatte, als Mama ihn dort zurückließ, während sie in das Haus mit den roten Lampen und den roten Herzchen ging.

Er hätte das Geschenk so gerne aufgemacht, doch das mochte Mama nicht. Sie wollte dabei sein, wenn er die Geschenke der Geburtstagsfee oder vom Christkind auspackte.

Neben dem Karton lag ein eckiger, in Folie geschweißter Kuchen. Er betrachtete die Verpackung, auf die das Bild eines saftigen Schokoladenkuchens gedruckt war.

Den aß er am liebsten.

Mama würde die Folie aufreißen und den Kuchen vorsichtig herausnehmen, damit er nicht bröselte, vier Kerzen hineinstecken und sie anzünden. Und vielleicht würde sie sogar ein Lied für ihn singen.

Wann sie wohl aufstand?

Manchmal las Mama ihm eine Geschichte vor. Das machte sie allerdings nicht sehr oft. Wenn er ein bisschen Glück hatte und sie gut gelaunt war, vielleicht läse sie ihm heute vor.

In den Geschichten wohnten Kinder mit ihrer Mama und ihrem Papa zusammen, manche mit einem Bruder oder einer Schwester. Und einige Kinder hatten sogar beides.

Er hatte keinen Papa, keinen Bruder und auch keine Schwester. Nur Mama und Onkel Rolf. Onkel Rolf war Mamas Bruder. Warum er mit ihnen zusammenlebte, wusste er nicht.

Er wünschte sich sehr, dass Mama vor seinem Onkel zu ihm in die Küche kam. Ohne Onkel Rolf war alles schöner.

Er mochte Onkel Rolf nicht. Wie hätte er ihn auch mögen können? Onkel Rolf war grausam und gemein.

Und er tat ihm weh.

Plötzlich lehnte Mama verschlafen im Türrahmen, verschränkte müde die Arme vor der Brust und lächelte ihn erschöpft an. Der fremde Mann schlurfte an ihr vorbei, schenkte dem Jungen ein fades Grinsen und durchquerte die Küche. Als er die Wohnungstür öffnete, knarrte diese laut. Das tat ein bisschen weh in seinen Zähnchen. Dann fiel die Tür ins Schloss.

Endlich war er allein mit Mama. Das fühlte sich gut an.

„Guten Morgen, mein kleiner Mann. Alles Gute zum Geburtstag“, sagte Mama mit ihrer rauchigen Stimme, die jetzt ganz weich klang.

Er rutschte rasch von seinem Stuhl, rannte zu ihr und umarmte sie fest.

„Nicht so stürmisch, mein Liebling. Mama hat ganz schäbige Kopfschmerzen.“

Und sie roch komisch – nach diesem roten Saft, den sie Rotwein nannte, und nach etwas, wonach sie immer roch, wenn sie mit einem der Männer in ihrem Schlafzimmer gewesen war.

Aber Mama durfte nicht merken, dass ihm das nicht gefiel. Sonst wurde sie böse. Wenn Mama böse wurde, schimpfte sie laut, raufte sich die langen, blonden Locken und schrie, dass sie ein besseres Leben verdiente und gar nicht wüsste, warum sie mit allem so bestraft würde.

Meinte sie mit allem auch ihn?

Er wollte keine Strafe für Mama sein. Er wollte, dass sie lachte und ihn in ihre warmen, weichen Arme schloss. Er wollte, dass sie liebe Sachen zu ihm sagte und ihn in ihrer Umarmung beschützte.

„Möchtest du dein Geschenk auspacken?“ fragte sie jetzt, fasste ihn an der Hand und ging mit ihm zum Tisch zurück.

Er nickte, setzte sich brav an seinen Platz und ließ wieder die Beine baumeln. Er war sehr aufgeregt.

„Zapple nicht so rum. Das macht mich ganz nervös“, sagte Mama, und ihre Stimme klang ein wenig gereizt.

Er bewegte sich nicht mehr.

„Na, dann pack mal aus. Lass sehen, was die Geburtstagsfee dir gebracht hat.“ Mama nahm den eingeschweißten Kuchen in beide Hände und riss die Folie auf. Sie stürzte den Kuchen aus der Verpackung auf das Holzbrett, das immer am Kühlschrank lehnte und steckte vier kleine Kerzen hinein. Dann nahm sie eine Schachtel Zigaretten und ein Feuerzeug aus der Tasche ihres Morgenmantels. Bevor sie die Kerzen anzündete, pickte sie sich mit ihren langen, roten Fingernägeln eine Zigarette aus der knittrigen Packung und schob sie zwischen ihre Lippen. Die Spitze der Zigarette glomm auf.

Er hasste den muffigen Gestank und den graublauen Qualm, der unangenehm in seinen Augen brannte. Aber im Moment war es ihm fast egal – denn gleich erfuhr er endlich, was in seinem Geburtstagspäckchen auf ihn wartete.

Er knibbelte ungeschickt die Schleife auf und zupfte ungeduldig mit seinen kleinen Fingern das Papier mit den lustigen Trompeten und Trommeln von dem Karton. Und dann sah er das Foto auf der Pappe. Es war das Feuerwehrauto.

„Du grinst ja wie ein Honigkuchenpferd“, sagte Mama leise und tätschelte kurz seinen Kopf.

Er öffnete den Karton, nahm das Auto zärtlich in beide Hände und betrachtete es. Er öffnete die Türen, zog die gelbe Leiter aus und drehte sie vorsichtig. „Das habe ich mir so gewünscht“, flüsterte er andächtig.

„Das ist schön“, antwortete Mama, erhob sich und nahm zwei Teller aus dem Küchenschrank.

Sie öffnete die quietschende Schublade mit dem leicht angelaufenen Besteck und kramte nach einem Messer. Dann setzte sie sich wieder.

„Puste die Kerzen aus und wünsch dir was“, sagte Mama. „Du darfst aber niemandem verraten, was du dir gewünscht hast. Sonst geht es nicht in Erfüllung.“

Er kniete sich auf seinen Stuhl und beugte sich über den Kuchen. Dann holte er so tief Luft, wie er nur konnte, und pustete, bis die Flammen erloschen waren und grauer Rauch von den Kerzen aufstieg.

„Das hast du gut gemacht“, lobte Mama, leckte Daumen und Zeigefinger und kühlte damit die Dochte, dass es zischte.

Er strahlte über das ganze Gesicht, lief zu ihr und kletterte auf ihren Schoß.

„Du bist schwer geworden. Lange kann ich dich nicht mehr auf den Schoß nehmen“, klagte Mama und seufzte tief. „Aber du bist ja jetzt schon ein großer Junge.“

Er lächelte sie an, kuschelte sich an ihre Brust und legte seinen Kopf an ihre Schulter.

Das tat gut.

„Du tust mir weh. Steh auf!“ fuhr Mama ihn an.

Er hatte sich so sehr gewünscht, ein bisschen mit ihr zu schmusen, auch wenn sie so komisch roch. Aber sie wollte das nicht.

Also rutschte er von ihren Knien auf den Fußboden. Dabei fiel der Morgenmantel auseinander, und er starrte erschrocken auf die vielen blauen Flecke an ihren sonst ganz weißen Oberschenkeln.

Mama ignorierte seinen Blick. Sie stand auf, hob den alten Wasserkocher von der Basisstation, hielt ihn unter den Kran über der Spüle und ließ Wasser in das Gerät laufen. Sie klatschte es sorglos auf die Basisstation zurück und stöpselte den Stecker ein. Dann drückte sie auf den roten Knopf. Während sie ungeduldig wartete, dass das Wasser heiß wurde, nahm sie zwei Tabletten aus einer Schachtel auf dem Regal neben der Spüle, warf sie in eine Tasse und goss das kochende Wasser darüber.

Mama nannte das Katerfrühstück. Solange er denken konnte, schlürfte sie dieses Katerfrühstück fast jeden Morgen.

Nun schnitt sie zwei Stücke Kuchen ab, legte sie auf die Teller und schob einen davon zu seinem Platz. Der Schokoladenduft stieg ihm angenehm in die Nase und er spürte, wie sein Magen knurrte. Er war hungrig.

„Nun iss deinen Geburtstagskuchen“, sagte sie ein bisschen ungeduldig.

Er lief schnell zurück zu seinem Stuhl, kletterte hinauf und kniete sich auf die Sitzfläche. Er beugte sich nach vorn und griff nach seinem Kuchenstück. Dabei stieß er gegen die Tasse mit den Tabletten und dem heißen Wasser, das sich nun über den Tisch ergoss und auf Mamas Oberschenkel tropfte.

Sie sprang auf und warf dabei den Küchenstuhl um.

„Was bist du nur für ein ungeschickter Junge“, schrie sie aufgebracht.

Ja, das war er – ungeschickt. Solche Dinge passierten ihm ständig. Er war kein gutes Kind. Das wusste er.

„Es tut mir leid“, wisperte er und beeilte sich, zu ihr zu laufen, um sie zu drücken.

„Geh weg! Womit habe ich das nur verdient?“

Mama raufte sich das lange, blonde Haar. „Womit habe ich das verdient?“ sagte sie noch einmal und sah ihn wütend an.

Er wusste, was jetzt kam. Er war böse gewesen. Jetzt musste Mama ihn bestrafen.

„Geh zu Onkel Rolf“, befahl sie scharf.

Er schluckte.

„Mama, bitte nicht. Ich bin ein böser Junge, aber ich will nicht zu Onkel Rolf, nicht heute. Bitte nicht!“ wisperte er ängstlich.

Er spürte, wie sein Magen zusammenschrumpfte und ihm übel wurde. Er wollte sich nicht übergeben. Es war doch sein Geburtstag.

„Allein werde ich mit dir nicht fertig. Geh zu Onkel Rolf!“ sagte sie.

Er hätte so gern von seinem Kuchen genascht. Aber jetzt war ihm schlecht. Er hatte keinen Hunger mehr. Der Kuchen war ihm egal.

Langsam, ganz langsam, durchquerte er die Diele, machte vor der Tür zu Onkel Rolfs Schlafzimmer halt und legte zögerlich die Hand auf die Klinke.

„Muss ich es noch mal sagen?“ hörte er Mama in der Küche fragen – mit einem Ton in ihrer Stimme, der keinen Widerspruch zuließ.

Kopfschüttelnd zog er die Klinke herunter, schob die Tür auf und schloss sie leise hinter sich zu. Dann zog er seinen Schlafanzug mit den kleinen, braunen Bambis aus, faltete ihn, so, wie Mama es ihm gezeigt hatte, und schlüpfte zu Onkel Rolf unter die Bettdecke.

 

1

Es war schon weit nach Mitternacht. Eine dichte Wolkendecke verbarg den vollen Mond und die zahlreichen Sterne der kühlen Sommernacht. Ein scharfer Wind trieb den fliehenden Regen in großen Böen vor sich her und heulte um das freistehende Restaurant. Die Geburtstagsgesellschaft hatte sich gerade auflösen wollen, als sich der Sturm plötzlich zusammenbraute und ein tosendes Gewitter losbrach. Jetzt saßen die Gäste, wieder in Gespräche vertieft, an den Fenstern und beobachteten geduldig, wie der Regen langsam nachließ und die klaren Tropfen, die an den Scheiben herabperlten, weniger wurden.

„Ein fürchterliches Sommergewitter, doch ich glaube, wir können uns nun langsam auf den Heimweg machen“, stellte Tina fest und knetete ihre Finger, sah Astrid aber dennoch fragend an.

Astrid nickte zustimmend. Die zwei Frauen standen auf, verabschiedeten sich erneut von der Gastgeberin, winkten den anderen Gästen kurz zu und verließen das Restaurant. Mit hochgezogenen Schultern strebten sie zum Parkplatz.

„Wir hätten einen Schirm mitnehmen sollen. Der gehört doch in diesem Sommer zur Standardausrüstung“, klagte Astrid. Dann blickte sie Tina mit zusammengezogenen Brauen an. „Ruf mich an, wenn du gut zuhause angekommen bist, okay? Und richte Michael gute Besserungswünsche aus.“

Astrid und Tina umarmten sich, dann schloss Astrid ihr Fahrzeug auf und glitt mit einer eleganten Bewegung hinter das Lenkrad. Tina nickte und schlug Astrids Autotür kräftig zu, was die Freundin mit einem bösen Blick quittierte. Sie stakste über den regendurchweichten Boden zu dem schwarzen Audi, der nur ein paar Meter weiter parkte.

Ihre Riemchensandalen versanken bei jedem Schritt tief im Matsch, der schwarz zwischen ihren Zehen hervorquoll. Tina öffnete die Fahrertür und ließ sich auf den Sitz fallen.

„Verdammt“, fluchte sie leise.

Mit einem Papiertaschentuch säuberte sie notdürftig Füße und Schuhe und warf das schmutzige Tuch dann in den ansonsten leeren Fußraum auf der Beifahrerseite.

Sie startete den Wagen, setzte rückwärts und fuhr anschließend zügig auf die verlassene Straße, die tief in den Wald führte. Sie atmete auf, als die Räder des Audis auf dem Asphalt griffen.

Die Dunkelheit ließ die tropfnassen Bäume, durch die ein kräftiger Wind blies, geisterhaft erscheinen. Sie bogen sich mal hierhin, mal dorthin, wie von Geisterhand gezogen und geschoben. Der Regen war wieder stärker geworden. Die Scheibenwischer leisteten gute Arbeit. Trotzdem klebten Tinas blaugrüne Augen aufmerksam auf der Fahrbahn. Sie hasste es, nachts zu fahren, ganz besonders wenn es so regnete wie jetzt und sich das grelle Licht der Scheinwerfer diffus in der Nässe spiegelte.

„Achte auf die Straße“, mahnte sie sich selbst. „Konzentrier dich.“ Sie biss sich schmerzhaft auf die Unterlippe. Wenn sie mit ihrem Mann unterwegs war, fuhr Michael nach Sonnenuntergang oder bei schlechtem Wetter. Ihm machte das nichts. Sein Sehvermögen war der schlechtesten Witterung und der tiefsten Dunkelheit gewachsen.

Sie lächelte bei dem Gedanken an ihren Mann. Ganz gewiss ging es ihm schon wieder besser. Astrids Genesungswünsche wollte sie mit einem leicht ironischen Unterton in ihrer Stimme und einem süffisanten Grinsen ausrichten.

Seine plötzliche leichte Unpässlichkeit, über die er seit dem frühen Nachmittag geklagt hatte, war sicherlich augenblicklich verschwunden, nachdem sie das Haus verlassen und sich allein zu der Geburtstagsparty im Nachbarort auf der anderen Seite des Waldes aufgemacht hatte. Und ganz sicher hatte er den Abend ohne seine Frau gemütlich mit ein paar Flaschen Bier und einigen Tüten Chips vor dem Fernseher auf der Couch verbracht. Ein Fußballspiel? Ein Tennistournier?

Ihr Ehemann ließ sie selten allein zu Feiern und Veranstaltungen fahren, selbst wenn er keinerlei Lust dazu hatte. Nur ab und zu gönnte er sich eine Auszeit von Festlichkeiten, die Tinas Freunde und Kollegen ausrichteten. Auch wenn er wusste, dass sie das durchaus akzeptierte, schob er Übelkeit oder Kreislaufschwierigkeiten vor.

Michael war ein schöner Mann. Mit seinen ein Meter achtzig war er zwanzig Zentimeter größer als sie. Er besaß eine gute Figur und ein Gesicht wie Curt Cobain, nur waren Michaels Augen tiefbraun.

In der Ferne zerrissen grelle Blitze den düsteren, wolkenverhangenen Himmel. Sie zählte bis zehn. Erst danach folgte der grollende Donner.

Wenigstens das Gewitter ist abgezogen, bemerkte sie beruhigt und spürte, dass sie immer noch an ihren Mann dachte und dabei lächelte.

Das Lächeln gefror ihr auf den Lippen, als ein plötzlicher Adrenalinstoß ihr schmerzhaft bis in die Fingerspitzen fuhr. Sie stieg fest auf die Bremse und das Fahrzeug schlingerte bedrohlich, bevor es vor dem quer über die Fahrbahn liegenden Ast zu stehen kam.

Tina legte ihre Hände an ihr schmales Gesicht. Puh, das war knapp, schoss es durch ihren Kopf.

Der schwere Regen trommelte auf das Autodach und der Wald war schwarz und unheimlich. Doch es half ja nichts. Hier sitzen zu bleiben, brachte sie nicht weiter.

Sie stieß die Wagentür auf und verließ das Auto.

Regentropfen prasselten ihr spitz ins Gesicht.

Sie nahm den Ast in Augenschein. Er war oberschenkeldick mit zahllosen Zweigen und reichte von einer Leitplanke bis zur anderen. Das Wasser tropfte von den Blättern schwer auf die Straße.

Tina stöhnte auf. Es war unmöglich, das Hindernis zu umfahren. Da war keine Lücke. Was sollte sie bloß tun? Die einzige Straße, die nach Hause führte, war diese. Und genau diese Straße versperrte jetzt dieser unsägliche Ast.

Der Regen durchdrang kalt ihre Kleidung. Sie fühlte, wie er ihre Haut erreichte und begann zu frieren.

Sie schalt sich selbst. Ihr Mobiltelefon lag wie so oft auf dem Garderobentischchen in ihrem warmen, gemütlichen Haus.

Tina erschrak, als sie plötzlich im gleißenden Scheinwerferlicht eines zweiten Wagens stand.

Die Tür des fremden Autos öffnete sich, ein Mann stieg aus und schlug die Tür mit Schwung ins Schloss. Den Kopf tief zwischen die Schultern gezogen drückte er auf die Fernbedienung, verriegelte den BMW und steckte das Modul dann in seine Hosentasche, während er auf Tina zuschritt.

Wider Willen musste sie schmunzeln. Wir sind ganz allein, mitten im Nirgendwo, und der schließt seinen Wagen ab.

Gleichzeitig war sie erleichtert. Vor einem solchen Mann musste sie sich nicht fürchten. Oder doch?

„Na, das ist ja eine schöne Bescherung“, sagte er jetzt und zog die Lippen zwischen die Zähne. „Was glauben Sie? Sind wir beide zusammen stark genug, um dieses Ungetüm beiseite zu schaffen? Oder soll ich die Feuerwehr rufen?“

Auch wenn sie ihr Handy dabei gehabt hätte, wäre dieser Gedanke Tina selbst nicht gekommen. Auch die naheliegende Möglichkeit zurückzufahren und ein Zimmer in dem hübschen Gasthaus zu beziehen, in dem sie gefeiert hatten, fiel ihr erst jetzt ein. Sie war in Panik geraten. Und das lähmte ihr Gehirn.

Angst ist kein guter Berater, dachte sie und hob unwillkürlich die Schultern. Dann stieß sie die Luft mit aufgeblasenen Wangen aus. „Ich weiß es nicht“, antwortete sie dem Fremden. „Aber lassen Sie es uns versuchen, bevor wir die Feuerwehr rufen oder sogar umkehren.“

Der Mann nickte. „Ich habe in meinem Kofferraum eine Motorsäge. Damit zerteilen wir den Ast in der Mitte und ziehen die Einzelteile anschließend an den Straßenrand! In meinem Auto liegt auch ein Schirm. Könnten Sie den über die Säge halten, während ich versuche das Ding in zwei Stücke zu zerlegen?“

Tina nickte stumm. Gut, ein Schirm im Kofferraum! Aber eine Motorsäge? Dieses Mal spürte sie eine leichte Panik in sich aufsteigen. Aber was sollte sie tun? Weglaufen? Er hätte sie in null Komma nichts eingeholt.

Mit einem mulmigen Gefühl im Magen folgte sie dem Fremden, der mit großen Schritten zum Kofferraum seines Wagens eilte, die Klappe öffnete und Tina bestimmt einen Schirm in die Hand drückte. Sie öffnete ihn über der Säge, die er sich jetzt griff. Der Mann knallte den Kofferraum wieder zu und gemeinsam liefen sie zu dem Ast zurück, dessen nasse Zweige im Wind die Straße peitschten.

Das laute Motorengeräusch durchschnitt die Nacht und übertönte den Regen um mehrere Dezibel.

Eine leichte Gänsehaut kroch Tinas Arme hoch. Nun steh ich hier mitten in der Einsamkeit mit einem Fremden, der mit einer Motorsäge herumfuchtelt. Doch wenn er mir etwas tun wollte, hätte er es längst getan und nicht erst, wenn er wie ich pitschenass ist. Oder?

Die Motorsäge verendete abrupt. Der Ast barst in der Mitte und die Enden knallten dröhnend auf den Asphalt. Die Zweige sprühten klirrend Tropfen. Ein Geräusch, das Tina unter normalen Umständen liebte.

Ja, unter normalen Umständen!

Der Mann nickte Tina zu. Sie verstanden sich ohne Worte. Zusammen hasteten sie zu seinem BMW zurück und er verstaute die Säge im Kofferraum. Tina legte den Schirm daneben. Ihre Kleider troffen vor Nässe. Aus den langen Haaren, die gewöhnlich in großen, braunen Locken über ihre Schultern fielen, floss das kalte Wasser. Die Motorsäge war jedoch trocken geblieben und hatte gute Arbeit geleistet. Tina fuhr sich mit beiden Händen mehrfach durch das regennasse Gesicht.

„Was meinen Sie? Sollen wir zwei jetzt einmal unser Glück versuchen, dieses Monstrum beiseite zu ziehen?“ fragte der Mann.

Tina nickte nur. Nach Sprechen war ihr einfach nicht zumute.

Der Fremde ging voran und griff ein Ende des durchtrennten Asts. „Stellen Sie sich mit leichtem Abstand hinter mich und packen Sie den Ast mit beiden Händen“, befahl er.

Tina folgte stumm seiner Anweisung.

„So. Und jetzt ziehen wir auf Drei“, fügte er hinzu. „Eins, zwei …“

Auf Drei zogen die junge Frau und der Unbekannte gemeinsam mit aller Kraft an dem Ast. Zentimeterweise bewegte sich das Ungetüm Richtung Leitplanke.

„Wir schaffen das. Los! Kommen Sie, noch einmal“, forderte der Mann. „Wieder auf Drei.“

Sie stemmten die Füße in den schwarzen Asphalt und legten sich mit ihrem gesamten Gewicht in die gemeinsame Zugbewegung. Tinas Muskeln brannten höllisch. Einen kurzen Augenblick lang glaubte sie, sie könnten reißen.

„Und noch einmal“, wiederholte der Mann.

Sie arbeiteten mit ganzem Körper, hievten den Ast Stück für Stück von der Fahrbahn und ließen ihn schließlich neben die Leitplanke fallen. Erschöpft rieb Tina ihre schmerzenden Oberarme und betrachtete die freie Spur.

„Das sollte ausreichen. Die Autos können jetzt von beiden Seiten passieren – falls heute Nacht überhaupt noch jemand außer uns diesen Weg nimmt“, beschloss der Mann. „Ich stelle ein Warndreieck auf und informiere die Polizei. Und wir zwei fahren jetzt heim und gönnen uns eine heiße Dusche“, lachte er dann.

„Ja, das ist eine gute Idee“, erwiderte Tina tonlos. „Ich friere und bin vollkommen durchnässt.“

„Machen wir, dass wir nach Hause kommen. Gute Nacht.“

„Gute Nacht.“

Tina eilte zu ihrem Audi.

Was für ein Abenteuer! Was für eine Geschichte! Kulisse und Akteure wie in einem Horrorfilm – eine junge Frau ganz allein in stockfinsterer Nacht mit Blitzen, Donner, dem wütenden Sturm und Regen, der wie an Bindfäden aufgezogen vom Himmel fällt, eine einsame Straße, die mitten durch einen gespenstischen Wald ins Nichts führte. Ein Hindernis auf dieser Straße und ein unbekannter Mann mit Kettensäge.

Wie gruselig!

Aber jetzt endlich ging es nach Hause. Tina freute sich darauf, ihre nasse Kleidung auszuziehen, auf eine lange heiße Dusche, ein kuscheliges Nachthemd und ihr weiches, warmes Bett, in dem sie sich fest an Michael schmiegen würde.

Der Mann knipste die Innenbeleuchtung in seinem Wagen an und gab ihr ein Zeichen. Er ließ Tina die Vorfahrt.

Sie bedankte sich, indem sie die Hand hob. Lächeln – wie sonst – konnte sie nicht, trotz der Gewissheit, nun nach Hause zu kommen. Sie manövrierte den Audi durch die Lücke zwischen den beiden Teilen des Astes und gab Gas. Die Scheinwerfer des anderen Autos blendeten sie im Rückspiegel.

Wir haben uns gegenseitig nicht einmal vorgestellt, ging es ihr durch den Kopf. Dann konzentrierte sie sich mit fest um das Lenkrad gekrümmten Fingern auf die Fahrbahn vor sich.

Plötzlich blinkten die Schweinwerfer des BMW einige Male hell auf.

Sie blickte in den Rückspiegel.

Wieder das Fernlicht!

Wollte der Typ nicht ein Warndreieck aufstellen? Stattdessen klebte er an der Stoßstange ihres Audis. Was soll das?, schoss es Tina wie ein bedrohlicher Blitz durch den Kopf. Was will der von mir?

Wieder blendete sie die Lichthupe.

Tinas Puls beschleunigte sich. Sie drückte fester aufs Gaspedal, aber der Fremde in dem BMW hielt mit.

Sie war verwirrt. Sie hörte ihr Herz laut in den Ohren dröhnen.

Sollte sie anhalten und ihn fragen, weshalb er sie ständig mit der Lichthupe bedrängte?

Nein, das kam überhaupt nicht in Frage. Sie hielte nicht an. Sie führe so schnell es bei diesem Unwetter irgend möglich war zu Michael.

Jetzt war der Fremde ihr unheimlich. Dabei hätte er ihr doch längst etwas tun können. Gelegenheiten dazu hatte es reichlich gegeben.

Aber wer weiß, was das für ein Irrer ist, dachte Tina. Möglicherweise wollte er erst den guten Menschen spielen, den Retter, um mich damit in Sicherheit zu wiegen. Und jetzt macht er Jagd auf mich, um mit mir weiß Gott was anzustellen.

Sie umklammerte das Lenkrad noch fester und erhöhte die Geschwindigkeit weiter. Doch der BMW holte auf und jagte sie bedrohlich über die menschenleere Straße durch den gruseligen Wald.

Einige Kilometer weiter lichteten sich die Bäume. Nun war es nicht mehr weit bis zu dem Straßenschild mit dem Namen des Dorfes, in dem sie lebte. Wenig später schälte es sich aus dem diffusen Licht der Scheinwerfer aus der Dunkelheit.

Tina warf einen verzweifelten Blick in den Rückspiegel Der Unbekannte in dem BMW machte immer noch Jagd auf sie.

An der Kreuzung warf sie weder einen Blick nach links noch nach rechts sondern bog einfach ab. Das Heck des Audis brach bei diesem Manöver auf der regennassen Fahrbahn aus, doch Tina bekam das Fahrzeug schnell wieder unter Kontrolle.

Ihre Gedanken purzelten übereinander. Ich habe mich nicht vergewissert, ob ein Auto kommt. Nur wer ist bei diesem Wetter so spät unterwegs?

Leute wie ich, die von einer Feier zurückkehren, antwortete sie sich selbst.

Die nächste Ampel war rot. Sie hupte ein paar Mal kurz, während sie über die Kreuzung bretterte. Noch drei Seitenstraßen, dann hätte sie die Straße erreicht, in der sie wohnte, die Straße mit ihrem Haus, mit Michael.

Tina schaute wieder in den Rückspiegel. Der BMW war dicht hinter ihr.

Sie stieß mit der rechten Hand hektisch in ihre Tasche, die sie am Gasthaus nach dem Abschied von Astrid auf den Beifahrersitz geschleudert hatte, und tastete unsicher nach der rechteckigen Fernbedienung für das Garagentor. Als sie sie zwischen Portemonnaie und Taschentüchern ertastete, betätigte sie den linken Knopf. Das war der Grüne, das wusste sie. Der, auf den man drücken musste, damit sich die Garage öffnete.

Da kam ihre Seitenstraße.

Gott sei Dank!

Sie bremste mit quietschenden Reifen, riss das Lenkrad herum und gab Gas, als die Hinterräder wieder griffen.

Da war ihr Haus.

Das Garagentor glitt gerade unter das Dach zurück.

Tina bremste abrupt, schoss in die Garage und drückte gleichzeitig auf die rechte Taste der Fernbedienung, die rote, um das Tor zu schließen. Sie schaltete den Motor ab und riss reflexartig die Handtasche an sich.

Im nächsten Moment schalt sie sich gedanklich dafür. Gab es jetzt nichts Wichtigeres als diese blöde Handtasche? Sie wollte ins Haus, in die Geborgenheit ihres Heims, zu ihrem Mann.

Sie stieß die Autotür auf, sprang aus dem Wagen und eilte zur Tür, die die Garage mit dem Haus verband.

„Michael!“ schrie sie panisch, stocherte hektisch den Schlüssel ins Schloss und drückte die Klinke herunter.

Ihr Mann kam ihr entgegengelaufen. Labradorwelpe Kasper begleitete ihn und sprang an Tina hoch.

„Tina, was ist los?“ fragte Michael besorgt, stupste Kasper beiseite und umschlang sie fest. „Du bist ja ganz nass.“

Der kleine Hund leckte ihre Hand. Er spürte immer, wenn sein Frauchen sich aufregte oder sie sich unwohl fühlte.

In dem Moment läutete es an der Eingangstür.

„Was ist denn hier los?“ wiederholte Michael.

„Mach nicht auf! Mir ist jemand gefolgt. Ein Mann“, stammelte Tina aufgeregt und krallte die Finger in Michaels Rücken. „Ruf die Polizei!“

„Schscht“, machte er tröstend. „Du bist ja komplett aufgelöst.“

„Ich habe Angst.“

„Das brauchst du nicht. Ich bin ja jetzt bei dir. Es wird sich aufklären. Und wahrscheinlich ist alles ganz harmlos.“

Michael nahm Tina bei der Hand und lief zur Haustür. Der Hund trottete leise knurrend neben dem Paar her. Michael öffnete mit einem Ruck die Eingangstür, vor der der Fremde wie ein begossener Pudel wartete, und blickte den Unbekannten herausfordernd an. Tina schaute hinter ihn und bemerkte, dass er die Fahrertür seines BMW nicht geschlossen hatte. Der Wind blies den Regen ins Wageninnere und durchnässte den Sitz.

Michael hatte Unrecht. Die Situation war ganz und gar nicht harmlos, sondern ziemlich ernst. Denn im einsamen Wald hatte dieser Mann sein Auto abgeschlossen. Hier, mitten in der Stadt, ließ er sogar die Wagentür sperrangelweit geöffnet. Was war so dringlich?

Dass er Tina oder vielleicht sogar Michael etwas antun wollte, glaubte sie jetzt nicht mehr.

„Was wollen Sie von meiner Frau?“ fragte Michael fordernd.

Der Mann hustete trocken und strich sein triefendnasses Haar aus der Stirn, aus dem jetzt Tropfen sprühten. „In Ihrem Auto …“, begann er atemlos und sah Tina eindringlich an. „In Ihrem Auto sitzt jemand.“


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