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Achteinhalb Wochen



Teil 1: Der Zufall

 

17. Juli 2016

 

Das Ende eines herrlichen Wochenendes nahte mit großen Schritten. Zwar waren die Temperaturen nicht wirklich sommerlich gewesen, aber ich hatte schöne Stunden mit meinen Freunden bei einem leckeren Essen verbracht, gefaulenzt und mich gut erholt.

 

Aus der Küche tönte das vertraute Geräusch meines Handys – der Akku war geladen. Ich schälte mich etwas widerwillig aus meinem gemütlichen Sessel im Wohnzimmer, ging in die Küche und stöpselte das Smartphone aus der Steckdose. Auf dem Display erschien die Nachricht, dass ich zwei SMS empfangen hatte.

Wer schrieb denn heute noch SMS? Ich kannte niemanden.

 

SMS: Ich schichte am Strand einen riesigen Haufen Holz für das Feuer auf und begebe mich gleich in die Hände dieser Schamanen … Kaum zu glauben, wie alles in mir schreit …

18:15 Uhr

 

SMS: Bitte wegen fehlgeleiteter SMS um Verzeihung! … wünsche einen angenehmen Abend!!!

18:24 Uhr

 

Ich: Kein Problem! Das liest sich nach einem außergewöhnlichen spirituellen Erlebnis. Wünsche auch einen schönen Abend.

18:37 Uhr

 

SMS: In der Tat … als 50-jähriger Enkel eines Schamanen besinne ich mich demütig zurück nach Heilung und Gesundung … Kraft habe ich bald keine mehr. Gruß aus Zypern, Koray!

18:48 Uhr

 

Koray – das war ein türkischer Name.

 

Ich: Ich wünsche Dir von Herzen, dass Du Deine innere Mitte bald wiederfindest und Deine Energie zurückgewinnst. Gruß aus dem Ruhrgebiet, Elke

18:50 Uhr

 

Ich: Bitte Deinen Großvater, Dir zu helfen und Dir Kraft zu schicken.

18:51 Uhr

 

Koray: Meine Zeit besteht nur noch aus Hoffen und Bitten … das ist so lieb von Dir … geht mir unter die Haut … hab tausend *DANK*, Elke (bin am Freitag zurück im Spessart)

18:57 Uhr

 

Ich: Ich denke an Dich!!!

19:01 Uhr

 

So, wie dieser Mann schrieb, war er in einer ziemlich schlechten Verfassung. Derartig emotionale Nachrichten hatte ich noch nie erhalten. War es mein oft verdammtes Helfersyndrom oder sein mich faszinierendes schamanisches Ritual, das mich zwei Stunden später noch einmal schreiben ließ?

 

Ich: Weil ich auch auf spiritueller Eben „unterwegs“ bin, mache ich mir gerade Gedanken um Dich. Wie geht’s Dir im Augenblick?

21:01 Uhr

 

Koray: Liebe Elke, es ist 22:00 Uhr vorbei … ich sitze am Strand und lausche den Wellen … warte auf sieben Schamanen … zu Mitternacht wird das Feuer entzündet … mehr weiß ich nicht. Ein paar Tropfen laufen über meine Wangen … ich wünschte, jemand würde mich festhalten … ganz fest!!!

22:17 Uhr

 

18. Juli 2016

 

Ich: Das habe ich in Gedanken getan.

07:18 Uhr

 

Koray: Guten Morgen, Elke, mein Herz ist still … meine Sinne entspannt … ich habe eine geheimnisvolle Nacht hinter mir … ich bin sehr erschöpft … Es ist mein Kaffee, der so duftet … sonnigen Morgen, Koray

09:24 Uhr

 

Ich freute mich für diesen Menschen. Das Ritual war offensichtlich ein besonderes Erlebnis gewesen. Die Wörter, die er zur Beschreibung dieser Nacht wählte, waren für meinen Geschmack zwar etwas zu blumig, aber vielleicht beschrieben sie genau das, was sich ereignet hatte. Vielleicht lag seine Ausdrucksweise auch an seiner Nationalität. Oder vielleicht war sie einfach nur darauf zurück zu führen, dass er spirituell war.

 

Ich: Das ist wirklich schön. Bleibe den ganzen Tag in dieser wunderbaren Entspannung.

09:37 Uhr

 

Koray: Im Schatten von Pinien blicke ich nachdenklich aufs Meer … huldige der spirituellen Welt … danke jenen unsichtbaren Energien, die graziös in mir tanzen … habe soeben aus dem Hotelbeet eine duftende rosa Rose entwendet … ich streichle damit über deine Wangen …

14:10 Uhr

 

Unsichtbare Energien, die graziös in ihm tanzten? Na gut, dachte ich wieder. Er ist halt ein spiritueller Mensch, der darüber hinaus auch sehr feinfühlig und sinnesorientiert zu sein scheint. Eigentlich mochte ich das. Aber ich mochte es nicht, wenn blühende Blumen aus der Erde gerissen wurden. Deshalb schrieb ich nur zurück:

 

Ich: Danke. Das ist lieb von Dir. Stell sie ins Wasser und genieße sie.

16:25 Uhr

 

Irgendwann am Abend machte sich mein manchmal lästiges Helfertierchen wieder bemerkbar. Wie ging es diesem Menschen nun, der gestern noch so gelitten hatte?

 

Ich: Geht’s Dir gut?

19:32 Uhr

 

Koray: Dieses Ritual wird es heute und morgen noch einmal geben … ich habe erkannt, was in mir geschieht … mein Unterbewusstsein wird angeregt, sodass ich mich dem stelle, was mein Inneres zerfleischt. Bin bereit für die zweite Nacht! Einmalige Erlebnisse, die ich in mir verewige … habe angefangen, alles niederzuschreiben. DANKE, ich bin ok. Liebe Grüße!

19:57 Uhr

 

 Ich: Das liest sich wunderbar. Freue mich, dass es Dir so gut geht. Ganz anders als gestern. Liebe Grüße an Dich und ich wünsche Dir von Herzen, dass die heutige Nacht Dich noch ein Stück weiter bringt. Das aufzuschreiben finde ich toll!

21:01 Uhr

 

19. Juli 2016

 

Koray: Gefühlsausbrüche und Explosionen in meiner Gefühlswelt … liebe Elke, die Barrieren des Widerstands sind behoben … ich las, dass du Spirituelles magst … mein Erlebtes übertrifft alles, was ich bisher kannte … unser stiller Kontakt schenkt mir Kraft … ich durchlebe einzigartige Momente … wünsche angenehmen Abend!

19:03 Uhr

 

Ich: Lieber Koray, das freut mich sehr. Dass Dir unser Kontakt Kraft gibt. Und noch mehr, dass Deine Barrieren und Widerstände gefallen sind. Einfach himmlisch. Ich war eben mal neugierig und habe Deinen Namen gegoogelt. Flammender Mond – wie schön ist das denn? – Dir auch einen zauberhaften Abend und um Mitternacht eine weitere unbeschreiblich schöne Erfahrung. Ich glaube, das würde ich auch gern mal erleben. Liebe Grüße, Elke

19:54 Uhr

 

20. Juli 2016

 

Koray: Meine Mutter erzählte mir, an meinem Geburtstag, am 1. Februar 1966, wäre der Mond glutrot gewesen … und ich weiß, dass du eine „reiche Göttin“ bist! Erschöpft und kraftlos wage ich mich ins blaue Wasser … wenn du am späten Abend so eine seltsame Wärme in dir spürst … dann lese ich gerade etwas aus meinem Mokkasatz über dich … liebe Grüße, Koray

11:42 Uhr

 

Ein Mann, der aus dem Mokkasatz las? Das war zwar etwas strange, aber auch sehr interessant.

 

Ich: Hoffentlich erfährst Du nur Gutes. Bin neugierig. Genieß den Tag!!!

15:23 Uhr

 

21. Juli 2016

 

Koray: Kein Psychologe in Deutschland war in der Lage, mir zu helfen … Melodien erschallen, Lieder erklingen im Saal meiner Sinne … ich sah im Satz, dass du eine höchst geheimnisvolle Dame bist … in meinem Traum hast du barfüßig sinnlich auf weißem Marmor getanzt … du hattest ein bodenlanges, schneeweißes Kleid aus purer Seide an! … Ich neige mich vor dir in Achtung und Demut … liebe Grüße, Koray

10:58 Uhr

 

Ich – und geheimnisvoll? Ich, die ich mein Herz im Gesicht trug? Da war beim Mokkasatz lesen wohl gehörig etwas schief gelaufen. Und ich sah mich vor meinem inneren Auge mit meinen inzwischen 51 Jahren ohne Schuhe auf kalten Steinen herumhopsen! In einem bodenlangen Kleid! Wie skurril war das denn?

Aber er hatte es sicherlich nur nett gemeint. Und ihm ging es ja zudem nicht wirklich gut. Also musste ich auch etwas Nettes antworten.

 

Ich: Oh, was für eine SMS. Die klingt gerade sanft in mir nach. Ich danke Dir. Und ich freue mich, dass es Dir so gut geht.

11:38 Uhr

 

Koray: Liebe Elke, du warst die letzten Tage ein Teil meines Lebens. Ich behaupte, stets ein Gentleman zu sein … für niveauvollen, höflichen, im Sinn anständigen Austausch würde ich auf mein letztes … na ja, vorletztes Hemd verzichten. Mache morgen wieder den Spessart glücklich. 1001 liebe Grüße, Koray

17:46 Uhr

 

Okay – meine Mutter hatte mir beigebracht, dass ein wirklicher Herr nie über sich sagen würde, dass er ein Herr sei. Doch ich hatte es bei diesem Mann ja mit einem ganz anderen Kulturkreis zu tun als dem, in dem ich selbst aufgewachsen war. Vielleicht war es in seiner Kultur völlig in Ordnung, von sich selbst zu behaupten, ein Gentleman zu sein. Also las ich großzügig über diese Aussage hinweg, und lachte über den Verzicht auf sein vorletztes Hemd.

 

Aber was bedeutete diese SMS? War das ein Abschied? Das wäre schade. Selbst wenn seine SMS manchmal etwas übertrieben schnulzig waren, gefiel mit der Kontakt mit ihm. Außerdem wollte ich mehr über das Ritual und seinen schamanischen Großvater erfahren.

 

Ich: Lieber Koray, komm gut heim. Ich würde mich freuen, Dich wieder zu lesen – wenn ich Teil Deines Lebens bleiben kann. Und keine Sorge – Dein vorletztes Hemd darfst Du behalten. ;o)

18:51 Uhr

 

22. Juli 2016

 

Dass eine Antwort auf meine letzte SMS ausblieb, verunsicherte mich ein wenig. Ich hatte genügend Freunde und Bekannte. Er sollte bloß nicht annehmen, ich sei eine einsame Juffer, die auf ein paar SMS von Fremden angewiesen war, weil sie ansonsten nichts hatte.

 

Ich: Upps, nicht, dass Du mich missverstehst. Ich habe ein buntes Leben und viele Menschen darin. Ich habe unseren Kontakt aber als besonders empfunden. Daher würde ich es schön finden, Dich wieder zu lesen. Liebe Grüße, Elke

12:38 Uhr

 

Koray: Es bedarf definitiv keiner Sorge … auch mein Leben ist turbulent wie voller Menschen … suche keine amourösen Abenteuer … bin Romantiker … daher ist mir nach den innigen Momenten, nach denen unsere Herzen dürsten … nach einem Tropfen Glück … nach einem Schluck Zärtlichkeit!

13:58 Uhr

 

23. Juli 2016

 

Mhmm? Unsere Herzen dürsteten? Mein Herz dürstete – ehrlich gesagt – nach gar nix. Ich war nun seit viereinhalb Jahren Single. Und das war gut so. Nach meiner letzten Beziehung war mir die Lust vergangen, noch einmal hinzufallen – doch vor allem hatte ich keine Lust mehr, ein weiteres Mal wieder aufzustehen.

Wie kam er durch meine SMS bloß auf den Gedanken eines amourösen Abenteuers? Oder besser gesagt auf innige Momente? Aber irgendwie fand ich die Formulierungen „Tropfen Glück“ und „Schluck Zärtlichkeit“ sehr hübsch. Er schien anders zu sein als andere Männer – emotional, spirituell. Vielleicht war seine blumige Art zu schreiben ja wirklich Ausdruck einer romantischen Haltung. Außerdem ging es ihm schlecht. Also …

 

Ich: Du bist wirklich sehr romantisch. Das ist in unserer Zeit so selten.

01:14 Uhr

 

Koray: … für mich ist die Frau wie eine schöne Rosenknospe … die Achtung, die Wertschätzung, die sanfte Berührung mit Romantik … so wie die Sonnenstrahlen die Knospe öffnen, so öffnet sich das Herz einer Frau in der Romantik … die Romantik ist der magische Schlüssel, der das liebevolle Herz einer Frau öffnet, streichelt, küsst und erobert … zart in zart! Guten Morgen :-)

09:24 Uhr

 

Okay, das war wohl tatsächlich seine ureigenste Art, Emotionen auszudrücken. Alles klang etwas sehr übertrieben, aber irgendwie auch wertschätzend. Ich erinnerte mich an eine SMS, in der er geschrieben hatte, er verneige sich voller Achtung und Demut vor mir.

Außerdem hatte er sich gerade in spirituellen Ritualen von etwas wohl sehr Schlimmem erholen müssen. Nochmal also …

 

Ich: Guten Morgen, lieber Koray. Wie schön Du schreiben kannst.

10:17 Uhr

 

Koray: … manche nennen es Süßholz raspeln, andere wiederum schnulzig, doch mich verstehen nur Frauen, die mit dem Herzen sehen und mit den Augen sprechen können!!! … schlendere über den Flohmarkt …

10:48 Uhr

 

Nun: So ganz Unrecht hatten die anderen – wer auch immer das sein mochte – da nicht. Aber mit „dem Herzen sehen und mit den Augen sprechen können“, das wiederum hatte was. Immerhin war „Der kleine Prinz“ eins meiner Lieblingsbücher. Und außerdem …

 

Ich: … und schon wieder reine Poesie. Es kommt drauf an, wer so etwas schreibt. Sicherlich gibt es Männer, die schnulzig sind oder Süßholz raspeln, um eine Frau, wie man so schön sagt, besoffen zu quatschen. Aber darin ist nie diese tiefe Poesie. Und nachdem, was ich Sonntag von Dir geschickt bekam, bist Du anders. – Wie geht es Dir, wieder zurück in Deutschland??? Zauberhafte Grüße!

16:25 Uhr

 

Koray: Wie schön von dir, liebe Elke. Ich war voller Zweifel, ob die Schamanen meinem seelischen Leid Balsam sein könnten … nun bin ich voller Hoffnung … es wird ein Prozess, ein Weg, den ich gehen muss … Omnia tempus habent! Bin gestern Abend zurück … Ich entwende demnächst bestimmt wieder eine Rose … pssst, bleibt unter uns!!! Grüße voller Poesie, Koray

17:02 Uhr

 

Ich hatte einen herrlichen Abend mit Freuden verbracht und ihnen von diesen zufällig gesendeten SMS und unserer anschließenden täglichen und intensiven Korrespondenz berichtet. „Na“, meinte mein Freund Thomas, „sei vorsichtig. Woher hat der überhaupt deine Nummer?“ Seine Frau winkte ab. „Lass sie doch. Ist doch schön. Und die Schreiberei – was soll da schon passieren?“

 

Ich: Bin gerade von einem schönen, lauen Abend mit meinen bayerischen Freunden in Düsseldorf zurück. Die zwei stellen dort auf einer Messe aus. – Ja, alles braucht seine Zeit, insbesondere Heilung und Entwicklung. Wer hat Dich bloß so verletzt?! – Wie kam es eigentlich dazu, dass Du aus Versehen die erste SMS an mich geschickt hast? Freue mich auf die Rose. Träum süß.

23:49 Uhr

 

24. Juli 2016

 

Koray: Ich habe beim Speichern meiner Zielnummer einen Fehler gemacht und bin so zufällig bei dir gelandet … das heißt, Brille ist ab jetzt ein Muss!!! Ich möchte mit meinen Wehwechen nicht dein Gemüt trüben, zumal tausend SMS dazu nicht reichen würden … die Kerze flackert … ich sehe in meinem Glas Rotwein meine wildbraunen Augen funkeln … sehe nämlich, wie ich dir höflich die Rose schenke … gib ruhig zu, dass du ein Engel bist … iyi geceler, tatli rüyalar!!!

01:15 Uhr

 

Ich: Bei Latein kann ich ja noch mithalten, aber bei Türkisch muss ich passen. – Als tief spiritueller Mensch weißt Du doch: Es gibt keine Zufälle. Und mein Gemüt ist meistens sonnig, meistens. Vollziehe gerade mein Sonntagsritual, wenn nichts ansteht – bis mittags im Bett liegen und lesen. Das tut gut. :o)

11:17 Uhr

 

Ich: PS: Ich danke Dir – etwas verlegen – für die wunderschöne Rose.

11:23 Uhr

 

Koray: Ja, man sagt, Zufälle sind wie reife Früchte, deren Zeit gekommen ist, vom Baum zu fallen! Bis mittags im Bett … und lesen, na, das ist ja Klasse! … ich biete erneut mein vorletztes Hemd an … für die Auskunft, wie dein Haar ist. Farbe? Form? … Mag an einer Frau am meisten die duftend gepflegten Haare – typisch Mann :-)

12:52 Uhr

 

Zufälle sind wie reife Früchte, deren Zeit gekommen ist, vom Baum zu fallen. Das gefiel mir! Aber wie meine Haare aussahen, hatte ihn nicht zu interessieren und was er an einer Frau am meisten mochte, interessierte mich nicht. Aber sollte ich ihm jetzt vor den Kopf stoßen? Jetzt, da er gerade irgendwie wieder besser drauf war? Was konnte es schaden, ihm zu schreiben, wie mein Kopf aussah und mal nach ihm zu fragen?

 

Ich: Ein schöner Spruch. Meine Haare sind blond – gefärbt ;o) – und inzwischen relativ lang. Deshalb sind die Locken jetzt raus. Obwohl meine Haare immer noch machen, was sie wollen. Wärst Du bei What's App, würdest Du mich sehen können. Allerdings habe ich auf dem Foto einen Zopf. Auch ich würde gern wissen, wie Du aussiehst. Außer den braunen Augen, die ich vermutet hatte, weiß ich nichts.

15:45 Uhr

 

Koray: DANKE! Oh jee … bin typisch südländisch braun, Oberlippenbart, meine anatomischen Maße sind normal (1,80 m, 90 kg) … bin kein Frauentyp … und tröste mich damit, dass manche Frauen Männer mit Glatze sexy finden … ja, ich lächle gerade :-) … mein Handy ist aus dem Jahr 1873 … aber Weihnachten kommt mit modernem Handy & Co.

16:02 Uhr

 

Optisch betrachtet war er also offenbar nicht besonders attraktiv – etwas zu viel Gewicht, keine Haare mehr. Und der typisch türkische Oberlippenbart – oh, Mann. Aber: Wenn es ihm gut ging, schien er über eine ordentliche Portion Humor zu verfügen. Ein spiritueller, romantischer Mann mit Humor. Das hatte was. Und ein Türke, der unser christliches Weihnachtsfest feierte, war auch selten.

 

Ich: Jetzt musste ich auch lachen. Unsere ersten weltlichen SMS. Warum der klassische Oberlippenbart? – Ich bin übrigens 1,60 und wiege zwischen 53 und 55 Kilo – je nachdem, was gerade so an „Essen gehen“ ansteht.

18:20 Uhr

 

Koray: Na ja, ich weiß nicht, wie ich es schreiben soll … mein Oberlippenbart hat in meiner erotischen Welt einen „ganz besonderen“ Platz!!!

18:50 Uhr

 

Upps! So genau hatte ich das gar nicht wissen wollen. Auf der anderen Seite war ich jetzt natürlich neugierig – hatten alle Türken aus erotischen Gründen diesen Schnäuzer? Das wäre etwas, das wir Deutschen garantiert nicht vermuteten?

 

Ich: Oh!!! Hast Du mir jetzt gerade das Geheimnis der türkischen Männer verraten?

19:38 Uhr

 

 Koray: … es ist nur ein Geheimnis zwischen meinem Bart und mir! … Ich begehre Frauen, die mein Blut zum Kochen bringen können!

20:17 Uhr

 

Nach dieser SMS hatte ich wohl mehr als jeweils ein Fragezeichen in beiden Augen. Was sollte ich mit dieser Information anfangen? Und außerdem: Hatte er nicht geschrieben, er sei Romantiker und stehe nicht auf amouröse Abenteuer? Oder hatte ich etwas falsch verstanden?

 

Ich: Das liest sich aber doch nach amourösen Abenteuern. Oder bist Du ein Mann, der Leidenschaft und Alltag unter einen Hut bekommt?

20:28 Uhr

 

Koray: Nein …. Liebe Elke, das ist genau das Thema, das mich zum Therapiepatienten gemacht hat … in tiefem Vertrauen … habe seit Weihnachten 2014 keinen Sex gehabt … drei Ereignisse haben mich zu dem gemacht, was ich heute bin … worüber ich nur schweige.

21:04 Uhr

 

Koray: Wer weiß? Vielleicht bin ich eines Tages in der Lage, dir über diese drei Geschehnisse zu erzählen … liebe Grüße

21:16 Uhr

 

Da war ich wohl ein wenig ungerecht gewesen. Dieser Mann – spirituell, romantisch und humorvoll – war doch wahrscheinlich noch völlig neben der Spur. Sonst hätte er doch nicht extra dieses schamanische Ritual über drei lange Nächte vollzogen. Ich würde ihn jetzt einfach anrufen.

Aber es klingelte ins Leere.

 

Ich: Ich verstehe nicht, worauf sich das Nein bezieht. Und war jetzt einfach mal so mutig und vermessen, Dich anzurufen. Aber leider gehst Du nicht ans Telefon. Ich möchte nicht an Dingen rühren, die Dich aufwühlen. – Was ich noch schreiben wollte zu einer heutigen SMS von Dir: Kein Mensch ist es wert, dass Du tausend oder mehr SMS über das Leid, das er bei Dir verursacht hat, schreibst. Kein Mensch!

21:18 Uhr

 

Koray: Sorry … die Rufnummer war unbekannt, ging darum nicht ran … wenn du noch mal möchtest?

21:21 Uhr

 

Und ich wählte seine Nummer noch einmal. Er entschuldigte sich, dass er beim ersten Mal das Gespräch nicht angenommen hatte. Seine Stimme war angenehm – weich, ruhig und sie klang jung. Wir redeten eine Weile miteinander. Ich fragte ihn, wie man seinen Namen aussprach und er ließ es mich wissen.

Mhmm“, sagte ich. „Das ‚r‘ kann ich nicht so rollen wie ihr. Ist es okay für dich, wenn ich deinen Namen deutsch ausspreche.“

„Elke, du bist Deutsche. Es hat seinen Reiz, wenn du meinen Namen auch deutsch aussprichst.“ Dann seufzte er plötzlich.

„Du hast jetzt keine Zeit oder Lust zu telefonieren?“ fragte ich.

„Nein, das ist es nicht“, antwortete er. „Ich möchte dir einfach von den drei Ereignissen erzählen, über die ich dir heute geschrieben habe. Ich weiß nicht, warum. Aber ich habe durch unseren Kontakt, während ich auf Zypern war, ein starkes Vertrauen zu dir entwickelt. Deshalb möchte ich dir jetzt einfach davon erzählen.“

„Bist du sicher?“ fragte ich.

„Ja, bin ich“, antwortete er.

„Danke“, sagte ich leise.

Er seufzte wieder.

Im Hintergrund hörte ich die knarrenden, hohen Motorgeräusche vorbeifahrender Mofas und wir schwiegen einige Augenblicke, bevor er anfing zu reden. Es fiel ihm nicht leicht. Er sprach langsam und holte zwischen den einzelnen Wörtern tief Luft, als würde irgendetwas fest auf seinen Brustkorb und sein Herz drücken.

„Weißt du. Das erste Geschehnis war, dass ich mich in eine Frau verliebt hatte, die im Rollstuhl saß. Ich hatte mir bis zu dem Zeitpunkt nicht vorstellen können, dass mir so etwas passiert. Wir hatten eine wunderbare Beziehung miteinander. Und dann ist sie gestorben, an einer unheilbaren Krankheit.“

Nun seufzte ich. „Das tut mir sehr leid.“

Er schwieg einen Moment lang und atmete wieder schwer.

„Du musst nicht weitersprechen“, warf ich ein.

„Ich will aber. Es tut gut, Dir davon zu erzählen. Ich hab bislang nur mit Psychologen darüber geredet. Und die konnten mir nicht helfen.“

„Okay“, machte ich leise. „Wenn es dir gut tut, sprich weiter.“

„Das zweite Ereignis war, dass meine jüngere Tochter im Alter von 14 Jahren vergewaltigt wurde.“

„Oh, mein Gott. Wie ist sie damit zurechtgekommen?“

„Gar nicht.“

„Hat sie Hilfe bekommen?“

„Ja. Sie war in psychologischer Behandlung und sogar eine Weile in der geschlossenen Psychiatrie. Und das dritte Geschehnis war, dass ich mit einem Freund, der Detektiv ist, in einer Hütte im Wald kinderpornografisches Material gefunden habe. Das, was ich da gesehen habe, hat mir den Rest gegeben.“

Ich atmete tief ein und wieder aus. Jedes der drei Ereignisse war für sich allein genommen schon dramatisch genug. Niemand sollte das alles erleben müssen.

Er seufzte wieder: „All das hat dazu geführt, dass ich nicht mehr weinen kann und … es hat mich meine Männlichkeit gekostet.“

Ich hörte, dass er schwer schluckte. „Ja, aber das ist doch normal“, bemerkte ich. „Wenn etwas Schlimmes passiert, reagiert unser Körper nur noch mit Flucht. Das sexuelle Bedürfnis ist in solchen Situationen komplett ausgeschaltet.“

„Ja, darüber habe ich gelesen. Ich bin ja auch nicht wirklich arm in dieser Hinsicht. Ich kenne solche Dinge wie den inneren Orgasmus. Das ist was sehr Wertvolles. Aber dieser Verlust belastet mich trotzdem sehr. Weißt Du – ein Mann im besten Alter und dann so was. Und ich will keine amourösen Abenteuer oder one-night-stands. Ich möchte etwas Tiefgehendes. Tat gut, Dir das alles erzählen zu dürfen.“

Ich erinnerte mich an seine Nachrichten aus Zypern – ein spiritueller Mann, der mir höchst sensibel erschien und mir sofort sein Vertrauen schenkte. Solche Männer waren rar. Und ich hoffte, dass aus dieser Zufallsbekanntschaft eine wunderbare, tiefgehende Freundschaft entstand.

„Dass es Dir nach diesen schlimmen Ereignissen nicht gut geht, ist doch völlig normal. Die spirituellen Erlebnisse auf Zypern haben aber doch schon viel bei dir bewirkt“, versuchte ich das Gespräch in positive Bahnen zu lenken.

„Ja, das stimmt. Ich bin auf einem guten Weg der Heilung. Aber es handelt sich hier um einen Prozess, der lange Zeit in Anspruch nehmen wird.“

Wir redeten noch eine Weile – über seinen anstehenden Arbeitsbeginn, über Alltäglichkeiten. Dann sagte er: „Die Nachbarn winken gerade. Sie haben ein Lagerfeuer entfacht und ich soll auf ein Glas Wein rüberkommen. Das wird sicherlich eine lange Nacht.“ Er lachte.

„Aber bestimmt eine ganz tolle Nacht. Genieße sie“, wünschte ich ihm.

 

Meine Nacht war unruhig. Immer wieder dachte ich an das, was er mir anvertraut hatte. Und ich gebe zu, mein fast immer sonniges Gemüt litt schwer unter seinen dunklen Geheimnissen.

 

25. Juli 2016

 

Koray: Die Glut wärmt … wenn ich auch nicht weinen kann … ein paar Tropfen befeuchten meine Wimpern … liebe Elke, in meiner Kultur glaubt man, dass die Handfläche einer Frau die Quelle der Zärtlichkeit ist … ich nehme deine beiden Hände und küsse deine Handinnenflächen … süße Träume …

00:10 Uhr

 

Ich: Ich danke Dir für die liebe Geste. Wünsche Dir einen guten Start in die neue Woche. Liebe Umarmung.

07:53 Uhr

 

Koray: Wenn ich an dich denke, empfinde ich Vertrauen … es ist so schön, dass du da draußen bist … hab vielen Dank. Schicke dir in Brisen versteckte liebe Grüße!

08:29 Uhr

 

Ich freute mich, dass er dieses Vertrauen in mich hatte. Ja, ich war mir sicher – das würde eine schöne Freundschaft. Eine mit Tiefgang.

 

Ich: Da schicke ich von Herzen noch mal ein Danke. Ich freue mich auch, dass es Dich gibt. Es gibt wenige Menschen mit einem großen Herzen. Du bist einer dieser wenigen.

09:16 Uhr

 

Koray: … als ich mich heute Morgen rasierte und meinen Bart pflegte, musste ich so herzhaft lachen …

11:53 Uhr

 

Ich: Gut so!!! Und das bringt jetzt wiederum mich zum Lachen. :o)

13:41 Uhr

 

Koray: Ich sitze am Main … einige Schwäne nähern sich … diese warmen Sommerabende wecken viel Schlummerndes in mir … meine zwei Kugeln … also gut, meine vier Kugeln Eis sind umso leckerer :-)

20:48 Uhr

 

Ich schmunzelte unwillkürlich.

 

Ich: Schwäne sind so schön! Aber Sir können sehr böse werden. Also pass gut auf Deine zwei, gut, Deine vier Kugeln Eis auf. Mhmm, Main! – mir fehlt, seit ich wieder im Ruhrgebiet bin, ei Rhein. Saß bis vor einigen Minuten im Garten auf meiner Bank. So ein herrlicher Sommerabend …

20:52 Uhr

 

Ich: Oh je. Gleich zwei Fehler in einer so kurzen SMS. Es sollte heißen: Aber sie können sehr böse werden … Und: mein Rhein …

20:54 Uhr

 

Koray: Kein Thema. Ich kann nicht nur von den Augen oder Lippen, sondern auch zwischen den Zeilen lesen … mir ist nach einem Lagerfeuer … bis in den Morgengrauen mit einem Glas Wein über Gott und die Welt reden …

20:59 Uhr

 

 Ich: Bin sofort dabei!!! Meinst Du, dass ein Glas Wein reichen wird? – Aber: Du darfst doch gar keinen Alkohol trinken. Mhmm. Du musst mit einer Deutschen verheiratet gewesen sein. Oder wer hat Dir dieses Laster beigebracht??? ;o)

21:03 Uhr

 

Koray: Ich bin ein Genießer … trinke nur guten Wein … im Zauber des Abends am liebsten! Zwei bis drei Gläser machen mich höchst romantisch!

21:08 Uhr

 

Ich: Aber das bist Du doch eh. Oder was meinst Du gerade?

21:10 Uhr

 

Koray: … ich meine, es ist einfach schön … diese sinnlichen Momente mit einer Frau!

21:15 Uhr

 

Ich: Bin Deiner Meinung. Natürlich nicht komplett. Ich könnte mit einer Frau keine romantischen Momente teilen.

21:16 Uhr

 

Koray: Ha ha ha … ich auch nicht mit einem Mann …

21:18 Uhr

 

Ich: Uhhhh, schön, Du hast gemerkt, dass ich geschmunzelt habe. Kommt in Texten ja nicht rüber. Hatte heute einen richtig schönen Tag. Wie war Dein Start zurück ins Arbeitsleben?

21:20 Uhr

 

Koray: Typisch Job … bin ziemlich geschafft … mache jetzt die Dusche glücklich und versüße die Gedanken!

21:30 Uhr

 

Ich: … dann pflege Deinen Bart, träum nachher süß und erhol Dich gut vom ersten Arbeitstag.

21:32 Uhr

 

Koray: Du lächelst ja schon wieder … schön! Wenn du wüsstest, welch ein Geheimnis mein Bart verbirgt! Danke, du Engel!

21:39 Uhr

 

Ich: Das ist toll, dass Du sehen kannst, wenn ich lächle. Na ja, so eine Ahnung um die Geheimnisse Deines Barts habe ich ja, eine ganz Klitzekleine. Gerne … Du Mann mit dem großen Herzen. Träum süß!

21:43 Uhr

 

Koray: … träum du auch süß … mit der Sprache der Engel auf deinen Lippen … mit nektarsüßem Lächeln!

21:48 Uhr

 

Warum hatte er an dieser Stelle nur wieder so maßlos übertreiben müssen? Aber er brachte mich zum Lachen und spürte, wenn ich lachte. Das war doch mal was anderes. Ein sehr empathischer Mensch.

 

26. Juli 2016

 

Ich: … schönen guten Morgen, lieber Mann mit dem großen Herzen. Bei What‘s App würde ich Dir jetzt eine duftende Tasse Kaffee und eine Sonne schicken. :o) – Einen wunderschönen Start in den Tag!

07:05 Uhr

 

Koray: Guten Morgen … im Glitzern von süß und schön drücke ich dich ganz fest!

08:56 Uhr

 

Koray: Am 8. August trete ich meinen eigentlichen Urlaub an … es kribbelt schon wieder. Drei Wochen am Meer!

14:11 Uhr

 

Ich: Da könnte ich, wenn ich das Gefühl kennen würde, ja fast neidisch werden. So freue ich mich für Dich. Wohin geht’s?

14:36 Uhr

 

Koray: In die Heimat … da habe ich alles, was ich brauche … auch um den Geist zu beruhigen!

15:09 Uhr

 

Ich: Ach, herrlich. Aber komm heile wieder. Ist ja dort gerade ‘ne Menge los … Und nicht dort behalten lassen!

16:13 Uhr

 

Koray: Wahrlich … der Tyrann stürzt das Land in den Abgrund! Wie viele Menschen habe auch ich Bedenken, dass im Urlaub etwa schief läuft … werde aber zurückkommen … weil ich nämlich Wein kosten und dabei in deine Augen blicken möchte …

16:33 Uhr

 

Das war lieb. Da musste ich auch was Liebes schreiben.

 

Ich: Bei Deiner SMS wurde mir gerade ganz warm ums Herz.

19:48 Uhr

 

Ich: Also beim zweiten Teil. Der erste ist mehr als dramatisch.

20:07 Uhr

 

Koray: Ich weiß, wie schön der sinnliche Blick in die Augen ist … und das will ich bei dir!

20:30 Uhr

 

Jetzt musste er aber mal wieder runterkommen. Wie schrieb ich das jetzt nett, ohne diese Mann mit dem großen Herzen zu verletzen?

 

Ich: Vielleicht magst Du meine Augen ja gar nicht …

20:43 Uhr

 

Koray: … sei gewiss. Wenn eine Frau in der Harmonie schöner Kleidung, Frisur, Schminke und Parfum … duftend erblüht … so sind ihre Augen wie zwei Smaragde, die funkeln … so wünsche ich mir dich!

21:15 Uhr

 

Nett bleiben!

 

Ich: Du süßer Romantiker! Das bekommen wir ja alle mehr oder weniger gut hin. Und Du bringst mich gerade auch wieder zum Schmunzeln, denn wenn wir morgens aufstehen, sehen wir ganz anders aus – mehr oder weniger. ;o)

21:48 Uhr

 

Koray: Die Kunst, eine Frau zu verstehen … das ist auch Romantik. Die Ankündigung einer Handlung ist oft spannender als die Handlung selbst! Tauche mit mir hinein ins Reich der Poesie … du kannst „jedes“ Thema wählen :-)

22:19 Uhr

 

Hallo? Was war denn das jetzt für ein „Angebot“?! Darauf antwortete ich nicht. Das ging mir doch entschieden zu weit – schlimme Erlebnisse hin, schlimme Erlebnisse her.


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