machtstrukturen

Machtstrukturen und die Kunst der Erinnerung
Im Andenken an Dieter Schrage
von Tom Waibel (dieser Text wurde im Jahrbuch 365/11 der Wiener Kunstschule veröffentlicht)

„Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand.“
Michel Foucault

Erinnerung als Kunst zu postulieren und sie, wie es im Titel dieses Texts geschieht, mit Machtstrukturen in Bezug zu setzen, heißt auch, eine bestimmte Genealogie der Macht zu hinterfragen. Warum? Die herrschaftliche Familiengeschichte des europäischen Denkens nennt die Erinnerung Mnemosyne, sie ist als Titanide keine geringere als die Tochter von Himmel und Erde und damit eine Enkelin des Chaos. Mnemosyne ist die Mutter aller Kunst, sie gebärt dem ersten olympischen Verführer die neun Musen, deren Kult noch heute die Museen belebt. Folgen wir dieser Erzählung Hesiods aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, dann ist Erinnerung eine Vermittlerin zwischen Kunst und Chaos und damit gleichermaßen die Ursache für Tragödie wie Komödie, Musik, Tanz, Lyrik und Liebe, aber auch für Mathematik, Philosophie und Geschichte.

Dem gegenüber möchte ich hier den Nachweis bringen, dass die Erinnerung selbst bereits eine Kunst ist, und zwar eine besondere und bedeutsame, nämlich die Kunst, Machtstrukturen sichtbar zu machen. Dabei werde ich mich auf die Untersuchung eines konkreten Falls konzentrieren, eines kurzen, aber folgenreichen Vorfalls in der Geschichte der Wiener Kunstschule, der einst dazu geführt hatte, dass während der Sommerferien nahezu das gesamte Lehrpersonal ausgewechselt wurde. Die Recherche zu diesem Vorfall hat sich erstaunlicherweise als so vertrackt erwiesen, dass ich hier keineswegs wie ein szientistischer Kriminologe auf der Grundlage eines verblüffenden Arrangements geprüfter Fakten argumentieren kann. Angesichts der Fülle von Erinnerungen, Wertungen und Meinungen, mit denen ich im Zuge der Nachforschungen konfrontiert wurde, bleibt mir kaum etwas anderes über, als mich an die detektivische Kunst eines Sherlock Holmes zu erinnern, an das trance-artige Erspüren unausgesprochener Möglichkeiten.

Wie jede konventionelle Kriminalgeschichte beginnt auch diese kleine Untersuchung mit einem Todesfall, und zwar dem des geschätzten Kulturwissenschafters, Museumskurators und einstigen Lehrbeauftragten für Kunstgeschichte an der Wiener Kunstschule, Dieter Schrage. Er, der noch für das letzte Jahrbuch der Kunstschule (365/10) eine Geschichte der Hausbesetzungen in Wien geschrieben hatte, war überraschenderweise kurz nach seinem 76. Geburtstag im vergangenen Sommer gestorben. Ich hatte damals einen bescheidenen Nachruf verfasst, der dann (vermutlich aufgrund seiner Knappheit) an den unterschiedlichsten Stellen im Netz wieder auftauchte: 

„Der schönste Anarchist von Wien ist woanders hingezogen. Dieter Schrage war von allen Unbequemen dieser Stadt der Liebenswürdigste: Unermüdlich und doch stets verschmitzt in Bewegung für die Schaffung herrschaftsfreier Räume entwarf er das Freie Kino, bastelte an der besetzten Arena mit, kuratierte sozialkritische Kunst, unterstützte alle möglichen Hausbesetzungsbewegungen und -bestrebungen, hielt Vorträge, Reden, Seminare und ging mit Obdachlosen ins Museum, etc., etc. Und bei all dem war er ein nicht aus der Ruhe zu bringender Pazifist und widmete sich dem, was Pierre Ramus – dem er eine ganze Gesellschaft gründete – so formulierte: ,Die Umgestaltung der Gesellschaft durch die gewaltlose Revolution, mit den Mitteln des Wortes, hin zu wahrer Herrschaftslosigkeit‘. Sein Herz, das immer offen war für Kritik und Subversion, ist nun völlig unerwartet stehngeblieben... ciao battagliero!“ [1]

Dieter Schrages Willen zur „Umgestaltung der Gesellschaft [...] mit den Mitteln des Wortes“ hatte 1990 zu seinem Rauswurf aus der Wiener Kunstschule geführt. Die Maßnahme wurde vom damaligen Präsidenten des Schulvereins angeordnet, den Schrage zwanzig Jahre später beschrieb als „ein ehemaliger Panzer-Brigadier [...], der auch so wie ein Panzer-Brigadier war.“ [2] Aber Schrage ging nicht alleine von der Kunstschule, mit ihm mussten zumindest 8 weitere Lehrbeauftragte das Haus verlassen. Der Panzer-Brigadier begründete seinen Schritt mit „der Diffamierung und Verleumdung der Kunstschule und künstlerischen Volkshochschule durch einige Vortragende“ [3]. In derselben Ausgabe jener Schülerzeitung, der diese Begründung entnommen ist, findet sich auch eine Stellungnahme Schrages, in der er gegen die erhobenen Vorwürfe argumentiert: „Sicher habe ich die Wiener Kunstschule in den letzten Jahren wiederholt kritisiert. Sicher habe ich oft Freude an einer Polemik und sage auch gerne einmal lieber ein aufmüpfiges Wort zu viel als zu wenig. Doch steht hinter all den lockeren, kritischen Worten letztlich eine ernste Sorge.“ [4]

Ob die „lockeren, kritischen Worte“ Schrages auch für andere Ohren als die eines Panzer-Grenadiers nach „Diffamierung und Verleumdung“ klangen, lässt sich zwanzig Jahre nach den Vorfällen nicht mehr zweifelsfrei eruieren. Tatsache ist, dass Günter Povaly, der zur Zeit der skizzierten Vorfälle zum Direktor der Kunstschule bestellt wurde, die Entscheidungen des Panzer-Grenadiers exekutiert hat. Heute, zwei Jahrzehnte später nach den Ereignissen befragt, steht für ihn die Erinnerung an die bemerkenswerte organisatorische Leistung im Vordergrund, die er damals vollbringen musste, als er über die Sommerferien „das gesamte Lehrpersonal auswechselte“, wie er sagt. Das gesamte Lehrpersonal? In der Schülerzeitung INFO, die in den fraglichen heißen Zeiten zum Glück mit großer Regelmäßigkeit erschien, ist doch „nur“ von 8 gekündigten Lehrpersonen die Rede. Brigitte Ammer und Gerhard Hermanky, die beide bereits damals die Kunstschule sehr gut kannten, bestätigen Povalys Erinnerung im allgemeinen. Demnach wurden damals alle Lehrenden außer den eben genannten und vielleicht sonst noch die eine oder andere von einem Semester aufs andere für die Schule plötzlich entbehrlich...

Anstelle befriedigender Antworten tauchen damit freilich noch mehr neue Fragen auf: Waren denn die Lehrenden damals eine Horde umstürzlerischer Rebellinnen und untragbare Subversive? Falls ja, was hatte sie in kurzer Zeit so ungeheuer radikalisiert? Falls nein, wurde Schrages Fall zum Vorwand, um die Kunstschule im Handstreich neu aufzustellen? Vor allem aber, was wollten die Rausgeworfenen? Worum ging es ihnen? Was stand damals in der Kunstschule auf dem Spiel?

Sherlock Holmes würde vermutlich eine detaillierte Chronologie der Ereignisse rekonstruieren, um solchen Fragen nachzuspüren. Doch das Problem in diesem Fall besteht darin, dass für eine solche Rekonstruktion nur eine Quelle zur Verfügung steht, die bereits zitierte Schülerzeitung INFO. Aber die Geschichte, von der wir doch eingangs festgestellt hatten, dass sie eine Tochter der Erinnerung ist, urteilt in einem solchen Falle streng. Für sie gilt, testis unus testis nullus, d.h. wenn es nur einen Zeugen gibt, gilt das so, als gäb‘ es gar keine/n Zeugen/in. Und die bereits befragten Zeitzeug/inn/en? Nun, unter ihnen besteht noch nicht mal Einigkeit darüber, ob die Ereignisse 1990 oder 1991 stattgefunden haben...

Konsultieren wir also dennoch, wenn auch mit gebotenem Vorbehalt, was die damaligen Studierenden der Kunstschule in den verschiedenen Ausgaben ihrer Schülerzeitung INFO für die Erinnerung der Nachwelt niederschrieben: Der Vorstand beschließt die Kündigung am 30. April 1990, versendet diese aber erst am 5. Juli und die Direktion exekutiert sie Mitte Juli. [5] Demnach lagen die Schulverweise mehr als zwei Monate lang fertig in der Schublade. Brauchte es dieses lange Verschweigen, um das Schuljahr ohne Aufruhr abzuwickeln? In der April-Ausgabe von INFO finde ich ein Interview mit einem Lehrbeauftragten namens Herbert Pasiecznyk das ein Schlaglicht auf die damalige Stimmung wirft: „Es spricht sicher gegen eine Förderung künstlerischer Aktivitäten, Dieter Schrage mit zeitweiligem Vorlesungsverbot zu belegen, nur weil dieser eben versucht, die künstlerische Aktivität zu fördern.“ [6] Schrage war zu diesem Zeitpunkt seit bereits 6 Jahren Lehrbeauftragter an der Kunstschule, nun erfahren wir, dass zeitweilige Vorlesungsverbote über ihn verhängt wurden und wissen bereits, dass die Schulleitung den Beschluss für seine Kündigung fix und fertig vorbereitet hatte. Welche „lockeren, kritischen Worte“ mochte er damals nur gesagt haben?

Endlich stolpere ich in einer undatierten Ausgabe der Schülerzeitung über die folgende beiläufige Notiz: „Übrigens – es ist interessant zu wissen, daß alle gekündigten Lehrer eine Unterschriftliste für Dr. Dieter Schrage zum neuen Direktor unterschrieben hatten.“ [7] Das ist in der Tat „interessant zu wissen“, hier geht es endlich um ein konkretes Vorhaben und nicht um irgendwelche „lockeren, kritischen Worte“. Tatsächlich muss zur fraglichen Zeit ein erstaunliches Machtvakuum in der Direktion geherrscht haben, in der INFO vom Dezember 1989 ist unter der Schlagzeile „Wiener Kunstschule – Ohne Leitung“, Folgendes zu lesen: „Wie wir überraschenderweise Ende letzten Semesters erfuhren, trat Susanne Tributsch – künstl.-päd. Leiterin der Schule – am letzten Schultag von Ihrer Position zurück. [...] Da Fr. Tributsch erst Anfang letzten Semesters nach der Zwangsbeurlaubung Hr. Lauths Ihre Funktion als k.p. Leiterin übernahm, stellt sich natürlich die Frage – warum hat Susanne Tributsch schon nach so kurzer Zeit das Handtuch geworfen?“ [8] Brigitte Ammer, die diese Zustände als damals frisch eingetretene Junglehrerin kennenlernte, erinnert sich an eine Reihe von Gründen, warum man zu dieser Zeit das Handtuch hätte werfen können und nennt einen davon: „Die Sekretärin Ingrid Schmid war wirklich ein Besen. Sie hat Hof gehalten, als wäre sie mehr als eine Direktorin und dabei war sie doch nur als Verwaltungskraft angestellt.“

Die famose Schülerzeitung stellt indes noch eine andere Frage und beantwortet sie auch sogleich selbst – und wieder ist Dieter Schrage mit im Spiel: „ Doch stellt sich auch die Frage, wer nun das Amt des Direktors übernehmen soll? Die Studenten, die Schülervertretung und große Teile der Lehrerschaft haben jedoch ihren Vorschlag schon gemacht. Der einzige kompetente Leiter, der dieser Schule wieder auf die Beine helfen könnte, ist – Dr. Dieter Schrage. Nicht nur daß er Ende letzten Semesters von den Studenten zur beliebtesten Lehrkraft bestimmt wurde, durch seine jahrelange aktive Erfahrung im österr. Kunst- und Kulturbetrieb könnte er aus dieser Schule wieder eine effiziente und ernstzunehmende Ausbildungsstätte für bildende Kunst machen.“ [9]

Das ist es also, was sich hinter den „lockeren, kritischen Worte[n]“ abzuzeichnen beginnt: Eine breite Vertrauensbasis sowohl von Studierenden als auch von Lehrenden, und alle wollen bei der Bestellung der künstlerisch-pädagogischen Leitung der Schule ein Wörtchen mitreden. Insbesondere die Studierenden waren zu dieser Zeit, d.h. im Wintersemester 1989,  wild entschlossen und prima organisiert. Sie hatten im November kurzerhand das Rathausbüro der Vizebürgermeisterin Smejkal besetzt, um ihren Forderungen vom Oktober öffentlichkeitswirksam Nachdruck zu verleihen. Sie hatten ein 5 Punkte Programm vorgelegt und beharrten auf dessen Debatte und Umsetzung, hier sind ihre Forderungen im Wortlaut der Schülerzeitung:
„1.Die absolute Trennung der WKS [Wiener Kunstschule] von der KVH [Künstlerische Volkshochschule].
2. Damit verbunden eine räumliche Vergrößerung (neues Schulgebäude der WKS) [...]
3. Eine Drittel-Parität des Schulvorstandes bestehend aus einem Drittel Administration, einem Drittel Lehrervertreter und einem Drittel Schülervertreter
4. Die Gewährleistung eines adäquaten Unterrichts
5. Eine qualitative Schulleitung.“[10]

Dieter Schrage machte keinen Hehl daraus, dass er in diesen Forderungen einen sinnvollen Fahrplan für die Zukunft der Wiener Kunstschule sah. Aber warum musste er dann rausgeworfen werden, wenn er damit doch ziemlich genau dahin steuerte, wo die Kunstschule jetzt, zwanzig Jahre später, allmählich anzukommen scheint? Ich stelle diese Frage dem heutigen Direktor der Kunstschule. Gerhard Hermanky schmunzelt und meint kryptisch: „Es musste ein Opfer geben, – es muss immer ein Opfer geben.“ Auf meinen erstaunten Blick hin ergänzt er: „Das kannst Du gern so weitersagen“, nun, jetzt steht es hier geschrieben...

Was aber hat das Ganze mit der Frage nach der Erinnerung als der Kunst der Sichtbarmachung von Machtverhältnissen zu tun? „Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand“, hält Michel Foucault in seiner Untersuchung des Willens zum Wissen fest. [11] Im hier untersuchten Fall speist sich dieser Widerstand ohne Zweifel aus der Quelle der Erinnerung und wirkt damit wie jener Katalysator, dessen Gebrauch Foucault in seinen Überlegungen zu Subjekt und Macht beschreibt, nämlich, „den Widerstand als chemischen Katalysator zu gebrauchen, mit dessen Hilfe man die Machtverhältnisse ans Licht bringt, ihre Positionen ausmacht und ihre Ansatzpunkte und Verfahrensweisen herausbekommt." [12]

Etwaige Ähnlichkeiten dieser Fallstudie mit anderen, aktuellen Debatten sind nicht intendiert und auch gar nicht erfreulich. Sollten sie dennoch bestehen, wird es darum gehen müssen, die Kunst der Erinnerung als Praxis des Widerstands einzusetzen, um die Machtverhältnisse ans Licht zu bringen. Ahoi, Dieter Schrage...

1 Vgl. z.B.: http://www.kinoki.at
2 Dieter Schrage: Nachbemerkung. Besetzung der Wiener Kunstschule, in: Kunstschule 365/10, Sonderzahl: Wien 2010, S. 154.
3 Brigadier Roman Köchl, in: INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien ohne Datum (vermutlich im Oktober 1990).
4 Dieter Schrage, in: INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien ohne Datum (vermutlich im Oktober 1990).
5 vgl.: INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien ohne Datum.
6 Herbert Pasiecznyk in: INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien im April 1990.
7 INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien ohne Datum.
8 INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien im Dezember 1989. Tributsch war demnach nur 1 Semester im Amt; die Abkürzung „k.p. Leiterin“ steht hier für „künstlerisch-pädagogische Leiterin“, der damalige Titel für die Direktion der Schule. Der hier erwähnte – und zuvor zwangsbeurlaubte – ehemalige Direktor Haimo Lauth eröffnete übrigens heuer anlässlich seines 80. Geburtstags eine Ausstellung seiner Graphiken in der Lazarettgasse.
9 INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien im Dezember 1989.
10 INFO. Schülerzeitung der Wiener Kunstschule, Wien im Oktober 1989.
11 Michel Foucault: Der Wille zum Wissen. Sexualität und Wahrheit, Band 1, Suhrkamp: Frankfurt/Main 1998, S. 116.
12 Michel Foucault: Das Subjekt und die Macht, in: Hubert L. Dreyfus/Paul Rabinow (Hg.), Michel Foucault. Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Suhrkamp: Frankfurt/Main 1987, S. 245.

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